mini|Wilhelm Dilich 1602: Bremens erste Bastion mit dem Pulverturm „Braut“ aus zwei Blickrichtungen, oben im Hintergrund der jüngste Teil der weserseitigen Stadtmauer – am Stephaniviertel

Die Bremer Stadtbefestigung bildete über Jahrhunderte einen Schutz für die Hansestadt Bremen. Im 10. Jahrhundert war nur der Dombezirk als Domburg ummauert. Ab 1229 wurde um die gesamte Altstadt eine Ringmauer gebaut, zur Landseite hin halbkreisförmig. Im 13. Jahrhundert weitete sich Bremen in Richtung Westen aus. Die neue Stephanivorstadt erhielt ab 1307 eine nur landseitige Mauer. Im 15. Jahrhundert, der ersten Backsteinphase der Bremer Baugeschichte, wurde die Stadtmauer auf der Weserseite in den Hafenbereichen von Schlachte und Tiefer sukzessive durch die Giebelseiten gemauerter Speicherhäuser ersetzt, so dass an der Schlachte von der ursprünglichen Mauer nur noch die Schlachtpforten übrig blieben. Das Stephaniviertel erhielt andererseits erst Mitte des 16. Jahrhunderts eine Mauer auf der Weserseite. Danach konnte 1551 die Mauer zwischen alten Stadtteilen und Stephaniviertel fallen.

Zusätzliche Landwehren sollten die Stadt im äußeren Vorfelde sichern. Durch die zehn Stadttore konnte kontrolliert die Stadt betreten werden. Zur Weserseite führte eine Vielzahl von Pforten durch die Befestigungsanlage. Mauer- und Pulvertürme sollten die Stadtbefestigung sichern und Vorräte aufnehmen.

Die Stadtmauer wurde landseitig um 1512 bis 1514 verstärkt. Die möglichen Belagerungskriege mit stärker werdenden Kanonen machte es ab 1602 erforderlich, das Bremer Befestigungssystem mit neuen Bollwerken vollkommen umzubauen. Die Neustadt am linken Weserufer wurde ab 1620 mit sieben, dann acht Bastionen und zwei Toren in das Festungswerk einbezogen. Erst 1664 waren alle Bollwerksanlagen ausgebaut.

Die Befestigungsanlagen wurden nach Verlust jeden militärischen Wertes ab 1803 beseitigt und die Bremer Wallanlagen entstanden bis 1811.

Reste der Stadtmauer am Altenwall 9 und Marterburg 50 stehen seit 1973 unter Bremer Denkmalschutz.

Erste Befestigungen Die erste Befestigung in Bremen war die Domburg, die nur den Dom und seine nächste Umgebung schützte. Deren Ummauerung wurde schon im 11. Jahrhundert unter Bischof Adalbert I. großenteils wieder abgerissen, um Material für einen Ausbau des Doms zu gewinnen. Ein Teil des Verlaufes der Mauer ist im Pflaster mitten auf dem Domshof erkennbar.

Im 12. Jahrhundert gab es zeitweise keine leistungsfähigen Befestigungsanlagen. Vor einer Invasion Heinrichs des Löwen flüchtete die Bevölkerung 1166/67 in umliegende Sumpfgebiete. Aus dieser Zeit stammen jedoch die ersten Hinweise auf eine Stadtbefestigung. 1157 wurde ein Grundstück des Bürgers Eccahard an das Domkapitel übertragen, welches dazu dienen sollte, einen vorhandenen Befestigungswall (secus vallum) an der Westseite der Altstadt am Ende der Obernstraße weiterführen zu können. Eine westliche Holz-Erde-Mauer mit vorgelagertem Graben quer über den Bremer Dünenrücken fehlte offensichtlich noch, um Bremen vor Angriffen zu schützen. Vermutet wird, dass landseitig um die Altstadt ein Palisadenzaun aus Holzplanken mit vorgelagertem Graben bereits bestand. Die Formulierung „muren unde planken“ im Bremer Stadtrecht von 1308/09 verweist auf auch Palisadenwände, die dann möglicherweise noch teilweise bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts bestanden haben könnten.Manfred Rech: Gefundene Vergangenheit – Archäologie des Mittelalters in Bremen, S. 86f. Verschiedene archäologische Holzfunde im Bereich der Stadtmauer belegen auch den Palisadenzaun.

Stadtmauer nach 1229 mini|Wappen des Herdentors von 1562 mit der Inschrift: „Bremen wes ghedechtich: Late neict mer in, du beist ohrer mechtich“. (Bremen sei bedächtig, lass nicht mehr ein, du seiest ihrer mächtig. Anno Domini 1562)

1229 wurden Stadtmauer als muros civitatis in einer Urkunde erwähnt; allerdings nur an der Nordseite.Karolin Bubke: Die Bremer Stadtmauer, S. 24, S. 32f.Manfred Rech: Gefundene Vergangenheit – Archäologie des Mittelalters in Bremen, S. 87f. Das Ende der Mauer im Westen an der Weser beim Ethelindenstein wird in der Nähe des späteren Fangturms vermutet. Zur Weser hin gab es noch keine Mauer. Auf der Ostseite der Altstadt wurde 1238 das Ostertor erwähnt. An der Schlachte an der Weser wurden aber Reste von Rundpalisaden gefunden. In Konflikten zwischen Stadt und Erzbischof ließ der Erzbischof um 1300 Teile der Mauer wieder abreißen. die Lücke wurde aber von den Bürgern alsbald wieder geschlossen. Die Befestigungsanlage verlief also um das Kirchspiel St. Ansgarii herum. Das Kirchspiel sancti Stephani war danach nur zu einem geringeren Teil umschlossen, weil es überwiegend nordwestlich der Kleine Balge lag, die einerseits eine nun als Stadtgraben genutzte natürliche Verteidigungslinie bildete, andererseits eine Ausdehnung der Befestigung über sie hinweg eine Schwachstelle erzeugt hätte, bzw. später auch bildete.

Zur befestigten Stadt gehörte also ein Gebiet rechts der Weser, das von der heutigen Hutfilterstraße bis zum Schnoor und von den Wallanlagen zur Weser reichte. Mit seinen 10.000 bis 15.000 Einwohnern war Bremen am Anfang des 13. Jahrhunderts rechtlich und tatsächlich eine Stadt mit Selbstverwaltung, Befestigung und Markt geworden, in der die Bürger, die Geistlichen sowie die Einwohner ohne Bürgerrechte lebten.

An der Weserseite zwischen der Martinikirche und dem Fangelturm stand am Ende des 13. Jahrhunderts ebenfalls zeitweise eine Mauer. 1297 wurde ein Grundstück erwähnt, auf dem der Eigner ein Stück der Stadtmauer dort selbst bauen sollte. Auch zum Haus Werve an der Schlachte gibt es in einer Urkunde Angaben zur Lage der Mauer.Manfred Rech: Gefundene Vergangenheit – Archäologie des Mittelalters in Bremen, S. 89, 90. Archäologische Funde belegen Mauerreste südlich der Langenstraße, wonach aber die Martinikirche außerhalb dieser Befestigungsanlage zur Weser hin gelegen hat.Karolin Bubke: Die Bremer Stadtmauer, S. 296.

Im 15. Jahrhundert, der ersten Backsteinphase der Bremer Baugeschichte, wurde die Stadtmauer auf der Weserseite in den Hafenbereichen von Schlachte und Tiefer nach und nach durch die Giebelseiten gemauerter Speicherhäuser ersetzt, so dass an der Schlachte von der ursprünglichen Mauer nur noch die Schlachtpforten übrig blieben.

Weserseitige Befestigung An der Weserseite konnte die Stadtmauer auf Grund der Schiffsanlegestellen an der Schlachte und der Balge nicht geschlossen werden. Es gab zwei größere Bereiche mit einer weserseitigen Befestigung: Im Osten im Bereich der Martinikirche und im Westen in der Höhe Fangturm bis einschließlich Teile im Bereich der Langenstraße. 1297 wurde urkundlich über eine Stadtmauer am Flussufer im Bereich Martinikirche berichtet. Auch bei weiteren Grundstückskäufen in diesem Bereich findet eine alte Mauer Erwähnung, die möglicherweise zeitgleich mit der landseitigen Stadtmauer zum Beginn des 13. Jahrhunderts gerichtet wurde.

Archäologische Fundstellen gibt es an der Martinistraße/Erste Schlachtpforte,Karolin Bubke: Die Bremer Stadtmauer. S. 89–91. beim Grundstück Langenstraße 42/44,Karolin Bubke: Die Bremer Stadtmauer. S. 92–95. beim Grundstück Langenstraße 68,Karolin Bubke: Die Bremer Stadtmauer. S. 96 f. im Bereich der Letzten Schlachtpforte,Karolin Bubke: Die Bremer Stadtmauer. S. 100. und im Haus Schlachte 36/Langenstraße 72: Im Keller des Hotels ÜberFluss sind Stadtmauerreste sichtbar.,Karolin Bubke: Die Bremer Stadtmauer. S. 98 f und Plan S. 295.

Ein gesicherter Gesamtverlauf der frühen Wesermauer besteht nicht. Rund 200 Jahre nach Errichtung der Steinkammern der alten Stadtmauer wurde im Abstand von 4,5 Meter eine verstärkte Stadtmauer vorgesetzt oder möglicherweise wurde in Teilbereichen die alte Mauer nur verstärkt. Die weserseitige Stadtmauer bestand in dieser Form vermutlich bis in das 16. Jahrhundert. Beim Ausbau der Schlachte wurden Teile der Mauer für die Kaimauern und evtl. für die Kaibefestigungen verwendet.,Karolin Bubke: Die Bremer Stadtmauer. S. 103 f.

Einbeziehung des Stephaniviertels mini|hochkant=1.5|Stephaniviertel im Murtfeldtplan 1796:Straßennetz noch dasselbe wie um 1600.gelb = Faulenstraße,gelbgrün = 1550 für den Wagenverkehr geöffnete Verbindungen. Stadttore: intensiv eingefärbt die Torwege,blass die 1796 auch namentlich zu den jeweiligen Toren führenden Straßen,rot = Die Natel, um 1660 abgerissen,kräftig pink = Torweg des mittelalterlichen Stephanitors

Im 13. Jahrhundert weitete sich Bremen in Richtung Westen deutlich aus. Die Stadt bestand inzwischen aus vier Kirchspielen (Pfarrsprengeln): Liebfrauen, Stephani, Ansgarii und Martini.

Während der Ratsfehde von 1304/1305 – einem kriegerischen Konflikt zwischen zwei Parteien des Bremer Rates, der nach der Ermordung des Ratsherrn Arnd von Gröpelingen ausbrach – versuchte die Gruppe der vertriebenen Ratsfamilien mit Unterstützung der Ritterschaft des Erzbistums und des Herzogs von Lüneburg in Besitz der Stadt zu gelangen. Die Angreifer erlitten eine Niederlage, um die Wehrhaftigkeit der Stadt trotzdem weiter zu verbessern, wurde in den folgenden Jahren das bis dahin ungeschützte Stephaniviertel, die Steffensstadt, in die Stadtbefestigung einbezogen. Belegt ist ein Baubeginn der stadtmure umme sunte Steffens im Jahr 1307. Im westlichsten Teil, bei einem Schwanengatt genannten Gewässer, war der Mauerring aber vorerst nicht vollständig oder nicht ausreichend. Daher blieb die vorhandene Mauer zwischen Altstadt und Stephaniviertel aus Sicherheitsgründen bestehen. Beide Stadtteile waren nur über ein Tor – die Natel – miteinander verbunden. Man unterschied im Bremer Stadtrecht zwischen unser stad muren (die alte Mauer) und der stadmuren umme sunte Stephans (die neue Mauer um St. Stephani).

Die Mauer zwischen beiden Stadtteilen wurde erst 1551 abgerissen, nach dem der westliche Mauerteil endgültig geschlossen werden konnte und da sie schnelle Truppenbewegungen im Inneren erschwerte.

Landwehren und Vorposten Weit vor der Stadtmauer gab es Außenbefestigungen, sogenannten Landwehren, die teilweise natürliche Gegebenheiten nutzten. Die Verteidigungslinien rechts der Weser und links des Stromes waren nicht systematisch aufeinander abgestimmt.

Rechts der Weser Rechts der Weser gab es stadtnah weserabwärts den Kumpfgraben und weseraufwärts den Dobben („Dobben“ ist ein Synonym für „Graben“). Am Dobben standen der Pagenturm und der Steinturm.

Der Pagenturm mit einer Zugbrücke über den Graben Dobben hieß früher Pagenthorn, was so viel wie Pferdeturm bedeutete. Er wurde erstmals 1410 erwähnt. Das umliegende Gebiet wurde vorher Ostendorf und Jerichow genannt, später dann nach dem Turm Pagentorner Dorf.Zu den hier, zwischen Steinweg und Schleifmühle ehemals ansässigen Bauern siehe Hanna Lampe: Die Pagenthorner Bauernschaft. In: Bremisches Jahrbuch 42, 1947, S. 97–153.

Der Steinturm („Steenthorn“) stand am Übergang der alten Heerstraße über den Dobben. Die war die erste steingepflasterte Landstraße im Bremer Gebiet und wurde schon 1359 als Steenstrate bezeichnet. Daher ist nicht unwahrscheinlich, dass auch Tor und Turm nach dem Pflaster benannt sind. Das Tor selber war ein einfacher Torbogen mit Zugbrücke. Es gab der Straße Außerm Steintor den Namen, die 1855 in Steintorssteinstraße und ab 1870 in Vor dem Steintor umbenannt wurde. Der Steinturm wurde wahrscheinlich gegen Ende des 17. Jahrhunderts abgerissen.

mini|hochkant=1.1|Warturm von Westen, links vorn das Zollhaus (Storchennest) Warturmer Heerstraße,zwischen ca. 1790 u. 1813, J. H. Menken