Quimburga ist der Name eines Orkantiefs, das am 13. November 1972 über Mittel- und Westeuropa zog und in England, Belgien, den Niederlanden und Norddeutschland schwere Schäden anrichtete sowie mindestens 73 Todesopfer forderte; bei den Aufräumarbeiten in Wäldern kamen allein in Niedersachsen 22 Menschen ums Leben.Tödlicher Orkan „Quimburga“: 40 Jahre danach. Beitrag auf einer Sonderseite des NDR zum 40. Jahrestag des Orkans. Abgerufen am 13. November 2012. Wegen der enormen Schäden und der zahlreichen Todesopfer, die dieser Orkan in Niedersachsen hinterließ, wurde das Ereignis auch als Niedersachsenorkan bezeichnet. Insgesamt richtete der Orkan in Deutschland einen Sachschaden von damals 1,34 Mrd. DM (in heutiger Kaufkraft Mrd. Euro)Diese Zahl wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, ist auf volle 10 Millionen gerundet und bezieht sich auf Januar . an.

Entwicklung der Wetterlage Die Entstehungsgeschichte des Orkans Quimburga begann am 10. und 11. November 1972 im Raum Neufundland. Von einem Hoch über Labrador wurde sehr kalte Polarluft nach Süden auf dem amerikanischen Kontinent geführt, gleichzeitig führte ein bei den Azoren liegendes Hochdruckgebiet warme Subtropikluft nach Norden. Im Bereich des Aufeinandertreffens dieser Luftmassen bildete sich in einer Höhe von 1500 Metern ein äußerst scharfer Temperaturgradient von 45 K zwischen der 10° warmen Subtropikluft und der −35° kalten Polarluft aus. Unter diesen Bedingungen spaltete sich am 11. November 1972 rund 700 km östlich von Neufundland auf etwa 44° Nord und 41° West von einem bei Neufundland liegenden Orkantief ein Teiltief ab, das der Steuerung des Azorenhochs folgend unter starker Vertiefung mit einer Verlagerungsgeschwindigkeit von rund 70 km/h über den Nordatlantik nach Südirland und weiter in östlicher Richtung nach England zog. In den Nachtstunden des 13. Novembers 1972 lag das Tief mit einem Kerndruck von 975 Hektopascal über England und erreichte gegen 01:00 Uhr die Nordsee. Von hier aus zog es unter weiterer Vertiefung über die südliche Nordsee zum südlichen Schleswig-Holstein, wo im Raum Brunsbüttel ein Kerndruck von 953 Hektopascal gemessen wurde und erreichte in den Abendstunden das Baltikum, bevor es sich am 14. November 1972 im Raum östlich von St. Petersburg auflöste.. Bericht auf der Website der Wetterstation Tuitjenhorn (niederländisch). Abgerufen am 2. April 2012.

Auf der Rückseite des Tiefs bildete sich aufgrund eines rasch unter Verstärkung nachschwenkenden Keils des Azorenhochs ein sehr scharfer Luftdruckgradient aus, was zu extremen Windgeschwindigkeiten führte und es äußerst labiler polarer Kaltluft ermöglichte, über der Nordsee nach Süden vorzustoßen.

Das Sturmfeld des Orkantiefs erreichte, nachdem es in den Nachtstunden zunächst Großbritannien überquert und dort schwere Schäden angerichtet hatte, gegen 01:00 Uhr nachts am 13. November 1972 die westliche Nordsee. In Antwerpen wurden in den frühen Morgenstunden bereits Windgeschwindigkeiten von 140 km/h gemessen.

In den Vormittagsstunden wurde auch Norddeutschland vom Sturmfeld erfasst. Ab etwa 8:00 Uhr wurden die ersten Orkanböen im westlichen Weser-Ems-Gebiet registriert, gegen 09:15 Uhr erreichte der Orkan Bremen. Bemerkenswert waren dabei die außerordentlich hohen Windgeschwindigkeiten über dem Festland. Die Orkanböen erreichten im Flachland 120 bis 155 km/h, in Celle wurden in der Spitze mehr als 167 km/h gemessen. Auf dem Brocken im Oberharz wurde eine Spitzenböe von fast 245 km/h registriert. Teilweise wurden die Messbereiche der damals noch üblichen Windmessgeräte überschritten, sodass die Geschwindigkeiten der Spitzenböen nur geschätzt werden konnten.Orkan zerstörte Turm von St. Feter. Kein Oldenburger kam ums Leben. In: Nordwestzeitung, Nr. 266 vom 14. November 1972. Oldenburg.

Aufgrund der sehr weit südlichen Zugbahn des Tiefdruckgebiets und der kurzen Dauer des Sturmes kam es an der deutschen Nordseeküste zu keiner schweren Sturmflut. Trotzdem führten die extremen Windgeschwindigkeiten zu einem völligen Ausfall des Tideniedrigwassers und deutlich erhöhten Wasserständen an den Küstenpegeln.

Schäden mini|Zerstörtes Bauernhaus in Ruinerwold in der niederländischen Provinz Drenthe mini|Sturmschaden in Zeijen in der Region Drenthe

Zeitleiste   07:00 h Das Orkantief liegt am Westeingang der Deutschen Bucht nördlich von Schiermonnikoog, das dazugehörige Sturmfeld überquert die niederländische Provinz Noord-Holland. Website des niederländischen Wetterdienstes KNMI. Abgerufen am 8. März 2014. Defekter Archivlink am 4. August 2024. (englisch)   07:10 h Erste Unwetterwarnung des Wetteramtes Bremen: Südwest 6–8 Bft in Böen 8–10 Bft, vereinzelt bis Windstärke 12.   08:00 h Verschärfte Unwetterwarnung des Wetteramtes Bremen. Sturmfeld erreicht westliches Ostfriesland und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 70 km/h nach Osten.   08:15 h Katastrophenvoralarm in Delmenhorst   08:30 h Im Landkreis Vechta wird Katastrophenalarm ausgelöst. Sturmfeld des Orkans erreicht den Landkreis Cloppenburg. Erste Großschadensfälle mit Todesopfern.   09:00 h Alle Bundesstraßen im Landkreis Cloppenburg sind durch umgestürzte Bäume unpassierbar. Der Turm der St.-Peter-Kirche in Oldenburg (Oldb.) stürzt ein.   09:15 h In Bremen wird für das gesamte Stadtgebiet einschließlich Bremerhaven Katastrophenalarm ausgelöst. Nahezu zeitgleich erreicht das Sturmfeld des Orkans die Hansestadt.  09:40 h Die Lagerhalle der Firma Asbestos in Nordenham wird schwer beschädigt und 60.000 Tonnen Asbesterz freigelegt.   10:30 h Hauptsturmfeld hat Bremen und das Weser-Ems-Gebiet passiert.   11:18 h In Hamburg verhängt die Feuerwehr den Ausnahmezustand, nachdem das Sturmfeld des Orkans die Hansestadt erreicht hat.   12:00 h Der Kern des Orkantiefs liegt über der westlichen Ostsee im Raum Bornholm Via Website des niederländischen Wetterdienst KNMI. Abgerufen am 8. März 2014.

Der Orkan führte nicht nur zu schweren Schäden an Gebäuden, der Verkehrsinfrastruktur, Versorgungsanlagen und Wäldern, sondern forderte insgesamt mindestens 73 Menschenleben. Zahlreiche historische Gebäude wurden schwer beschädigt oder zerstört. Besonders an Kirchen und Windmühlen entstanden schwere Schäden. Als besonders gefährdet erwiesen sich Flachdächer, die bei Windgeschwindigkeiten von rund 200 km/h als Ganzes fortgerissen wurden.„Orkan entlarvte Pfusch am Bau“. In: Delmenhorster Kreisblatt. Nr. 272 vom 21. November 1972. Delmenhorst

Besonders schwer betroffen waren die Regionen Niedersachsen und Bremen. Allein hier kamen 21 Menschen ums Leben, in der DDR 16, in Belgien 7. In Hamburg wurden rund 150 Menschen teilweise schwer verletzt.Hamburger Abendblatt Nr. 267 vom 14. November 1972: S. 1Hamburger Abendblatt Nr. 266 vom 14. November 1972: S. 3 Auch in den Niederlanden führte der Orkan zu schweren Schäden; hier kamen, als das Sturmfeld des Orkans in den Morgenstunden die Niederlande überquerte, acht Menschen ums Leben. Im Hafen von Rotterdam wurden Verladekräne durch den Winddruck umgeworfen und zerstört.Ravage door storm (1972) (YouTube). Nederlands Instituut voor Beeld en Geluid, 5. Januar 2012. Abgerufen am 8. März 2014. (niederländisch)

Fast alle wichtigen Verkehrsverbindungen waren für Stunden, teilweise für Tage unterbrochen. Durch die Zerstörung zahlloser Stromleitungen kam es zu teils tagelangen Stromausfällen; so war der Ort Klein Henstedt noch fünf Tage nach dem Orkan von der Stromversorgung abgeschnitten.„Dieses Dorf ist Notstandsgebiet. Da gibt es noch mehr Orte ohne Strom“ In: Delmenhorster Kreisblatt Nr. 270 vom 18. November 1972. Delmenhorst. Auch bei der Trinkwasserversorgung kam es in Teilen zu erheblichen Engpässen.

In Niedersachsen wurden etwa 10 Prozent des gesamten Waldbestandes vernichtet; auf der insgesamt 954.244 ha großen Waldfläche Niedersachsens wurden auf über 100.000 ha circa 50 Millionen Bäume umgeworfen. Das ergibt eine Holzmenge von ca. 16–17 Millionen Festmeter. Der Gesamtschaden wird auf über 1 Milliarde DM geschätzt. In allen betroffenen Gebieten wurden großflächig Dächer abgedeckt, massive Mauern eingedrückt, Schornsteine zum Einsturz gebracht und großflächig Fensterscheiben zerstört. Allein in Berlin zerstörte der Winddruck über 600 Schaufensterscheiben.Hamburger Abendblatt Nr. 266 vom 14. November 1972: S. 24

Aon Benfield geht in seinem Bericht „Winterstürme in Europa – Historie von 1703 bis 2012“ von einem versicherten Schaden in Deutschland von 2,5 Milliarden Euro aus.

Spektakuläre Schadensfälle mini|hochkant|Beschädigte Christophoruskirche in Berlin-Friedrichshagen nach dem Orkan vom 13. November 1972 Sehr schwere Verwüstungen fanden im Oberharz statt, wo die Bäume großer Waldflächen entwurzelt wurden und die Aufräum- und Aufforstungsarbeiten bis in die 1980er-Jahre andauerten.

In Nordenham führte der Orkan zu einer Umweltkatastrophe, nachdem das Dach einer Lagerhalle, in der rund 60.000 Tonnen Asbestgranulat lagerten, binnen kurzer Zeit auf einer Länge von 150 m zerstört und die Außenwand durch Winddruck vollkommen eingedrückt wurde. Große Mengen Asbeststaub gelangten durch den Orkan in großen Wolken in die Atmosphäre. Das Befeuchten des Materials durch die Freiwillige Feuerwehr Nordenham verhinderte, dass der gesamte Lagerbestand durch den Orkan fortgewirbelt und in Richtung der Großstadt Bremerhaven getragen wurde.Orkan-Böen kippten 560 Tonnenschwere Löschbrücke auf die Seite und deckten Lagerhalle ab. In: Nordwestzeitung Nr. 266 vom 14. November 1972. Oldenburg (Oldb.) Die 560 Tonnen schwere Verladerampe des Asbestwerkes wurde durch den Winddruck in Bewegung gesetzt und über eine Strecke von 80 Metern die Pier entlanggeschoben, bevor der Unterbau der Anlage entgleiste und dabei abknickte.Orkanartige Stürme verursachten eine Katastrophe bei Asbestos. In: Kreiszeitung Wesermarsch. Nr. 269 vom 14. November 1972. Brake (Unterweser).

In Oldenburg brachte der Winddruck den Turm der St.-Peter-Kirche zum Einstürzen; in Berlin-Friedrichshagen wurde der Turm der Christophoruskirche so schwer beschädigt, dass er abgebrochen werden musste. Von den herabstürzenden Trümmern des Giebels wurde eine Frau erschlagen.Marcel Piethe: Im Auge des Orkans – Quimburga 1972. In: maulbeerblatt.com, 16. November 2011. Abgerufen am 2. April 2012. Der 243 Meter hohe Mittelturm des Senders Königs Wusterhausen bei Berlin stürzte durch den Winddruck um. Eine Traglufthalle neben der Baustelle der Staatsbibliothek zu Berlin, die die bereits rückgeführten Bände der Sammlung beherbergte, wurde stark beschädigt. Ebenso wurde die massive Mauer des historischen katholischen Friedhofs von Coevorden durch den starken Winddruck zum Einsturz gebracht. In Niedersachsen wurden teilweise massive Gebäude völlig zerstört.

Im Museumsdorf Cloppenburg wurde das im Aufbau befindliche Hauptgebäude der Wehlburg durch den Orkan total zerstört.Sturm mit Geschwindigkeiten bis zu 200 km/h. Bisher 54 Tote durch Orkan in Westeuropa. In: Oldenburgische Volkszeitung. Nr. 266 vom 14. November 1972. Vechta. In Delmenhorst wurden an einer Kirche zwei 10 Meter hohe Fenster vollständig vernichtet; 30 Prozent der Hausdächer in der Stadt wurden zum Teil schwer beschädigt.Das Chaos kam am Vormittag: Schwerster Orkan hinterließ in der Stadt Millionenschäden. Delmenhorster Kreisblatt. Nr. 266 vom 14. November 1972. Delmenhorst.

In Wildeshausen, wo 90 Prozent der Gebäude im gesamten Stadtgebiet, darunter auch die historische Alexanderkirche und das mittelalterliche Rathaus mit seinem gotischen Treppengiebel zum Teil schwer beschädigt wurden, stürzte der 32 Meter hohe Schornstein einer Brennerei ein.Vier Menschen durch Sturm getötet. Straßen und Bundesbahnstrecken gesperrt — Ganze Wälder wurden abrasiert. In: Oldenburgische Volkszeitung. Nr. 266 vom 14. November 1972. Vechta.