mini|Münster Allerheiligen, Westseite mit Vorhalle Das Kloster Allerheiligen oder Salvator-Kloster in Schaffhausen war eine Benediktinerabtei und wurde von Eberhard VI. von Nellenburg 1049 gestiftet. Das Münster ist heute eine evangelisch-reformierte Pfarrkirche.

Geschichte mini|hochkant=1.1|links|Rekonstruktion der Grablege der Nellenburger im MünsterIn der Mitte Graf Eberhard († 1078/79) als Gründer und Stifter des Klosters mit dem Kirchenmodell im Arm, nördlich (im Bild rechts) seine Gemahlin, Gräfin Ita († nach 1100), Gründerin des Doppelklosters St. Agnes, und südlich ihr Sohn Burkhard († 1101/02) mit Bäumchen oder Halm mit Wurzelballen (festuca) in den Händen, welches die Schenkung symbolisiert. mini|Münster Allerheiligen, Nordseite mit Langhaus, Querschiff und Turm

Gründung „Am 10. Juli 1045 verlieh Kaiser Heinrich III. dem Grafen Eberhard von Nellenburg das Münzrecht in dessen villa Scâfhusun. Wenige Jahre nachher, um 1050, stiftete Graf Eberhard im Schachwald, zwischen dem Ort Schaffhausen und dem Rhein, ein Benediktinerkloster.“Heinz Gallmann: Das Schaffhauser Stifterbuch. Legende um Stifter und Stiftung des Klosters Allerheiligen. UVK Universitätsverlag Konstanz, 1995, S. 83.

Am 22. November 1049 hatte Papst Leo IX., ein Onkel des Stifters, „einen Altar zu Ehren der Auferstehung Christi, die sog. Urständs- oder Erhardskapelle“ geweiht„Papst Leo IX. war am Tag zuvor in Basel, am folgenden Tag auf der Reichenau.“ In: Gallmann, S. 182 (Anm. 89). Gallmann nennt als Quellen: Hirsch: Studien über die Privilegien süddeutscher Klöster und Gamper: Studien zu den schriftlichen Quellen des Klosters Allerheiligen., „und damit wohl auch den zukünftigen Bauplatz des Klosters. […] Bereits 1050 war das Kloster im Bau.“

Heinz Gallmann nimmt an, „daß das Kloster, der Ideenwelt dieses Papstes entsprechend, ein eigenes Rechtssubjekt, dem Schutz des Papstes unterstellt, bildete, die Rechte der Stifterfamilie sich also auf die erbliche Vogtei und die Bestellung des Abtes beschränkten.“Heinz Gallmann: Das Schaffhauser Stifterbuch, Konstanz 1995, S. 85 f.

1064 war der Bau des nellenburgischen Eigenklosters von Eberhard von Nellenburg und seiner Frau Ita unter der Leitung des Baumeisters und Hofkaplans Luitpald vollendet. Es wurde dem Salvator mundi (lateinisch für ‚Erlöser‘), dem heiligen Kreuz, der Gottesmutter Maria und allen Heiligen geweiht. Vorbild dieser ersten Abtei waren Sakralbauten aus dem cluniazensischen Burgund. Das Kloster, dem bereits bei seiner Entstehung ein siechhusConrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in Schweizerischen Landen (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 1). Orell Füssli, Zürich 1922, S. 99. angebaut worden war, nahm einen raschen Aufschwung. „Das Münster dieses Eigenklosters der Nellenburger wurde 1064 von Bischof Rumald von Konstanz geweiht und von Papst Alexander II. unter den Schutz des römischen Stuhls gestellt.“

mini|Inneres der Vorhalle Das Kloster im Investiturstreit „Nach dem Tode Graf Eberhards von Nellenburg berief sein Sohn, Graf Burkhard, im Jahr 1079 den Abt Wilhelm von Hirsau zur Reform des Klosters und verzichtete auf die Eigenklosterrechte. […] Zu den Schenkungen Graf Burghards gehörte auch der Ort Schaffhausen.“

Im Investiturstreit, der zwischen 1075 und 1122 eskalierenden Auseinandersetzung zwischen Kirche und weltlicher Macht um das Recht der Amtseinsetzung von Geistlichen, „zählte das Schaffhauser Kloster zusammen mit Hirsau zu den führenden Klöstern der gregorianischen Partei.“ (Gallmann, 86). In der Region gehörte auch das Kloster St. Blasien zu den grossen Reformklöstern der cluniazensischen Reform im Heiligen Römischen Reich.

Über den bestehenden Fundamenten wurde ab 1090 das heutige Münster errichtet, das nur noch aus drei Schiffen und einem Querhaus bestand. Die Bauarbeiten begannen im Chor und waren 1095 abgeschlossen. Das Münster gilt heute als der grösste romanische Sakralbau der Schweiz.

Im 11. Jahrhundert hatte die gesellschaftliche und ökonomische, auch technische Entwicklung im westlichen Europa sich enorm beschleunigt – vor allem durch die sich herausbildenden Städte:

„Die mittelalterlichen Städte gewannen, nachdem sie sich einmal ökonomisch gefestigt hatten, bald relative Autonomie, die sichtbare Form annahm. […] Sie brachten bald ein eigenes städtische Patriziat hervor, […] das sich zum größten Teil aus den Reihen der früher feudalen Zwischenhändler oder erfolgreichen Kaufleute oder Manufakturbesitzern rekrutierte.“Perry Anderson: Von der Antike zum Feudalismus, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1981, S. 230. ISBN 3-518-10922-7.

Schaffhausen lag im Schnittpunkt zweier Fernhandelsachsen, zudem mussten Transporte wegen des Rheinfalls hier umgeladen werden. Es war ein Sonderfall, dass der Nellenburger Graf Burghard alle kommerziell nutzbaren Rechte dem Kloster übertragen hatte, die Mönche waren in Regelung und Verwaltung zunehmend überfordert und konnten diese nur an städtische Geschäftsleute oder Beamte abgeben. Auch in der Beurkundung von Geschäften war das Kloster auf Hilfe angewiesen. „Dem Kloster Allerheiligen war es im 13. Jahrhundert nicht mehr möglich, eine selbstständige politische Rolle zu spielen; auch als religiöses Zentrum verlor es seine Bedeutung.“

mini|Kreuzgang Zuvor stand das Kloster über 100 Jahre im Spannungsfeld „zwischen geistlicher und weltlicher Tätigkeit“, das zu „hoher Blüte“ führte, „auch im Zusammenhang mit einigen hervorragenden Gestalten unter den Äbten.“Heinz Gallmann: Das Schaffhauser Stifterbuch, Konstanz 1995, S. 87 bis 92.

Zur Gründung des Klosters und dessen Geschichte im 11. Jahrhundert siehe: Schaffhauser Stifterbuch.

12. Jahrhundert Eine Schenkung (1117) erfolgte bei Lipporn am Mittelrhein durch den Stammvater des Hauses Nassau Graf Dudo von Laurenburg. Sie führte zum Bau der Benediktinerabtei Kloster Schönau (Strüth) (ca. 1126–1145). Als Doppelkloster wurde sie bekannt durch die Heilige Elisabeth von Schönau, welche mit der Heiligen Hildegard von Bingen korrespondierte. Elisabeths Visionen wurden durch ihren Bruder, Eckbert von Schönau aufgezeichnet, der Abt des Klosters Schönau war.

Im Februar des Jahres 1120 überfiel Konrad von Zähringen, der Bruder von Herzog Berthold III. (Zähringen) das Kloster und verwüstete die Umgebung, obwohl Abt Adalbert und die Einwohner des Ortes sich ihm ergeben hatten.

Um 1122 kam das Kloster Allerheiligen durch eine Schenkung des kinderlos gebliebenen Ritters Arnold von Hiltensweiler und seiner Gemahlin Junzila zu Besitzungen in Oberschwaben, die es mit einer Zellengründung und der späteren Gründung des Klosters Langnau festigte. Allerdings führte dortige Misswirtschaft und Geldmangel im Jahr 1389 schliesslich dazu, dass die Anwesen über eine Zwischenstufe alsbald in die Hände der Pauliner fallen sollten.

Nach dem Tod von Graf Eberhard von Nellenburg starb die alte Nellenburger Linie aus und wurde durch die Heirat der Erbtochter mit Graf Mangold von Veringen weitergeführt. Aber gleich zu Anfang wird dieser nicht als Schützer, sondern als „Kistenfeger“ des Klosters benannt. 1179 befiehlt Kaiser Friedrich dem Grafen von Veringen, er solle beim Verlust der kaiserlichen Gnade die Rechte des Klosters Allerheiligen zu Schaffhausen als Vogt, besser achten und von dessen Bedrückung abstehen.Joseph Kerkhoff: Die Grafen von Altshausen-Veringen. Die Ausbildung der Familie zum Adelsgeschlecht und der Aufbau ihrer Herrschaft im 11. und 12. Jahrhundert. Gammertingen 1964.

Neuzeit 1524 wurde die Abtei in ein Chorherrenstift umgewandelt und das Münster zur zweiten städtischen Hauptkirche von Schaffhausen. 1529 setzte sich in Schaffhausen die Reformation durch und das Kloster wurde aufgelöst. Die bereits unter dem Abt SiegfriedTherese Steffen Gerber: Abt, Siegfried, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25. Mai 2001. (oder Sigefrid)Conrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in Schweizerischen Landen (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 1). Orell Füssli, Zürich 1922, S. 32. im 11. Jahrhundert reichhaltig ausgestattete Klosterbibliothek wurde Bestandteil der Stadtbibliothek Schaffhausen.

1763–1764 erfuhr der Münsterturm eine Aufstockung und erhielt einen neuen Spitzturmhelm. Mit dem Auftrag wurde der Kirchen- und Brückenbaumeister Johann Ulrich Grubenmann betraut.

Bei der Bombardierung von Schaffhausen durch US-Bomber am 1. April 1944 wurden Teile des Klosters, darunter die neue Abtei, zerstört, aber später wieder aufgebaut. In den Jahren 1950 bis 1973 wurde das Münster zu Allerheiligen mit Unterstützung des Bundes innen und aussen umfassend renoviert und unter Schutz der Eidgenossenschaft gestellt.

Die Klosteranlage umfasst heute die folgenden Sakralbauten: Johanneskapelle (1049–1064) Münster (1090–1095) Münsterkapelle (ehemalige Marienkapelle oder Annakapelle, 1049, 12. Jh., 1522) Erhardskapelle (um 1250, mit Grab des Stifters) Michaelskapelle (um 1250) Oswaldskapelle (1524)

Münsterkirche mini|Innenansicht des Münsters gegen Osten mini|Schillerglocke von 1486 mini|Metzler-Orgel von 1958 Die erste Klosteranlage mit Kirche war 1064 vollendet. Um 1090 begann man damit, ein größeres fünfschiffiges Münster zu bauen, das aber nicht über die Fundamente hinaus kam. Stattdessen realisierte man die etwas bescheidenere, heutige, dreischiffige Basilika, die kurz nach 1100 geweiht wurde. Das Langhaus ruht auf 12 mächtigen monolithischen Säulen aus grauem Rorschacher Sandstein. Vorn besitzt die Kirche ein Querhaus mit Vierung an die sich nach Osten ein dreischiffiger Altarraum mit rechteckigen Chorabschlüssen anfügt. Die Außenmauern bestehen aus unverputzten Kalksteinquadern. An der Nordseite, neben dem Altarbereich, steht der Turm mit darunter liegender Kapelle, die heute, von der Kirche aus zugänglich, als Taufkapelle und Ort stillen Gebetes dient. Der Münsterturm wurde um 1150 im romanischen Stil errichtet, trägt jedoch einen spätgotischen Spitzhelm.

Im südlichen Nebenchor hat man Malereien des 15. Jahrhunderts freigelegt, einen sogenannten Credo-Fries, auf dem die Hauptglaubenssätze des Credo in Medaillons dargestellt sind. Auch diverse andere mittelalterliche Gemälde auf den Wänden sind ganz oder in Resten erhalten.

Im südlichen Querschiff befindet sich das Sandsteingrabmal des Klosterstifters Eberhard VI. von Nellenburg, seiner Gattin und seines Sohnes. Die heutigen Grabplatten sind genaue Repliken der ursprünglichen, die nur noch beschädigt, bzw. in Teilen existieren.

Im nördlichen Querschiff liegt die romanische Grabplatte eines unbekannten Abtes, sowie die gotische Grabplatte des Abtes Berchtold I. von Wiechser († 1361).

Draußen im Freien, vor dem südlichen Querschiff, steht die sogenannte Schillerglocke, 1486 in Basel gegossen und mit 4500 kg Gewicht eine sehr große Glocke der Gotik. Sie ist beschädigt, hing aber bis 1898 läutend im Münsterturm und inspirierte Friedrich Schiller zu seinem Lied von der Glocke. Ihre obere Umschrift „Vivos voco - Mortuos plango - Fulgura frango“ („Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.“) wählte er als Überschrift des berühmten Gedichtes.

Orgeln Die Orgel wurde 1958 von der Orgelbaufirma Metzler erbaut. Das Schleifladen-Instrument hat 45 Register auf drei Manualwerken, davon ein Rückpositiv und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch. (gesehen am 24. Juli 2018)