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Das Konzept sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen bezeichnet den Zusammenhang zwischen sozialen und gesundheitlichen Faktoren. Diese können horizontal und vertikal stratifiziert sein, das heißt, die soziale Ungleichheit in der Gesundheit lässt sich für gleichordnende Unterschiede wie Alter oder Geschlecht, aber auch für unterordnende Differenzen wie Armut, mangelnde Bildung oder für den beruflichen Status nachweisen.Günther Steinkamp: Soziale Ungleichheit, Erkrankungsrisiko und Lebenserwartung: Kritik der sozialepidemiologischen Ungleichheitsforschung. In: Sozial- und Präventivmedizin. 38(3), 1993, S. 111–122, 112–113. In der Konsequenz zeigt sich eine statistische Erhöhung der Krankheitsrisiken bei sozial benachteiligten Menschen. Diese Ungleichheit wird von der Sozialepidemiologie, der Medizinsoziologie und in der Forschung zu sozialer Ungleichheit empirisch untersucht.

Hierzu gibt es verschiedene Theorien: 1. Kausalitätshypothese: Armut macht krank: Dies kann sich direkt (Fehl- oder Mangelernährung) oder indirekt (Gratifikationskrise) manifestieren. 2. Selektions- oder Drifthypothese: Krankheit macht arm: Im Umkehrschluss ist es möglich, dass kranke Personen schwerer in das Erwerbsleben integrierbar sind. 3. Armut oder Krankheit werden beide durch einen dritten Faktor ausgelöst.Uwe Helmert u. a.: Müssen Arme früher sterben? Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland. Juventa, 2000, ISBN 3-7799-1192-2.

Soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen weltweit Armut hat häufig Konsequenzen für den Gesundheitszustand.A. Mielck (Hrsg.): Krankheit und soziale Ungleichheit. Leske + Budrich, Opladen.

Auf internationalen Konferenzen hat sich der Terminus „Health Inequality“ (Gesundheitliche Ungleichheit) zur Benennung gesundheitlicher Ungleichheiten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen durchgesetzt. Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlicht Informationen zu Fragen durch Ungleichheit im Gesundheitswesen.WHO – Der Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Gesundheit ist auch Gegenstand des Weltgesundheitsreports.WHO – World Health Report

In Kanada gelangte das Thema der sozialen Ungleichheit der Gesundheitschancen durch den LaLonde Report zu allgemeiner Aufmerksamkeit. In Großbritannien wurden durch den Black Report von 1980 die Ungleichheiten dokumentiert.

mini|250px|Die Armutskrankheit AIDS ist für eine rückläufige Lebenserwartung in einigen südafrikanischen Staaten verantwortlich (Quelle: World Bank World Development Indicators, 2004)

Unterschied zwischen armen und reichen Ländern Es gibt große Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern. Die Lebenserwartung in den Entwicklungsländern ist in der Regel kürzer als in den entwickelten Ländern. In einigen Teilen Afrikas ist die Lebenserwartung gar auf unter 33 Jahre gefallen. In Sambia zum Beispiel liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei nur 32,4 Jahren. Zum Vergleich: In Norwegen dagegen sind es 78,9 Jahre. Einer der Gründe dafür ist die AIDS-Epidemie. In Sambia sind 16,5 Prozent der Bevölkerung HIV-infiziert, in Simbabwe sogar 25 Prozent. vista verde news, abgerufen am 18. Dezember 2006. Als einer der Gründe für die AIDS-Pandemie wird Armut gesehen.Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. 2013. Hunger und Fehlernährung haben viele Ursachen. Hintergrund.

Die Armut in den Entwicklungsländern führt zu schlechter Gesundheitsvorsorge und mangelhafter Ernährung. Dies wiederum wirkt sich nachteilig auf die geistige, motorische und sozial-emotionale Entwicklung aus. Die betroffenen Kinder sind weniger leistungsfähig, erzielen später ein schlechteres Einkommen und können schlechter für ihre eigenen Kinder sorgen: ein Teufelskreis. Weltweit sind 219 Millionen Kinder unter fünf Jahren durch Armut kognitiv eingeschränkt. Das sind 39 Prozent aller Kinder dieser Altersgruppe in den Entwicklungsländern. In Afrika sind es gar 61 %.Armut fordert hohen Tribut von Kindern. Auf: wissenschaft.de vom 5. Januar 2007.

mini|Säuglingssterblichkeit in Europa, 2007

Die Säuglingssterblichkeit ist in armen Ländern stark erhöht. Es lassen sich nicht nur zwischen Entwicklungsländern und Industriestaaten, sondern auch zwischen reichen und armen Industriestaaten Unterschiede feststellen.europa.s-cool.org

Soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen in Deutschland Armut ist in Deutschland, laut H.G. Schlack, einer der Hauptrisikofaktoren für die körperliche, seelische und geistige Gesundheit.Hans Schlack: Lebenswelten von Kindern. In: Hans Schlack (Hrsg.): Sozialpädiatrie – Gesundheit – Krankheit – Lebenswelten. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart / Jena / New York 1995, ISBN 3-437-11664-9, S. 90. Die ungleichen Gesundheitschancen aufgrund von Armut und Reichtum nehmen in Deutschland zu: „Die sozial bedingten Unterschiede bei der Gesundheit haben in den letzten 20 Jahren zugenommen. Ein Beispiel: Mehr Frauen und Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe beurteilen heute ihren Gesundheitszustand als ‚weniger gut‘ oder ‚schlecht‘. Bei Frauen und Männern, die sehr gut verdienen, ist eine gegenläufige Entwicklung zu sehen. Armut wirkt sich auch unmittelbar auf die Lebenserwartung aus. Die mittlere Lebenserwartung von Männern der niedrigsten Einkommensgruppe liegt bei der Geburt fast elf Jahre unter der von Männern der hohen Einkommensgruppe. Bei Frauen beträgt der Unterschied acht Jahre.“PM des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung: Mehr Jobs, aber auch mehr Armut. Abgerufen am 26. November 2013.

Nach Beobachtungen des Robert Koch-InstitutsRobert Koch-Institut: Armut und Gesundheit. (PDF-Download 836 kB) (abgerufen am 26. November 2013). zeigten sich Zusammenhänge von sozialer Schicht und Gesundheitschancen in den Bereichen: Herz-Kreislauf-Krankheiten Arterielle Hypertonie und Hypercholesterolämie Übergewicht und Adipositas Tabak- und Alkoholkonsum Körperliche Aktivität und Sport Medikamentenkonsum Subjektive Gesundheit und Lebenszufriedenheit Gesundheitsbezogene Lebensqualität Inanspruchnahme des Versorgungssystems

In Untersuchungen wurde festgestellt, dass von Armut betroffene Menschen häufiger unter Übergewicht leiden, häufiger rauchen und weniger Sport treiben. Die Folge sind vermehrte Herz-Kreislauf-Erkrankungen.J. Winkler: Die Bedeutung der neueren Forschungen zur sozialen Ungleichheit der Gesundheit für die allgemeine Soziologie. In: Helmert u. a.: Müssen Arme früher sterben? Juventa, Weinheim / München. Winkler und Stolzenberg konnten nachweisen, dass Arme häufiger von Lungenkrebs, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Durchblutungsstörungen im Gehirn, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Diabetes Typ II, Bandscheibenschäden und Hepatitis betroffen waren als Nichtarme.J. Winkler, H. Stolzenberg: Der Sozialschichtindex im Bundesgesundheitssurvey. In: Gesundheitswesen. 61. Sonderheft 2, 1999.

Die Bundeszentrale für politische Bildung zeigt die Korrelation zwischen Gesundheitszustand und Bildungsstand im Sozialbericht 2024 auf: „Während Frauen und Männer aus der niedrigen Bildungsgruppe im Jahr 2022 zu 50 beziehungsweise 58 % einen guten oder sehr guten allgemeinen Gesundheitszustand berichteten, betrug dieser Anteil in der mittleren Bildungsgruppe 69 beziehungsweise 73 % und in der hohen Bildungsgruppe bei Frauen und Männern jeweils 81 %.“

Gesundheit und Armut bei Kindern und Jugendlichen Die Kinderarmut ist in Deutschland stark verbreitet, mehr als zwei Millionen Kinder sind armutsgefährdet, mehr als eine Million ist konkret von Armut betroffen.Unicef: Kinderarmut in Deutschland vom 9. Dezember 2025, abgerufen am 11. Dezember 2025. Bei Kindern wirkt sich Armut besonders stark einschränkend auf die Möglichkeiten für ein „gutes Leben“ aus. Vor der Einschulung werden bei Kindern aus armen Familien bereits vermehrt Entwicklungsverzögerungen und Gesundheitsstörungen festgestellt. Psychiatrische Krankheiten im Kindesalter treten bei ihnen gehäuft auf. Es kommt zu Verzögerungen bei der Sprachentwicklung und einer Verzögerung der intellektuellen und psychomotorischen Entwicklung.Antje Richter: Armutsprävention – ein Auftrag für Gesundheitsförderung. In: Margherita Zander: Kinderarmut. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, ISBN 3-531-14450-2, S. 203. Zudem sind sie häufiger von Unfallverletzungen und zahnmedizinischen Problemen betroffen.

In einer Broschüre des Robert Koch-Instituts zum Thema heißt es:

Neben schlechteren Startchancen in Schule und Beruf kommen ein oftmals schlechterer Gesundheitszustand und ungünstige Gesundheitsverhaltensmuster zum Tragen. Gleichzeitig weist die neuere sozialpsychologische Forschung aus, dass die Ergebnisse des Sozialisationsprozesses durch eine Vielzahl von sozioökonomischen Faktoren mitbestimmt werden.Robert Koch-Institut: Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 4: Armut bei Kindern und Jugendlichen. (abgerufen am 27. September 2012).

Im Jugendalter lässt sich ein Zusammenhang zwischen sozialer Lage, psychosozialem Wohlbefinden, dem Vorkommen von Schmerzen, sowie dem Gesundheitsverhalten herstellen. Nach Strohmeier sind 80 % der Jugendlichen in den bürgerlichen Vierteln Bochums gesund. In den Trabantenvierteln sind es nur 10 bis 15 Prozent. Als Krankheiten, die mit Kinderarmut einhergehen, nennt er vor allem Übergewicht und motorische Störungen.Magazin Mitbestimmung 1+2/2006 (Hans Böckler Stiftung): Interview mit Klaus Peter Strohmeier: „Für unsere Gesellschaft sieht es düster aus“. (abgerufen am 27. September 2012).

Arbeitslosigkeit und Gesundheit Arbeitslose Die besonderen physiologischen und psychischen Belastungen, denen Menschen ohne Arbeit ausgesetzt sind, resultieren nicht nur aus der damit verbundenen Armutsgefährdung, sondern auch in den darin liegenden, subtilen Verletzungen der Menschenwürde, die Arbeitslose tagtäglich spüren. Das Robert Koch-Institut stellte fest, dass arbeitslose Menschen einen ungünstigeren Gesundheitszustand haben als Berufstätige:

Die Wahrscheinlichkeit, die eigene Gesundheit weniger gut oder schlecht einzuschätzen, erhöht sich mit der Dauer der Arbeitslosigkeit. Ein oder mehrere Jahre lang arbeitslose Männer geben bis viermal so häufig einen weniger guten oder schlechten Gesundheitszustand an wie berufstätige Männer ohne Zeichen von Arbeitslosigkeit.

Auch das gesundheitsbewusste Verhalten ist weniger ausgeprägt, wobei sich hier ein geschlechtsspezifischer Unterschied zeigt, wie das Beispiel Rauchen verdeutlicht: Während 49 % der im Bundes-Gesundheitssurvey 1998 befragten arbeitslosen Männer rauchen, sind es unter den berufstätigen männlichen Befragten 34 %. Die Unterschiede bei den Frauen sind mit 31 % Raucherinnen unter den arbeitslosen Frauen und 28 % Raucherinnen unter den berufstätigen Frauen geringer.Robert Koch-Institut: Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Heft 13: Arbeitslosigkeit und Gesundheit. Februar 2003. (abgerufen am 27. September 2012)

Die Auswertung aktueller Krankenkassendaten zeigt: Arbeitslose Männer verbringen mehr als doppelt so viele Tage im Krankenhaus als berufstätige Männer. Arbeitslose Frauen verbringen 1,7-mal so viele Tage im Krankenhaus als berufstätige Frauen. Die Sterblichkeit steigt in Abhängigkeit von der vorausgehenden Arbeitslosigkeitsdauer kontinuierlich. Es wurden Hinweise dafür gefunden, dass Arbeitslosigkeit ursächliche Auswirkungen auf die Entwicklung schwerer Krankheiten hat.

Kinder arbeitsloser Eltern