mini|Westfassade des Ulmer Münsters mit dem mit 161,53 m weltweit zweithöchsten Kirchturm Ein Kirchturm ist der zu einem Kirchengebäude gehörende Turm. In den meisten christlich geprägten Ländern ist eine Versammlungshalle mit Turm das Grundschema von Kirchengebäuden, obwohl es für den Turm keine theologische Begründung gibt.
Kulturelle Bezüge Hochragende Monolithe, Säulen und Steintürme finden sich bereits in den ältesten Kulturen. Sie symbolisieren überwiegend die männliche Fruchtbarkeit. Im alten Orient gab es die mesopotamischen Zikkurats. Sie lieferten über die Legende vom Turmbau zu Babel christlichen Baumeistern die Idee des himmelhohen Turms. mini|Kirchtürme des im Jahre 397 gegründeten Syrisch-Orthodoxen Kloster Mor Gabriel, Tur-Abdin Die Antike kannte Türme weder am Tempel noch an der profanen Basilika. Auch in der ersten Zeit des christlichen Kirchenbaus, also seit Konstantin, wurden noch keine Türme gebaut. Seit dem 6. Jahrhundert bekamen Kirchen in Italien freistehende Glockentürme (Campanile, von Campana = „Glocke“), beispielsweise in Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna. Dass der Turm sich zu einem typischen Element des Kirchenbaus entwickelte, hängt demnach mit der Rolle der Kirchenglocke als eines akustischen Zeichengebers der christlichen Kirche zusammen. Allein aus der Funktion zur Glockenaufhängung lassen sich die aufwändigen Turmbauten des Mittelalters jedoch nicht begründen. Die Symbolik des Christentums kann das Phänomen des Kirchturms ebenfalls nicht erklären. Eine sakrale Raumnutzung der Türme erfolgte im Erdgeschoss, als Kapelle, als Vorraum (Narthex) oder Teil des Kirchenschiffs. Obere Geschosse konnten als Empore oder Kapelle dienen, wobei Turmkapellen oft dem Erzengel Michael geweiht sind.
Auch in China haben Glocken seit ältester Zeit kultische Funktion, doch entwickelten sich die sakralen Turmbauten Asiens, die Stupas und Pagoden, aus Reliquien- und Grabbauten. Seit dem 7. Jahrhundert entstanden die islamischen Moscheen mit dem Minarett. In ihrer Funktion als erhöhte Standorte für Schallgeber (Gebetsruf) sind sie den christlichen Glockentürmen vergleichbar. Außer als Orte der Benachrichtigung waren Kirchtürme wie Minarette auch hoheitlich-repräsentativ gemeint. In Kirchen des Früh- und Hochmittelalters befand sich im Turm oft eine Patronatsloge, von der aus der gesellschaftliche hochgestellte Stifter und Unterhalter der Kirche dem Gottesdienst beiwohnen konnte (s. u.).
Entwicklung links|hochkant|mini|Campanile (9./10. Jh.) von Sant’Apollinare Nuovo (ab 505) in Ravenna hochkant|mini|Kathedrale von Brechin (Schottland): Rundturm rechts, 10. Jh., eckiger Turm links, 13./14. Jh.
Separate Rundtürme (und turmartige Rundkirchen) gehören zu den frühen Bauformen auf den Britischen Inseln und erscheinen auch auf dem St. Galler Klosterplan von ca. 820. Eine frühe Form des Kirchturms sind die turmartigen Westwerke der Karolinger- und Ottonenzeit.
mini|Stiftskirche Gandersheim (1063–1094) mit Westriegel (früherer Westturm 926 geweiht) Erst im 11. Jahrhundert wurden Kirchtürme zum dominierenden Element der Kirchenbauten der Westkirche und damit von abendländischen Stadtsilhouetten. Ab dem 12. Jahrhundert dominierten die Westtürme oder, in Deutschland und Skandinavien auch bei großen Kirchen, der eine Westturm. Daneben gibt es Chortürme, Chorflankentürme, Querhaustürme und Vierungstürme. Ein der ersten Doppelturmfassaden hatte wohl der Werner-Bau des Straßburger Münster (1015–1040). Erhalten ist der Westbau (1020–1030 oder 1070–1080) von St-Philibert in Tournus. Die normannischen Abteikirchen Ste-Trinité in Caen (Weihe 1066) und in Jumièges (Weihe 1067) gelten als frühe Höhepunkte des Kirchturmbaus. Die Turmfassade der Abteikirche St-Étienne in Caen war seit ihrer Fertigstellung um 1090 das Vorbild für viele gotische Kathedralen des 12. Jahrhunderts. In Türmen ließ sich der Höhendrang des gotischen Baustils besonders gut verwirklichen. Besonders in den deutschen und niederländischen Kirchen der Spätgotik wurde der Turm zum Symbol kommunalen Ehrgeizes, bei dem die profane Ruhmsucht sich mit dem Gotteslob verband. mini|Zweitürmige neugotische Holzkirche (1889) bei Ignalina, Litauen Dass der Kirchturm als repräsentatives Symbol von Macht und Größe kritisch wahrgenommen wird, zeigt sich darin, dass die auf Demut und Bescheidenheit zielenden Orden der Zisterzienser, Dominikaner und Franziskaner ein Verbot von Kirchtürmen für ihre Klöster erließen. In der italienischen Renaissance und auch noch im italienischen Manierismus und Barock wurde oft auf Kirchtürme verzichtet, da das an der Antike geschulte Ideal der Proportionen keine Bauten mit Türmen erlaubte; diese Kirchen waren oft vielmehr von einer Kuppel prominent gekrönt.
Jedoch erlebte der Turmbau im deutschen Barock eine Erneuerung, wie zahlreiche Turmfassaden – vereinzelt auch Doppelturmfassaden – süddeutscher Kirchen belegen. Der Klassizismus versuchte, die Turmbauten in den antikisch gegliederten Baukörper zu integrieren.
Im Gefolge der Gegenreformation war die Zweitürmigkeit manchmal wichtiger als die Höhe.
Mit der Neogotik wurden Türme wieder zu herausragenden, städtebaulich wirksamen Symbolbauten der christlichen Gesellschaft, die zunehmend in Konkurrenz mit profanen Hochbauten für Industrie und Wirtschaft traten. Späte Turmvollendungen gotischer Kathedralen wie am Kölner Dom oder am Ulmer Münster führten zu einer „Kirchturmblüte“. Die Kirchenbauarchitektur des 20. Jahrhunderts entwickelte neue Bauformen; sie griff oft auf den Campanile als Solitär zurück oder verzichtete ganz auf Turmbauten.
Aus Traditionsgründen werden Kirchenneubauten noch heute vielfach mit einem Kirchturm versehen.
Funktionen Kirchtürme hatten und haben oft neben ihrer eigentlichen Funktion auch andere, zu denen sie wegen ihrer Höhe praktischerweise genutzt werden: Glockenturm, in früheren Zeiten nicht nur zur Ankündigung des Gottesdienstes, sondern auch zu Warnzwecken, etwa durch Läuten der Feuerglocke mini|hochkant|St. Andreas in Verden: Patronatsloge im Turm Wachturm, bis ins 19. Jahrhundert Arbeitsplatz des Türmers, der nach militärischer Bedrohung und Bränden Ausschau hielt Repräsentation Wehr- und Fluchtturm, siehe Wehrkirche Patronatsloge im ersten Obergeschoss, also oft weit unterhalb der äußerlich auffälligen Freigeschosse. In Meeresnähe als Seezeichen (der Plompe Toren bei Burghsluis) oder Leuchtturm Seit Erfindung mechanischer Uhrwerke als Uhrturm Sternwarte (im Turm der 1637–1651 erbauten Trinitatis Kirke in Kopenhagen) Telegrafenstation in der nur wenige Jahrzehnte währenden Zeit der optischen Telegrafen Wasserturm (zeitweise an der Severikirche in Otterndorf, Turm 1807 anstelle älterer Vorgänger) In jüngerer Zeit Aussichtsturm
Geläut mini|Rotierend gelagerte Glocken an der Abteikirche St-Victor in Marseille Traditionell trugen Kirchtürme mehrere Kirchenglocken. Kleine Glocken mit hohem Klang waren die Sturmglocke und die Totenglocke. Die großen Glocken sind im Klang harmonisch aufeinander abgestimmt. Große Glocken können eine erhebliche Belastung für das Mauerwerk darstellen. Daher gibt es verschiedene Arten der Glockenaufhängung. Bei der verbreitetsten pendelt die Glocke an der Achse hin und her und der Klöppel schwingt gemeinsam mit der Glocke als Doppelpendel. In manchen Kirchtürmen des Mittelmeerraums sind die Glocken fest aufgehängt, und nur die Klöppel pendeln hin und her. In manchen spanischen Kirchtürmen rotieren die Glocken um eine Achse in Höhe ihres Schwerpunktes. Der entstehende Klang ist – im Sinne wissenschaftlicher Akustik – weniger harmonisch. Beispiele sind die Abteikirche St-Victor in Marseille und die Kathedrale von Zamora. hochkant|mini|Optischer Telegraf auf dem Mittelturm von St. Pantaleon in Köln, 1832
Türmer In mittelalterlichen Städten gab es in mindestens einem der höchsten Kirchtürme eine Wohnung für den Türmer. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde das Amt des Türmers allgemein abgeschafft. Es gab jedoch auch noch im 20. Jahrhundert bemannte Türme, z. B. in der Nikolaikirche Eilenburg bis zum Jahr 1913, als dort eine elektrische Feuermeldeeinrichtung die Arbeit des Türmers überflüssig machte, oder in der Thomaskirche Leipzig.
Zeitanzeige Viele Kirchtürme sind mit einer Turmuhr ausgestattet, wobei meist auf mehreren Seiten des Turmes ein Zifferblatt vorhanden ist. Die Turmuhr diente früher den Bewohnern des Ortes als „Zeitnormal“ zum Einstellen ihrer Uhren (sofern sie nicht die einzige Uhr im Ort war) und machte durch den Glockenschlag die Zeit bei der Arbeit auf den umliegenden Feldern wahrnehmbar. Wurden früher die Turmuhren mit Gewichten in Gang gehalten, so sind sie seit dem 20. Jahrhundert zunehmend elektrifiziert. Ausgetauschte Uhrwerke oder Zifferblätter werden häufig in Museen oder Rathäusern ausgestellt.
Einige Kirchtürme besitzen auf einer Turmseite mehrere Zifferblätter. Bei modernen Kirchtürmen wird häufig auf eine Turmuhr verzichtet.
Geodäsie Für Geodäten sind Kirchtürme ideale Festpunkte, die eindeutig zuzuordnen und leicht verfügbar sind. Seitlich des Eingangs befindet sich oft ein Turmbolzen, der als stabiler Nivellementpunkt dienen kann. Diese Funktion war am Ende des Zweiten Weltkriegs gelegentlich ein Grund, warum Kirchtürme von der deutschen Wehrmacht gesprengt wurden: Sie sollten nicht der Orientierung der heranrückenden alliierten Truppen dienen (beispielsweise Kirche Berlin-Malchow).
Aussichtspunkt Einige Kirchtürme besitzen eine Aussichtsplattform. Allerdings sind diese im Regelfall – im Unterschied zu den Aussichtsplattformen auf Wasser- und Fernsehtürmen – nur über ein Treppenhaus zugänglich, weil der Einbau eines Aufzugs meist nicht möglich ist.
Weitere Funktionen Manche Kirchtürme werden für den Mobilfunk genutzt. Allerdings sind hierbei die Antennen wegen Denkmalschutzauflagen häufig unter dem Dach anzubringen.
Vereinzelt werden Kirchtürme für Werbezwecke genutzt.
Der Kirchturm war häufig auch die Örtlichkeit, in der vor der Gründung von Feuerwehren die aus Leder oder Stroh gefertigten gemeindeeigenen Löscheimer zur Brandbekämpfung aufbewahrt wurden.
Position
mini|Wormser Dom mit zwei Kuppeltürmen und vier Ecktürmen, 1130–1181, Turmobergeschosse danach Die häufigste Position ist das dem (Haupt-)Altar gegenüberliegende Ende des Kirchenschiffs. Traditionell ist dies das Westende, aber seit dem 16./17. Jahrhundert haben städtebauliche Überlegungen Vorrang vor der im Mittelalter üblichen Ost-West-Orientierung der Kirchen. Es gibt auch Kirchen mit einem seitlich angebauten Turm, mit freistehendem Turm, oder mit zwei bis sechs etwa gleich hohen Türmen.
Bauformen hochkant|mini|Achteckiger Kirchturm in Oristano (Sardinien) links|mini|Glockengiebel („Espadaña“) von San Pablo in Palencia (Kastilien und León) links|hochkant|mini|Romanischer Glockenturm der Ev.-ref. Kirche in Hinte (Ostfriesland) hochkant|mini|Vier gleich hohe Türme des Bamberger Doms links|hochkant|mini|Die fünftürmige Vor Frue Kirke in Kalundborg (Sjælland) hochkant|mini|Marienkirche in Lübeck: Westtürme mit Rhombenhelmen und Dachreiter
Soloturm Der Kirchturm als solcher entwickelte sich erst in romanischer Zeit, als mit der Rekonquista und den Kreuzzügen der Baukörper des Minaretts in die Kirchenarchitektur aufgenommen wurde. Freistehende Kirchtürme in Italien (Campanile) sind zumeist schlank und hoch. Freistehende Türme können auch eher Haus denn Turm sein, wie in Ostfriesland, wo sie oft niedriger als das Kirchenschiff sind. Oder es gibt nur einen unscheinbaren Glockenstuhl, wie die „Glockenstapel“ Nordfrieslands.