Die Lublin-Brester Operation (russisch: Люблин-Брестская наступательная операция, vom 18. Juli bis 2. August 1944) war im Zweiten Weltkrieg Teil der großräumig angelegten Operation Bagration der Roten Armee und fand während der Schlussphase der Rückeroberung von Weißrussland statt. Die Truppen der 1. Weißrussischen Front führten diese Offensive mit dem Ziel durch, in den Raum Warschau vorzustoßen. Es wurden gleichzeitig zwei Stoßgruppen angesetzt, um den westlichen Bug zu überschreiten und die noch davor haltenden deutschen Gruppierungen im Raum Brest und Lublin einzuschließen oder zu überrennen. Auf deutscher Seite verteidigten zahlenmäßig weit unterlegene Verbände des nördlichen Flügels der Heeresgruppe Nordukraine und der 2. Armee der Heeresgruppe Mitte. Die Ende Juni im Raum Bobruisk zerschlagene 9. Armee befand sich als Gruppe Vormann im Raum Warschau noch in der Neuaufstellung.
Vorgeschichte Am 22. Juni war die gewaltige sowjetische Sommeroffensive gegen die Heeresgruppe Mitte losgebrochen, im Raum Witebsk, Minsk und Bobruisk wurden bis Anfang Juli 26 deutsche Divisionen zerschlagen oder gefangen. Generalfeldmarschall Busch wurde am 28. Juni als Oberbefehlshaber durch Walter Model, der gleichzeitig die Heeresgruppe Nordukraine führte, ersetzt. Am 2. Juli begann die deutsche 4. Panzerarmee (nördlicher Flügel der Heeresgruppe Nordukraine) mit dem Abzug des LVI. Panzerkorps aus dem Raum Kowel, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, worauf die sowjetische 47. Armee am 6. Juli in die Stadt einrückte. Für den 8. Juli wollte die Rote Armee auch einen Zugang nach Lublin gewinnen und einen Brückenkopf am Westlichen Bug bilden, dafür wurde das 11. Panzerkorps angesetzt. Das Panzerkorps wurde jedoch von den Deutschen überraschend angegriffen und verlor 75 Panzer, der erfolglose Korpskommandant Filipp Nikitowitsch Rudkin wurde am folgenden Tag durch Generalmajor I. I. Justschuk ersetzt. Mehrere Tage wurden erfolglose Angriffe durchgeführt, währenddessen konnte die deutsche 4. Panzerarmee ihre Verbände um weitere 12 bis 15 Kilometer geordnet auf die Linie Wlodowa-Ljuboml westlich von Kowel zurückziehen.
Die sowjetische 61. Armee unter General P. A Below drängte währenddessen ab 10. Juli mit dem 89. Schützenkorps über Łuniniec in den Raum Pinsk vor. Die Armeetruppen operierten in den Pripjatsümpfen, in einem schwer zugänglichen Feuchtgebiet zwischen den inneren Flanken der 1. Weißrussischen Front. Die sowjetische 65. Armee besetzte am 8. Juli Baranowitschi am 8. Juli, dadurch drohte den deutschen Truppen im noch weit nach Osten reichenden Frontvorsprung im Raum Pinsk der Rückzug abgeschnitten zu werden. Die rote Dnjepr-Flottille leistete der dort vorgehenden 61. Armee während der Verfolgung bedeutende Unterstützung. Am Abend 12. Juli lief die Flottille in der Nacht unbemerkt auf den Pripjat ein und landete ein Schützenregiment am Stadtrand von Pinsk. Den schwachen deutschen Kräften gelang es nicht, die Landung zu verhindern, am 14. Juli wurde Pinsk befreit. Bis 19. Juli räumte das deutsche XX. Armeekorps den noch weit nach Osten vorgelagerten "Pinsker Frontbalkon".
Wenn zu Beginn der Operation Bagration die beiden Flügel der 1. Weißrussischen Front durch die weiträumigen Sümpfe der Polesie auf über 650 Kilometer Frontlinie getrennt operierten, war jetzt die Länge der Frontlinie fast halbiert. Die Stadt Wolkowysk wurde am 14. Juli durch das 40. Schützenkorps (Generalmajor Wladimir Stepanowitsch Kusnetzow) der 3. Armee besetzt. Bis zum 15. Juli erreichten die Truppen des rechten Flügels und der Mitte der 1. Weißrussischen Front die Linie Wolkowysk (3.A.) - Nowy Dvor (65. A.) - Pruschany - Jasiolda (28. A.) - bis westlich von Pinsk (61. A.). Am 15. Juli fiel Berjosa und am 16. Juli Iwanowo in die Hände der 48. Garde-Schützendivision der 28. Armee sowie Pruschany an die 50. und 96. Garde-Schützen-Division. Am Morgen am 16. Juli wurde eine Gruppierung der deutschen 102. Infanterie-Division bei Pruschany auf der Straße nach Brest durch das sowjetische 9. Panzerkorps eingekreist. Generalmajor Bacharow beschloss, den Gegner nicht aus der Umzingelung herauszulassen und ging um 7 Uhr an die vorderste Linie, um die Verteidigung der 23. Panzerbrigade beim Dorf Schakuny zu überprüfen. Dabei wurde er durch den direkten Treffer einer deutschen Panzerabwehrkanone getötet. Der Vormarsch des rechten Frontflügels (vorrangig 65. und 28. Armee) durch den Białowieża-Urwald in den Raum nordöstlich von Brest schuf günstige Bedingungen für den Angriff des linken Flügels (vorrangig 70. und 47. Armee), diese Bewegungen bahnten die Einkreisung des deutschen XX. A.K. im Raum Brest an.
Planung Nach den Erfolgen des rechten Flügels im Raum Bobruisk bereitete das Oberkommando der 1. Weißrussischen Front auch die Truppen des linken Flügels zur Großoffensive in Richtung Kowel-Lublin vor. Der von General Georgi Schukow ausgearbeitete Operationsplan sah zwei gleichzeitige Hauptschläge auf Lublin und Brest vor und wurde am 7. Juli von der Stawka genehmigt. Schon fünf Tage vor Beginn der Operation gingen die Truppen der benachbarten 1. Ukrainischen Front, in der Lemberg-Sandomierz-Operation zur Offensive über, deren nördliche Stoßgruppe (Mechanische Kavalleriegruppe Baranow) den Westlichen Bug bereits am 17. Juli überschritten und in Richtung Rawa-Ruska operierten. Der Erfolg der 1. Ukrainischen Front im Süden hatte günstige Bedingungen für die Offensive des linken Flügels der 1. Weißrussischen Front im Raum Kowel geschaffen.
Das Ziel der Lubliner Operation sah vor, das befestigte Gebiet von Brest von Norden und Süden zu umgehen, um die davor haltende deutsche Streitmacht abzuschneiden, dann eine Offensive in Richtung Warschau zu entwickeln und südlich davon Brückenköpfe über die Weichsel zu gewinnen. Die entscheidende Rolle bei der Operation wurde den Truppen des linken Flügels der 1. Weißrussischen Front zugeschrieben. Die 1. Weißrussische Front verfügte über 3 separate Artillerie-Brigaden, 26 Panzer- oder selbstfahrende Artillerie-Regimenter sowie eine mobile Artillerie-Division mit insgesamt 1748 Panzer und Selbstfahrlafetten. Für einen erfolgreichen Durchbruch wurde der Angriffsgruppe eine tiefgliedrige Formation zugewiesen: Die erste Staffel bestand aus der 70., 47., 8. Garde- und 69. Armee; als zweite Staffel zwei Kavallerie- und ein Panzerkorps. Die in Reserve stehende 2. Panzerarmee und die polnische 1. Armee sollten erst nach dem operativen Durchbruch eingeführt werden, nachdem auch die in der Tiefe liegenden deutschen Reserven verbraucht waren. Im Bereich von Ratno bis Werba lagen nur 5 deutsche Infanteriedivisionen und 3 Sturmgeschütz-Brigaden (mit 81.000 Mann, 1530 Geschütze und Mörser, 214 Panzer und Sturmgeschütze) des LVI. Panzerkorps gegenüber.
Beteiligte Kräfte Dank der Umgruppierungen aus der Reserve hatten die Truppen Rokossowskis eine starke Überlegenheit an Personal und Ausrüstung erreicht: an Infanterie – vierfach, an Artillerie und Panzern – fünffach. Auch die Luftunterstützung durch die 6. Luftarmee unter Generalleutnant F. P. Polynin war mit 1.465 Flugzeugen überwältigend. Allein an der Lublin-Brester Offensive nahmen 9 Feldarmeen (einschließlich der polnischen 1. Armee), 1 Panzerarmee, 2. Luftarmeen und 1 separates mechanisiertes - sowie 3 Kavalleriekorps teil. Zu Beginn der Offensive befanden sich im Raum Kowel die 70., 47., 8. Garde- und 69. Armee in der ersten Angriffsstaffel, während das 11. Panzerkorps und die gesamte 2. Panzerarmee erst nach dem ersten und dritten Tag in die Schlacht eingeführt wurden.
1. Weißrussische Front (Generaloberst Konstantin Rokossowski, Stabschef: Generalmajor M. S. Malinin)
Nördlicher Flügel
6. Luftarmee (Generalleutnant F. P. Polynin)
3. Armee (Generalleutnant Alexander Wassiljewitsch Gorbatow, Chef des Stabes Generalmajor M. W. Iwaschetschkin) 35. Schützen-Korps, Generalmajor Viktor Grigorjewitsch Scholudjew (250., 323. und 348. Schützen-Division) 40. Schützen-Korps, Generalmajor Wladimir Stepanowitsch Kuznezow (129. und 169. Schützen-Division) 46. Schützen-Korps, Generalmajor Konstantin Maximowitsch Erastow (82., 108. und 413. Schützen-Division)
48. Armee (Generalleutnant Prokofi Logwinowitsch Romanenko, Chef des Stabes I. S. Glebow) 29. Schützen-Korps, Generalmajor Andrei Matwejewitsch Andrejew (194., 102. und 217. Schützen-Division) 42. Schützen-Korps, Generalleutnant Konstantin Stepanowitsch Kolganow (137., 170. und 399. Schützen-Division) 53. Schützen-Korps, Generalmajor Iwan Alexejewitsch Gartschew (17., 73. und 96. Schützen-Division)
Kavallerie-mechanische Gruppe Plijew 4. Garde-Kavallerie-Korps, Generalleutnant Issa Alexandrowitsch Plijew (9. und 90. Garde- sowie 30. Kavallerie-Division) 1. Mechanisiertes Korps, Generalleutnant Semjon Moissejewitsch Kriwoschein (19., 35. und 37. Mechanisierte Brigade, 219. Panzer-Brigade)
65. Armee (Generalleutnant Pawel Iwanowitsch Batow, Chef des Stabes Generalmajor M. W. Bobkow) 18. Schützen-Korps, Generalmajor Iwan Iwanowitsch Iwanow (37., 44. Garde-Schützen- und 69. Schützen-Division) 105. Schützen-Korps, Generalmajor Dmitri Fjodorowitsch Alexejew (75. Garde-Schützen-Division, 15. und 193. Schützendivision) 354. und 356. Schützen-Division 1. Garde-Panzer-Korps, Generalmajor Michail Fedorowitsch Panow (15., 16. und 17. Garde-Panzer-Brigade, 1. Garde-mechanisierte Brigade) ab 22. Juli auch 80. Schützen-Korps, Generalmajor Iwan Leontewitsch Ragulja, ab 24. Juli Tichon Iwanowitsch Butorin (5., 186. und 283. Schützen-Division)
28. Armee (Generalleutnant Alexander Alexandrowitsch Lutschinski, Chef des Stabes Generalmajor S. M. Rogatschewski) 3. Garde-Schützen-Korps, Generalmajor Franz Josifowitsch Perchorowitsch (50., 54. und 96. Garde-Schützen-Division) 20. Schützen-Korps, Generalmajor Nikolai Alexandrowitsch Schwajew (55. Garde-Schützen-Division, 20. und 48. Schützen-Division) 128. Schützen-Korps, Generalmajor Pawel Fjodorowitsch Batizki (61., 130. und 152. Schützen-Division) 9. Panzer-Korps, Generalmajor Boris Sergejewitsch Bacharow, ab 16. Juli Generalmajor Nikolai Iwanowitsch Woejkow (23., 95. und 108. Panzer-Brigade, 8. Mechanisierte Brigade)
61. Armee (Generalleutnant Pawel Alexejewitsch Below, Chef des Stabes Generalmajor M. N. Salnikow) 9. Garde-Schützen-Korps, Generalmajor Michail Andrejewitsch Popow (12. Garde-Schützen- und 212. Schützen-Division) 89. Schützen-Korps, Generalmajor Alexander Jakowljewitsch Janowski (23., 55., 397. und 415. Schützen-Division)
Südlicher Flügel
16. Luftarmee (Generaloberst Sergei Ignatjewitsch Rudenko, Chef des Stabes: Generalmajor P. I. Braiko)
70. Armee (Generaloberst Wassili Stepanowitsch Popow, Stabschef: Generalmajor P. I. Ljapin) 96. Schützenkorps, Generalleutnant Jakub Dschangirowitsch Tschanischew (38. Garde- und 1. Schützendivision) 114. Schützenkorps, Generalleutnant Dmitri Iwanowitsch Rjabyschew (76. Garde- und 160. Schützendivision) 3. Artillerie-Durchbruchs-Division
47. Armee (Generalleutnant Nikolai Iwanowitsch Gussew) 77. Schützenkorps, Generalmajor Wiktor Genrichowitsch Posnjak (143., 185., 234. Schützen-Division) 125. Schützenkorps, Generalmajor Iwan Kusmitsch Kusmin (60., 76., 175. Schützen-Division) 129. Schützenkorps, Generalmajor Michail Borisowitsch Anaschkin (132., 165., 260. Schützen-Division, 328. Schützen-Division)
Kavallerie-mechanische Gruppe Krjukow 2. Garde-Kavallerie-Korps, Generalmajor Wladimir Wiktorowitsch Krjukow (3. und 4. Garde- und 20. Kavallerie-Division) 11. Panzerkorps, Generalmajor Iwan Iwanowitsch Justschuk (26., 36. und 65. Panzer-Brigade)
8. Gardearmee (Generaloberst Wassili Iwanowitsch Tschuikow, Stabschef Generalmajor V. A. Beljawski) 28. Garde-Schützen-Korps, Generalmajor Alexander Iwanowitsch Ryschow (27., 74. und 88. Garde-Schützen-Division) 29. Garde-Schützen-Korps, Generalleutnant Jakow Stepanowitsch Fokanow (39., 79. und 82. Garde-Schützen-Division) 4. Garde-Schützen-Korps, Generalleutnant Wassili Afanasjewitsch Glasunow (35., 47. und 57. Garde-Schützen-Division)