mini|Verlagseinband der Erstausgabe (1933, Verlag Dr. Oprecht & Helbling AG.) Fontamara ist der Titel des 1933in der deutschen Übersetzung von Nettie Sutro im Verlag Dr. Oprecht & Helbling AG. publizierten ersten Romans Ignazio Silones. Erzählt wird die Geschichte des fiktiven armen Abruzzendorfes Fontamara, das in der Zeit des Faschismus bei den Bemühungen um gerechte Behandlung den Übergriffen der Machthaber ausgesetzt war. Die Neufassung des Romans von 1953Arnoldo Mondadori Editore in Mailand erschien in Deutschland 1962 in der Übersetzung von Hanna Dehio.bei Kiepenheuer & Witsch in Köln/Berlin

Überblick Drei ins Ausland geflohene Fontamaresi – Giuvà, seine Frau Matalè und ihr Sohn – berichten einem exilierten Schriftsteller die Ereignisse, die sich in den 1920er Jahren in ihrem Dorf in der Landschaft Marsica zugetragen haben. Die vom Großgrundbesitzer beeinflussten neuen Machthaber schränken zunehmend die Arbeits- und Lebensbedingungen der weltabgeschiedenen und von den Advokaten, ihren „Paten“, abhängigen Kleinbauern, Pächter und Tagelöhner ein. Als diese sich wehren und die Machenschaften in ihrer Untergrundzeitung veröffentlichen, werden sie von Schlägertrupps der Schwarzhemden misshandelt und erschossen.

Inhalt Vorgeschichte Der Herausgeber der Fontamara-Berichte hat im abgelegenen Bergland nördlich des „Fucino-Beckens“ die ersten 20 Jahre seines Lebens verbrachtVorwort und kennt das armselige Leben, fern der Welt der modernen Technik und der politischen Ereignisse in Rom, der von der Stadtbevölkerung verachteten und verspotteten „Cafoni“: Einige sind Kleinbauern mit eigenem Landbesitz und Pächter von Feldern der städtischen Grundherren. Viele haben kein eigenes Land oder haben es verkaufen müssen und arbeiten als Tagelöhner in der Landwirtschaft oder in den Fabriken. Dadurch entstand innerhalb dieser Gruppe, die durch wenig Gemeinsinn und private egozentrische und familienorientierte Streitereien gekennzeichnet ist, eine innere soziale Differenzierung. Die kargen Erträge reichen gerade zum Leben, viele Bewohner wanderten nach Amerika aus. mini|Fontamara im Lizzani-FilmVia Vallone in Aielli, wo einige Szenen des Films gedreht wurden Die Fontamaresi haben kein Geld, einen Pfarrer für ihre Gemeinde, ihre Steuern und den Strom zu bezahlen. Deshalb ist die Kirche nur an hohen Feiertagen geöffnet, wenn ein Geistlicher aus der Kreisstadt gegen Bezahlung die Messe liest. Den Gemeindeboten jagen sie, wenn er mit seinen Forderungen erscheint, gewaltsam aus dem Dorf, den Strom stellte man ihnen ab, so dass die Häuser abends und nachts kein Licht haben. Phlegmatisch nehmen sie die gesellschaftlichen Hierarchien hin: Gott, Fürst Torlonia, seine Aufseher, die Hunde der Aufseher, nichts, nichts … die Cafoni. Sie waren bisher abhängig von dem einer der ältesten Familien der Gegend entstammenden Grundbesitzer Don Carlo, dem fast das ganze Gebiet um Fontamara gehörte. Doch der „Nichtstuer, Spieler, Säufer und Schürzenjäger“, der viele Mädchen aus dem Dorf, die ihm gefielen, in Unehre und in Zwietracht mit ihren Familien gebracht hat, besitzt nur noch die Güter, die seine Frau Donna Clorinda in die Ehe eingebracht hat. Alles andere hat der „Unternehmer“ aus Rom, der vor drei Jahren in der Gegend erschien, mit Hilfe seiner Bankverbindungen aufgekauft und betreibt es nach kapitalistischer Wirtschaftsweise und mit Druck auf die Arbeiter. Anfangs handelte er auf den Märkten der Gegend mit den landwirtschaftlichen Produkten der alteingesessenen Grundbesitzer, dann betrieb er Schweinezucht, erwarb viele Felder, die Ziegeleifabrik, die Gerberei und das elektrische Sägewerk. Jetzt ist er von der Regierung als „Podestà“ eingesetzt worden und hat den demokratisch gewählten Bürgermeister ersetzt.

Sein Vorgänger, der Advokat Circostanza, hatte den Ruf eines Volksfreundes und gab sich als Beschützer der Cafonis aus. Seine lange Amtszeit erreichte er durch den Trick, den Analphabeten durch einen Lehrer zu zeigen, wie man seinen Namen auf den Stimmzettel schreibt. Dann änderte er nach dem Tod eines Wahlberechtigten nicht mehr das Register und die Familien der Lebendig-Toten erhielten eine Trostgebühr von 5 Lire pro Kopf und sahen diesen Gelderwerb als willkommene Rente an. Seinen Wählern erklärte er, diese „vorteilhafte Einrichtung“ nenne sich Demokratie. In der Region führte man das scheinbar hohe Durchschnittsalter der Fontamaresi auf ihre bescheidene Ernährung und die gute Luft zurück. Als den Dorfbewohnern bekannt wurde, dass Circostanza mit dem Grundbesitzer Don Carlo zusammenarbeitete, erhielt er nur noch die Stimmen der Toten, aber nicht mehr die der Lebenden.

Seitdem haben die Cafoni zu Circostanza ein ambivalentes Verhältnis. Die meisten können nicht lesen und schreiben und kennen nicht die Gesetze. So brauchen sie seine Empfehlungsschreiben und Unterstützung bei Behördengängen. Er ist der einzige Honoratior, der sie freundlich behandelt, und er findet mit Bestechungen und durch seine Vernetzung mit den Regierungsbeamten und Großgrundbesitzern für sie kurzfristig Lösungen, oft nur Scheinlösungen. Dass er aus seiner Patenschaft Vorteile für sich erzielt, wundert die Kleinbauern nicht, denn das machen ihrer Erfahrung nach alle Mächtigen oder auch die Cafoni in Rivalität gegeneinander. Während man sich jedoch früher privat einigte, werden bei der Undurchdringlichkeit der Gesetzestexte für die Bauern kaum mehr Streitigkeiten ohne Advokaten verhandelt: „Angeblich waren die Gesetze für Reiche und Arme gleich, aber die Advokaten verstanden sie auszulegen, zu umgehen und ins Gegenteil zu verkehren, und ihre Anzahl und Bedeutung nahm ständig zu.“Kap. 7 Wasser-Umleitung Die in den 1920er Jahren spielende Haupthandlung beginnt mit dem Auftreten eines Fremden mit Namen Don Pelino in Fontamara.Kap. 1 Nach einer langen, ihnen unverständlichen Rede überlistet er die Cafoni mit Drohungen und Täuschungen, einer Petition an die Regierung zuzustimmen. Ohne zu wissen, um welches Projekt es sich handelt, unterschreiben sie ein Formblatt mit dem Wortlaut: „Die Endesunterzeichneten unterstützen Obiges und geben aus eigenem Antrieb, freiwillig und mit Begeisterung Don Pelino ihre Unterschrift.“

Erst als Straßenwärter Gräben ausheben, um einen kleinen Bachlauf auf die Felder des Großgrundbesitzers umzuleiten, erfahren sie die Zusammenhänge und vertreiben empört die Arbeiter. Die Cafoni haben in ihrer Beschränkung auf ihr Alltagsleben und durch ihre obrigkeits- und kirchentreue Sozialisation ihre Armut und die Entbehrungen, solange sie einigermaßen erträglich erschienen, als gottgegeben hingenommen. Zur ersten Auflehnung kommt es jetzt, als man ihnen ein Naturrecht nehmen will: Mit diesem Wasser haben Generationen von Kleinbauern im Sommer ihre Felder bewässert, was wegen der geringen Menge jeweils zu erbitterten Streitigkeiten führte. Dazu kommt, dass der bisher allen zugängliche Weideweg der Schafherden verstaatlicht und vom „Unternehmer“ eingezäunt wird.

Protestzug der Frauen Da die Männer als Landarbeiter den Unterhalt für die Familien verdienen müssen, nehmen sich die Frauen der Sache an. Einige beschließen, sich in der Stadt beim Bürgermeister zu beschweren. Zuerst streitet man darüber, wer an der Abordnung teilnimmt. Einige müssen ihre kleinen Kinder oder kranken Angehörigen, andere ihr Vieh versorgen. Schließlich findet sich eine Gruppe um die couragierte und behördenerfahrene Kneipenbesitzerin Marietta und die Berichterstatterin Matalé zusammen. Der Einzug der Frauen aus dem „unterentwickelten“ Bergdorf in die Stadt sorgt für Aufsehen und Spott.Kap. 2 Man ärgert sie, indem man das Brunnenwasser vor dem Rathaus an- und abdreht, wenn sie sich erfrischen wollen. Dann beginnt eine Odyssee auf der Suche nach dem Verantwortlichen. Man schickt sie, begleitet von Carabinieri, zum Privathaus des neuen Stadtoberhauptes, dann zu seinen Fabriken und wieder zurück zu seiner Villa. Dort feiert seine Frau Rosalia gerade mit den Honoratioren die Ernennung ihres Mannes zum Podestà. Dazwischen erfahren die Cafoni von der Frau des bisherigen Grundbesitzers, Donna Clorinda, einiges über die ihnen bisher unbekannten Machtverschiebungen: der „Unternehmer“ hat Don Carlos’ Land gekauft und ist Nutznießer der neuen Bewässerung. Darauf bewerfen die zornigen Frauen das Haus des „Unternehmers“ mit Ziegelsteinen und vertreiben die Gäste. Kompromisse Einer der Honoratioren, der frühere Bürgermeister und „Volksfreund“ Circostanza, beruhigt die Demonstrantinnen und bietet sich als Vermittler an. Zuerst erklärt der Gemeindesekretär den Frauen, sie hätten eine Regelung unterschrieben, nach der „im höheren Interesse der landwirtschaftlichen Erzeugung“ der Bach von den „ungenügend bebauten Feldern“ zu den Ländereien des Besitzers, der „zu größeren Kapitalaufwendungen imstande“ sei, abgeleitet wird. Auf die Erwiderung, die Bittschrift sei gefälscht, und die Drohung, das Haus anzuzünden, reagiert Circostanza mit Verständnis für den Unmut der Frauen und schlägt einen Kompromiss vor: Der Unternehmer erhält drei Viertel des Wassers und die Cafoni bekommen drei Viertel des Restes. So erhalte die eine und die andere Partei drei Viertel, also mehr als die Hälfte. Die Frauen durchschauen nicht die Vernetzung des Advokaten mit dem Podesta, missverstehen die verklausulierte Formulierung der angeblichen Halbierung, stimmen zu und sind froh über den Teilerfolg. Später, nach Fertigstellung des neuen Grabens und der Öffnung der Verteilerklappe durch die unter Polizeischutz angereisten Spitzen der Verwaltung und der Honoratioren, sehen die Cafoni, dass in ihrem Bachbett kaum mehr Wasser fließt. Es kommt zu einem Tumult. Cirsostanza versucht die Fontamaresi erneut zu beruhigen, redet ihnen ins Gewissen, durch einen Aufstand nicht noch mehr an Ansehen bei der Behörde und der Regierung zu verlieren, und verhandelt eine Laufzeit des Vertrags auf 5 Dezennien, 50 Jahre, aus. Wieder verstehen die Cafoni dies falsch. Einige meinen, es handele sich um 5 Monate, aber auch diese Spanne bedeutet eine Hungersnot, weil sie ihre Felder nicht mehr bewässern können.Kap. 6

Die Gafoni merken, dass man sie wieder einmal hereingelegt hat. Sie müssen nicht nur den größten Teil des Wassers abgeben, auch das bisher von allen genutzte Weideland der Gemeinde wird vom „Unternehmer“ eingezäunt und bewacht. Ihre Unzufriedenheit wächst, aber sie nehmen auch diesen Rückschlag hin, mit Ausnahme des Tagelöhners Berardo Viola, der sich gegen neue Verhandlungen und Eingaben ausspricht und eine mehr oder weniger geheime Selbstjustiz für wirkungsvoller hält, denn die Verordnungen würden nur für die Reichen und Mächtigen gemacht.

Weitere gesetzliche Einschränkungen bestätigen Violas Meinung. So werden die Löhne der Landarbeiter um 40 % und bei außergewöhnlichen Arbeiten um weitere 25 % „für die Behebung der Arbeitslosigkeit“ herabgesetzt. Circostanza nutzt diese Rechtslage aus, klagt zum Schein über die Neuordnung und die Gesetze, die ihn daran hindern, den vorher vereinbarten Lohn für die Neuanlage eines Weinbergs an die drei Cafoni Berardo, Giuvà und Scarpone zu zahlen.Kap. 6

Umverteilung der Fucino Ländereien