mini|Michaelishaus in Göttingen, Ansicht der Fassade zur Prinzenstraße von Südosten (2023) Das Michaelishaus (ursprünglich Londonschänke) ist ein 1735–1737 errichtetes, stattliches Fachwerkhaus in der Innenstadt von Göttingen in der Prinzenstraße 21, ursprünglich Mühlenpfortenstraße, gegenüber dem „Historischen Gebäude“ der Staats- und Universitätsbibliothek. Die Geschichte des Gebäudes, benannt nach seinem zweiten Besitzer (ab 1764) Johann David Michaelis, ist eng mit der Universität Göttingen verbunden, da in dem Gebäude viele bedeutende Gelehrte wohnten oder arbeiteten.Quelle für die meisten Informationen in diesem Artikel ist - falls nicht anders angegeben: Marit Borcherding, Marion Wiebel: Das Michaelishaus in Göttingen. Geschichte, Gelehrte, Gegenwart, Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 3-8353-0300-7.

Baubeschreibung mini|links|Rechts die Londonschänke mit dem ursprünglichen Fassadenerscheinungsbild. Kupferstich von Daniel Georg Heumann, 1747.mini|Eingang des Michaelishauses mini|Michaelishaus, Ansicht von Südwesten, Prinzenstraße, Ecke Am Leinekanal, mit links den späteren Anbauten (2023) Der verputzte barocke Fachwerkbau auf hohem Naturstein-Kellersockel wurde vom hannoverschen Klosterbaumeister und Göttinger Universitätsbaumeister Joseph Schädeler (1692–1763) als „ansehnliches Wohn- und Logierhaus für Standspersonen“ mit Hotelbetrieb und Gastwirtschaft entworfen und errichtet.Thomas Appel: Göttinger Künstlerlexikon. Maler – Grafiker – Bildhauer – Architekten. Vom 14. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2022, ISBN 978-3-86395-504-5 (Digitalisat d-nb.info, abgerufen am 29. Januar 2023), S. 485 f.Marit Borcherding, Marion Wiebel: Das Michaelishaus in Göttingen. Geschichte, Gelehrte, Gegenwart, Wallstein Verlag, Göttingen 2007, ISBN 3-8353-0300-7, S. 10, 12. Schädeler war u. a. auch für den Umbau des gegenüberliegenden Kollegiengebäudes und den Neubau des Reitstalls der Universität verantwortlich.

Das im Sommer 1737 fertiggestellte, zweigeschossige Gebäude mit Walmdach ist mit seinem repräsentativen Hauptflügel nach Süden zur Prinzenstraße ausgerichtet, ein schmalerer Nebenflügel erstreckt sich entlang der Straße Am Leinekanal. Der Hauptflügel ist an der Prinzenstraße 31,11 Meter lang und hat eine Tiefe von 14,78 Metern.

Die in elf Fensterachsen mit einem leicht vorspringenden und ein Geschoss höheren Mittelrisalit gegliederte Hauptfassade hatte ursprünglich ein mittig angeordnetes Barockportal, Segmentbogenfenster und eine deutliche Betonung der Ecken und des Risalits durch im Putz ausgearbeitete, auch farblich abgesetzte Eckquaderung und ebenfalls abgesetzte waagerechte Gesimse zwischen den Stockwerken. Das heutige Erscheinungsbild geht auf eine klassizistische Fassadenmodernisierung im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts zurück, wobei die relativ starke Gliederung gesimsförmigem Türsturz und rechteckigen Fenstern mit betonten Sohlbänken geändert wurde. Der Mittelrisalit wird von einem flachen Dreiecksgiebel bekrönt, der sich durch ein stark ausgeprägtes Gesims von der Fassade absetzt. Der Eingang ist über eine symmetrisch angelegte zweiläufige Freitreppe mit schmiedeeisernem Ziergeländer zu erreichen.

Im Inneren befindet sich eine großzügig angelegte dreizügige Holztreppe mit geraden Läufen. Zwischen dem Eingang und dem Treppenraum ist ein breites, aber nicht sehr langes Foyer angeordnet, dessen Raumeindruck durch zwei Pfeiler an den Seiten und davor jeweils freistehende, schlichte kannelierte Säulen bestimmt wird, die einen Unterzug tragen. Viele der Innentüren weisen den zur Bauzeit beliebten Segmentbogensturz auf, die Raumhöhe beträgt knapp vier Meter. Ein zweiter Zugang mit einfacher Treppe befindet sich auf der Rückseite des Hauptflügels. Der Nebenflügel zum Leinekanal, der auf einer Zeichnung von 1816 noch mit einem über eine einfache Treppe erreichbaren Nebeneingang nahe der Ecke zur Prinzenstraße dargestellt ist, präsentiert sich heute eher schlicht und hat lediglich einen äußeren Zugang vom rückwärtigen Hof, der hauptsächlich als Parkplatz genutzt wird.

Das gesamte Gebäude besitzt einen Keller, der als Kreuzgewölbe aus Naturstein ausgeführt ist.

Der Seitenflügel an der Straße Am Leinekanal ist im leicht spitzen Winkel zum Hauptflügel angeordnet, 38 Meter lang und hat eine Tiefe von etwa 8 Metern. Daran schloss nördlich ein Anbau von 1897–1898 an. Es war ein eingeschossiger Baukörper mit hohen Fenstern, der bis auf die als freistehende Mauer erhaltene Straßenfassade 2006 abgerissen wurde. 1901–1902 wurde dann wiederum am Leinekanal ein zweigeschossiger, nahezu quadratischer Neubau mit Zeltdach errichtet (Am Leinekanal 3), dessen leicht eingerückt angesetztes Treppenhaus unmittelbar an den vier Jahre vorher errichteten Anbau grenzt.Alfred Oberdiek: Göttinger Universitätsbauten. 2. Auflage, Göttingen 2002. ISBN 3-924781-46-X, S. 77 und 86

Geschichte Wohn- und Logierhaus Die Stadt Göttingen war im Spätmittelalter zeitweilig Mitglied der Hanse und Residenz des Fürstentums Göttingen. In den späteren Jahrhunderten nahm ihre Bedeutung stark ab. Besonders von den Belastungen des Dreißigjährigen Krieges konnte sich die Stadt kaum erholen. Bei der Gründung der Universität 1734 machte Göttingen als Stadt einen armseligen und verwahrlosten Eindruck. In den Jahren bis zur Universitätseinweihung 1737 waren umfangreiche Baumaßnahmen notwendig, um die Infrastruktur auf einen akzeptablen Stand zu bringen. Der Bau der Londonschänke war ein Teil dieser notwendigen Infrastrukturmaßnahmen. Göttingen benötigte als Universitätsstadt ein komfortables Wohn- und Logierhaus, um für die Söhne der vornehmsten Familien attraktiv zu sein. Das Gartengrundstück genau gegenüber dem Bauplatz des ersten Kollegien- und Universitätsgebäudes schien gut geeignet. Das Grundstück gehörte dem Leiter der Göttinger Lateinschule Christoph August Heumann, der es im November 1734 nach zähen Verhandlungen für 206 Taler an den Universitätsbaumeister Joseph Schädeler verkaufte. Schädeler hatte sich bereit erklärt, hier nach dem Willen des Landesherrn Georg II., Kurfürst von Hannover und König von Großbritannien, ein Wohn- und Logierhaus für „Standespersonen“ im Wert von 7.000 Talern zu errichten. Um die Profitabilität seiner Investition sicherzustellen, erhielt er auf sein Verlangen das Privileg, im Gebäude Wein ausschenken und einen Billardtisch aufstellen zu dürfen. Rechtzeitig zur Eröffnung der Universität wurde das Gebäude fertiggestellt und erhielt den Namen „Londonschänke“ nach einem angesehenen Gasthaus in Hannover.

mini|Johann Lorenz von Mosheim hielt ab 1750 als erster Vorlesungen in der Londonschänke

Am 15. Juli 1737 übernahm Johann Caspar Hampe die Bewirtschaftung. Bereits im September 1737 diente das Haus im Zuge der offiziellen Inaugurationsfeier der Universität als Hotel. Im Keller präsentierte der italienische Händler Joseph Respettino mediterrane Feinkost und Galanteriewaren. Hampe fungierte nur drei Jahre als Wirt, an seine Stelle trat Joseph Hümer, der zwei Jahre blieb. Auch danach wechselten die Wirte in schneller Folge.

1746 verpachtete Schädeler das Haus an Anton Christoph Cleve, der mit seinem Wirt Christian Wilhelm Saltzenburg neuen Schwung in den Betrieb brachte. Die mittlere und obere Etage wurden für Übernachtungsgäste eingerichtet, im unteren Stockwerk wurden Studenten bewirtet, wobei drei unterschiedliche Qualitäten des Mittagstisches angeboten wurden: delikat, mittelmäßig und schlicht. Im Keller war Platz für die Diener der Studenten. Die Schänke florierte, teilweise wohl mehr als gewünscht, es wurde auch von studentischen Exzessen berichtet. Das Übernachtungsgeschäft lief insgesamt schlecht, denn der Postweg von Hannover nach Kassel lief damals weiträumig an Göttingen vorbei.

Ab etwa 1750 wurde das Haus in den Universitätsbetrieb einbezogen. Der Theologe und Kirchenhistoriker Johann Lorenz von Mosheim, seit 1747 Kanzler der Universität, hielt im großen Saal der Londonschänke seine Vorlesungen. Der Betrieb wurde durch den Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1762 unterbrochen, Göttingen von französischen Truppen besetzt. Die Londonschänke diente als Lazarett und befand sich nach dem Abzug der Franzosen in einem unbewohnbaren Zustand.

Wohnhaus der Familie Michaelis Der angesehene Professor mini|Johann David Michaelis 1764 erwarb der Orientalistik-Professor Johann David Michaelis das Gebäude von den Erben Schädelers für 4.300 Taler und richtete es als Wohnhaus für seine Familie und Studenten, in dem auch Vorlesungen stattfinden konnten. Der geräumige Keller wurde als Weinlager an den Wirt des Gasthauses Zur Krone an der Weender Straße vermietet.

Michaelis war 1745 als Privatdozent nach Göttingen gekommen, wurde 1746 außerordentlicher und 1750 ordentlicher Professor. Er gehörte der philosophischen Fakultät an und war in ganz Deutschland und vielen Ländern Europas sehr angesehen. Die Akademien in Paris und London ernannten ihn zu ihrem Mitglied, der Kaiser verlieh ihm den Titel Hofrath.

Sein berühmtester Verehrer war Johann Wolfgang Goethe, der in seinen Lebenserinnerungen zur Wahl seines Studienortes und seiner vergeblichen Sehnsucht nach Göttingen schrieb:

„Bei diesen Gesinnungen hatte ich immer Göttingen im Auge. Auf Männer wie Heyne, Michaelis und so manchem anderen ruhte mein ganzes Vertrauen; mein sehnlichster Wunsch war, zu ihren Füßen zu sitzen und auf ihre Lehren zu merken. Aber mein Vater blieb unbeweglich.“ Goethe, Dichtung und Wahrheit, Zweiter Teil, Sechstes Buch

Goethe musste auf Wunsch seines Vaters in Leipzig studieren und kam nicht in den Genuss der Vorlesungen Michaelis’, die dieser – wie damals allgemein üblich – meist in seinem Haus abhielt, in Reithosen, gestiefelt und gespornt, den Degen an der Seite und die Bibel unter dem Arm. Einer seiner Schüler schrieb über ihn:

„Im natürlichsten Conversationston, in fließender und hinreißender Sprache, durch eine außerordentliche Zungenfertigkeit, ein lebhaftes Mienen- und Gebärdenspiel, durch eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit in Wendungen, Bildern und Vorstellungsarten, freilich auch durch allerlei Abschweifungen, Anspielungen, Witzeleien und derbe Späße wußte er sein immer zahlreiches Auditorium anzuregen, zu fesseln und zu unterhalten.“

Michaelis galt als Professor, der penibel seine Hörergelder eintrieb, denn damals mussten die Studenten den Professor für jede Vorlesung einzeln bezahlen. Gelegentlich gewährte Nachlässe für ärmere Studenten lehnte Michaelis ab. Er war so prominent und seine Veranstaltungen so begehrt, dass er nur voll zahlende Hörer zuließ.

Am 25. August 1787 fand im Michaelis’schen Arbeitszimmer eine bemerkenswerte Prüfung statt. Dorothea Schlözer, die siebzehnjährige Tochter des Göttinger Professors August Ludwig Schlözer, wurde von einem kleinen Kollegium angesehener Göttinger Professoren zu den Themen Münzkunde, Mineralogie, Mathematik und Kunstgeschichte examiniert und erhielt die Doktorwürde der Philosophischen Fakultät zugesprochen. Dies war in Deutschland die zweite Promotion einer Frau überhaupt (nach der Ärztin Dorothea Erxleben) und die erste Promotion einer Frau zum Dr. phil.

Studentisches Leben im Seitenflügel mini|Fechtübungen Göttinger Studenten in einer Wohnung (1773)