Heinz Bormann (* 19. Juli 1918http://journalistinnenbuero-berlin.de/wp-content/uploads/2016/05/Der-Dior-der-DDR.pdf, Seite 29, abgerufen am 13. Juni 2020 in Erfurt; † 8. Februar 1989 in Schönebeck (Elbe)https://www.mz-web.de/salzlandkreis/der-dior-der-ddr-wie-aus-einer-kleinen-naeherei-die-wichtigste-modefirma-im-osten-wurde-32701828, abgerufen am 13. Juni 2020) war ein deutscher Modeschöpfer der Marke „Original Bormann-Kleidung“/„Original Bormann-Mode“ und Textilhersteller. Er galt als Christian Dior der DDR, Der Spiegel nannte ihn 1965 „Roter Dior“.
Bormanns Berufsleben war exemplarisch für eine bestimmte Entwicklung in der Wirtschaftsgeschichte der DDR – von der Duldung rein privater Unternehmen über staatliche Beteiligungen an Privatbetrieben im Rahmen von Kommanditgesellschaften (KG) bis zur Abschaffung dieser gemischten Eigentumsform und ihre Umwandlung in Volkseigene Betriebe (VEB).
Das Privatunternehmen Heinz Bormann kehrte im Juli 1945 aus dem Krieg zurück. Der kleine Konfektionsbetrieb seines Schwiegervaters in Schönebeck bei Magdeburg war zerstört. Bormann hatte keinerlei Berufsausbildung, seine Frau jedoch beherrschte das Schneiderhandwerk. Mit elf alten Nähmaschinen, aus den Trümmern geborgen, begann das Ehepaar seine selbständige Tätigkeit – man reparierte Uniformen für die Rote Armee, die Militärmacht in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Im Herbst 1945 wurden die Heinz Bormann Bekleidungswerkstätten gegründet, nach den Armeeaufträgen begann die Fertigung von Herrenoberbekleidung.
Die Existenz reiner Privatbetriebe war anfangs keine Ausnahme in Ostdeutschland, auch noch nach Gründung der DDR 1949. Selbständige Konfektionäre sorgten 1951 für beinahe 50 Prozent der Bruttoproduktion auf ihrem Wirtschaftssektor. Nur allmählich verschoben sich hier die Gewichte gegenüber der volkseigenen Bekleidungsindustrie – noch 1957 produzierten die Privaten knapp 40 Prozent der Gesamtmenge. Beide Wirtschaftsformen standen in Konkurrenz zueinander, beide mussten mit den gleichen, systemimmanenten Schwierigkeiten fertigwerden: Qualitätsmängel und Terminüberschreitungen bei den Zulieferern von Stoffen und Garnen, Produktivitätseinbußen wegen so genannter „gesellschaftlicher Arbeit“, hoher Krankenstand, Mangel an Arbeitskräften. Das letztere Problem allerdings gab es bei Bormann nicht – hier „standen die Leute Schlange vor dem Personalbüro“, wie sich eine frühere Mitarbeiterin erinnert.
Heinz Bormann gelang es gut, sich mit den besonderen Bedingungen der sozialistischen Planwirtschaft zu arrangieren. Er war früh in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft eingetreten und seit 1949 Mitglied der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD), einer der so genannten Blockparteien, die bestimmte Gruppierungen der Gesellschaft aufnahmen, aber unter der Vorherrschaft der SED keine eigene politische Gestaltungsmöglichkeit besaßen. – Die landesweiten Unruhen des 17. Juni 1953, ausgelöst durch die drastische Erhöhung der Arbeitsnormen, hatten ihre tiefere Ursache auch in dem Unmut der Bevölkerung über die mangelhafte Versorgung mit Gebrauchsgütern, etwa mit schöner und erschwinglicher Kleidung. Die politische Führung reagierte mit ökonomischen Erleichterungen für die Hersteller solcher Güter. Noch im selben Jahr stellte Bormann die Produktion seines Betriebes um, von jetzt an wurde gefällige Damenoberbekleidung fabriziert. Seine Designerin Helena Zeilhofer (damals Pätsch), eine junge Absolventin der Münchener Modeschule, entwarf die erste Kollektion der Original Bormann-Moden, die 1954 auf der Modemesse in Düsseldorf sogleich Aufsehen erregte. Die westdeutsche Presse fand für den Unternehmer ein prägnantes Etikett: „Der rote Dior“.
Die Kommanditgesellschaft mini|Werk in Magdeburg, 1959 Seit 1956 legte die Wirtschaftsführung der DDR zunehmend Wert auf staatliche Beteiligung an Privatunternehmen. Als Unternehmensform wählte man die Kommanditgesellschaft, die staatliche Seite war zunächst durch Kapitaleinlagen der Deutschen Investitionsbank (DIB) vertreten. Bormann beantragte umgehend eine solche Beteiligung, und obwohl die zuständige Finanzbehörde seine Geschäftsführung „nicht immer durchsichtig“ fand, genehmigte sie den Vorgang wegen der „volkswirtschaftlichen Bedeutung des Betriebes und der in Aussicht stehenden Perspektiven für den Export“„Heinz Bormann – der Dior der DDR“ von Ulrike Köpp, erschienen in „UTOPIE kreativ“, einer Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Heft 123 (Januar 2001), S. 43 [vgl. Weblink].. Bormann nutzte den Kapitalzufluss zur Expansion. Er weitete die Produktionskapazitäten aus, gründete im Oktober 1956 eine Zweigniederlassung in Magdeburg und verlegte drei Jahre später den Hauptsitz der Firma dorthin. Sein eigentliches Ziel war das traditionsreiche Modezentrum Berlin.
Der nächste Schritt staatlicher Einflussnahme bestand darin, den Kommanditgesellschaften statt der DIB einen Volkseigenen Betrieb der Bekleidungsindustrie als Gesellschafter vorzuschlagen. Manche Unternehmer lehnten es ab, einen Konkurrenten als Geldgeber im Haus zu haben. Bormann zögerte nicht, sondern willigte ein, zum 1. Juli 1959 den VEB Treffmodelle als staatlichen Gesellschafter aufzunehmen, einen Hersteller von Damenmode und Teilbetrieb des späteren Kombinats VEB Fortschritt in Berlin-Lichtenberg. Die Zusammenarbeit mit dem kapitalstarken, in der DDR durchaus renommierten Betrieb verschaffte Bormann Einblicke in größere betriebswirtschaftliche Zusammenhänge und neue technologische Entwicklungen, zumal die Volkseigenen Betriebe in einer Verordnung über die Bildung halbstaatlicher Betriebe vom März 1959 gesetzlich zur Unterstützung ihrer privaten Partner verpflichtet wurden; allerdings auch dazu, die „Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins der Werktätigen und der Leiter“„Heinz Bormann – der Dior der DDR“ von Ulrike Köpp, erschienen in „UTOPIE kreativ“, einer Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Heft 123 (Januar 2001), S. 45 der KG günstig zu beeinflussen.
Die Spielräume für private, unternehmerische Entscheidungen waren prinzipiell enger geworden, insbesondere bei größeren Investitionen. Andererseits versprachen sich die staatlichen Wirtschaftsplaner einiges von der Heinz Bormann KG, die inzwischen dank Eigeninitiative und staatlicher Kapitaleinlagen zu einer volkswirtschaftlich interessanten Größe herangewachsen war. Der Export in die Sowjetunion und verschiedene westliche Länder brachte Prestige und Devisen (westdeutsche Abnehmer wie Neckermann und Quelle ließen die Etiketten mit dem Namen Bormann ausdrücklich nicht einnähen), die inzwischen anspruchsvollere einheimische Bevölkerung sollte in speziellen Geschäften, Vorläufern der Exquisit-Läden versorgt werden. So genehmigte man dem Unternehmer großzügige Kredite und weitere Kapitaleinlagen.
Bormann war nun auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Die jährliche Produktion erreichte 140 000 Konfektionsstücke, dazu kamen die Exklusivmodelle, mit denen auch Lotte Ulbricht, die Frau des Generalsekretärs der SED und Vorsitzenden des Staatsrates sich einkleidete. Bormanns persönliches Jahreseinkommen stieg auf 80 000 Mark netto, damit gehörte er zu den Spitzenverdienern in der DDR. Das Magdeburger Unternehmen präsentierte seine Mode vielfach auf internationalen Messen. Im Inland waren und blieben die Modenschauen der Heinz Bormann KG beliebte gesellschaftliche Ereignisse zu verschiedensten Anlässen und an vielen Orten der DDR. Bormann moderierte sie selbst und offensichtlich mit großem Vergnügen. Gewinne erbrachten diese Veranstaltungen nicht – der anschließende Verkauf verlief meist schleppend; dazu kam, dass Bormann für seine Auftritte ein Honorar berechnete, das mit 300 Mark doppelt so hoch war wie die Vergütung für professionelle Ansager.
Selbst für den DEFA-Film Mit mir nicht, Madam! durfte Bormann 1969 die Kostüme entwerfen.. Der zweite bei der IMDb für Bormann genannte Film Hauptmann Florian von der Mühle wurde wahrscheinlich statt seiner von dem Illustrator Heinz Bormann (1926–1974) gestaltet.
In Magdeburg genoss Heinz Bormann besonderes Ansehen. Als es nach der Verlagerung der Firma an qualifizierten Arbeitskräften fehlte, brachten Sonderzüge die Näherinnen aus Schönebeck in die Stadt. Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung schlug vor, im repräsentativ wiederhergestellten Stadtzentrum einen attraktiven Modesalon einzurichten. Bormann plante ein Atelier mit zwei Meisterinnen und 15 Schneiderinnen und wollte sogar ein eigenes Parfüm herausbringen. In vorauseilender Anpassung ließ er aber auch wissen, dass er in seinem Salon „die modische Beratung der Magdeburger Bevölkerung durchführen“ wolle„Heinz Bormann – der Dior der DDR“ von Ulrike Köpp, erschienen in „UTOPIE kreativ“, einer Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Heft 123 (Januar 2001), S. 46. Die hochfliegenden Pläne ließen sich nicht realisieren. Prognosen über die Wirtschaftlichkeit für die ersten Jahre waren ernüchternd, niemand war bereit, die finanziellen Risiken zu übernehmen. Einer Kreditaufnahme verweigerte der Direktor des staatlichen Gesellschafters dieses Mal seine Zustimmung – mit der Begründung, „dass die Errichtung eines Modesalons nicht mehr für zweckmäßig erachtet wird. Im Zuge des umfassenden Aufbaus des Sozialismus ist alle Kraft auf eine bedarfsgerechte Produktion zu konzentrieren.“„Heinz Bormann – der Dior der DDR“ von Ulrike Köpp, erschienen in „UTOPIE kreativ“, einer Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Heft 123 (Januar 2001), S. 47
In den Führungszirkeln der SED und der Wirtschaft war die tolerante Haltung gegenüber den halbstaatlichen Betrieben seit langem umstritten. Walter Ulbricht hatte sie eindeutig befürwortet, nun regten sich auch die Gegner. Auf der Tagung des ZK der SED im Juni 1970 wurden die Leistungen der Kommanditgesellschaften zwar noch gewürdigt, deren private Gesellschafter aber wegen ihrer überdurchschnittlichen Einkommen und ihres zum Teil luxuriösen Lebensstils heftig kritisiert. Eine Gesellschaftertagung im Dezember 1970 ließ den neuen Kurs auch für Bormann deutlich werden: der Kombinatsdirektor des VEB Fortschritt forderte entschieden höhere Effektivität in der Produktion und strenge Kostenkontrolle bei den Modenschauen. Bormann sah seine Freiräume als Modeschöpfer gefährdet, drang aber mit seinen Einwänden nicht durch. Anfang 1971 wurde sein Betrieb durch die so genannte Erzeugnisgruppe untersucht, ein Gremium staatlich beauftragter Fachleute, das den relativ hohen Anteil von Handarbeit an den Arbeitsabläufen beanstandete („es ist nicht bekannt, dass in VE-Betrieben noch Rocksäume geheftet werden“)„Heinz Bormann – der Dior der DDR“ von Ulrike Köpp, erschienen in „UTOPIE kreativ“, einer Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Heft 123 (Januar 2001), S. 49 und weitere Rationalisierung dringend empfahl. Als eine ernsthafte Bedrohung seines beruflichen Status deutete Bormann diese Vorgänge offenbar nicht, zumal er noch im Januar 1971 erstmals zur Diplomatenjagd auf Rotwild eingeladen wurde – üblicherweise eine Anerkennung für besondere Verdienste.