mini|Der Schlaf in den Uhren schildert auf wirklicher Ebene der Erzählung die Fahrt mit einer Straßenbahn durch Dresden

Der Schlaf in den Uhren ist eine Erzählung von Uwe Tellkamp aus dem Jahr 2004. Mit der Erzählung gewann Tellkamp den Ingeborg-Bachmann-Preis 2004. Sie war Pflichtlektüre im niedersächsischen Zentralabitur im Fach Deutsch in den Jahrgängen 2008 und 2009.Begründung hierfür: Florian Kessler: Lesen Sie, es ist herrlich! Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht, in: Süddeutschen Zeitung, 17. Januar 2008. Hauptthese: „Dem Unterrichtseinsatz von Gegenwartsliteratur ist aber mehr zuzutrauen, als dass die Schüler bloß per Identifikation da abgeholt werden könnten, wo sie schon sind. Schwierigere, nicht leicht zu deutende Texte erlauben kontroverse Sichtweisen auf Form und Inhalt und fördern engagiertere Auseinandersetzungen im Unterricht. Und das geht besser mit neuen, noch nicht kanonisierten Texten, die nicht schon von ganzen Schülergenerationen durchgekaut wurden.“ Im Mai 2022 veröffentlichte Tellkamp im Suhrkamp Verlag den gleichnamigen Roman Der Schlaf in den Uhren.

Inhalt mini|Junge Pioniere vor dem „Pionierpalast“ (1953) mini|Politisches Plakat zur Roten Armee am Volkspolizei-Kreisamt in Dresden: Gegenstand der Erzählung ist auch die Beziehung zwischen DDR und Sowjetunion

Fabian wendet sich in seiner Erzählung an Muriel. Er sieht sie „eingekapselt von Apparaten, die [sie] und [ihre] Träume retten sollten, […]“ Der Kontext dieser Erzählung ist unbekannt, ebenso Ort und Zeit von Fabians Gegenwart.

In der ganzen Erzählung erinnert er sich an verschiedene Personen, deren Stimmen von Erlebnissen berichten. Das Hauptgerüst der Erzählung Fabians bildet eine Fahrt Fabians mit der Straßenbahnlinie 11, einer Tatra-Bahn, durch rechts der Elbe gelegene Dresdner Vorstädte des damals sozialistischen Dresdens, hauptsächlich entlang der Bautzner Straße. Die Beschreibung der Straßenbahnfahrt beginnt am Bahnhof Dresden-Neustadt. Die Tram kommt von der Leipziger Straße und passiert die Haltestellen „Platz der Einheit“, „Rothenburger Straße“, „Waldschlößchenstraße“, „Wilhelminenstraße“ und „Elbschlösser“. Am Militärlazarett der Roten Armee (Haltestelle „Plattleite“), dem ehemaligen Lahmann-Sanatorium, endet die Erzählung (wenn auch nicht die Linie 11) mit dem Anhalten der Straßenbahn.

Der Text verweist auf eine Vielzahl von Zeitpunkten (chronologisch aufgelistet): 1914: Attentat von Sarajevo (wessen Stimme Fabian sich hier vorstellt, bleibt unklar) 1945: Einmarsch der Roten Armee in Dresden (Erinnerung von Lucie Krausewitz) SBZ- und frühe DDR-Zeit: Erfahrungen in der Schokoladenfabrik, Ulbrichts Besuch in Dresden (1951) anlässlich der Namensgebung des „Pionierpalastes“ (Erinnerungen von Lucie Krausewitz, unterbrochen durch kurze Kommentare vonseiten ihres Ehemannes Arno) Späte DDR-Zeit (zwischen 1985 und 1989, wegen Putins Aufenthalt in Dresden): die erinnerte Straßenbahnfahrt; Dresden als Garnison der 1. Gardepanzerarmee der Sowjetarmee

Dass der Aufenthalt Putins in Dresden (als Offizier des KGB) Fabian bekannt und erwähnenswert ist, gibt Hinweise auf die Zeit der Erzählergegenwart.

Die Erzählung nimmt auf verschiedene Phasen der Geschichte Dresdens Bezug. Detailliert werden unter anderem die Frauen von Offizieren der Roten Armee beschrieben, auf die Tellkamp in seiner Erzählung mehrmals eingeht. Die für die Offiziersfrauen gewählten Metaphern und die Schilderung der sowjetischen Offiziere zeichnen sich durch negative Konnotationen aus.Zum Beispiel Die Besten, S. 27 und 29. Die Erzählung weist trotz vieler Erinnerungen an die DDR-Zeit keine ostalgische Tendenz auf.

Gliederung Der Text besteht aus einer Vielzahl von einzelnen Blöcken, die oft durch harte Schnitte (Montagetechnik) voneinander getrennt sind, zugleich aber durch „Kennwörter“, durch die Technik des „semantischen Falzes“ (nach Manfred Koch die „Verbindung heterogener Erzählstränge durch Wiederholung eines Wortes, Satzes oder einer Wendung“) und durch Ringkomposition (Schluss kehrt an Anfang zurück) miteinander verknüpft sind. Nach Auffassung einiger Juroren des Klagenfurter Literaturwettbewerbs 2004 empfindet der Text die Struktur eines Rondos nach.

Er folgt im Wesentlichen zwei Strukturprinzipien: der Fahrt der Straßenbahn von West nach Ost, also dem Rhythmus von Anfahrt, Bewegung und Anhalten (= dem „Motiv A“ des Rondos), der Taktvorgabe durch die Erinnerung an den „Monolog der Marschallin“ (besonders im zweiten Teil der Erzählung). Der Text lässt sich grob in zwei Teile unterteilen: 1. Teil (beginnend mit dem zweiten Teil der Arie der Marschallin): Zwei unterschiedliche Gerüche dominieren das Geschehen: das Duchi-Parfum sowie der Geruch der Schokolade. Tellkamp verbindet diese beiden Gerüche durch eine geschickte Konstruktion: Während der Straßenbahnfahrt lösen einander die Erinnerungen an das Duchi-Parfum und die Schokolade ab. Den Höhepunkt des ersten Teils bildet die mit Attributen gesättigte Beschreibung des Geruchs der Russisch sprechenden Frauen nach dem Duchi-Parfum. 2. Teil (beginnend mit dem ersten Teil der Arie der Marschallin): Anders als im ersten Teil wird hier eine „Blitzlichttechnik“ angewandt (jeweils die volle Stunde anzeigende, in wenigen Worten beschriebene Schläge der „Uhr der Marschallin“, die nach Art eines Countups eingesetzt werden). Diese „Blitzlichter“ ergänzen den Rhythmus von Anfahrt, Bewegung und Anhalten der Straßenbahn als Strukturierungsprinzip. Beide Prinzipien greifen ineinander, als das Schlagen des Stocks die Straße überquerender Blinder mit dem Schlagen der Uhr der Marschallin verknüpft wird. Zum Schluss hin wird die Vorstellung schlagender Uhren durch die von deren „tiefem Schlaf“ ersetzt, den man sowohl mit Muriels komatösem Zustand als auch mit dem Zustand assoziieren kann, in dem sich die DDR in den 1980er Jahren befand, die Tellkamp laut Krekeler als „Zauberbergzeit“Die Besten, S. 48. (Thomas Mann, Der Zauberberg) charakterisiert. Das Stehenbleiben der Uhr nimmt das Stehenbleiben der Straßenbahn vorweg (allmählich kommt also die Erzählung zur Ruhe). Insgesamt ist der zweite Teil deutlich unübersichtlicher als der erste, da der Wechsel der Zeitbezüge rasant ist: Befindet sich der Leser im Geiste noch bei dem sowjetischen Militärlazarett, in dem Verwundete der Roten Armee versorgt werden, wird kurz darauf Lahmanns Sanatorium in der Kaiserzeit beschrieben, von der zuvor noch gar nicht die Rede war.

Textgestaltung Tellkamps Text weist sprachliche und stilistische Besonderheiten auf, etwa die nur durch Kommata, Gedankenstriche und Absätze gegebene Strukturierung, die dem Leser eine extrem aufmerksame Lektüre abverlangt, wenn es nicht zu Missverständnissen kommen soll. Es finden sich nur sehr wenige durch einen Punkt markierte Satzenden. Wörtliche Rede wird nicht gekennzeichnet, so dass der Wechsel der Stimmen nicht auf Anhieb klar erkennbar wird und eine Vermischung der eigenen und der erzählten Erinnerungen stattfindet. Noch 1951 hatte Wolfgang Koeppens Verleger dem Autor ein ähnlich formatiertes Manuskript seines Romans Tauben im Gras als „nicht druckbar“ zurückgegeben. Uwe Tellkamp verwendet Metaphern und schafft poetische Kunstbegriffe, wie „ein blank polierter Biberschwanz“. Das eigentlich Unbelebte wird durch sprachliche Gestaltung belebt. Ein hypotaktischer Satzbau herrscht vor, der selten von parataktischen Strukturen abgelöst wird. Die Straßenbahnfahrt von der Leipziger Straße zu Lahmanns Sanatorium (Plattleite) dauert heute 17 Minuten, das bedeutet, dass die Straßenbahnfahrt gedehnt dargestellt wird, sofern man die Gedanken, die sich nicht auf die Straßenbahnfahrt beziehen, als Träumereien während der Fahrt betrachtet.

Beispiel der sprachlichen Gestaltung anhand der ersten Erzählsequenz der von Fabian erinnerten Straßenbahnfahrt: Hypotaktischer Satzbau Durch Asyndeta wird die Vielfalt der unterschiedlichen Eindrücke in diesem Moment vermittelt. Aufzählungen Bewusstseinsstrom Fabians Indirekte Fragesätze Vergleich: Der „Platz der Einheit“ (gemeint ist die „Einheit“ von KPD und SPD in der SED, nicht die deutsche Einheit) wird als „Karieshöhle“Die Besten, S. 23. bezeichnet. Assoziationstechnik: Beim Leser werden gezielt Assoziationen zum bröckelnden und zusammenbrechenden System, aber auch zu den „Putzi“-Zahnpastatuben, von deren Produktion in unmittelbarer Nähe des Platzes kurz danach die Rede ist,Die Besten, S. 24. durch den oben genannten Vergleich ausgelöst.

Bezug zur Oper Der Rosenkavalier Der Autor nimmt in Der Schlaf in den Uhren Bezug auf das Libretto einer Arie am Schluss des ersten Aktes von Hugo von Hofmannsthals (Libretto) und Richard Strauss’ (Musik) Oper Der Rosenkavalier, die in Dresden am 26. Januar 1911 uraufgeführt wurde. Die Arie nennt Fabian „Monolog der Marschallin“, obwohl sie keinen Monolog enthält, da sie an den jugendlichen Geliebten Octavian der reifen Ehefrau eines Marschalls gerichtet ist („Quin-quin“, der im zweiten Zitat direkt angesprochen wird, ist der Kosename Octavians). Die Original-Arie hat Tellkamp in zwei Teile zerlegt, die er zunächst in umgekehrter Reihenfolge verwendet. Kurz vor Schluss jedoch wird in einer Kurzfassung die Arie in der Original-Reihenfolge zitiert.

In dem Libretto werden zwei Arten von Aussagen über die Zeit gemacht: 1. Die Zeit fließt unaufhaltsam, obwohl manchmal alle Uhren stehen bleiben, und 2. Die Zeit ist „ein sonderbares Ding“, denn „manchmal spürt man nichts anderes als sie“. Diese zwei Mottos decken sich nahezu mit den beiden Teilen in der Erzählung Der Schlaf in den Uhren. Dabei bilden die Teile 1 und 2 des Textes deutliche Gegensätze, die am Schluss des Textes, also einem 3. Teil, zur Synthese gebracht werden.

Die „Marschallin“ möchte „die Uhren alle stehen“ lassen und damit den Ablauf der Zeit zum Stillstand bringen, weil sie nicht älter und damit für ihren jugendlichen Geliebten unattraktiver werden möchte. Fabians „Eingriff in den Ablauf der Zeit“ hingegen ist eine Reaktion auf den „tiefen Schlaf“ (den Tod?) Muriels.

Eine andere Interpretation des Stillstand-Motivs legt der Roman Der Turm nahe: Dort löst die erste Konfrontation mit dem Zitat aus dem Rosenkavalier die folgende Reflexion über das „Zeit“ genannte „sonderbare Ding“ aus:

„[…] So, wie die [Schallplatten-]Nadel zurücksprang und des Sängers Ernst vervielfachte, wodurch er in eine Art Klamotte schlitterte, bevor Niklas aufstand und den Echos ein Ende setzte, Kopien über Kopien ausgeworfen in marionettenhaft zappelnder Endlosschleife: so kamen Christian auch die Tage in der Stadt vor, zum Lachen reizende Wiederholungen, ein Tag ein Spiegelbild des anderen, einer des anderen lähmende Kopie“Uwe Tellkamp. Der Turm. Suhrkamp. 2008. S. 143

Demzufolge wäre das Leben in der DDR in den 1980er Jahren insgesamt zu einem Stillstand gekommen.

Viele Rezensenten bescheinigen Tellkamps Erzählung einen „opernhaften“ Charakter. Inwieweit es allerdings zulässig sei, Begriffe, die aus der Musikwissenschaft stammen, auf literarische Texte anzuwenden, wurde während der Jury-Beratung in Klagenfurt 2004 strittig diskutiert. Allerdings bezeichnet Uwe Tellkamp selbst sich als „Librettist Wagners“,. „Frankfurter Rundschau“, 7. Juli 2004. und im Interview mit Elmar Krekeler, das dessen Biographie zugrunde liegt, hat Tellkamp offenbar selbst von „Choreographie“ („neuchoreographierte Melange“) gesprochen. Was Tellkamp mit „neuer Choreographie“ meint, wird deutlich, wenn man die für den MDR geschriebene Fassung von schwarzgelbUwe Tellkamp: . MDR, 3. Mai 2006 mit dem gleichnamigen Kapitel in dem Roman Der Turm vergleicht.

Tellkamp und die Ironie