Das steinerne Herz ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann, die den zweiten Band der 1817 erschienenen Nachtstücke beschließt. In der wissenschaftlichen Literatur spielt die Erzählung eine untergeordnete Rolle und wird nur am Rande erwähnt. Es ist überliefert, dass Hoffmann nicht sehr viel von seinem Werk hielt und sich verhalten dazu äußerte.
Die Erzählung regte möglicherweise Wilhelm Hauff zu seinem Kunstmärchen Das kalte Herz (1828) an und inspirierte den deutschen Schriftsteller und Hoffmann-Kenner Arno Schmidt zum Titel seines Romans Das steinerne Herz von 1956.
Inhalt mini|174x174px|Das steinerne Herz stellt ein rotes Herz im Marmorstein dar Der Hofrat Maximilian Reutlinger ist von seinem inzwischen verstorbenen Bruder schwer enttäuscht worden. Nun verstößt er auch dessen sechsjährigen Sohn Max, weil dieser mit einem roten Stein spielt, den der Hofrat in einen Marmorstein einfügen lassen wollte. Der Stein soll sein Herz darstellen. Die Szene, in der Max mit dem „Herzen“ spielt, steht symbolisch für die Befürchtung des Hofrats, auch der Sohn seines Bruders werde ihn enttäuschen.
Im weiteren Verlauf der Erzählung veranstaltet der Hofrat Reutlinger eines seiner berühmten Feste, bei denen sich die Gäste ausschließlich im Stil der 1760er Jahre kleiden dürfen. Zu den Eingeladenen gehören auch die Geheimrätin Foerd und ihre Tochter Julie.
Während des Festes glaubt der Hofrat, abseits der Menge sein dreißig Jahre jüngeres Ich gesehen zu haben. Später stellt sich heraus, dass es sich bei der Person um seinen inzwischen achtzehnjährigen Neffen Max handelt. Dieser bittet den Hofrat um Verzeihung und fragt, ob er ihn wieder bei sich aufnehmen könne. Der Hofrat lehnt dies zunächst entschieden ab. Als er jedoch erfährt, dass Max und Julie ein Paar sind, ändert er seine Haltung. Er nimmt beide bei sich auf, und die beiden heiraten später. Von diesem Zeitpunkt an ruht sein steinernes Herz.
Form
Aufbau Die Erzählung ist nach dem Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke zwar die kürzeste, hinsichtlich ihres Aufbaus jedoch „die wohl verwirrendste“ des zweiten Bandes von Hoffmanns Erzählzyklus der Nachtstücke. Neben der Haupthandlung stehen mehrere relativ selbstständige Geschichten sowie breit angelegte satirische Schilderungen des gesellschaftlichen Lebens.
Die Einleitung macht auf die sonderbare Anlage des Reutlingerschen Landsitzes aufmerksam. Sie wird als grotesk, geschmacklos, widersinnig und grell beschrieben und mit Arabesken, wunderlichen Verschlingungen sowie dem Barocken und Überladenen in Verbindung gebracht. Die zahlreichen Begriffe aus der romantischen Kunsttheorie, die dabei verwendet werden, könnten nach Hartmut Steinecke darauf hindeuten, dass die Beschreibung bereits im Kleinen die Anlage der Erzählung vorwegnimmt. Demnach könnte die Form der gesamten Erzählung nach dem Modell von Friedrich Schlegels „Arabeske“ verstanden werden, einer durch scheinbar chaotische und zugleich organisch wirkende Strukturen gekennzeichneten Form.
Erzählweise Der Ich-Erzähler verhält sich auktorial und tritt nur als erzählendes Ich auf. Am Anfang spricht der Erzähler direkt mit dem impliziten Leser („mein geliebter Leser“) und führt ihn durch die Gemächer des Maximilian Reutlinger. Dann zieht sich der Erzähler fast vollständig zurück und vermittelt die Geschichte nur noch, indem er den Figuren das Wort überlässt. Schließlich schaltet sich der Erzähler wieder ein und beendet die Erzählung, indem er dem impliziten Leser verkündet, dass Max und Julie geheiratet haben.
Die Erzählung spielt auf mehreren Zeitebenen. Einleitend führt das Erzähl-Ich den „vielgeliebten Leser“ zur Besichtigung eines Landgutes und in einen herzförmigen Pavillon, in dessen Mitte man ein dunkelrotes steinernes Herz mit der Aufschrift „Es ruht“ erblicken kann. Es folgt eine fast zwei Jahrzehnte zurückliegende Geschichte, über zwei alte Menschen, den Hofrat Max Reutlinger und die Geheime Rätin Julie Ford. Dabei wird die lange zurückliegende Liebesgeschichte zwischen beiden erzählt und das wenige Jahre zurückliegende Verhalten von Max, dem Neffen Reutlingers, der mit dem dunkelroten herzförmigen Stein spielt, der den Mittelpunkt der Grabstätte für des Hofrats Reutlinger Herz bilden soll, woraufhin er seinen Neffen verstößt. Die dritte Zeitebene liegt ein gutes Jahrzehnt später und damit nur einige Jahre vor der Gegenwartsebene der Einleitung. Reutlinger feiert, wie alle drei Jahre, das Fest der alten Zeit, bei dem die Gäste zur Erinnerung an die Zeit seiner Jugendliebe in Kostümen der Epoche um 1760 erscheinen müssen. Dieses Fest wird ausführlich geschildert, verschiedene exzentrische und überspannte Personen werden vorgestellt und eigenartige Geschichten erzählt.
Entstehung mini|348x348px|Der im Irrgarten der Liebe herum taumelnde Cavalier von Johann Gottfried Schnabel An der Erzählung arbeitete Hoffmann im Frühjahr 1817. Dies geht aus einem Brief hervor, den er am 3. Mai 1817 an seinen Leihbibliothekar Kralowsky richtete: „Es kommt mir, eben mit einer Erzählung beschäftigt, darauf an, mich in den galanten Styl von den Jahren 1740 bis 60 oder auch wohl noch etwas später hineinzudenken. Ohne Original möchte das Portrait unähnlich werden, sollten Sie nicht vielleicht noch irgend einen Roman aus jenen Jahren besitzen? - Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Cavalier wäre mir das liebste, aber wo den auftreiben!“
Anregungen für einzelne Aspekte des Gartenfestes entnahm Hoffmann den in der Erzählung selbst genannten Werken Der im Irr-Garten der Liebe herum taumelnde Cavalier (1738) von Johann Gottfried Schnabel und Die Asiatische Banise, oder Das blutig- doch muthige Pegu (1689) von Heinrich Anshelm von Zigler und Kliphausen. Aus letztgenanntem Barockroman zitiert Hoffmann fast wörtlich. Die Werke dienten dazu, den Geist der Zeit um 1760 in Hoffmanns Erzählung lebendig werden zu lassen.
Quellen im weiteren Sinn sind die Werke über den Mesmerismus und den Magnetismus, insbesondere Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel (1811) von Carl Alexander Ferdinand Kluge. Der Schlusssatz von Hoffmanns Erzählung „Es ruht!“ ist wörtlich an das Ende von Jean Pauls Roman Hesperus oder 45 Hundposttage (1795) entlehnt.
Rezeption In einem der raren Rezeptionszeugnisse urteilt der Philologe Konrad Schwenck 1823 in Hermes oder kritisches Jahrbuch der Literatur: „Bei weitem das beste Stück dieser zwei Bände und in mancher Hinsicht sinnvoll und anmuthig durchgeführt.“ Damit nahm Schwenck den Text von seiner ansonsten vernichtenden Kritik der Erzählsammlung der Nachtstücke aus.mini|E. T. A. Hoffmann, vor 1822|254x254pxHoffmann selbst äußerte sich in einem Brief an den Verleger Carl Friedrich Kunz vom 8. März 1818 verhalten über seine Erzählung: „[D]as steinerne Herz ist so – so!“
In der wissenschaftlichen Literatur spielt die Erzählung eine eher untergeordnete Rolle und wird meist nur am Rande erwähnt. Charakteristisch hierfür ist das Urteil des Literaturhistorikers Walther Harich in seiner Hoffmann-Biographie E. T. A. Hoffmann. Das Leben eines Künstlers, wonach es sich bei der Erzählung um „eine der verfehltesten Arbeiten Hoffmanns“ handle. Auch in der neueren Forschung findet die Erzählung keine ausführlichere Behandlung.
Hoffmanns Erzählung beeinflusste auch spätere Schriftsteller. Nach Einschätzung des Germanisten Gerhard R. Kaiser könnte Wilhelm Hauff durch Hoffmanns Erzählung Das steinerne Herz zu seinem Kunstmärchen Das kalte Herz (1828) angeregt worden sein. Später hatte Hugo von Hofmannsthal, in Kenntnis von Hoffmanns Erzählung, ein Werk dieses Titels geplant, das jedoch erst Arno Schmidt, ein „gründlicher Hoffmann-Kenner“, mit seinem Roman Das steinerne Herz (1956) tatsächlich geschrieben hat.
Ausgaben
E. T. A. Hoffmann: Das steinerne Herz. In: E. T. A. Hoffmann. Nachtstücke. Der Sandmann. Das öde Haus. Das steinerne Herz. Mit einem Essay "Zum Verständnis der Werke" und einer Bibliografie von Robert Mühlher. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1964, S. 73–96. E. T. A. Hoffmann: Das steinerne Herz. In: E. T. A. Hoffmann. Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816-1820. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1985, S. 318–345.
Literatur
Friedhelm Auhuber: In einem fernen dunklen Spiegel. E. T. A. Hoffmanns Poetisierung der Medizin. Westdeutscher Verlag, Opladen 1986, ISBN 3-531-11763-7, S. 159–170. Philipp Böttcher: Das steinerne Herz (1817). In: Christine Lubkoll, Harald Neumeyer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart [u. a.] 2015, ISBN 3-476-02523-3, S. 68–70. Gerhard R. Kaiser: E. T. A. Hoffmann: Nachtstücke. Reclam, Stuttgart 1990, ISBN 3-15-000154-4, S. 414–415. Hyun-Sook Lee: Die Bedeutung von Zeichnen und Malerei für die Erzählkunst E. T. A. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 1985, ISBN 3-8204-8889-8, S. 208–210. Robert Mühlher: E. T. A. Hoffmann. Nachtstücke. Der Sandmann. Das öde Haus. Das steinerne Herz. Mit einem Essay "Zum Verständnis der Werke" und einer Bibliografie von Robert Mühlher. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1964, S. 97–136. Birgit Röder: "Fort in die Welt! - Nach Konstantinopel!" Das Orientbild im literarischen Werk E. T. A. Hoffmanns. In: German life and letters, Bd. 64, 2011, S. 514–519. Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Nachtstücke. Klein Zaches. Prinzessin Brambilla. Werke 1816–1820. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-618-60870-5, S. 1027–1032. Hartmut Steinecke: Die Kunst der Fantasie : E. T. A. Hoffmanns Leben und Werk. Insel, Frankfurt am Main / Leipzig 2004, ISBN 3-458-17202-5, S. 307–309.
Weblinks
Das steinerne Herz – Textausgabe bei Zeno.org Das steinerne Herz – Textausgabe im Projekt Gutenberg
Einzelnachweise
Kategorie:Werk von E. T. A. Hoffmann Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Erzählung Kategorie:Doppelgänger in Kunst und Literatur Kategorie:1817