Das Gedicht Die zwei Gesellen wurde im Jahr 1818 von Joseph von Eichendorff verfasst. Es wird teilweise auch unter dem Titel „Frühlingsfahrt“ geführt und ist unter diesem Namen 1840 von Robert Schumann vertont worden (op. 45 no. 2 in „Romanzen und Balladen“).
Text
Die zwei Gesellen Es zogen zwei rüst’ge Gesellen Zum erstenmal von Haus, So jubelnd recht in die hellen, Klingenden, singenden Wellen Des vollen Frühlings hinaus.
Die strebten nach hohen Dingen, Die wollten, trotz Lust und Schmerz, Was Rechts in der Welt vollbringen, Und wem sie vorübergingen, Dem lachten Sinnen und Herz. –
Der erste, der fand ein Liebchen, Die Schwieger¹ kauft’ Hof und Haus; Der wiegte gar bald ein Bübchen, Und sah aus heimlichem Stübchen Behaglich ins Feld hinaus.
Dem zweiten sangen und logen Die tausend Stimmen im Grund², Verlockend’ Sirenen, und zogen Ihn in der buhlenden Wogen Farbig klingenden Schlund.
Und wie er auftaucht’ vom Schlunde, Da war er müde und alt, Sein Schifflein das lag im Grunde, So still war’s rings in die Runde, Und über die Wasser weht’s kalt.
Es singen und klingen die Wellen Des Frühlings wohl über mir; Und seh ich so kecke Gesellen, Die Tränen im Auge mir schwellen – Ach Gott, führ uns liebreich zu dir! Anmerkungen: 1 Schwieger: Schwiegermutter 2 Grund: Abgrund, Tiefe
Interpretation
Einleitender Überblick
Zunächst (I bis V) wird eine Geschichte erzählt, deren Hauptpersonen zwei Gesellen sind. Darunter kann man sich zwei junge Männer vorstellen, die ihre berufliche – wahrscheinlich handwerkliche – Grundausbildung abgeschlossen haben und sich nun in der Welt erproben und Erfahrungen sammeln wollen. Das Wort 'Geselle' konnte in früheren Sprachstufen aber auch einfach nur 'Bursche' oder 'Gefährte' bedeuten. Die beiden begeben sich gemeinsam auf die Wanderschaft und gehen später getrennte Wege. In der letzten Strophe kommentiert ein lyrisches Ich die unterschiedlichen Schicksale. Das Gedicht besteht aus sechs fünfzeiligen Strophen mit dem Reimschema , wobei jeweils die drei Zeilen mit den a-Reimen klingende Kadenzen haben (z. B. Gesellen/hellen/Wellen) und die mit den b-Reimen stumpfe (z. B. Haus/aus). So liegt dem gesamten Text ein grundsätzlicher Wechsel aus Vorwärtsdrängen und leichtem Einhalten zugrunde. Wegen des überzähligen Verses mit klingendem a-Reim überwiegt das dynamische Element. Alle Verse haben drei Hebungen, die Senkungen sind teils zweisilbig (z. B. Es zogen zwei rüstge Gesellen …) teils einsilbig (z. B. … Zum ersten Mal von Haus …); man kann also von daktylischen und jambischen Versfüßen sprechen, sodass sich auch in dieser Hinsicht ein Wechsel ergibt, und zwar zwischen fast tänzerischem Schwung und einem ruhigeren, festeren Schritt. Die beschriebenen Phänomene zeigen auf, dass ein enger Zusammenhang zwischen inhaltlichen und formalen Elementen besteht, sodass man sie nicht getrennt voneinander betrachten sollte.
Einzelanalyse der sechs Strophen
Ausgangssituation (I und II)
Die erste Strophe, die den Aufbruch der Gesellen schildert, ist von Schwung und Enthusiasmus geprägt. Es ist Frühling; die Kälte und die Dunkelheit des Winters sind endlich überwunden, sodass man der monotonen Enge des Hauses entfliehen kann. Für die beiden Protagonisten geht es darüber hinaus um die Lösung aus festen Bindungen und Gewohnheiten. Ihnen eröffnen sich weite Perspektiven, und zwar sowohl im räumlichen als auch im zeitlichen Sinne, denn die Welt und die Zukunft liegen vor ihnen. Ihr Jubel über die neu gewonnene Freiheit steht im Einklang mit dem Überschwang der Natur. Dies alles spiegelt sich in den formalen Mitteln wider: Die Vokale sind überwiegend hell, die Enjambements beschleunigen das Tempo, die Wellen symbolisieren Dynamik, die Attribute suggerieren Fülle, besonders der Schlagreim der Partizipien klingenden, singenden (I, 4). Das etwas altmodische Adjektiv rüstig (I, 1), das die beiden Gesellen charakterisiert, ist hier in seiner ursprünglichen Bedeutung zu verstehen: Sie sind gut gerüstet für das, was ihnen begegnen wird, sie sind den Anforderungen, die auf sie zukommen, gewachsen.
Die zweite Strophe zeigt, dass es ihnen nicht nur um die Freiheit von etwas geht, also die Befreiung von Einengungen und Zwängen, sondern dass für sie ausdrücklich die Freiheit zu etwas im Vordergrund steht, also die Möglichkeit, etwas Konstruktives zu leisten. Dieser Aspekt wird durch die Anapher und den parallelen Satzbau in den ersten beiden Zeilen deutlich hervorgehoben: Die strebten … / Die wollten … (II, 1/2). In dieser Hinsicht wirken sie ernsthafter als der Taugenichts in Eichendorffs gleichnamiger Erzählung, der ziemlich leichtfertig reagiert, als sein Vater ihn vor die Tür setzt: „Nun, … wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.“ Die beiden Gesellen dagegen streben nach hohen Dingen (II, 1); sie haben offensichtlich Ideale, die über die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse hinausgehen. Die Formulierung Was Rechts in der Welt vollbringen (II, 3) unterstützt einerseits diesen hohen Anspruch, relativiert ihn aber zugleich ein wenig, denn etwas Rechtes ist etwas Ordentliches, etwas Realisierbares, nicht unbedingt etwas Außergewöhnliches und Geniales. So ergibt sich eine Ausgewogenheit zwischen idealistischem und realistischem Streben. Wer die beiden Gesellen sieht, betrachtet sie wohlgefällig (II, 4/5), und so befinden sie sich nicht nur im Einklang mit sich selbst und der Natur (vgl. I, 3–5), sondern sie erfahren darüber hinaus auch gesellschaftliche Akzeptanz. Man kann also ihre Ausgangssituation in jeder Hinsicht als äußerst günstig bezeichnen. Lediglich die Formulierung trotz Lust und Schmerz (II, 2) enthält eine kleine Einschränkung: Interessant ist dabei die Parallelisierung von Lust und Schmerz, die normalerweise eher als Gegensätze betrachtet werden. Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie eine grundsätzliche Schwäche der menschlichen Natur darstellen, die sich durch vorübergehende Gefühle und Befindlichkeiten – seien sie positiv oder negativ – zu leicht von vorgesteckten Zielen abbringen lässt. Wenn also hier eine ganz leichte Besorgnis in Bezug auf das spätere Schicksal der beiden Gesellen aufkommt, so betrifft sie nicht diejenigen Hindernisse und Gefahren, die ihnen in der Außenwelt begegnen könnten, sondern sie bezieht sich auf das, was jedem Menschen immanent ist, ihm also von innen, von seinem eigenen Wesen her droht.
Unterschiedliche Lebenswege (III bis V)
Schon bald trennen sich die Wege der beiden Gefährten, was nicht negativ gewertet zu werden braucht, weil solche Trennungen zu den natürlichen Elementen der Ablösungsphase gehören, in der die beiden Protagonisten sich befinden.
Dritte Strophe: Der Weg des ersten Gesellen scheint schnell in einem Erfolg zu münden, der dem anspruchsvollen Streben gerecht wird, denn die Liebe (III, 1) ist ein hohes Ideal; die Gründung einer Familie (III, 3) und die Bewirtschaftung eines Hofes sind etwas Rechts. Die Rolle der Schwiegermutter lässt allerdings leichte Bedenken aufkommen (III, 2): War da ein wenig Bestechung ihrerseits und ein wenig materialistischer Opportunismus von Seiten des ersten Gesellen im Spiel? Auf der inhaltlichen Ebene findet man keine weiteren Hinweise, die bei der Entscheidung helfen; aber die Analyse der formalen Mittel führt zu einem wenig erfreulichen Ergebnis: Die Diminutivformen (Liebchen, Bübchen, Stübchen; III, 1/3/4) ironisieren den Lebensstil und ziehen ihn ins Lächerliche; die Unreinheit der Reime (Trübung des hohen, reinen „i“ zum „ü“) lassen die Echtheit der Liebe fragwürdig erscheinen; die Dynamik der eingangs beschriebenen Wellen (I, 4) wird auf das Wiegen des Kindes (III, 3) reduziert. Der kurzatmige Zeilenstil überwiegt: Es findet sich nur ein einziges schwaches Enjambement (III, 4/5), das dazu dient, den recht begrenzten Blick aus heimlichem Stübchen … ins Feld hinaus zu illustrieren. Dieser Geselle hat einen zu kurzen Bogen geschlagen, was sich auch in der Wiederaufnahme von Reimwörtern widerspiegelt (III b entspricht I b: Haus/hinaus). Er ist direkt aus der Geborgenheit des Elternhauses (I, 2) in die Gemütlichkeit des von der Schwiegermutter gekauften Hauses (III, 2) gezogen, um sich dort zu etablieren, und er ist völlig zufrieden mit seiner gesicherten Existenz und seiner festen Einbindung in die Familie. Dieses Glück würde man ihm vielleicht gönnen, wenn er seine Ideale (II, 1–3) nicht so leicht und schnell verraten hätte, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu werden.
Vierte Strophe: Die Rolle, die beim ersten Gesellen das Liebchen und die Schwieger spielen, übernehmen beim zweiten Gesellen die Sirenen (IV, 3), deren betörendem Gesang sogar der kluge und erfahrene Odysseus nur dadurch widerstehen konnte, dass er sich von seinen Gefährten am Mast des Schiffes fest binden ließ. Der naive Geselle im vorliegenden Gedicht aber unterliegt ihren Verlockungen. Die symbolische Bedeutung der Sirenen bezieht sich nicht nur auf den sinnlichen Bereich, es gibt durchaus auch geistige Verführungen; so können die Sirenen als verkleidete Ideale auftreten, die „hohen Dinge“ können zu gefährlichen Ideologien pervertiert sein. Es gelingt also auch dem zweiten Gesellen nicht, seine ursprünglichen Pläne zu realisieren, dennoch legt er wohl den weiteren Weg zurück und dementsprechend wird auch der Darstellung seines Schicksals mehr Raum gewidmet, nämlich zwei Strophen. In IV werden die dynamischen Elemente der ersten Strophe aufgegriffen und variiert. Sein Leben ist reicher, bunter, dynamischer, abenteuerlicher als das seines ehemaligen Gefährten. Das spiegelt sich in den extrem starken Enjambements und in der Fülle von Attributen wider, die noch etwas stärker als in I in Form von Partizipien auftreten. Das akustische Element, das in III völlig fehlt, taucht in gesteigerter Form wieder auf und gipfelt in der Synästhesie farbig klingend (IV, 5), sodass ein ganzheitliches Erlebnis aus Bewegung, Farbe und Klang entsteht. Zugleich aber wächst die Gefahr: Die dynamischen Wellen (I, 4) werden zu bedrohlichen Wogen (IV, 4), der durchgängige Hakenstil illustriert die Sogwirkung, das Überwiegen von dunklen Vokalen suggeriert Unheil und Untergang. Zu welcher erbarmungslosen Enge sich schließlich die Welt für ihn reduziert, verdeutlichen die harten b-Reime Grund/Schlund. Er ist in eine Falle geraten, und als sie sich wieder öffnet und ihn freigibt, was sich in der Milderung der Reime widerspiegelt (Grunde/Schlunde V, 1/3), ist es zu spät.
Die fünfte Strophe beschreibt dieses Scheitern des zweiten Gesellen, welches ihm – im Gegensatz zum ersten Gesellen – deutlich bewusst wird. Es ist ihm nicht gelungen, Herr über sein Leben zu werden und es in sinnvolle Bahnen zu lenken. Der Schwung ist zerstört, der Lebensmut ist gebrochen. Das spiegelt sich darin wider, dass nun – abgesehen von einem einzigen „müden“ Enjambement (V, 1/2) – der Zeilenstil benutzt wird. Das Bild des Seefahrers führt der Dichter fort, indem er von Schifflein (V, 3) spricht. Im Gegensatz zum Stübchen (III, 4) des ersten Gesellen hat die Diminutivform hier aber keinen ironischen Unterton, sondern wirkt eher mitleidig und traurig. Während man also die dritte Strophe geradezu als Parodie auf die Hochstimmung des Anfangs betrachten könnte, wird man hier mit einer Tragödie konfrontiert: Selbstvertrauen, Einklang mit der Natur und gesellschaftliche Akzeptanz sind verloren; es bleiben Resignation (V, 2), Kälte (V, 5) und Einsamkeit (V, 4). Besonders eindrucksvoll ist der Hinweis auf die Stille, die in bitterem Kontrast steht zu dem Jubeln, Singen und Klingen, das eingangs geschildert wird. Durch das einleitende „so“ weist Eichendorff ausdrücklich auf den Bezug hin: So jubelnd … – So still … (I,3–V,4). Positiv werten lässt sich das Bewusstsein des Scheiterns: Der zweite Geselle ist zwar physisch und psychisch zerstört, hat jedoch eine höhere Reflexionsstufe erreicht als der erste.
Kommentar des lyrischen Ich (VI)