miniatur|Willibald Gebhardt Karl August Willibald Gebhardt (* 17. Januar 1861 in Berlin; † 30. April 1921 ebenda) war ein deutscher Naturwissenschaftler, der mit Forschungen und Theorien zur Lichttherapie wesentlich zu deren Entwicklung beitrug. Seinen historischen Bekanntheitsgrad erlangte er jedoch als Begründer der olympischen Bewegung in Deutschland und als Förderer der modernen Olympischen Spiele.
Beruflicher Werdegang Willibald Gebhardt besuchte als Sohn eines Buchdruckermeisters das Friedrich Realgymnasium in Berlin. Nach dortigem Abschluss 1879 studierte er Chemie – drei Semester in Marburg und sieben in Berlin. Mit seiner Dissertation Ueber substituierte Amide der Kohlensäure Thiokohlensäure promovierte er 1885 zum Dr. phil., denn das Institut für Chemie gehörte an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin zur Philosophischen Fakultät. Im Laufe seines Lebens und noch danach wurde Gebhardt häufig als Mediziner und Arzt bezeichnet, wogegen er sich stets wehrte. Zu diesem Missverständnis trug bei, dass Gebhardt nach seiner Promotion an medizinischen Vorlesungen teilnahm und Studien in Hygiene und physiologischer Chemie betrieb.
Seit 1885 arbeitete Willibald Gebhardt im Familienbetrieb, den sein Bruder nach dem Tod seines Vaters übernommen hatte. 1890 ließ er sich seinen Erbteil auszahlen und siedelte über in die USA. Auch hier galt sein besonderes Augenmerk der im ausgehenden 19. Jahrhundert viel beachteten Thematik der Hygiene, unter der nicht nur die Reinlichkeit, sondern die Gesundheit als komplexes Ganzes verstanden wurde. Durch die in den USA starke Verbindung zwischen sportlicher Betätigung und Gesundheit lernte Gebhardt den Wert des Sports schätzen. Als Fechter war er ohnehin dem Sport nicht abgeneigt.
Gebhardts Engagement für die Olympischen Spiele Erste olympische Aktivitäten Gebhardts erfolglose Versuche als Unternehmer ließen ihn Anfang 1895 nach Deutschland zurückkehren. Nur wenige Wochen nach seiner Rückkehr erfuhr er durch den griechischen Gesandten in Berlin, Kléon Rangavis, von der Ausrichtung Olympischer Spiele in Athen 1896 und vom mangelnden Interesse in Deutschland für eine Teilnahme. Gebhardt erkannte sehr schnell den Grund in der Rivalität innerhalb der Turn- und Sportbewegung in Deutschland, und er ergriff sofort die Initiative. Nach seinen Vorstellungen konnte die voranschreitende Spaltung nur durch einen übergeordneten Verband aufgehalten werden. Gebhardt veröffentlichte bereits im April 1895 einen Aufruf für eine Ausstellung für Sport, Spiel und Turnen, bei der er mit Geschick und Einfühlungsvermögen die einzelnen Organisationen der Turn- und Sportbewegung zusammenführen konnte. Die Ausstellung, die vom 1. Juni bis 31. August 1895 im Alten Reichstagsgebäude in Berlin stattfand, war damit die erste olympische Aktivität in Deutschland.
Das allgemein positive Echo und die Unterstützung in Teilen der Turnerschaft nahm Gebhardt zum Anlass, bereits im September 1895 den Deutschen Bund für Sport, Spiel und Turnen auszurufen, dessen stellvertretenden Vorsitz er übernahm. Sein weiteres Bestreben, den Bund von einer Teilnahme Deutschlands an den Olympischen Spielen 1896 in Athen zu überzeugen, scheiterte jedoch bereits in den ersten Sitzungen am Widerstand insbesondere der Vertreter der Deutschen Turnerschaft (DT) und des Zentralausschuß zur Förderung der Jugend- und Volksspiele, deren Meinung nach eine Teilnahme dem nationalen Selbstgefühl widersprechen würde. Alle Überzeugungsversuche Gebhardts scheiterten, so dass er bereits am 18. November 1895 seinen stellvertretenden Vorsitz abgab und aus dem inzwischen von der Turnerschaft beherrschten Bund austrat.
Bildung eines Olympischen Komitees für Deutschland Der Austritt verdeutlicht die Konsequenz mit der Gebhardt sein vordringliches Ziel, die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen 1896 in Athen, verfolgte. Nur Tage später verfasste er eine Werbeschrift zum Zwecke der Bildung eines Komitees für die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen zu Athen. Am 13. Dezember 1895 trafen sich im Berliner Hotel Zu den vier Jahreszeiten 40 Personen, die alle zum erweiterten Bekanntenkreis von Gebhardt gehörten. Mit Kléon Rangavis hatte er einen Redner eingeladen, der alle Anwesenden schließlich eindrucksvoll davon überzeugte, dass die ersten Olympischen Spiele in Griechenland nicht ohne deutsche Beteiligung stattfinden sollten, schließlich wären die Deutschen, im Gegensatz zu den Franzosen, gern gesehene Gäste.
Das durch den Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) noch immer schwer belastete Verhältnis beider Länder war maßgeblich dafür verantwortlich, dass große Teile der Sportbewegung in Deutschland eine ablehnende Haltung gegen die von einem Franzosen, Pierre de Coubertin, wiedererweckte olympische Idee einnahmen. Auch Coubertin konnte oder wollte nichts zur Entspannung beitragen. So fand der internationale Sportkongress an der Sorbonne in Paris im Juni 1894, der später als erster Olympischer Kongress in die Geschichte eingehen sollte, ohne deutsche Beteiligung statt.
Die von Gebhardt einberufene Versammlung endete schließlich einvernehmlich mit dem Beschluss zur Gründung des Komitees für die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen zu Athen. Dieses Komitee ist historisch betrachtet das erste Nationale Olympische Komitee für Deutschland. Mit Unterstützung von Rangavis, der dank seines Amtes als griechischer Gesandter das gute Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland an höchster Stelle lobte, gelang es Gebhardt, den Erbprinz Philipp Ernst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Sohn des damaligen Reichskanzlers und Ministerpräsidenten von Preußen, als Präsident des Komitees, und den Prinzen Albert von Schleswig-Holstein als Vizepräsidenten des Komitees zu gewinnen. Gebhardt selbst übernahm das Amt des Schriftführers.
Bemühungen um die Teilnahme Deutschlands an den Olympischen Spielen 1896 in Athen miniatur|Gedenktafel am Sportzentrum Schöneberg in Berlin, Sachsendamm 11, von Paul Brandenburg miniatur|hochkant|Gedenktafel am Olympiastadion Berlin, in Berlin-Westend
Nur wenige Tage nach Gründung des Komitees erteilte der Zentralausschuss für Volks- und Jugendspiele dem griechischen Organisationskomitee für die Olympischen Spiele in Athen eine Absage auf die bereits im Juni 1895 erhaltene Einladung. Hauptgrund hierfür waren gegen Deutschland gerichtete Äußerungen in der französischen Presse, an denen sich angeblich auch Coubertin beteiligt hatte. Außerdem wurde beklagt, dass in das von Coubertin 1894 gegründete Internationale Olympische Komitee (IOC) kein deutsches Mitglied berufen wurde.
Die in ihrem nationalen Selbstverständnis stark getroffenen Turner standen ohnehin von Beginn an der olympischen Idee mit ihrer international orientierten Zielvorstellung ablehnend gegenüber, was in der Forderung nach einem nationalen Olympia gipfelte. Ein fundamentaler Streit zwischen Gebhardts Komitee und dem Zentralausschuss zusammen mit der Deutschen Turnerschaft schien unausweichlich. Dennoch versuchte der auf Einigkeit bedachte Gebhardt die Wogen zu glätten, indem er einerseits die Turner von einer Teilnahme zu überzeugen versuchte, andererseits Coubertin aufforderte, für Aufklärung zu sorgen.
Ende Dezember 1895 nahm Gebhardt erstmals Kontakt zu Coubertin auf, indem er ihm einen Brief schrieb und darin das neu gegründete Komitee vorstellte. Gleichzeitig bat er ihn um Stellungnahme zu den Presseberichten in Frankreich. Dieser hielt sich jedoch sehr bedeckt, insbesondere was die Frage eines deutschen Repräsentanten im IOC betraf. Sogleich wandte sich Gebhardt an den Griechen Demetrius Vikelas, den seinerzeitigen Präsidenten des IOCs, und trug ihm sein Anliegen vor. Deutschland möge doch bitte bei einer Teilnahme an den Olympischen Spielen in Athen auch im IOC durch ein Mitglied vertreten sein. Vikelas war diesem Wunsch sehr aufgeschlossen und bot Gebhardt im Januar 1896 an, ihm einen Kandidaten zu benennen.
Gebhardt hielt sich in dieser Frage zunächst noch zurück, denn sein Bestreben lag weiter auch darin, die Turner mit ins Boot nach Athen zu holen, schließlich hatte sich mit dem Angebot einer Mitgliedschaft eines Deutschen im IOC ein Argument der Turner für die Nichtteilnahme an den Olympischen Spielen in Luft aufgelöst. Er bot den Turnern sogar an, ein mögliches IOC-Mitglied aus ihren Reihen zu benennen. Schließlich veröffentlichte er Ende Februar 1896 sogar eine Broschüre mit dem Titel: Soll Deutschland sich an den Olympischen Spielen beteiligen? Ein Mahnruf an die Deutschen Turner und Sportmänner. Die Antwort des Zentralausschusses war jedoch weiterhin ablehnend. Die Abneigung gegenüber Gebhardts Komitee und deren Vertretern aus dem Hochadel war inzwischen unüberbrückbar.
Währenddessen war Gebhardt nicht untätig. Einerseits bemühte er sich um eine Verschiebung der Olympischen Spiele, damit er mehr Zeit für die Vorbereitungen gewinnen könnte, schließlich waren es bis zum Eröffnungstag der Spiele, dem 6. April 1896, nur noch wenige Wochen. Andererseits hatte er bereits Kontakte zu Vertretern verschiedener Sportverbände aufgenommen, so dass er schon Anfang Februar aktive Sportler zu einer Versammlung einladen konnte. Auch für die Finanzierung hatte Gebhardt sich engagiert, indem er einen Spendenaufruf veröffentlichte.
Trotz aller Missstimmung mit der Deutschen Turnerschaft, dessen verbrämt ideologische Haltung Gebhardt fast ausschließlich seinen Funktionären anlastete, war ihm an einer Teilnahme der Turner in Athen so sehr gelegen, dass er sich bereits Wochen zuvor mit einzelnen Turnern persönlich in Verbindung gesetzt hatte, um sie von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen zu überzeugen. Nachdem dies bekannt geworden war, unternahm die Turnerschaft eine öffentliche Kampagne gegen diese Turner, um ihr Ansehen abzuwerten. Erstaunlicherweise traten die Vereine, denen die Turner angehörten, dem entschieden entgegen, was zu einer Art Rehabilitation führte.
Mitte März 1896, genau 24 Tage vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Athen, wurde auf einer der letzten Sitzungen des Komitees für die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen zu Athen die Mannschaft für Athen berufen, 21 Sportler und 8 Betreuer. Die Leitung wurde Willibald Gebhardt übertragen. Wichtigste Entscheidung dieser Sitzung war jedoch die Benennung Gebhardts als provisorisches deutsches Mitglied für das IOC.
Mitgliedschaft im IOC und Kontakt zu Pierre de Coubertin miniatur|hochkant=1.3|IOC-Mitglieder 1896 in Athenv. l. n. r.oben: Gebhardt, Guth-Jarkovsky, Kemeny, Balckam Tisch: Coubertin, Vikelas, Boutowsky
Die offizielle Aufnahme Gebhardts ins IOC wurde eher beiläufig vorgenommen. Eigentlich war es in den Anfangsjahren des IOCs Coubertins Privileg, die Mitglieder zu berufen. Die Schwierigkeiten, die er mit der Benennung eines deutschen Mitglieds hatte, waren bekannt. Dank der Fürsprache von Vikelas und der Tatsache, dass Gebhardt als Leiter der deutschen Delegation und als offizieller deutscher Kandidat fürs IOC nach Athen reiste, kam Coubertin nicht umhin, Gebhardt an den Sitzungen des IOCs, die während der Olympischen Spiele in Athen stattfanden, teilnehmen zu lassen. Hiermit war Gebhardt faktisch als IOC-Mitglied von Coubertin bestätigt und tauchte fortan auf der Mitgliederliste auf.
Gleich bei seiner ersten Teilnahme an einer Sitzung am 6. April 1896, dem Eröffnungstag der Spiele, ließ Gebhardt keine Zweifel an seiner Entschlossenheit und Zielstrebigkeit. Sogleich unterbreitete er den Vorschlag, die Olympischen Spiele 1904 in Berlin zu veranstalten. Außerdem bat er um einen neuen Olympischen Kongress, damit einige Beschlüsse überarbeitet bzw. ergänzt werden könnten. Schließlich übernahm er auch noch die Aufgabe, von den Spielen 1896 einen Bericht abzufassen.