mini|250px|Das Schauspiel Frankfurt, in dem ab 1972 ein Mitbestimmungsmodell praktiziert wurde, das vom Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann initiiert und 1970 von einer SPD-Mehrheit im Stadtsenat beschlossen wurde. Das Mitbestimmungstheater ist eine Modellform für die demokratische Leitung eines Theaters, bei der die Mitglieder des Ensembles und des technischen Personals als Theaterkollektiv in die Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden. Vor allem in den Demokratisierungskonzepten im westdeutschen Theater der frühen 1970er Jahre kam sie an der Schaubühne am Halleschen Ufer, am Schauspiel Frankfurt und am Frankfurter Theater am Turm zur Anwendung.
Schaubühne am Halleschen Ufer 1970 schufen Regisseure, Schauspieler und Theaterautoren um den Regisseur Peter Stein, der nach der Inszenierung von Vietnam Diskurs von Peter Weiss an den Münchner Kammerspielen dort Hausverbot erhalten hatte, weil er im Anschluss an die Aufführung Geld für die vietnamesische Befreiungsfront sammeln wollte, in der Aufbruchstimmung der 68er-Bewegung ein Theaterkollektiv in einem kleinen Theater in Berlin-Kreuzberg, die Schaubühne am Halleschen Ufer. Selbstbestimmung und künstlerische Freiheit jenseits der Strukturen der traditionellen Stadttheater waren die zentralen Vorstellungen der Gruppe. Die Schaubühne wurde als Kollektiv auf der Basis einer festgeschriebenen Gleichberechtigung aller Mitarbeiter betrieben. Die Neugründung der Schaubühne gilt als wichtigste institutionelle und künstlerische Konsequenz der Politisierung der sechziger Jahre. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Zuviel Freiheit für das Theater?“
Nach der ersten Inszenierung, einer Gemeinschaftsproduktion von Bertolt Brechts Die Mutter durch Wolfgang Schwiedrzik, Frank-Patrick Steckel und Peter Stein, verlangte die Berliner CDU die Streichung der staatlichen Subventionen. Der CDU-Abgeordnete Rudolf Mendel führte als Begründung an, die Schaubühne sei eine „kommunistische Zelle“ und unter dem Vorwand der Kunst werde dort „primitiver Agitationsunterricht“ erteilt. Der Berliner CDU-Vorsitzende Lorenz fügte hinzu, die Mitglieder des Theaters bis hin zum Bühnenarbeiter müssten sich zweimal die Woche „einer Schulung im Marxismus-Leninismus“ unterziehen. Außerdem werde an der Schaubühne in Wort und Tat alles lächerlich gemacht, „was in Berlin in den letzten 20 Jahren entstanden ist“. Es liege „kein künstlerisches Experiment vor, sondern eine klar gegen die Existenz der Stadt gerichtete Tätigkeit“. Die Erregung um das „Kollektivtheater“ der Schaubühne hatte eine Verzögerung der Auszahlung von 1,4 Millionen Mark Fördergeldern des Senats zur Folge.
Die Idee, das bürgerliche Theater durch ein Kollektiv zu ersetzen, ging jedoch bald verloren. Die Zeit des Diskutierens mit Beleuchtern, Technikern und Bühnenbildnern war vorüber, „das Prinzip der kommentierenden und eingreifenden Beobachtung der Proben durch die Schauspieler“ wurde aufgehoben. Claus Peymann begann gegen das Mitbestimmungsmodell zu opponieren. Er bestand darauf, 1971 Peter Handkes „Der Ritt über den Bodensee “ aufzuführen und drohte, die Schaubühne zu verlassen. Als Argument führte er den Erfolgsdruck an, da die politische Kontroverse und die Aussetzung der Subventionen die Aufmerksamkeit auf die Schaubühne gelenkt habe. Als Gerüchte aufkamen, die neuen Regisseure hätten das „Mitspracherecht“ innerhalb des Mitbestimmungstheaters sabotiert, berief Peymann eine Pressekonferenz ein, um zu dementieren.
Ein Teil des Theaterkollektivs an der Schaubühne führte parallel zu Peymanns Handke-Inszenierung Hans Magnus Enzensbergers Das Verhör von Habana auf, eine Arbeit, die auf Radio- und Fernsehdokumenten der kubanischen Revolution zur Invasion in der Schweinebuch beruhte. Mit dieser Arbeit gedachte man, die mit der Brecht-Inszenierung vorgegebene Spielplanlinie fortzusetzen. Der Spiegel lobte diese „konsequente Kollektivproduktion“, doch war auch Peymanns bürgerlicher Inszenierung großer Erfolg beschieden. Peymann hatte das Theater jedoch noch vor der Première verlassen. Die Inszenierung wurde auf Vorschlag des Ensembles von Wolfgang Wiens zu Ende geführt.
Peter Stein und der Dramaturg und Autor Botho Strauß machten die Schaubühne bald weit über die Grenzen Berlins und Deutschlands berühmt. In den 1970er-Jahren entstanden dort bahnbrechende Arbeiten durch Peter Stein, Klaus Michael Grüber und Bob Wilson mit einem glanzvollen Ensemble, dem u. a. Bruno Ganz, Edith Clever, Jutta Lampe, Otto Sander und Peter Fitz angehörten. Mit Aufführungen von Henrik Ibsens Peer Gynt (1971), Kleists Prinz Friedrich von Homburg (1972) und Maxim Gorkis Sommergäste (1974) sowie mit den ersten Dramen des Dramaturgen Botho Strauß und den Bühnenbildern von Karl-Ernst Herrmann schrieb die Schaubühne Theatergeschichte.
Kritische Stimmen bezeichneten die Schaubühne bald als „konterrevolutionär“ und warf ihr wegen des überregionalen Erfolgs vor, sie bediene nur die Unterhaltungssucht der Massen. Die Schaubühne hatte sich vom Studenten- und Kollektivtheater in ein renommiertes Haus verwandelt und übersiedelte 1981 an den Kurfürstendamm in die Schaubühne am Lehniner Platz.
Schauspiel Frankfurt Am 13. Juli 1970 wurde zwischen dem Magistrat der Stadt Frankfurt am Main und den Mitgliedern der Städtischen Bühnen per Magistratsbeschluss eine „Vereinbarung über die erweiterte Mitbestimmung im künstlerischen Bereich der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main“, abgeschlossen. Sie sollte „durch das Abwägen wechselseitiger Vorschläge und Bedenken“ die gesamte künstlerische Planung „durchschaubarer und effektiver“ machen und „alle künstlerischen Reserven mobilisieren“. Ein künstlerischer Beirat erhielt das Recht innerbetrieblicher Mitwirkung bei allen wichtigen Fragen, insbesondere Spielplan- und Engagements sowie das Recht auf Mitberatung bei „Änderung der Theaterstruktur, Intendantenwahl und bei der Wahl der künstlerischen und technischen Vorstände“. Am 13. Oktober stellte Oberbürgermeister Walter Möller den Künstlerischen Beirat in einer Ensembleversammlung vor. Gremien waren die Vollversammlung, der Künstlerische Beirat und das Direktorium. Nach zweijähriger Laufzeit wurde die erste Vereinbarung aufgrund der bis dahin gesammelten Erfahrungen überarbeitet und erlaubte eine Neufassung mit noch größeren Vollmachten für das Ensemble.
Im August 1972 wurde die Position des Generalintendanten von Oper und Schauspiel abgeschafft, das Schauspiel wurde von nun von einem Dreier-Direktorium geleitet: der Regisseur Peter Palitzsch, der Bühnenbildner Klaus Gelhaar (beide nach Zustimmung des Ensembles vom Magistrat berufen) sowie der von der Ensemble-Vollversammlung gewählte Schauspieler Peter Danzeisen.
Palitzsch und Neuenfels Der Regisseur Peter Palitzsch war von 1972 bis 1980 Intendant des Schauspiel Frankfurt und praktizierte dort erstmals das so genannte „Mitbestimmungsmodell“. Im Dreierdirektorium fungierte er als Primus inter pares und setzte als bestimmendes Entscheidungsgremium die Vollversammlung des Ensembles ein. Palitzsch gehörte zu jenen Theatermachern, die den politischen Aufbruch der 68er Jugendrevolte nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Administration betrieben und praktizierte das Mitbestimmungsmodell, bis es an der Realität zerbrach. Peter Iden kritisierte bereits 1974 in der Frankfurter Rundschau das Theater schwer und warf ihm Auflösungserscheinungen vor. Trotz Krisen schrieb der Theaterkritiker Benjamin Henrichs im selben Jahr in der Zeit: „Und trotzdem ist es fast allen anderen Theatern voraus, die von ihrer Krise noch nichts gemerkt haben, ihre Dürftigkeit frohgemut verwalten.“ Die Kulturpolitiker äußerten die Ansicht, dass eine Fortsetzung des Versuchs sich lohnt und so wurde Palitzschs Vertrag verlängert.
Verschiedene Inszenierungen sorgten in dieser Zeit für politische Skandale, etwa Medea von Euripides, 1975 durch Hans Neuenfels inszeniert, und Tage der Commune von Bertolt Brecht (1977 im Deutschen Herbst durch Palitzsch). Klaus Michael Grüber erregte 1973 mit Brechts Im Dickicht der Städte großes Aufsehen und Neuenfels bot zuletzt noch 1979 eine spektakuläre Aufführung von Goethes Iphigenie auf Tauris.
Die Schauspielerin Elisabeth Schwarz erinnert sich an den Alltag im Mitbestimmungstheater:
Der Frankfurter Versuch wurde auch zu einem Testfall, ob kollektive Arbeitsformen an einem Theater dieser Größenordnung (zwei Häuser mit 17 Premieren) möglich sind, und wurde dabei mit der wesentlich kleineren Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin verglichen, die nur drei bis fünf Premieren pro Jahr herauszubringen hatte.
Schaaf und Minks 1980 begann die kurze Direktionszeit des Regisseurs Johannes Schaaf, der gemeinsam mit dem Bühnenbildner Wilfried Minks und der Schauspielerin Eos Schopohl als gewählter Vertreterin des Ensembles das Haus leitete. Regisseure wie Horst Zankl und B. K. Tragelehn und Schauspieler wie Sepp Bierbichler, Rosemarie Fendel, Fritz Schediwy, Heinrich Giskes, Heinz Werner Kraehkamp, Friedrich-Karl Prätorius, Suzanne von Borsody, Paulus Manker, Peter Kremer und Siggi Schwientek waren in diesen Jahren am Haus engagiert. Gremien waren Vollversammlung, Beirat, Koordinationsausschuss und Direktorium. Die kurze Direktionszeit Schaaf/Minks begann mit Georg Büchners Dantons Tod in der Inszenierung von Johannes Schaaf, Kleists Penthesilea (Regie: Wilfried Minks) und Tartuffe von Molière mit Bierbichler und Schediwy in der Inszenierung von B. K. Tragelehn, die einen der wenigen künstlerischen Höhepunkte dieser Zeit markierte.
Innerbetriebliche Auseinandersetzungen überschatteten bald die künstlerische Arbeit, zwischen Ensemble und Leitung kam es zu tiefgreifenden Auseinandersetzungen. Hilmar Hoffmann, Frankfurter Kulturdezernent von 1970 bis 1990 und Initiator des Mitbestimmungsmodells, musste bald des Öfteren als Schlichter bei nächtlichen Diskussionen und zahlreichen Querelen auftreten und meinte: „Das sind Veranstaltungen, die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht.“
Am 21. März 1981 demonstrierten Sympathisanten der RAF während einer Vorstellung von Goethes Toleranz-Drama Iphigenie auf Tauris gegen die Haftbedingungen von RAF-Häftlingen und hielten anschließend das Theater besetzt. Nachdem der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann das Hausrecht an sich gezogen hatte, wurde das Haus in den frühen Morgenstunden polizeilich geräumt, wobei auch die Mitglieder des Theaters in die Räumung mit einbezogen wurden. Das Ensemble protestierte am nächsten Tag gegen die „unverhältnismäßige Gewaltanwendung“ der Polizei, die mit Schlagstöcken gegen die friedlichen Besetzer vorgegangen war und ließ vor den Vorstellungen eine Erklärung verlesen, in der es sich mit den Forderungen der Besetzer solidarisierte und darauf hinwies, dass sich angeblich einige RAF-Gefangene in Lebensgefahr befänden. Polizeibeamte sicherten – gegen den Protest der Schauspieler – die Vorstellungen. Johannes Schaaf, der die Räumung gut geheißen hatte, wollte sich im Gegensatz zu seinen Co-Direktoren Eos Schopohl und Wilfried Minks dem Protest des Ensemble nicht anschließen und wurde in der Vollversammlung des Ensembles dafür kritisiert und zu Selbstkritik aufgefordert. Daraufhin ließ er sich von seiner Funktion im Direktorium suspendieren. Die Erklärung des Frankfurter Schauspielensembles lautete: