mini|Titelvignette der Churbaierischen Intelligenzblätter von 1776: Die aufgehende Sonne verweist auf den Aufbruch des Aufklärungszeitalters. Der Sinnspruch darunter (Fiat lux: Es werde Licht!) ist dagegen der biblischen Genesis entnommen
Katholische Aufklärung bezeichnet zunächst ganz allgemein die spezifische Ausprägung der Aufklärungsepoche in katholischen Ländern. Im engeren Sinne ist damit aber auch eine von katholischen Autoren, Wissenschaftlern, Klerikern und Fürsten getragene Strömung gemeint, die sich im Sinne der Aufklärung für einen vernunftbestimmten Fortschritt und gegen überkommene Strukturen einsetzte.
Herrscher, die vom aufgeklärten Absolutismus geprägt waren, ordneten in ihren Territorien die klerikalen Machtstrukturen neu und führten in verschiedenen kirchlichen und weltlichen Bereichen Reformen durch. Innerkirchlich wandte man sich gegen die Allmacht des Papstes (Febronianismus), dezimierte und erneuerte katholische Gemeinschaften wie Klöster und Stifte. Kleriker vermittelten ein Religionsverständnis, das jenseits des Volksglaubens eine individuelle Religiosität unter dem Einfluss des Jansenismus und der protestantischen Aufklärungstheologie hervorbrachte. Das staatliche elementare und höhere Bildungswesen wurde neu geordnet. In der Jurisprudenz wurden Versuche unternommen, Folter und Hexenprozesse abzuschaffen. In der staatlichen Administration bediente man sich der Kameralistik. Einige katholische Theologen, Lehrende und Fürsten bezogen sich auf Toleranz gegenüber der Zensur absolutistischer und klerikaler Machtzentren. Literatur und Publizistik entwickelten sich im Geist einer gemäßigten Aufklärung. Leitidee war insbesondere der auf Kaiser Joseph II. zurückgehende Josephinismus. Erste Ansätze der katholischen Aufklärung gehen auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Ihr Ende ist schwer zu datieren, liegt aber Anfang des 19. Jahrhunderts, als zunächst 1803 die Säkularisation der geistlichen Fürstentümer zur Einführung weiterer Aufklärungsprojekte beitrug. Wendepunkte waren das Aufkommen der katholischen Romantik und die Wiederzulassung des Jesuitenordens 1814.
Historischer Hintergrund In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts trat ein Wandel in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ein. Die Entstehung des bürgerlichen Selbstbewusstseins, die Neugestaltung der sozialen Ordnung und die Entwicklung der bürgerlichen Öffentlichkeit, wie wir sie heute kennen, gehörten zu diesem Umbruch. Während bisher Tradition, Sitte und Religion im Mittelpunkt des Lebens standen, wurde nun durch den Zeitgeist der Aufklärung die Forderung nach Vernunft, Kritik und Zweckmäßigkeit laut.
mini|hochkant=1.5|Die Konfessionen in Zentraleuropa um 1618 Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation kamen im Vergleich zum restlichen Europa mehrere Faktoren zusammen, die die Aufklärung besonders prägten. Das Reich war konfessionell gespalten, in das katholische und das protestantische Lager. Außerdem handelte es sich um keinen Nationalstaat, vielmehr war es regional sehr unterschiedlich gestaltet ohne viele gemeinsame Reichsinstitutionen. Hinzu kam, dass die Gelehrten und Fürsten noch Ende des 17. Jahrhunderts ihre Geschäfte und Anliegen nicht in Deutsch, sondern in Lateinisch und Französisch abwickelten.
Der Prozess der Aufklärung wirkte sich auch auf Fragen des Glaubens aus. Die Ideen der Aufklärer trafen auf ein Weltbild, das sich bisher über Gott definierte. Das Verhältnis von Kirche und Staat wurde in den katholischen Ländern im Reich lange von Rom und den Jesuiten bestimmt. Durch die Alphabetisierung, die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem in den Städten verbreitete, sahen sich die katholischen Seelsorger mit Gläubigen konfrontiert, deren neu erworbenes Wissen sich nicht mehr mit den bisher gegebenen Umständen vereinbaren ließ. Sie begannen, an den gegebenen Umständen zu zweifeln, die Dinge zu hinterfragen und ihre Rechte und Pflichten nicht mehr als selbstverständlich hinzunehmen, sondern sie auf ihre Notwendigkeit zu prüfen. Viele Aufklärer waren nicht unreligiös, sie wendeten sich aber gegen die von Rom praktizierte, mit prunkvollen und abergläubischen Darstellungsformen verbundene Barockisierung des Katholizismus. Die Entwicklung war begleitet von der tief greifenden Umgestaltung der europäischen Gesellschaftsordnung. In den katholischen Bereichen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation herrschte in dieser Zeit der Reichsadel. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden jedoch neue Gesellschaftsschichten, die in dem absolutistischen ständischen Gesellschaftssystem keinen Platz fanden und das System überforderten.
Die katholische Kirche besaß im Reich eine besondere Stellung, da sie seit dem Westfälischen Frieden von 1648 ein Teil der Reichsverfassung war. Sie stand gleichberechtigt an der Seite des Staates. In den Aufgabenbereich der deutschen Bischöfe fielen nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Verpflichtungen. Da sie gleichberechtigte weltliche Fürsten waren, besaßen sie neben ihren Diözesen zusätzlich weltliche Territorien, vergleichbar mit dem Kirchenstaat des Papstes. Die geistlichen Kurfürsten von Kurmainz, Kurköln und Kurtrier wählten gemeinsam mit fünf weltlichen Fürsten den Kaiser. Ihnen kam also ein bedeutender Machtanteil zu. Darum spricht man auch von einem „Sonderweg“ der katholischen Aufklärung im Deutschen Reich beispielsweise gegenüber Frankreich. Denn im Reich fand die Katholische Aufklärung nicht gegen Theologie und Kirche, sondern mit ihr und durch sie statt.
Der Ursprung der Katholischen Aufklärung liegt einerseits im Jansenismus, andererseits in der protestantischen Aufklärung. Der Jansenismus bestärkte die Entwicklung einer religiösen Individualität. Er richtete sich vor allem gegen den vom Papst publizierten Barockkatholizismus. In erster Linie setzte er sich in Österreich zu einer Reformbewegung durch. Für das Reich und die Katholische Aufklärung schuf der Jansenismus die Grundlage für die staatskirchlichen Reformen. Der zweite Ursprung der katholischen Aufklärung lag in der norddeutschen protestantischen Aufklärung, die auf verschiedene Art und Weise aus Norddeutschland in die katholischen Länder verbreitet wurde. Zum einen durch in Norddeutschland studierende süddeutsche und österreichische Katholiken, beispielsweise an der Universität Göttingen, die als Zentrum der protestantischen Aufklärung galt. Zum anderen übernahmen die katholischen Bildungseinrichtungen seit Mitte des 18. Jahrhunderts die philosophischen Lehren der norddeutschen Aufklärer.
Ziele der katholischen Aufklärer und Strömungen wie Jansenismus, Episkopalismus, Febronianismus und Josephinismus waren die Verbesserung der Seelsorge, Umgestaltung der Gottesdienste, Verminderung der Prozessionen und Wallfahrten, Beseitigung der traditionellen Volksfrömmigkeit, Klosterreformen, Reformen des Rechtsverständnisses, die Neugestaltung des weiblichen Ordenswesens und praktische Reformen. Grundsätzlich zielten die Aufklärer auf eine Loslösung der Bischöfe vom Papst, die Beseitigung der Adelsprivilegien innerhalb der Reichskirchen und die Errichtung von Landeskirchen.
Periodisierung Die Katholische Aufklärung lässt sich nach Harm Klueting in drei Phasen gliedern. Ihre erste Phase dauerte etwa von 1740 bis 1770. Sie glich einer Vorbereitungszeit, während der Katholiken die bis dahin praktizierte theologische Lehre zu kritisieren begannen. Die Kritik richtete sich in erster Linie gegen die Jesuiten, denen die Leitung vieler Lehrstühle an den Universitäten oblag. Es wurde gefordert, die moderne Philosophie Christian Wolffs bei der kirchlichen Lehre zu berücksichtigen, um die katholische Lehre zu erneuern und dem modernen Zeitgeist entgegenzukommen. Betroffen waren davon vor allem die Universitäten in Würzburg, Salzburg und Trier.
mini|Anton von Maron: Porträt Kaiser Joseph II. (1775) Die zweite Phase begann mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 durch Papst Clemens XIV. und dauerte bis ca. 1780. Die Aufhebung war vor allem im höheren katholischen Bildungswesen zu spüren, da jetzt weltliche Gelehrte die Lehrstühle der Universitäten übernahmen. Im Zuge der Auflösung des Jesuitenordens wurden die Universitäten Münster 1780 und Bonn 1786 gegründet.
1780 markierte den Beginn der dritten Phase. Sie war charakterisiert durch den Josephinismus, der durch Kaiser Joseph II. in Österreich und den habsburgischen Territorien eingeführt wurde. Damals wurden in Österreich Landeskirchen gegründet, die es in den protestantischen Ländern schon seit der Reformation gab. Der Josephinismus zielte auf die Unabhängigkeit vom Papst in Bereichen wie Bildung, Soziales und Finanzen. Im Geiste des aufgeklärten Absolutismus betrieb Joseph II. verstärkte Staatskirchenpolitik und förderte die staatskirchlichen Reformen, die auch das katholische Reich beeinflussten.
Das Ende der Katholischen Aufklärung ist zeitlich schwer festzulegen. Die Säkularisation von 1803 stellte eine Zäsur dar. Die Reformbewegungen wurden erst nach diesem Einschnitt von der katholischen Bevölkerung akzeptiert und konnten sich durchsetzen. Allerdings setzten schon zeitgleich Gegenbewegungen ein, wie zum Beispiel die katholische Romantik. 1814 wurde der Jesuitenorden wieder zugelassen und kehrte in der Folge nach Deutschland zurück. Am Ende des 19. Jahrhunderts führte Papst Pius IX. auf dem ersten Vatikanischen Konzil neben der Abschaffung der Meinungs-, Religions- und Wissenschaftsfreiheit die Unfehlbarkeit des Papstes ein. 1910 etablierte Papst Pius X. schließlich den sogenannten Antimodernisteneid, der von allen Klerikern der katholischen Kirche abgelegt werden musste und sich gegen die Lehren des (theologischen) Modernismus richtete. Erst das zweite Vatikanische Konzil brachte wieder gegenläufige Entwicklungen. Es wurde eine Erneuerung des katholischen Gottesdienstes beschlossen, der eine aktivere Beteiligung der Gläubigen fördern sollte. Außerdem wurde die Mitarbeit an der ökumenischen Bewegung beschlossen, zur Zusammenarbeit mit anderen Religionen aufgerufen und die Religionsfreiheit wieder anerkannt.
Gemischt-konfessionelle Aufklärung in Deutschland Aufklärung in Deutschland war entscheidend von der konfessionellen Spaltung der Bevölkerung bestimmt. Diese spezielle Konstellation war – abgesehen von der Schweiz – in Europa einmalig. Die Wechselwirkungen und Verbindungen mit der protestantischen Aufklärung innerhalb der deutschen Territorien verliehen dem Aufklärungsprozess eine besondere Prägung. Die Existenz zweier konfessionell unterschiedlich gefärbter Kulturen, der intellektuelle Austausch zwischen ihnen, charakterisierte den Prozess der katholischen Aufklärung maßgeblich. Zugleich war die katholische Aufklärung nicht nur durch die aufklärerischen Impulse und Entwicklungen der protestantischen Kultur geprägt, sondern auch durch Vorläufer in anderen romanisch-katholischen Staaten Europas.
Umstritten ist vor allem, inwieweit es sich bei der katholischen Aufklärung um eine Übertragung von Prinzipien der protestantischen Aufklärung auf katholische Territorien, um einen nachgeholten intellektuellen Modernisierungsprozess oder um ein Phänomen handelt, das auf eigenen geistigen Traditionen beruht.
Neben den unbestreitbar prägenden Einflüssen und Impulsen aus der zeitlich vorausgehenden protestantischen Aufklärung und deren geistigen Zentren besaß die katholische Aufklärung eigenständige Wurzeln und Charakteristika. Die Territorien, in denen geistliche wie weltliche Macht zusammenfiel, waren ausschließlich katholisch. In den protestantischen Staaten hatten die Herrscher zuvor bereits Landeskirchen eingerichtet, die der weltlichen Gewalt unterstanden. Insofern lagen der katholischen Aufklärung völlig andere Voraussetzungen und Bedingungen zugrunde. Katholische Aufklärung ist in Deutschland maßgeblich von der Kirche und ihren Würdenträgern gestaltet und geprägt worden, was ihr einen verhältnismäßig moderaten und systemstabilisierenden Charakter verlieh.