Als Timiș 2 oder Timiș II wird eine 541 Triebwagen und 530 Beiwagen umfassende Serie rumänischer Großraum-Straßenbahnzüge bezeichnet, umgangssprachlich oft auch Timiș-Züge oder Timiș-Wagen genannt. Sie wurden in den Jahren 1970 bis 1990 in Timișoara im Banat hergestellt. In normalspuriger Ausführung entstanden dabei 446 Triebwagen und 435 Beiwagen, in meterspuriger Variante 95 Triebwagen und 95 Beiwagen. Die exakten technischen Bezeichnungen lauteten TM 69 E (Tramvai Motor 69 E) für die Triebwagen und TR 69 E (Tramvai Remorcă 69 E) für die Beiwagen, wobei sich die Zahl 69 auf das Konstruktionsjahr 1969 bezieht.

Der Prototyp und die ersten Serienfahrzeuge entstanden dabei noch in Eigenregie der heutigen Verkehrsgesellschaft Societatea de Transport Public Timișoara (S.T.P.T.), damals noch als I.T.T. (bis 1973) beziehungsweise I.T.C.V.T.T. (ab 1973) bezeichnet. Die spätere Massenfertigung wurde schließlich 1977 dem 1959"Eltim" mizeaza pe dezvoltarea satelor romanesti, Artikel vom 13. April 2007 auf romanialibera.ro gegründeten Maschinenbauunternehmen Electrometal Timișoara übertragen, abgekürzt Eltim.

Straßenbahnzüge des Typs Timiș 2 waren früher in Rumänien sehr stark verbreitet, sie kamen außer bei der Straßenbahn Timișoara selbst in insgesamt zehn weiteren rumänischen Straßenbahnbetrieben zum Einsatz. Lediglich in der Hauptstadt Bukarest sowie in den Betrieben Constanța, Botoșani und Brașov waren sie nie anzutreffen.

Nach der rumänischen Revolution von 1989 und dem darauf folgenden wirtschaftlichen Umbruch beendete Electrometal Timișoara 1990 aufgrund wirtschaftlicher Probleme die Produktion von Schienenfahrzeugen, das Unternehmen selbst existiert jedoch als Hersteller für Hausgeräte bis heute.Website des Herstellers Electrometal Timișoara Ab Mitte der 1990er Jahre wurden die Timiș-2-Züge dann in allen Einsatzbetrieben durch gebrauchte Straßenbahnfahrzeuge aus Westeuropa ersetzt. Im planmäßigen Fahrgastbetrieb kamen sie zuletzt im Juni 2011 bei der Straßenbahn Cluj-Napoca zum Einsatz. Sehr viele Fahrzeuge des Typs Timiș 2 erreichten damit nur eine vergleichsweise kurze Lebensdauer. Dies betrifft insbesondere die zuletzt produzierten Züge, die in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre entstanden.

Charakteristisch für die Timiș-2-Baureihe war ihre spartanische Inneneinrichtung, der hohe Stehplatzanteil bedingt durch den 1+1-Sitzteiler, die vergleichsweise schwache Motorisierung sowie der kontinuierlich hohe Schadbestand. Mitte der 1990er Jahre schätze man diesen beispielsweise auf fünfzig Prozent.Straßenbahn-Magazin 3/1997, Seite 60 Eine Schätzung des Jahres 1992 geht sogar davon aus, dass die Züge damals „bestenfalls noch zu einem Drittel einsetzbar“ waren.Stadtverkehr 6/92, Seite 15 Ebenso typisch war die mangelnde Versorgung mit Ersatzteilen durch den Hersteller. Verstärkt wurden diese Effekte durch die extrem hohe Beanspruchung der Fahrzeuge während der rumänischen Energiekrise in den 1980er Jahren sowie die fehlende Erfahrung der Werkstätten in den ebenfalls in dieser Phase neu eröffneten Straßenbahnbetrieben.

Vorgeschichte Tradition des Straßenbahn-Fahrzeugbaus in Timișoara Bereits im Jahr 1914 – damals gehörte Timișoara noch zu Österreich-Ungarn – begannen die örtlichen Verkehrsbetriebe damit, Straßenbahnfahrzeuge in Eigenregie herzustellen. Zunächst entstanden auf diese Weise nur die drei Beiwagen 01 bis 03, ab 1922 mit dem Typ DII dann – unter Weiterverwendung altbrauchbarer elektrischer Ausrüstungen – erstmals auch Triebwagen. Ab 1948 baute die Timișoaraer Straßenbahngesellschaft schließlich nach dem Vorbild des Schweizer Standardwagens die ersten modernen vierachsigen Großraumwagen Rumäniens, den Typ Gb 2/2. Von dieser Baureihe wurden bis 1954 insgesamt jedoch nur sieben Fahrzeuge hergestellt.

Später konzentrierte man sich dann auf die Rekonstruktion älterer Zweiachser mit Holzaufbauten, die neue Stahlaufbauten erhielten. Zunächst entstanden dabei zwischen 1958 und 1961 die 26 Triebwagen des Typs Pionier, anschließend in den Jahren 1962 bis 1964 die neun Triebwagen des Typs T1-62 beziehungsweise von 1962 bis 1966 die neun Beiwagen des Typs R.1. Mit den T1-62-Triebwagen nutzte man dabei erstmals die Gelegenheit, mit der Typenbezeichnung auf den Produktionsstandort der Fahrzeuge hinzuweisen, indem diese ab Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre alternativ auch als Timiș 1 bezeichnet wurden. Timiș ist ein Banater Fluss, seine deutsche Bezeichnung lautet Temesch. Gemeint ist in diesem Fall jedoch der nach dem Fluss benannte Kreis Timiș, der seit 1968 besteht und dessen Hauptstadt Timișoara ist.

Allen bis 1966 in Timișoara produzierten Straßenbahn-Fahrzeugen ist gemeinsam, dass sie nur in Kleinserien entstanden und sich die Produktion dennoch über mehrere Jahre hinweg erstreckte. Die Herstellung größerer Stückzahlen wäre in den beengten Werkstätten des Straßenbahndepots am Bulevardul Take Ionescu im Stadtteil Fabric logistisch auch nicht möglich gewesen. Vor allem weil die Fertigung parallel zum regulären Instandhaltungs- und Fahrbetrieb erfolgte. Erst mit dem neuen Typ Timiș 2 begann die industrielle Massenproduktion, mit den Umbauwagen der nominellen Vorgängerbaureihe Timiș 1 hatten die neuen Wagen jedoch – außer dem Produktionsstandort – keinerlei Gemeinsamkeiten.

Darüber hinaus existierten in den Jahren 1965 bis 1967 Planungen zum Bau des ersten rumänischen Straßenbahngelenktriebwagens mit dem Projektnamen Tramvai articulat 65, kurz TA-65, die aber nicht verwirklicht wurden. Der dreitürige Wagen hätte 25 Meter lang sein und 200 Personen befördern sollen.Zeitung Drapelul roșu, Ausgabe vom 7. Mai 1969Surprize la Timisoara de Ziua Transportului Public! Avem PROGRAMUL complet! opiniatimisoarei.ro, Artikel vom 7. Juli 2015

Ausgangslage und wirtschaftliche Rahmenbedingungen mini|Stets ein Einzelstück blieb der Gelenkwagen-Prototyp 230 Hauptgrund für die Konstruktion eines eigenen Straßenbahntyps in Timișoara war der zum damaligen Zeitpunkt stark überalterte Wagenpark der örtlichen Verkehrsbetriebe. Es dominierten damals zweiachsige und teilweise sehr alte Fahrzeuge, die dem neuen Stellenwert der Straßenbahn als Massentransportmittel einer damals stark prosperierenden Großstadt nicht mehr länger gerecht wurden. Ebenfalls ausschlaggebend waren die teilweise sehr engen Radien im Netz der Straßenbahn Timișoara. Sie wären nicht für alle damals auf dem Straßenbahnfahrzeugmarkt erhältlichen Typen geeignet gewesen. Diese Anforderung spiegelt sich in der vergleichsweise kurzen und schmalen Konstruktion der Timiș-2-Wagen wider.

Von Beginn an war vorgesehen, den neuen Typ auch an andere rumänische Betriebe zu liefern, zusätzlich sah man auch Chancen zum Export. Hierzu befand sich das Produkt in den Verzeichnissen des Bukarester Außenhandelsunternehmens MECANO Exportimport, wenngleich letztlich kein einziger ausländischer Betrieb von diesem Angebot Gebrauch machte. Auch die Produktion von Gelenkwagen war weiterhin geplant, diese kam jedoch später über zwei 1982 und 1985 fertiggestellte Prototypen mit den Typenbezeichnungen V2 und V2C nie hinaus. Nachdem Astra aus Arad und Electroputere aus Craiova schon seit den 1950er Jahren keine neuen Straßenbahnwagen mehr herstellten, gab es damals mit der Hauptwerkstätte der Bukarester Straßenbahn und den Verkehrsbetrieben in Timișoara nur noch zwei nationale Straßenbahn-Fahrzeugproduzenten. Aus der Hauptstadt kam dabei die Gelenkwagen-Typenfamilie V2A, V2B, V3A und V3B, die von 1971 bis 1992 und damit weitgehend parallel beziehungsweise in Konkurrenz zum Timiș 2, produziert wurde. Tschechoslowakische Tatra-Straßenbahn-Wagen importierte Rumänien hingegen – im Gegensatz zu anderen RGW-Staaten – nur in kleineren Stückzahlen und nur zwischen 1971 und 1981.

Beginn der Timiș-2-Produktion Im Jahr 1969 begannen die Vorbereitungen für die Produktion des neuen Typs, Ende Juli 1970 konnte der weitgehend fertiggestellte Prototyp-Triebwagen erstmals der lokalen Presse vorgeführt werden.Zeitung Drapelul roșu, Ausgabe vom 1. August 1970 Dieser unternahm schließlich am 1. Dezember 1970 seine erste Probefahrt außerhalb des Depots.Zeitung Drapelul roșu, Ausgabe vom 2. Dezember 1970 Anschließend entstand der erste zugehörige Beiwagen, so dass letztlich im April 1971 der erste komplette Zug den Testbetrieb aufnahm.Zeitung Drapelul roșu, Ausgabe vom 21. April 1985 Für die anfänglichen nicht-öffentlichen Testfahrten hatten beide Wagen noch keine Betriebsnummer.

Dieser erste Timiș-2-Zug entstand – wie alle bisher in Timișoara gebauten Fahrzeuge – ebenfalls noch in den Werkstätten des Depots Nummer 1 am Bulevardul Take Ionescu. Für die Konstruktion verantwortlich war der direkt beim Unternehmen angestellte Ingenieur Gheorghe Bihoi, unter Mitwirkung einer Gruppe von Technikern und Ingenieuren der Verkehrsgesellschaft sowie der Polytechnischen Universität Timișoara.Marcel Hoster: Se împlinesc 50 de ani de la debutul producției celebrului tramvai Timiș, Artikel vom 28. Dezember 2020 auf debanat.ro, abgerufen am 23. Dezember 2021. Die Drehgestelle lieferte das Bukarester Fahrzeugbauunternehmen Intreprinderea de Reparaţii Auto Griviţa (I.R.A. Griviţa) zu. Dieses firmierte zeitweise unter der Bezeichnung Centralei Industriale de Reparaţii Auto (C.I.R.A.) und stellte auch die weitgehend baugleichen Drehgestelle für die Bukarester Gelenkwagen her.

Während sich der Verkehrsbetrieb um die behördliche Zulassung des Prototypzugs bemühte, welche die Behörden letztlich nach dem Abschluss der Erprobungsphase am 18. Januar 1972 erteilten, entstand in den Jahren 1971 und 1972 am südlichen Stadtrand südlich des Bulevardul Dâmbovița eine neue Straßenbahn-Produktionshalle mit einem Gleisanschluss an das Straßenbahnnetz. Sie befand sich in direkter Nachbarschaft zum gleichfalls 1972 in Betrieb genommenen neuen Straßenbahndepot. In diesem Werk – wo auch alle weiteren Wagen entstanden – begann schließlich 1972 mit dem Bau des zweiten und dritten Zugs die Serienfertigung.Geschichte der Regia Autonomă de Transport Timișoara auf www.ratt.ro

Um den Aufbau der Fabrikation nach westeuropäischen Standards sicherzustellen, waren zuvor schon ab 1970 für die Dauer von zwei Jahren 40 Facharbeiter, Techniker und Ingenieure aus der Bundesrepublik Deutschland zu Gast in Timișoara.1869–1994, 125 de ani de circulație cu tramvaiul în Timișoara, Monografie. Timișoara 1994. Im Gegenzug lieh die Întreprinderea de Transport Timișoara (I.T.T.), ebenfalls Anfang der 1970er Jahre, eigene Arbeitskräfte an die Münchner Verkehrsgesellschaft aus. Sie halfen die dortigen M-Wagen auf schaffnerlosen Betrieb umzubauen.Straßenbahnfreunde München e. V. – Rückblick auf das Jahr 2000 Die Zusammenarbeit mit Deutschland brachte auch die Verwendung moderner Baugruppen und Komponenten mit sich. Darunter die Ausstattung der ersten Züge mit einer elektrischen Ausrüstung des Unternehmens Kiepe Electric aus Düsseldorf, hierbei kam ein Fahrschalter zum Einsatz, der über 20 Fahr- sowie 17 Bremsstufen verfügte, oder die erstmalige Verwendung von Einholmstromabnehmern bei einem in Rumänien gebauten Schienenfahrzeug.

Die ersten Timiș-2-Züge gingen schließlich Ende des Jahres 1972 in den regulären Linienbetrieb.Modern Tramway. August 1975, Seite 280 Das Verkehrsunternehmen änderte im Zusammenhang mit der Aufnahme der Herstellung von Straßenbahnwagen in größerem Stil auch seinen Namen. Es hieß ab 1973 Întreprinderea de Transport și Construcții Vagoane de Tramvai Timișoara, kurz I.T.C.V.T.T. Um die Herstellung der Straßenbahnwagen weiter zu professionalisieren – die Serienfertigung kam zuvor nur sehr schleppend in Gang – trennte das Unternehmen daher 1977 die Fahrzeugherstellung organisatorisch vom Straßenbahnbetrieb. Für die Produktion war seitdem Electrometal Timișoara zuständig, die Verkehrsgesellschaft selbst firmierte fortan nur noch als Întreprinderea de Transport în Comun Timișoara, kurz I.T.C.T.

Serienfertigung für Timișoara