mini|Timoresischer Krieger am Ende des 19. Jahrhunderts
Die Rebellionen in Portugiesisch-Timor (dem heutigen Osttimor) zwischen 1860 und 1912 waren eine Reihe von Aufständen gegen die sich ausbreitende Macht der portugiesischen Kolonialherrschaft.M. Schlicher: Portugal in Osttimor. 1996, S. 269. Bis zu diesem Zeitraum beschränkte sich der europäische Einfluss auf einige kleine Gebiete der Kolonie, im restlichen Territorium bestand nur nominell eine Vorherrschaft Portugals gegenüber den Liurais, den traditionellen Herrschern der timoresischen Reiche (Reinos). Zwei Daten markieren die Eingrenzung dieses Zeitraums in der Geschichte Portugiesisch-Timors. Im Vertrag von Lissabon von 1859 einigten sich Portugal und die Niederlande erstmals auf eine Grenzziehung zwischen dem niederländischen West- und dem portugiesischen Ostteil der Insel Timor, und 1912 endete die Rebellion von Manufahi, der größte timoresische Aufstand gegen Portugal in der Geschichte. Die Kolonialmacht errang durch die Niederschlagung der Revolten auch über das Inselinnere und die Südküste die vollständige Kontrolle. Die Liurais wurden weitgehend entmachtet und die koloniale Verwaltung ausgedehnt.
Die Aufstände werden teilweise auch als Antisteuerrebellionen bezeichnet, da neben der Zwangsarbeit auch die Einführung der Kopfsteuer () und anderer Zwangsabgaben zu Unruhen führten.G. C. Gunn: History of Timor. S. 81. Für die Rebellion von Manufahi wird die Einführung der Kopfsteuer von 1906/1908 sogar als Hauptgrund angesehen.Douglas Kammen: Fragments of utopia: Popular yearnings in East Timor. In: Journal of Southeast Asian Studies. 40(2) June 2009, S. 385–408, . Allerdings gibt es zahlreiche weitere Auslöser der Revolten, wie die Ausrufung der Republik in Portugal, die zu Unruhe unter den Liurais führte, weil sie dadurch auch ihre Legitimation gefährdet sahen, und der ausgedehnte Aufbau kolonialer Verwaltungsstrukturen. Die Rebellionen lassen sich deswegen nicht nur auf einen einzigen Grund reduzieren.Maj Nygaard-Christensen: The rebel and the diplomat – Revolutionary spirits, sacred legitimation and democracy in Timor-Leste. In: Nils Bubandt, Martijn van Beer (Hrsg.): Varieties of Secularism in Asia: Anthropological Explorations of Religions, Politics and the Spiritual. Routledge, 2011.
Hintergründe mini|Lage Timors mini|Timor war seit dem 17. Jahrhundert in einen niederländischen West- und einen portugiesischen Ostteil geteilt. Der Grenzverlauf wurde aber erst 1914 endgültig festgelegt.
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Reiche, in die sich die Insel Timor aufteilte, de facto unabhängig geblieben. Die koloniale Macht der Portugiesen war vor allem im Landesinneren gering und beschränkte sich meistens auf geringe Tributzahlungen (Fintas). Die Einnahmen der Kolonialherren stammten aus dem Handel mit Sandelholz und einigen anderen Exportgütern. Einer der Gründe für die schwache Herrschaft war der ständige Wettstreit mit den Niederlanden um die Vormachtstellung auf den Kleinen Sundainseln, der Kapazitäten beanspruchte. Doch 1859 wurde im Vertrag von Lissabon ein erstes Abkommen über die Grenzziehung geschlossen.
Nun konnte sich Portugal auf den Ausbau und die Festigung der kolonialen Macht konzentrieren. Auch der technische Fortschritt und besser ausgerüstete Truppen eröffneten neue Möglichkeiten, das Land unter die direkte Kontrolle Portugals zu bringen. Andererseits hatten nun rebellische Timoresen auch legal und illegal die Möglichkeit, sich Feuerwaffen zu beschaffen. Jährlich wurden Tausende von Schusswaffen importiert. In den 1880ern verhängte Portugal ein Handelsverbot, doch erst mit dem Abschluss eines Abkommens mit den Niederlanden 1893 konnte der Waffenhandel eingedämmt werden.Neil Deeley, Shelagh Furness, Clive H. Schofield: The International Boundaries of East Timor. 2001, ISBN 1-897643-42-X (bei Google Buchsuche) Zudem hatten die Timoresen eine lange kriegerische Tradition, die ihre Wurzeln bereits in vorkolonialer Zeit hat. Um neue Wege der Ausbeutung der Kolonie zu schaffen (die Vorkommen des bisherigen Hauptexportguts Sandelholz waren erschöpft), wurden die Timoresen ab den 1890ern zudem zur Zwangsarbeit beim Straßenbau und in Plantagen gezwungen. Schon zuvor wurden die Liurais zum Anbau des 1815 eingeführten Kaffees gedrängt. Der zwanzigste Teil der Ernte musste abgegeben, der Rest zu festgesetzten Preisen an die Kolonialherren verkauft werden. Jene Reiche, die keinen Kaffee anbauen konnten, mussten ein Zehntel der Reisernte an die Portugiesen liefern.G. C. Gunn: History of Timor. S. 82. Am 13. September 1906 wurde die Kopfsteuer für alle timoresischen Familienväter zwischen dem 18. und 60. Lebensjahr eingeführt. Jeder von ihnen musste 500 Reis in bar bezahlen, es sei denn, er leistete eine Vertragsarbeit, arbeitete auf Plantagen mit mehr als 500 Hektar Größe oder lebte in einem Reich, das mehr als 500.000 Pfund Kaffee, Kakao oder Baumwolle produzierte – ein weiterer Schritt zur Steigerung der Produktion von Exportgütern in der Kolonie. Auch Reiche mit weniger als 600 Familien waren von der Kopfsteuer befreit. Die Liurais erhielten als Staatsfunktionäre die Hälfte der Einnahmen aus der Kopfsteuer in ihrem Reich, durften aber selber keine weiteren Abgaben einsammeln, (PDF; 1,1 MB) womit bestehende traditionelle Abgabensysteme abgeschafft und die Liurais abhängig von Portugal gemacht wurden.
Ab 1908Davidson 1994, S. 104. (PDF; 1,4 MB) aus dem „Chega!“-Report der CAVR (englisch) musste jeder erwachsene Timorese die Steuer bezahlen, ab 1909 jeder männliche Timorese ab dem 16. Lebensjahr. Als Timorese galt, wer in der Kolonie geboren wurde, keinen europäischen Vater oder Mutter hatte und sich „durch Wissen und Kleidung nicht von der einheimischen Bevölkerung der Kolonie“ unterscheidet. Chinesische und arabische Händler zahlten statt der Kopfsteuer Abgaben an die Gemeinde, Zoll und für Lizenzen. Die Jahressteuer betrug nun einen mexikanischen Pataca oder anderthalb niederländische Gulden. Die Steuer sollte bevorzugt in Geldform eingezogen werden, wobei im Westen der Kolonie die Steuer in Gulden und im Zentrum und Osten in Pataca fällig war. Die Schwierigkeiten bei der Barzahlung zeigte bald, dass man feste Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse brauchte. Gouverneur Eduardo Augusto Marques (1908–1909) schaffte zudem den Anteil für die Liurai ab. Stattdessen würden sie „weiterhin die Privilegien genießen, die ihnen aufgrund der timoresischen Gepflogenheiten und Bräuche zustehen“.
Ein Problem bei der Kopfsteuer stellte die Unkenntnis der Einwohnerzahl der Kolonie dar. 1910 kam eine Kommission zu dem Schluss, dass in Portugiesisch-Timor 98.920 Familien lebten, deren Oberhäupter zahlungspflichtig waren. Die Anzahl der verschiedenen loyalen Reiche betrug nach der Erhebung 73 oder 75 (Afonso de Castro, Gouverneur von Portugiesisch-Timor 1859 bis 1863, hatte 1867 nur 47 Reiche aufgelistet). Vor allem die Reiche an der kolonialen Grenze und im Krisengebiet von Manufahi litten unter einer Bevölkerungsabnahme. Die Menschen wanderten in das niederländische Westtimor ab, um der Steuerlast zu entkommen.G. C. Gunn: History of Timor. S. 94. 1911 berichtete der Militärkommandant von Fohorem, dass Leute gezwungen seien, junge, weibliche Büffel zu verkaufen, die sonst zur Zucht eingesetzt wurden, um die Steuern bezahlen zu können.Davidson 1994, S. 105.
Portugal hatte große Probleme, die Kontrolle über die Insel zu gewinnen und zu behalten. Gouverneur João Clímaco de Carvalho (1870–1871) teilte in einem Bericht von 1872 die timoresischen Reiche in vier Gruppen: zunächst Gebiete, die unter direkter portugiesischer Kontrolle standen, wie Dili, Batugade, Manatuto, Vemasse, Laga und Maubara; dann die Reiche in unmittelbarer Nähe zu Dili, vor allem westlich der Hauptstadt, die die portugiesische Oberhoheit praktisch anerkannt hatten. Die Reiche im Inselinneren, wie zum Beispiel Cailaco, erkannten diese nicht an, außerdem gab es kaum Kontakte mit den Herrschern. Und schließlich gab es die Reiche an der Grenze zum niederländischen Westtimor, wie Cowa und Sanirin, die offen gegen Portugal rebellierten oder zu denen es, wie zu Suai, seit Jahren keine Verbindungen mehr gab.M. Schlicher: Portugal in Osttimor. 1996, S. 135. Gouverneur José Celestino da Silva (1894–1908) machte die Landschaft für die schwierige Kriegsführung in der Kolonie verantwortlich. Hinter einem schmalen Küstenstreifen steigt die Insel schnell zu einer fast hohen Bergwelt, wo der Transport von Munition sich schwierig gestaltete und die Portugiesen immer wieder aus dem Hinterhalt und erhöhter Position angegriffen werden konnten. Zusätzlich machte das heiße und schwüle Klima den Portugiesen zu schaffen. Den timoresischen Reichen fiel es leicht, militärische Bündnisse zu schließen, die schwer zu bekämpfen waren. Den Chinesen von Atapupu (heute Westtimor) und anderen Schmugglern warf Celestino da Silva vor, die Rebellionen aus Profitgründen anzuheizen. Zudem machte die Abgeschiedenheit Timors die Versorgung der Kolonie mit Truppen und Waffen für Portugal schwer. Vor 1910 bestand nicht einmal eine regelmäßige Schiffsverbindung mit den anderen portugiesischen Besitzungen, geschweige denn mit dem Mutterland.G. C. Gunn: History of Timor. S. 89.
Die Rebellion von 1861
mini|links|350px|Revolten zwischen 1860 und 1893
Die Phase zwischen 1852 und 1859 war die ruhigste, die Portugal in seiner Kolonie erlebt hatte. Aus dieser Zeit wird nur von zwei kleineren Aufständen berichtet: Einer wurde vom Reich Manumera geführt, im anderen rebellierte 1859 der Liurai von Vemasse, Dom Domingos de Freitas Soares, der noch im selben Jahr ins Exil nach Lissabon geschickt wurde.G. C. Gunn: History of Timor. S. 56.G. C. Gunn: History of Timor. S. 85.
Afonso de Castro (1859–1863) machte Major Duarte Leão Cabreira zum Interimsgouverneur, als er selbst aus gesundheitlichen Gründen Portugiesisch-Timor „Erholungsurlaub“ auf Java machen musste. Cabreira diente bereits seit den 1840er-Jahren auf Timor und war ein Kenner des Landes, aber auch tief in den Intrigen der lokalen Politik verstrickt.Davidson 1994, S. 142–146. Im Frühjahr 1861 brachen unabhängig voneinander im Mambai-Reich von Laclo und im Tetum-Reich von Ulmera Revolten aus. Cabreiras Rekrutierung von einheimischen Kräften zur Zwangsarbeit und die „die rigorosen Methoden des Majors“ führten zum Aufstand der beiden Liurais und zur Ermordung der lokalen Regierungsvertreter. Die Rebellen besetzten einen Bergpass in der Nähe der Kolonialhauptstadt Dili und blockierten Lebensmittellieferungen, so dass eine Hungersnot drohte. Man sah sich gezwungen, die benachbarten Niederländer um Versorgungsgüter zu bitten. Gouverneur Castro brachte bei seiner Rückkehr am 6. April dringend benötigte Waffen und Munition mit.G. C. Gunn: History of Timor. S. 83.
Am 10. Juni erklärte Castro den Notstand und ließ Waffen an Zivilisten und sogar an die chinesische Bevölkerung Dilis austeilen. Den ständigen Waffenmangel glich man mit Waffen der Handelskompanie und Lieferungen der Niederländer aus Batavia aus. Außerdem konnte Castro auf 40 indische Krieger zurückgreifen, die nach dem Sepoy-Aufstand gegen die Briten 1857 ins Exil nach Timor gekommen waren. Doch die angeforderte Verstärkung aus Goa brauchte noch Zeit, um nach Timor zu gelangen. Daher bat Castro bei den benachbarten niederländischen Kolonien auf den Molukken um Unterstützung. Der Gouverneur von Batavia entsandte daraufhin die Citadelle d’Anvers, eine Fregatte mit Dampfantrieb, die Dili am 22. Juni erreichte. Drei Tage später fuhr das Schiff weiter entlang der Küste von Manatuto und drängte die Rebellen aus ihren vordersten Positionen.