Die Belgorod-Charkower Operation (auch als Operation Rumjanzew bekannt; ) war eine Offensive der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg, die vom 3. bis zum 23. August 1943 dauerte und aus sowjetischer Sicht als Teil der Schlacht am Kursker Bogen angesehen wird. Die Operation war Teil der lange geplanten sowjetischen Sommeroffensive, in deren Verlauf fast alle Fronten der Roten Armee auf breiter Front zum Angriff übergingen. Während der Operation wurden am 5. August Belgorod und am 23. August Charkow von den deutschen Besatzern zurückerobert.
Die Vorgeschichte mini|Der Frontverlauf im April 1943 Anfang Juli eröffnete die Wehrmacht ihre Offensive gegen den Kursker Bogen, welche sich aber gegen gut aufgestellte sowjetische Verteidiger festlief. Die Operation, die letzte deutsche Großoffensive an der Ostfront, wurde daraufhin von Hitler abgebrochen. Die Rote Armee begann teilweise schon während des deutschen Angriffes ihrerseits ihre lange geplante Sommeroffensive. Teil dieser umfassenden Offensive war auch die Operation Rumjanzew, die als direkter Gegenangriff gegen die vorstoßenden deutschen Verbände geplant war. Dafür wurde eine ganze sowjetische Front (vergleichbar mit einer deutschen Heeresgruppe) als Reserve aufgestellt. Da der deutsche Angriff die sowjetische Führung veranlasst hatte, diese Reserve frühzeitig einzusetzen, konnte die Operation Rumjanzew nicht zum geplanten Termin beginnen. Insbesondere die hohen Verluste an Panzern machten eine Auffrischung nötig.Glantz, House: The Battle of Kursk. 2004, S. 241. Während die Gegenoffensive nördlich von Kursk (Operation Kutusow) im vollen Gange war, blieb es daher um Belgorod herum ruhig. Zusammen mit den enormen Panzerverlusten der Woronescher und Steppenfront im südlichen Teil des Kursker Bogens führte dies zu der Fehleinschätzung der Wehrmacht, die Rote Armee wäre hier nicht mehr zu einem großen Angriff fähig. Auf deutscher Seite kam es deshalb zu einem Abzug von mehreren Panzer-Divisionen. Viele davon wurden nach Norden geschickt, um die in Bedrängnis geratenen Armeen unter Walter Model zu unterstützen. Die 9. Armee sowie die 2. Panzerarmee sahen sich dort, während der Orjoler Operation, schweren Angriffen von drei sowjetischen Fronten ausgesetzt. Des Weiteren wurde zum Beispiel die SS-Panzergrenadier-Division Leibstandarte SS Adolf Hitler nach Italien verlegt, um dem erwarteten Abfall des Achsenpartners zu begegnen.
Sowjetische Pläne Die Operation Rumjanzew war von der Stawka als der Hauptstoß der Sommeroffensive geplant. Während die Operation Kutusow hauptsächlich die Verteidigung im Kursker Bogen unterstützen sollte, hatte Rumjanzew weitaus ambitioniertere Vorgaben. Die Operation zielte darauf ab, die während des Unternehmens Zitadelle geschwächten deutschen Armeen zu zerschlagen. Die 4. Panzerarmee sowie die Armeeabteilung Kempf sollten direkt am Kursker Bogen vernichtet werden, um dann nach Süden zu schwenken und die 1. Panzerarmee und die 6. Armee an der Schwarzmeerküste einzukesseln. Dies hätte die Vernichtung der ganzen Heeresgruppe Süd unter Erich von Manstein bedeutet. Stalin wollte den Angriff bereits am 23. Juli beginnen, doch Schukow erklärte, dass die Verbände Zeit benötigten, um aufgefrischt zu werden. Das erste Ziel der vorstoßenden Armeen sollte die direkte Einnahme des wichtigen Knotenpunkts Bogoduchow sein. Von dort aus sollten die Panzerarmeen einschwenken und Charkow einkesseln.Glantz, House: The Battle of Kursk. 2004, S. 243.
Um die Operation vorzubereiten, begannen bereits am 17. Juli die Süd- und Südwestfront mit Angriffen auf Mansteins Südflügel im Donezbecken (Donez-Mius-Offensive). Diese Angriffe scheiterten zwar unter hohen Verlusten, führten aber gleichzeitig zu einem Abzug von Truppen aus dem Belgorod-Charkow-Sektor.Glantz, House: The Battle of Kursk. 2004, S. 245. Die Hauptkampflinie wurde ab dem 19. Juli auf eine „Zwischenstellung“ etwas weiter nördlich der Ausgangslinie vom 5. Juli verkürzt, um Reserven angesichts der heftigen sowjetischen Offensiven zu schaffen. Diese „Zwischenstellung“ war für die deutschen Divisionen sehr unangenehm, weil sie sehr wenig ausgebaut war. Außerdem wurden die schweren Panzerabteilungen in das Donezbecken und in den Raum Orjol verlegt.Roman Töppel: Kursk 1943. Die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Paderborn 2017, S. 189–190; Percy Ernst Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht. Band III/2, Bonn o. J., S. 804. und Rolf Hinze: Die 19. Panzer-Division, Skizze S. 128 Die Operation, welche als Maskirowka geplant war, erfüllte somit ihren Zweck, den Nordflügel Mansteins zu schwächen. Für den direkten Angriff standen schon in der ersten Phasen zehn Armeen bereit, davon zwei Panzerarmeen. Des Weiteren wurden fünf selbständige Korps bereitgestellt.
Kräfteverhältnis Zwei sowjetische Fronten, die Woronescher Front unter Nikolai Watutin und die Steppenfront unter Iwan Konew, verfügten über 1.144.000 SoldatenFrieser: Die Ostfront 1943/44. 2007, S. 191, zitiert wird Grif sekretnosti snjat von Kriwoschejew., 12.886 Geschütze, 2.418 Panzer und 1.311 Flugzeuge. Die 4. Panzerarmee und die Armeeabteilung Kempf der deutschen Heeresgruppe Süd unter Erich von Manstein verfügten über insgesamt 250.000 Soldaten, 796 Flugzeuge sowie 237 Panzer und Sturmgeschütze.Frieser: Die Ostfront 1943/44. 2007, S. 192 Durch Verstärkungen erhöhte sich die Zahl der deutschen Kampfwagen bis zum 10. August auf 567. Durch gelungene sowjetische Ablenkungsangriffe im Süden und die kritische Lage im Norden, die deutsche Truppenverschiebungen nötig machte, ergab sich im Bereich Belgorod/Charkow ein sehr günstiges Verhältnis für die Rote Armee. + Operation Rumjanzew: Stärkeangaben von Karl-Heinz Frieser und David M. GlantzSoldatenPanzerArtillerie Sowjetisch Deutsch Verhältnis Sowjetisch Deutsch Verhältnis Sowjetisch Deutsch VerhältnisFrieserFrieser benutzt Verpflegungsstärke 1.144.000 ≈250.000 ≈4:1 2.418Frieser zählt die später zugeführten Reserven nicht 237Frieser durch Verstärkungen auf 567 erhöht 10:1 12.866 2.847Die Angaben für ZitadelleFrieser: Die Ostfront 1943/44. 2007, S. 100. 4,5:1GlantzGlantz nutzt VerpflegungsstärkeGlantz, House: The Battle of Kursk. 2004, S. 338. 1.144.000 330.000Glantz schätzt die Stärke und bezieht Verstärkungen mit einGlantz, House: The Battle of Kursk. 2004, S. 345. 3,5:1 2.439 530Glantz bezieht Verstärkungen mit ein. Ohne Verstärkung 250 4,9:1
Verlauf mini|Sowjetische Vormarschrichtungen Zur Unterstützung der Offensive begann in der Nacht zum 3. August die von Partisanen durchgeführte Operation Schienenkrieg gegen das deutsche Schienennetz. Um 5 Uhr am 3. August begann die Operation mit einer dreistündigen Feuerwalze. Danach richtete sich das Feuer der Artillerieeinheiten auf gegnerische Ziele im Hinterland, gleichzeitig begannen die sowjetischen Bodentruppen ihren Vormarsch.Glantz, House: The Battle of Kursk. 2004, S. 247.
Um 8.00 Uhr griffen die sowjetische Truppen nach drei Stunden Artillerievorbereitung und Luftangriffen an. Die im Süden des Kursker Frontvorsprungs angesetzten Streitkräfte der 6. (Generalleutnant I. M. Tschistjakow) und 5. Gardearmee (Generalleutnant A. S. Schadow) hatten über Tomarowka und Borissowka den Durchbruch auf Achtyrka zu erzwingen. Im ersten Treffen der 6. Gardearmee operierten die 67. und 71. Garde-Schützen-Division (22. Garde-Schützenkorps) und die 51. und 52. Gardedivision (23. Garde-Schützenkorps), dahinter im zweiten Treffen folgten die 90. Garde- und die 309. Schützen-Division. Knapp drei Stunden nach Beginn des Angriffs durchbrachen die Stoßgruppen der 5. und 6. Gardearmee die feindlichen Verteidigungsanlagen, große Panzerformationen stürmten in die entstandene 15 Kilometer breite Lücke. In der Nacht des 3. August, nach Einsetzen der Dunkelheit wurden bei der 6. Gardearmee Teile der ersten Staffel durch die frische 90. Garde- und 309. Schützendivision abgelöst. Das Einführen der beiden sowjetische Panzerarmeen überrannte die vorderen deutschen Stellungen, die durch das Artilleriefeuer und Luftangriffe bereits geschwächt waren. Es entstand eine Frontlücke zwischen Belgorod und Tomarowka, durch die sowjetische gepanzerte Stoßkeile bis zu 25 Kilometer vorstießen. Die sowjetische Infanterie drang bis zu acht Kilometer tief in die deutschen Stellungen ein.
Am zweiten Tag der Schlacht wurde beim 32. Garde-Schützenkorps der 5. Gardearmee die in der zweiten Staffel verbliebene 66. Garde-Schützendivision nachgezogen, um die bisherigen Geländegewinne zwischen Puschkarnoje und Stepnoje zu konsolidieren. Am Abend des zweiten Tages bauten zwei deutsche Panzer-Divisionen in der Nähe von Tomarowka eine Verteidigungsstellung auf und schafften es, den Vormarsch der beiden Panzerarmeen zeitweilig zu stoppen. Bis zum 5. August hatte das 32. Garde-Schützenkorps der 5. Gardearmee die noch haltende Verteidigung der deutschen 332. Infanterie-Division überwunden. Am Morgen des dritten Angrifftages blockierte die 66. Garde-Schützendivision die feindliche Verteidigungslinien bei Tomarowka. In Zusammenarbeit mit dem 23. Garde-Schützenkorps wurde die deutsche Verteidigung bei Borissowka umgangen und aufgerollt. Teile von fünf deutschen Divisionen wurden im Bereich Borissowka teilweise eingeschlossen und versuchten, den sowjetischen Vormarsch zu verlangsamen. Die sowjetischen Schützendivisionen, die eigentlich den gepanzerten Stoßkeilen folgen sollten, sahen sich gezwungen, gegen die deutschen Widerstandsnester vorzugehen. Das kostete Zeit und ließ die Panzerverbände teilweise ohne infanteristische Unterstützung.Glantz, House: The Battle of Kursk. 2004, S. 248. Diese deutschen Verbände wurden später, bis zum 9. August, durch gekonnte Gegenangriffe der 11. Panzer-Division und der hastig herangeführten Division Großdeutschland wieder entsetzt.
Bis zum 5. August konnten die sowjetischen Truppen Belgorod zurückerobern und die Rote Armee begann mit dem Angriff in Richtung Charkow. Die sowjetischen Verbände rissen mit ihrer großen Masse an Panzern genau an der Nahtstelle der beiden deutschen Großverbände ein Loch in die Front. Am 7. August klaffte eine 50 Kilometer große Lücke, durch die sowjetische Verbände weiter vordrangen. Dem sowjetischen 6. Panzerkorps (Generalmajor A. L. Getman) der 1. Panzerarmee gelang am gleichen Tag die Besetzung von Bogoduchow. Dieser Erfolg gilt als einer der ersten sowjetischen operativen Durchbrüche durch deutsche Linien.Frieser: Die Ostfront 1943/44. 2007, S. 193, zitiert hier Hauptmarschall der Panzertruppen Pawel Rotmistrow.
Kämpfe bei Bogoduchow mini|Panther der SS-Division „Das Reich“ Ab 10. August schwenkte die sowjetische 1. Panzerarmee scharf nach Süden in Richtung Walki (37 km südlich Bogoduchow) ab und bedrohte die Bahnstrecke Charkow-Poltawa. Im deutschen Führungsstab kam es zu Panik und bereits verlegte Panzereinheiten wurden zurückbeordert. Bis zum 10. August wurden die deutschen Verbände durch zehn weitere Panzer- und Panzergrenadierdivisionen verstärkt, darunter die SS-Panzergrenadier-Division „Das Reich“ und SS-Panzergrenadier-Division „Totenkopf“ sowie die Division Großdeutschland.