mini|Albert Ganzenmüller (1942 oder 1943, offizielles Foto nach seiner Ernennung zum Staatssekretär). Albert Ganzenmüller (* 25. Februar 1905 in Passau; † 20. März 1996 in München) war ein deutscher Diplomingenieur und Reichsbahnbeamter, zuletzt als Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium (RVM) und stellvertretender Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn tätig. Er gilt als Prototyp eines technokratischen Nationalsozialisten.
Als Schüler nahm er am Hitlerputsch 1923 teil. Ganzenmüller war nach 1933 einer der wenigen Alten Kämpfer bei der Deutschen Reichsbahn, der zugleich auch als fachlich kompetent angesehen wurde. Der promovierte Maschinenbauer stieg rasch die Karriereleiter bei der Reichsbahn empor. 1942 wurde er auf Bestreben von Albert Speer Staatssekretär im RVM. In dieser Position war Ganzenmüller unter anderem für die Deportation von Juden aus Deutschland und den besetzten Staaten sowie anderen Opfern des nationalsozialistischen Völkermords mit der Reichsbahn in die Vernichtungslager verantwortlich. In seiner Amtszeit als Staatssekretär wurden mehr als eine Million Menschen ins KZ Auschwitz abtransportiert. Ganzenmüller kümmerte sich persönlich und in Abstimmung mit der SS um den reibungslosen Transport in die Lager. 1945 flüchtete er über die Rattenlinien nach Argentinien, wo er die verstaatlichten Eisenbahnen beriet. 1955 kehrte er nach Deutschland zurück.
Ganzenmüller ist der einzige Reichsbahner, gegen den aufgrund seiner Mitwirkung an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik ein Strafprozess wegen Beihilfe zum Mord eröffnet wurde. Es kam nicht zu einem Urteil, da Ganzenmüller von 1973 bis zu seinem Tod als verhandlungsunfähig galt.
Leben Ausbildung und Eintritt bei der Reichsbahn Ganzenmüller war der Sohn eines Landwirts; seine Familie stammte aus dem Donau-Ries.Lebenslauf Ganzenmüller. Aus: Die Reichsbahn. Amtliches Nachrichtenblatt der Deutschen Reichsbahn (1942), Nr. 22/23, S. 192; wiedergegeben in Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 161, Anlage 17. 1924 legte Ganzenmüller an einem Realgymnasium in München sein Abitur ab und nahm im gleichen Jahr an der Technischen Hochschule München ein Studium der Fachrichtung Maschinenbau auf, das er 1928 als Diplomingenieur abschloss.Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 161. Ebenfalls 1924 wurde er Mitglied des Corps Rheno-Palatia.Kösener Corpslisten 1996, 137, S. 511.
1928 wurde Ganzenmüller Reichsbahnreferendar bei der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft in der Reichsbahndirektion München. Nach dem Staatsexamen 1931 wurde er als Reichsbahnbauassessor zur weiteren Ausbildung in die Reichsbahndirektion Nürnberg übernommen.Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum, Band 6). Teetz 2007, S. 105. Ab dem 24. März 1932 war er als Reichsbahnbaumeister und ab dem 1. April 1934 planmäßig als Reichsbahnrat, ab 1. Oktober 1938 als Reichsbahnoberrat (vergleichbar mit der Amtsbezeichnung Oberregierungsrat) und ab dem 1. Oktober 1940 als Abteilungspräsident (vergleichbar mit einem Regierungsdirektor/Ministerialrat) bei der Deutschen Reichsbahn angestellt.Ernennungsvorschlag für die Beförderung vom Reichsbahnrat zum Reichsbahnoberrat vom 27. Oktober 1938, abgedruckt in: M. Friedman: Zwei verschiedene Urteile in Deutschen Gerichten. Selbstverlag des Institute of Documentation in Israel, Haifa 2002. Er wurde in Breslau, München, Nürnberg und Berlin eingesetzt. In München war er unter anderem am Reichsbahn-Zentralamt im dortigen Forschungsinstitut Mitarbeiter von Wolfgang Bäseler. Er promovierte 1934 an der Technischen Hochschule Breslau bei Georg Lotter mit einer Arbeit über Straßen-Schienen-Fahrzeuge.Alfred C. Mierzejewski: The most valuable asset of the Reich. A history of the German National Railway. Bd. 2, 1933–1945. University of North Carolina Press, Chapel Hill 2000, ISBN 0-8078-2574-3, S. 106; Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 87.Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum, Band 6). Teetz 2007, S. 106.
Karriere im Nationalsozialismus Bereits während seiner Schulzeit schloss sich Ganzenmüller 1922 den paramilitärischen Vereinigten Vaterländischen Verbänden Deutschlands (VVVD) an, wo er eine vormilitärische Ausbildung erhielt. Beim Hitlerputsch am 8./9. November 1923 gehörte er dem „Stoßtrupp Süd des Kampfbundes Reichskriegsflagge“ an, der das Wehrkreiskommando München besetzte. Für die Teilnahme am Putsch wurde ihm 1933 der von Adolf Hitler gestiftete sogenannte Blutorden verliehen.Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 163; Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 86. Ganzenmüller erhielt die Verleihungsnummer 141.
Zum 1. April 1931 trat er in die NSDAP (Mitgliedsnummer 483.916)Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/8970879 und im April 1932 in die SA (Gausturm München-Oberbayern) ein. Im Jahr 1940 hatte Ganzenmüller den Rang eines Standartenführers im Stab der Obersten SA-Führung erreicht. Am 9. November 1942 wurde er in der SA vom Brigadeführer zum Gruppenführer befördert. Als Mitarbeiter des Amtes Technik im NSDAP-Gau Franken und des Hauptamtes für Technik der NSDAP in München stellte er „sein fachliches Können in den Dienst der Bewegung“, wie ein 1942 veröffentlichter Lebenslauf festhält.Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 163.
Ganzenmüller wurde 1934 nach seiner Promotion zum Reichsbahnrat befördert und zum Reichsbahn-Zentralamt in München versetzt. Ein Jahr später war er Leiter der Abteilung für elektrische Lokomotiven im RAW München. In dieser Funktion führte er am 8. Dezember 1935 anlässlich der Jubiläumsparade zum 100. Geburtstag der deutschen Eisenbahnen in Nürnberg Adolf Hitler einen neuen elektrischen Triebwagen vor.Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn. Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 193. Von Januar 1937 bis Mai 1939 arbeitete Ganzenmüller als „Hilfsarbeiter“ (wissenschaftlicher Mitarbeiter) für elektrischen Zugbetrieb im Reichsverkehrsministerium. 1938 wurde er zum Oberregierungsrat ernannt, anschließend 1939 nach einer kurzen Tätigkeit als Vorstand eines Maschinenamts Dezernent für Elektrotechnik im Reichsbahn-Zentralamt München.
Ganzenmüller hatte zwischenzeitlich geheiratet und war Vater zweier Kinder geworden. 1940 scheiterte seine Ehe und er meldete sich freiwillig für die Sonderaufgabe, für die Wehrmacht-Verkehrsdirektion in Paris nach Abschluss des Westfeldzugs den elektrischen Zugbetrieb im besetzten Frankreich wieder in Gang zu bringen.Raul Hilberg: Sonderzüge nach Auschwitz. Mainz 1981, S. 162. Anschließend übernahm er erneut verschiedene höhere Dienstposten bei der Reichsbahn; ab Mai 1941 leitete er unter der Dienstbezeichnung „Vizepräsident“ die Elektrische Oberbetriebsleitung in Innsbruck, die für alle elektrisch betriebenen Strecken der Reichsbahn in den vier vorhandenen Teilnetzen in Baden, Mitteldeutschland, Schlesien sowie Bayern und der Ostmark zuständig war.
Im Oktober 1941 wurde er auf eigenen Wunsch an die „Haupteisenbahndirektion Ost“ in Poltawa versetzt. Dort beseitigte er in kurzer Zeit Verkehrsstockungen und sorgte für die kriegswichtige Umspurung von Gleisen und Fahrzeugen sowjetischer Eisenbahnen. Das erweckte nicht nur die Aufmerksamkeit des Reichsbahn-Generaldirektors und Verkehrsministers Julius Dorpmüller, der Ganzenmüller im Februar 1942 in Poltawa besuchte. Auch Albert Speer, dem neuen Rüstungsminister, der inzwischen nach Lösungen für die im Winter 1941/42 eingetretene Transportkrise im Osten suchte, fiel der als energisch und kompetent geltende Ganzenmüller auf.Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: „Juden ist die Benutzung von Speisewagen untersagt“. Die antijüdische Politik des Reichsverkehrsministeriums zwischen 1933 und 1945 (Schriftenreihe des Centrum Judaicum, Band 6). Teetz 2007, S. 108.
Aufstieg zum Staatssekretär mini|Albert Ganzenmüller (Bildmitte, mit Karte) mit seinem Stab und Sekretärin unterwegs auf dem Dnjepr (Juli 1943).
mini|hochkant|Albert Ganzenmüller (vorne) besichtigt im Juli 1943 eine Streckenbaustelle bei Oleschky.
Seit Speer am 8. Februar 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition geworden war, hatte er die aus seiner Sicht unzureichende Arbeit der Reichsbahn kritisiert und zunächst die Ablösung des damals 73 Jahre alten Verkehrsministers Dorpmüller betrieben. Hitler, der Dorpmüller als Galionsfigur und „getreuen Eckehard“ des Verkehrs benötigte, hielt aber an ihm fest.Klaus Hildebrand: Die Deutsche Reichsbahn in der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945. In: Lothar Gall, Manfred Pohl (Hrsg.): Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45817-3, S. 231. Speer konzentrierte seine Kritik daher auf den Staatssekretär Wilhelm Kleinmann, mit 65 Jahren ebenfalls deutlich älter als die von Speer bevorzugten jungen Technokraten und Ingenieure. Dorpmüller lehnte zunächst eine Entlassung Kleinmanns ab, woraufhin Speer erneut an Hitler herantrat. Am 13. bzw. 18. Mai 1942 empfahl Speer Ganzenmüller mit Verweis auf dessen Leistungen in der Ukraine. Ganz den Vorstellungen Speers entsprach Ganzenmüller beispielsweise dadurch, dass er sich weigerte, Vorlagen zu unterzeichnen, die länger als vier Seiten waren.Klaus Hildebrand: Die Deutsche Reichsbahn in der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945. In: Lothar Gall, Manfred Pohl (Hrsg.): Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45817-3, S. 232. Hitler stimmte Speers Vorschlag zu, nachdem Verkehrsminister Dorpmüller gegenüber Speer erklärt hatte, dass die Reichsbahn mangels Lokomotiven und Wagen keine Verantwortung mehr für die dringlichsten Transporte übernehmen könne.Günter Neliba: Staatssekretär Kleinmann und Nachfolger Ganzenmüller im NS-Reichsverkehrsministerium ab 1937. Berlin 2005, S. 83–85.Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn. Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 192. Hitler, der Kleinmann bereits im Februar sehr deutlich mit der Gestapo gedroht hatte,Klaus Hildebrand: Die Deutsche Reichsbahn in der nationalsozialistischen Diktatur 1933–1945. In: Lothar Gall, Manfred Pohl: Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45817-3, S. 230. ernannte auf Speers Vorschlag am 25. Mai 1942 Ganzenmüller zu Kleinmanns Nachfolger als Staatssekretär des Reichsverkehrsministeriums und stellvertretenden Generaldirektor der Reichsbahn.Raul Hilberg: Die Vernichtung der Europäischen Juden. Frankfurt a. M. 1990, S. 429.Die Proklamation „Deutsche Eisenbahner!“ zu seinem Amtsantritt findet sich in: Deutsche Reichsbahn (Hg.): Amtsblatt der Reichsbahndirektion Mainz vom 13. Juni 1942, Nr. 33, S. 229. Offiziell wurde verlautbart, Kleinmann habe „den Führer aus gesundheitlichen Gründen von der Entbindung von seinen Dienstgeschäften gebeten“.