mini|Skelettrekonstruktion des Sizilianischen Zwergelefanten (Palaeoloxodon falconeri)

Als Zwergelefanten bezeichnet man eine Reihe von überwiegend ausgestorbenen, kleinwüchsigen Rüsseltierformen, die sich im Eiszeitalter auf verschiedenen Inseln entwickelt haben. Sie gehören zumeist den Gattungen Palaeoloxodon und Mammuthus an, es sind aber auch aus anderen Rüsseltierlinien verzwergte Vertreter belegt. Zwei heute lebende Formen, der „Borneo-Zwergelefant“ und der afrikanische „Zwergelefant“, sind in ihrer taxonomischen Stellung umstritten.

Ausgestorbene Insel-Zwergelefanten mini|Größenvergleich des Sizilianischen Zwergelefants, v. l. n. r.: Bulle, Kalb, Kuh Als Zwergelefanten oder besser Insel-Zwergelefanten bezeichnet man eine Reihe von kleinwüchsigen Elefanten der Gattungen Palaeoloxodon und Mammuthus. Dabei ist die Zwergwüchsigkeit eine Anpassung an den verkleinerten Lebensraum auf den Inseln, das verringerte Nahrungsangebot und das Fehlen von Raubtieren. Derartige verkleinerte Inselformen kamen als Ergebnis eines als Inselverzwergung bezeichneten Prozesses im Laufe der Rüsseltierevolution häufiger vor, wie zum Beispiel Stegodon auf den Inseln Südostasiens. Neben den Elefanten unterlagen auch andere großwüchsige Säugetiere, wie etwa das Flusspferd mit den Arten Hippopotamus melitensis, Hippopotamus pentlandi und Hippopotamus minor auf einigen Mittelmeerinseln, dem Prozess der Inselverzwergung. Solche Populationen sind jedoch anfällig gegen Änderungen der Umweltbedingungen wie Naturkatastrophen oder Einflüsse des Menschen. Nach einzelnen Untersuchungen bildet die Isolation der Insel keinen entscheidenden Faktor bei der Verzwergung. Dagegen haben die Größe der Insel, die Zeit, die seit der Trennung von der Hauptpopulation vergangen ist und Konkurrenz mit anderen Arten Einfluss auf den Prozess. Teilweise wirken diese Faktoren gegenläufig. Auf Inseln mit einer Entfernung von 6 bis 10 km zum Festland erfolgte in der Regel kaum eine Verzwergung, da offensichtlich ein genügend großer genetischer Austausch zwischen den verschiedenen Populationen stattfand.Alexandra A. E. van der Geer, Gerrit D. van den Bergh, George A. Lyras, Unggul W. Prasetyo, Rokus Awe Due, Erick Setiyabudi und Hara Drinia: The effect of area and isolation on insular dwarf proboscideans. Journal of Biogeography 43 (8), 2016, S. 1656–1666, doi:10.1111/jbi.12743Athanassios Athanassiou, Alexandra A. E. van der Geer und George A. Lyras: Pleistocene insular Proboscidea of the Eastern Mediterranean: A review and update. Quaternary Science Reviews 218, 2019, S. 306–321 Für den Sizilianischen Zwergelefanten (Palaeoloxodon falconeri) von Sizilien und Malta wurde die Verzwergungsrate bestimmt. Ausgehend von einer Kolonialisierung der Inseln vor rund 70.000 Jahren liegt die Reduktion des Körpergewichts bei rund 18,45 kg und die der Schulterhöhe bei rund 3,41 mm je Generation. Eine frühere Trennung von der Hauptpopulation vor gut 520.000 Jahren ergibt entsprechend 0,79 kg und 0,15 mm je Generation.Sina Baleka, Victoria L. Herridge, Giulio Catalano, Adrian M. Lister, Marc R. Dickinson, Carolina Di Patti, Axel Barlow, Kirsty E.H. Penkman, Michael Hofreiter und Johanna L. A. Paijmans: Defining the island dwarfing rate of an extinct Sicilian elephant using ancient DNA. Current Biology, 2020, doi:10.2139/ssrn.35268913

Inselelefanten des Mittelmeers Auf einigen Inseln des Mittelmeers lebten im Pleistozän Zwergformen, die sich zu einem Großteil aus dem Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) entwickelten, welcher das Festland besiedelte. Weiterhin kamen, wenn auch seltener, Arten vor, die auf die Gattung Mammuthus zurückzuführen sind. Deren Ausgangsformen können einerseits der Südelefant (Mammuthus meridionalis), andererseits auch das Steppenmammut (Mammuthus trogontherii) sein. Abzüglich gewisser Schwankungen innerhalb der einzelnen Populationen kann für diese drei festländischen Arten ein Körpergewicht zwischen 10 und 15 t angegeben werden.Per Christiansen: Body size in proboscideans, with notes on elephant metabolism. Zoological Journal of the Linnean Society 140, 2004, S. 523–549Asier Larramendi: Shoulder height, body mass, and shape of proboscideans. Acta Palaeontologica Polonica 61 (3), 2016, S. 537–574, doi:10.4202/app.00136.2014

Zwergelefanten mini|Skelettrekonstruktion von Palaeoloxodon mnaidriensis Zu den bekanntesten verzwergten Verwandten des Europäischen Waldelefanten gehört unter anderem der Sizilianische Zwergelefant (Palaeoloxodon falconeri) mit einer Schulterhöhe von etwa einem Meter und einem Gewicht von rund 170 kg. Diese Art kam sowohl auf Sizilien als auch auf Malta vor, die beide in den Kaltzeiten des Pleistozäns, als der Meeresspiegel deutlich niedriger lag als heute, einen wohl enger geschlossenen geographischen Raum bildeten. Die Art entstand im mittleren Pleistozän in einer ersten Phase der geographischen Isolierung. Eine zweite Phase der Isolierung führte im späten Pleistozän auf Sizilien und Malta zur Bildung der Art Palaeoloxodon mnaidriensis, die etwas weniger als 2 m an der Schulter maß und bis zu 2,5 t wog.George Zammit Maempel: Għar Dalam. Cave and deposits. Malta, 1989Maria Rita Palombo: Elephants in miniature. In: Harald Meller (Hrsg.): Elefantenreich – Eine Fossilwelt in Europa. Halle/Saale, 2010, S. 275–295 Dagegen ist der ehemals als Maltesischer Zwergelefant beschriebene Elephas melitensis identisch mit Palaeoloxodon mnaidriensis.Lucia Caloi, Tassos Kotsakis, Maria Rita Palombo und Carmelio Petronio: The Pleistocene dwarf elephants of Mediterranean islands. In: Jeheskel Shoshani und Pascal Tassy (Hrsg.): The Proboscidea. Evolution and palaeoecology of the Elephants and their relatives. Oxford, New York, Tokyo, 1996, S. 234–239 Etwa ähnlich groß wie Palaeoloxodon mnaidrensis wurde eine noch unbestimmte Form auf Favignana westlich von Sizilien, deren Alter auf rund 20.000 Jahre vor heute datiert und damit die wahrscheinlich jüngsten Belege von Zwergelefanten im westlichen Mittelmeer repräsentieren. Die heutige Insel war aber zu diesem Zeitpunkt mit Sizilien verbunden.Maria Rita Palombo, Fabrizio Antonioli, Carolina Di Patti, Presti Lo Valeria und Matthew E. Acarborough: Was the dwarfed Palaeoloxodon from Favignana Island the last endemic Pleistocene elephant from the western Mediterranean islands? Historical Biology, 2020, S. 1–19, doi:10.1080/08912963.2020.1772251

mini|links|Darstellung eines Elefanten im Grab von Rechmire (Neues Reich). mini|Oberkiefer von Palaeoloxodon lomolinoi Auch auf den heute teilweise winzigen ägäischen Inseln des Dodekanes wie Astypalea, Tilos und Rhodos sowie der Kykladen, etwa Delos und Naxos gab es ähnliche Formen. Genauer untersucht ist Palaeoloxodon tiliensis von TilosGeorge Theodorou, Nikolaos Symeonidis und Elizabeth Stathopoulou: Elephas tiliensis n. sp. from Tilos (Dodecanese, Greece). Hellenic Journal of Geosciences 42, 2007, S. 19–32 mit einer Schulterhöhe von 1,4 m und einem rekonstruierten Gewicht von 650 kg. Eines der jüngsten datierten Skelette von der Insel Tilos weist ein Alter von 2400 v. Chr. auf,G. E. Theodorou: Die fossilen Zwergelefanten der Höhle „Charkadio“ auf der Insel Tilos, Athen 1983 (= Dissertation an der Dodekanes Univ.). der letzte Nachweis liegt bei etwa 1300 v. Chr. Es ist daher möglich, dass bronzezeitliche Kulturen des Mittelmeerraums diesem Zwergelefanten begegnet sind und etwas mit deren Aussterben zu tun hatten; ob Darstellungen auf altägyptischen Wandmalereien solche Zwergelefanten zeigen, ist bis heute ein Streitpunkt.Baruch Rosen: Mammoths in ancient Egypt? Nature 369, 1994, S. 364–365 Die Schädel der Zwergelefanten könnten im Altertum zur Entstehung der mediterranen Sage von den Zyklopen beigetragen haben, da Elefanten in der Mitte der Stirn eine einzige Nasenöffnung besitzen, die man leicht als Auge missdeuten kann.Hans Dietrich Kahlke: Das Eiszeitalter. Leipzig, Jena, Berlin, 1981 Die meisten anderen Formen sind bis jetzt unbenannt, lediglich die Funde von Naxos wurden im Jahr 2014 als Palaeoloxodon lomolinoi beschrieben, das nur 10 % der Größe eines Europäischen Waldelefanten erreichte.Alexandra A. E. van der Geer, George A. Lyras, Lars W. van den Hoek Ostende, John de Vos und Hara Drinia: A dwarf elephant and a rock mouse on Naxos (Cyclades, Greece) with a revision of the palaeozoogeography of the Cycladic Islands (Greece) during the Pleistocene. Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 404 (15), 2014, S. 133–144Sevket Sen, Eric Barrier und Xavier Crété: Late Pleistocene Dwarf Elephants from the Aegean Islands of Kassos and Dilos, Greece. Annales Zoologici Fennici 51 (1/2), 2014, S. 27–42Sevket Sen: A review of the Pleistocene dwarfed elephants from the Aegean islands, and their paleogeographic context. Fossil Imprint 73 (1/2), 2017; S. 76–92 Während der maximalen Vereisungsphasen der Kaltzeiten des jüngeren Pleistozäns lag der Meeresspiegel teilweise rund 100 m tiefer als heute, wodurch einige Inseln der Kykladen eine größere Landmasse bildeten. Diese in Fachpublikationen als „Paläo-Kykladen“ bezeichnete Insel schloss unter anderem Naxos, Paros und Delos ein, auf denen Nachweise von Elefanten gelangen.