mini|hochkant|Fanny Lewald Jenny ist ein Roman von Fanny Lewald (1811–1889), 1843 vom Brockhaus-Verlag in Leipzig erstveröffentlicht. Er gilt als einer der bedeutendsten und frühesten „Frauenromane“ des 19. Jahrhunderts in deutscher Sprache,Man vergleiche die Auflistung bei Petra Wilhelmy: Der Berliner Salon im 19. Jahrhundert (1780–1914). Walter de Gruyter, Berlin/New York 1989, S. 724. vergleichbar mit den zeitgleich entstandenen Werken der Brontë-Schwestern in England. Das Werk ist sowohl für die Frauen- als auch die Judenemanzipation in Europa bedeutend gewesen,Gudrun Mari-Boehnecke: Fanny Lewald: Jüdin, Preußin, Schriftstellerin. Studien zu autobiographischem Werk und Kontext. Hans-Dieter Heinz, Akademischer Verlag, Stuttgart 1998, S. 5. da hier zum ersten Mal eine Frau relativ offen soziale und politische Umwälzungen mittels der Literatur forderte. Außerdem verglich Lewald darin direkt die Frauen- mit der Judenemanzipation.
Handlung
Die Titelheldin des Romans, Jenny Meier, trägt stark autobiographische Züge der Autorin. Sie entstammt einer reichen jüdischen Handelsfamilie in Norddeutschland und argumentiert angesichts Antisemitismus und patriarchaler Gesellschaftsstrukturen für die Notwendigkeit einer Emanzipation von Frauen sowie Jüdinnen und Juden. Zu Anfang des Romans, der 1832 spielt, liebt sie Reinhardt, einen Kandidaten der Theologie, der recht orthodoxe Ansichten vertritt. Sie tritt zum Christentum über und lässt sich taufen,Jenny ist bei ihrer Taufe 17 Jahre alt, so wie Fanny Lewald, als sie zum protestantischen Glauben übertrat. obwohl sie an verschiedene christliche Dogmen aus Vernunftgründen nicht glauben kann. Kurz vor der Hochzeit gesteht sie ihrem Verlobten in einem Brief ihre Glaubenszweifel. Daraufhin löst er die Verbindung.Er schreibt: "Ich fühle, daß ich kein Weib die Meine nennen darf, dem der heilige Glaube, welchen zu verkünden ich berufen bin, verschlossen ist." (S.256).
Das nächste Kapitel spielt acht Jahre darauf. Jenny hat sich damit abgefunden, nicht zu heiraten. Doch in der Person des aufgeklärten, verständnisvollen und liberalen Grafen Walter findet sie eine neue Liebe. Dieser setzt sich über alle Standes- und Religionsvorurteile hinweg. Beide verloben sich, aber nur wenige Tage später wird er bei einem Duell getötet, als er die Schmähung seiner bevorstehenden Heirat mit einem „Judenmädchen“ bestrafen will. Daraufhin stirbt Jenny schockiert an gebrochenem Herzen.
In einer Parallelhandlung schildert Lewald das Schicksal von Jennys Bruder, Eduard Meier, einem aufgrund seiner Fachkompetenz und Wesensart allgemein angesehenen Arzt. Dieser liebt die Clara Horn, die Tochter eines vermögenden christlichen Bankiers und wird von ihr ebenfalls geliebt, während sie ihrem englischen Cousin William Hughes,Zu den unterschiedlichen Charakteren: Christina Ujma: England und die Engländer in Fanny Lewalds Romanen und Reiseberichten, In: Susanne Stark (Hrsg.): The novel in Anglo-German context : cultural cross-currents and affinities. Papers from the Conference held at the University of Leeds from 15. to 17. September, 1997, Rodopi, Amsterdam/Atlanta 1999, S. 146ff. der sie ebenfalls begehrt, nur in schwesterlicher Liebe zugetan ist. Aufgrund der Gesetze darf jedoch der jüdische Arzt kein Universitätslehrer werden oder eine Professur antreten; und auch die Mischehe zwischen Juden und Christen ist verboten. Obwohl Eduards Liebe aufrecht ist, kann er sich nicht zur Konversion entschließen, da er es für seine höchste Pflicht hält, für die politische und soziale Emanzipation der Juden zu kämpfen. Clara Horn heiratet schließlich ihren Cousin als akzeptierbaren Ehemann und wird somit zur Standardehefrau ohne eigene Persönlichkeit und Hoffnung.
Stil
Lewald zeigt in ihrem Roman auch die Beiläufigkeit antisemitischer Formulierung, wie z. B. durch pseudoliberale Beobachtungseingeständnisse: „Sie ist offenbar eine Jüdin, aber es ist ein sehr interessantes Gesicht“.Fanny Lewald: Jenny. Brockhaus-Verlag, Leipzig 1843, S. 2. Aber auch laienhafte rassentheoretische Phrasen jener Zeit gibt sie schonungslos wieder. In einer Erörterung, die sich unter Gästen eines Silvesterabends nach einer Aufführung des Gemäldes Die trauernden Juden im Exil als Tableau vivant ergibt, heißt es: „Es ist mit den Juden wie mit den Fürstenhäusern oder dem hohen Adel, die sich auch so untereinander rekrutiren. Die Race artet aus ins Krüppelhafte oder sie veredelt sich“.Fanny Lewald: Jenny. Brockhaus-Verlag, Leipzig 1843, S. 260. Den Bruder Jennys, Eduard Meier, lässt sie eingestehen, dass den Juden generell der moralische Mut fehle: „Jahrhundertelang hat die Sklaverei auf uns gelegen und das Volk so gedrückt, daß es sich glücklich fühlt, Ruhe zu genießen und sich resignirt, anstatt mit Ernst die Rechte zu fordern, die man uns vorenthält“.Fanny Lewald: Jenny. Brockhaus-Verlag, Leipzig 1843, S. 261f. Fanny Lewalds Leistung liegt auch darin, dass sie dabei relativ offen im Dialog ihrer Romanfiguren für die seit den Preußischen Reformen unvollständig gebliebene Judenemanzipation im preußischen Vormärz eintritt. In ihren Dialogen geht sie stellenweise sogar darüber hinaus, indem sie geradezu eine zionistische Vision durch Außenstehende formulieren lässt. Man könne nicht leugnen, führt ein Engländer in ihrem Roman aus, dass es unter den Juden eine Menge von Fähigkeiten und Talenten gibt und fährt fort: „Mich wundert, daß diese sich nicht durch die ganze Erde vereinen, daß sie nicht all ihre Fähigkeiten aufbieten, um zum Ziele, zur Gleichstellung zu gelangen“.Fanny Lewald: Jenny. Brockhaus-Verlag, Leipzig 1843, S. 262.
Einige ihrer Dialoge sind auch vor dem Hintergrund interessant, dass andere deutsche Dichter anonym sehr ähnliche Formulierungen mit Analogien zu Schlaf und Ruhe wählten, um politische Umwälzungen einzufordern. Man vergleiche dabei zum Beispiel zwei Strophen von Georg Herweghs Wiegenlied,Georg Herwegh: Wiegenlied. In: Gedichte eines Lebendigen. 2 T., Zürich und Winterthur 1843, S. 88f. Hier zitiert nach: Gerhard Hay/Sibylle von Steinsdorff (Hrsg.): Deutsche Lyrik vom Barock bis zur Gegenwart. dtv, München 1980, ISBN 3-423-02077-6, S. 186. das ebenfalls 1843 veröffentlicht wurde: mini|hochkant|Georg Herwegh, 1847
In der Metaphorik ihres Romans wählte Lewald bewusst andere Bilder aus als in der traditionellen deutschen Literatur ihrer Epoche. Die Figur des Graf Walter empfiehlt sich aus Jennys Sicht gerade dadurch als Gatte, weil er das aus seiner Perspektive sehr gewöhnliche Sinnbild des männlichen Baumes und des weiblichen EfeuZur Symbolik des Gemeinen Efeu: Blatt-Extrakte gegen Keuchhusten - Der Efeu ist „Arzneipflanze des Jahres 2010“ ablehnt: „Sie glauben nicht (…), wie müde ich dieser ewigen Eichen bin, an die sich zärtlich Efeu schmiegt, der Ulmen, an denen die Rebe sich vertrauend emporrankt“. Andererseits glaubt Walter, dass recht viele Ehefrauen seiner Zeit ein regelrecht beklagenswertes Pflanzendasein leben, weil sie emporstrebende Männer weder zurück- noch mit ihnen Schritt halten könnten. Daher sollten Dichter nicht das Ungleichgewicht der Eheleute in derartigen Bildern beschwören. Vielsagend betrachtet er somit mit Freude das von Jenny dabei gezeichnete Bild zweier kräftiger Bäume, deren Äste eng miteinander verschlungen sind.Vgl. Ulrike Weckel: Was kann und zu welchem Zweck dient das Efeu. In: Barbara Duden (Hrsg.): Geschichte in Geschichten: ein historisches Lesebuch. Campus 2003, S. 79–83.Vgl. die ähnliche Interpretation bei Carol Diethe: Towards emancipation: German women writers of the nineteenth century. Berghahn Books, New York 1998, S. 84.Im Vergleich dazu die Fehlinterpretation der Verwendung bei Lewald, was sicherlich der Konzentration auf die mit ihr vergeblich konkurrierenden Ida Hahn-Hahn geschuldet ist. Schließlich verwendet Lewald es als abschreckendes Sinnbild die Beziehung zwischen Eheleuten: Kerstin Emmi Hoffmann: Ida Gräfin Hahn-Hahn: "Gräfin Faustine" Strukturalistische Analyse des Frauenbildes der Gräfinnen. GRIN Verlag, Münster 2010, S. 14.
Hintergrund
Fanny Lewald selbst bezeichnete rückblickend das Verfassen ihrer ersten beiden Romane, Clementine und Jenny als relativ leicht: hier „war das Arbeiten in sofern ganz subjektiv, als ich (…) mich selbst in gewisser Weise meiner Natur zum Modell hatte - und auch für die anderen Figuren hatte ich Modelle, die jedoch zum Teil nur insofern benutzte, als ich das Typische an ihnen festhielt“.Fanny Lewald: Gefühltes und Gedachtes (1838-1888). Hrsg. von Ludwig Geiger, Dresden/Leipzig 1900, S. 153.
Nach dem Verfassen ihres dritten Romans, Eine Lebensfrage (1845), in dem sie die Scheidung thematisierte, entfaltete sie eine rege Reiseaktivität als Kompensation gegen die strenge Abgeschlossenheit ihres strengen jüdischen Elternhauses, was ihr der kommerzielle Erfolg ihrer ersten drei Romane überhaupt erst ermöglichte.Konstanze Bäumer: Reisen als Moment der Erinnerung. Fanny Lewalds (1811-1889) Lehr- und Wanderjahre. In: Ruth-Ellen B. Joeres/Marianne Burkhard (Hrsg.): Out of line - ausgefallen. The paradox of marginality in the writings of 19th-century German women. Rodopi, Amsterdam 1989, S. 137–160.
Rezension
Von den Zeitgenossen wurde Jenny überaus positiv aufgenommen, wobei man sich dessen politischer und literarischer Bedeutung bewusst war: das Buch nehme „ein tieferes, fast historisches Interesse in Anspruch. Aus dem Druck der eigenen, schwer empfundenen jüdischen Verhältnisse hervorgegangen, behandelt es die Fragen der Judenemancipation, des Uebertritts, die sociale Hemmung der einfachsten Glücksbedingungen mit großer Würde“.Blätter für die literarische Unterhaltung, Band 2, F.A. Brockhaus, Leipzig 1849, hier: Nr. 306, 22. December 1849, S. 1222.Vgl. Novellen-Zeitung. Ausgewählte Romane, Novellen, Erzählungen, dramatische und poetische Werke. Literatur-, Kunst-, Musik- und Theaterberichte. Band 2, Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber, Leipzig 1846, S. 96.
Der königlich-sächsische Hofrat und Bibliothekar König Friedrich August II. von Sachsen, Johann Georg Theodor Grässe, ordnete 1858 Fanny Lewalds Verdienste in seiner zeitgenössischen Literaturgeschichte aufgrund ihrer ersten Romane folgendermaßen ein: sie habe „freilich nicht ohne etwas abstracte Idealisirung, Verhältnisse der wirklichen Welt mit geschickter Hand zu malen versucht (…)“.Johann Georg Theodor Grässe: Lehrbuch einer allgemeinen Literärgeschichte aller bekannten Völker der Welt: von der ältesten bis auf die neueste Zeit. 3. Bd., 1. Hälfte, Arnoldische Buchhandlung, Leipzig 1858, S. 562. miniatur|hochkant|Adolf Stahr, von Wilhelm Steinhäuser (1845) Im Staats- und Gesellschafts-Lexikon des Hermann Wagener erwähnte man 1865 bezeichnenderweise Fanny Lewalds Biographie im Rahmen der ihres Mannes Adolf Stahr. Allerdings schätzte die Redaktion ihr Talent höher ein, da sie ihn „an Klarheit der Auffassung ebenso wie an Schärfe der Originalität“ überrage. Neben Licht- und Schattenseiten in ihren Romanen bescheinigte man ihr ein „anerkennenswerthes Talent der Erzählung“.Friedrich Wilhelm Hermann Wagener: Staats- und Gesellschafts-Lexikon. Neues Conversations-Lexikon. In Verbindung mit deutschen Gelehrten und Staatsmännern. Hrsg. von Herrmann Wagener, Bd. 19, F. Heinicke, Berlin 1865, S. 665.