Der Begriff Globalisierung bezeichnet den Vorgang, bei welchem weltweite Verflechtungen in unter anderem den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt und Kommunikation zwischen Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten zunehmen.
Der Begriff entstand wohl in den 1960er Jahren.Geographie und Wirtschaftskunde: Durchblick 8 bei westermann wienNayan Chanda: How Traders, Preachers, Adventurers, and Warriors shaped Globalization. Yale University Press, New Haven 2007, ISBN 978-0-300-11201-6, S. 246. Ab etwa 1986 erschienen zahlreiche deutschsprachige Bücher, die Globalisierung im Buchtitel verwendeten.Wolf-Andreas Liebert: Zu einem dynamischen Konzept von Schlüsselwörtern. In: Zeitschrift für angewandte Linguistik. 38, 2003, S. 57–75.
Als wesentliche Ursachen der Globalisierung gelten: technische Fortschritte, Produkt- und Prozess-Innovationen, insbesondere in Kommunikations- und Transporttechnologien, so u. a. das Internet, die Digitale Revolution,Vgl. hierzu auch Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft. Die Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation. Inhaltsverzeichnis (PDF; 230 kB) die Zunahme des Weltluftverkehrs und die Containerisierung des Stückguttransports, die es ermöglicht, Transport, Umschlag und Zwischenlagerung effizienter zu machen; ordnungspolitische Grundorientierungen, Entscheidungen und Maßnahmen zur Liberalisierung des Welthandels; das Bevölkerungswachstum in vielen Ländern.
Als Vorläufer der Globalisierung gilt der Kolonialismus vieler europäischer Staaten. Er begann mit der Entdeckung neuer Seewege und Länder. Hauptakteure waren jahrhundertelang Portugal und Spanien. England wurde bald nach Napoleons Ende die führende Seemacht der Welt (British Empire). Von etwa 1880 bis 1914 versuchten viele europäische Länder, Kolonien unter ihren Einfluss zu bringen bzw. zu halten (Hochphase des Imperialismus). Später folgten die USA und Japan (siehe auch: japanischer Imperialismus).
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Dekolonisation. Im „Afrikanischen Jahr“ 1960 erlangten 18 afrikanische Staaten die Unabhängigkeit. Die Ex-Kolonien können seitdem Handelsbeziehungen zu anderen Ländern haben. Der Fall des Eisernen Vorhangs und das Ende des Kalten Krieges haben die geopolitische Lage deutlich verändert und dies hat die Globalisierung beeinflusst.
Begriff und Bedeutungen Der Begriff der Globalisierung wurde zunächst in den Sozialwissenschaften geprägt. Manchen Quellen zufolge wurde er 1944 zum ersten Mal verwendet.Barnaby J. Feder: „Theodore Levitt, 81, Who Coined the Term 'Globalization', Is Dead“, New York Times, 6. Juli 2006. 1961 taucht Globalization erstmals in einem englischsprachigen Lexikon auf.
Den Begriff „Globalisierung“ machte der US-amerikanische Trendforscher John Naisbitt (1929–2021) populär. In seinem Buch Megatrends (1982) beschrieb er am Beispiel der Autoindustrie die Funktionsweise der Globalisierung. Naisbitt gilt als Erfinder des Begriffs. Den Begriff „Globalisierung“ prägte in der Wissenschaft Theodore Levitt (1925–2006), ein deutscher EmigrantLouis Lavelle: „Theodore Levitt Dead at 81 “, BusinessWeek, 29. Juni 2006. und ehemaliger Professor an der Harvard Business School, im Jahr 1983 mit dem Artikel The Globalization of MarketsTheodore Levitt: The globalization of markets. In: Harvard Business Review. 61. Jg., 1983, Nr. 3, S. 92. in der Harvard Business Review. Eine schnelle Entwicklung des Wortes in den Buchtiteln von deutschsprachigen Monographien wurde für die Zeit von 1986 bis 2000 beobachtet.Wolf-Andreas Liebert: Zu einem dynamischen Konzept von Schlüsselwörtern. In: Zeitschrift für angewandte Linguistik. 38, 2003, S. 57–75; der Verlauf dieses Prozesses folgt dem Piotrowski-Gesetz: Karl-Heinz Best: Zur Ausbreitung von "Globalisierung" im Deutschen. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft. 16, 2008, S. 17–20. [Erschienen 2010]
Eine andere, weniger gebräuchliche Bezeichnung ist Mondialisierung (nach dem im Französischen bevorzugten Begriff Mondialisation: „Le monde“ heißt „die Welt“). Einige bezeichnen den beschriebenen Prozess nicht als Globalisierung, sondern als Entnationalisierung oder Denationalisierung, um den Macht- und Bedeutungsverlust des Nationalstaates im Zuge der Globalisierung zu beschreiben.
Phänomene der Globalisierung wurden schon lange diskutiert, bevor es den Begriff gab. So benutzte Karl Jaspers in seiner Kulturkritik Die geistige Situation der Zeit (1932) den Begriff planetarisch: . Mit der Vereinheitlichung des Planeten habe ein „Prozess der Nivellierung“ begonnen, . Jaspers erkennt ein Merkmal, hinsichtlich dessen sich die Globalisierung seiner Zeit von anderen unterscheidet: Der Erdball sei nicht nur zu einer Verflechtung seiner Wirtschaftsbeziehungen geworden, sondern der Weltkrieg sei der erste Krieg gewesen, in dem die gesamte Menschheit engagiert war. Die Kulturen verteilten sich über die Welt, aber schon schlüge der erste „Rausch der Raumerweiterung“ in ein „Gefühl der Weltenge“ um.Karl Jaspers: Die geistige Situation der Zeit. 1932, S. 67. Hervorhebung von „planetarisch“ durch den Autor. (1999, ISBN 3-11-016400-0) Die Aspekte der Komprimierung der Welt und eines intensivierten globalen Bewusstseins als wichtige Merkmale der Globalisierung betonte auch Roland Robertson.Roland Robertson: Globalization: Social Theory and Global Culture. London 1992.
Indikatoren der wirtschaftlichen Globalisierung Es gibt verschiedene grundlegende statistische Daten, die als Indikatoren der wirtschaftlichen Globalisierung aufgefasst werden können Wachstum des Welthandels Wachstum der ausländischen Direktinvestitionen Zunahme globaler Unternehmenskooperationen Zunahme der Global Player (Transnationale Konzerne, TNK) Globalisierung der Finanzmärkte Ungleichverteilung globaler Ressourcen
Indikatorproblem Indikatoren sind Messgrößen oder Anzeiger für bestimmte Sachverhalte, die in der Regel mit idealtypischen Begrifflichkeiten gekennzeichnet werden können. Das Problem der Deutung und Messung von Indikatoren ist ein sehr weitläufiges. Beispielsweise kann man nicht genau definieren, wann eine Nation „demokratisch“ ist oder nicht. Auch wenn es Anzeichen (Indikatoren) für eine Demokratie gibt, ist es schwer, den Anfang dieser Demokratie festzulegen. Annäherungen sind aber möglich. Darum ist die Anwendung von Indikatoren sinnvoll, wenn das mit Vorsicht und Besonnenheit geschieht.Ein Beispiel für den Einsatz von Indikatoren für politische Verhältnisse gab Robert Alan Dahl in On Political Equality. Yale University Press, 2006, ISBN 0-300-12687-5, Themen des im Jahr 1915 geborenen Autors sind die Grundlagen der Demokratie, die Bedeutung politischer Teilhabe für die Demokratie, eine Skala für den Grad der „Polyarchie“ und zwei Zukunftsszenarien. Übersetzung: Gabriele Gockel, Barbara Steckham, Thomas Wollermann: Politische Gleichheit – ein Ideal? Hamburg 2006, ISBN 3-936096-72-4.
Bei der Deutung der Indikatoren der wirtschaftlichen Globalisierung ergibt sich eine doppelte Problematik: Zum einen kann man nicht genau differenzieren, welche der Indikatoren tatsächlich zur Erfassung der Globalisierung geeignet wären, zum anderen ist es nicht klar definierbar, welche quantitative Ausprägung bestimmte Indikatoren aufweisen müssten, um Rückschlüsse bezüglich des Fortgangs der Globalisierung zu erlauben. Eine genaue Differenzierung ist aber nicht die Aufgabe und eine klare Definition nicht die Voraussetzung für den Einsatz von Indikatoren, sondern das Verständnis für die Grenzen von Indikatoren hilft, sie als Grundlage für die Erhebung detaillierterer Daten zu verwenden. Dann ist das Indikatorproblem kein Hindernis für den Einsatz von Indikatoren.
Ursache für die Kritik an Indikatoren ist neben ihrer fehlerhaften und missbräuchlichen Anwendung und ihrer möglichen interpretativen Überdehnung gelegentlich der Unwille überhaupt, aus Indikatoren abgeleitete Aussagen anzuerkennen. Dem kann mit einer guten Dokumentation der Bedingungen, unter denen Indikatoren ermittelt wurden, begegnet werden. Die mehrwertige Logik kann bei der Lösung des Indikatorenproblems helfen (siehe auch Data Mining).
Phasen der Globalisierung Die Mehrheit der Historiker nennt das frühe 16. Jahrhundert als Ausgangspunkt der modernen Globalisierung. Ab diesem Zeitpunkt, der zunächst durch Anstrengungen europäischer Händler und Staaten zur Entdeckung eines Seewegs nach Indien gekennzeichnet war, wurde die Welt von Europa aus politisch und wirtschaftlich erschlossen. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich Politik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, da ab dieser Zeit grenzüberschreitende Kräfte nationale Kompetenzen aufweichen.Peter E. Fäßler: Globalisierung. Ein historisches Kompendium. Köln/Weimar/Wien 2007, S. 46 ff.
Die erste Phase dieser neuen Globalisierungswelle datiert Vijay Govindarajan, damals Chef-Innovationsberater bei General Electric, auf die 1950er und 1960er Jahre. Er verbindet sie mit der Expansion der US-Firmen auf internationale Märkte, auf denen durch den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern aller Art entstand.
Die zweite Phase der 1970er und 1980er Jahre war nach Govindarajan bestimmt durch die Globalisierung der Ressourcenbasis vor allem der weltweit agierenden US-Unternehmen, die versuchten, sich die billigsten Ressourcen (Rohstoffe, Montagewerke) zu verschaffen. Ideologisch wurde das von einer neoliberalen Marktöffnung begleitet, durch die auch die politischen Risiken minimiert wurden. Durch neue Kommunikationstechniken wurde es zugleich möglich, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten weltweit zu koordinieren und zu kontrollieren; die wichtigsten Innovationen fanden jedoch weiterhin in den Industrieländern statt. Es entstand ein weltweiter Markt für Informations- und Kommunikationstechnik, markiert z. B. durch den Aufstieg von IBM und Microsoft.
Die dritte Phase von 1990 bis etwa 2008 (Glocalization) habe gezeigt, dass sich allein durch Kostensenkung keine weitere Marktexpansion außerhalb der klassischen Industrieländer erzielen ließ. Diese Erkenntnis führte dazu, dass immer mehr Produkte regional angepasst und produziert wurden. Das gilt besonders für Länder, deren Konsumgewohnheiten von denen der Amerikaner und Europäer abweichen (z. B. McDonald’s lamb burger in Indien). Ein Teil der Innovation verlagerte sich damit in Schwellenländer.
Govindarajan prognostiziert eine künftige Phase, in denen immer mehr Produkte in den Zielländern selbst entwickelt und produziert werden (sog. Reverse Innovation). Diese Innovationen könnten anschließend eventuell von den Industrieländern übernommen werden.Vijay Govindarajan: The case for reverse innovation, in: Bloomberg Businessweek, 26. Oktober 2009.
Dimensionen der Globalisierung
Globalisierung der Wirtschaft thumb|Der Handelsöffnungsindex über fünf Jahrhunderte. Dieser Index ist definiert als die Summe der weltweiten Exporte und Importe, geteilt durch das weltweite BIP. Jede Reihe entspricht einer anderen Quelle.
Kapital- und Warenverkehr