mini|hochkant=1.2|Porträt Ludwig Hoffmann, um 1895 Ludwig Ernst Emil Hoffmann (* 30. Juli 1852 in Darmstadt; † 11. November 1932 in Berlin) war ein deutscher Architekt und von 1896 bis 1924 Stadtbaurat in Berlin. Prägend wurde er für die Architektur Berlins in einer Zeit, in der die Hauptstadt stark wuchs. Zahlreiche öffentliche Verwaltungsgebäude, Schulen, Brücken, Schwimmbäder, Krankenhäuser und andere städtische Bauten konnte er planen und verwirklichen. Hoffmann nannte in seinen Lebenserinnerungen 300 Bauten in 111 Bauanlagen, tatsächlich baute er mehr.Hans J. Reichardt: Gang durch die Ausstellung. In: Reichardt, Schäche (Hrsg.): Ludwig Hoffmann in Berlin. S. 45. Typisch für sein Werk waren die Errichtung des Virchow-Klinikums, der Heilanstalten in Berlin-Buch, von 69 Schulen sowie öffentlichen Schwimmbädern wie dem Baerwaldbad. Hoffmanns Tätigkeit als Stadtbaurat umfasste die Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs und Wachstums im Deutschen Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg und die Novemberrevolution von 1918 sowie die Jahre der Inflation.
Hoffmanns erstes Bauwerk war das Reichsgericht in Leipzig. Aus der späten Schinkel-Schule kommend verfolgte Hoffmann einen Stil des modernen Historismus. Hoffmann bediente sich historischer Formen, stellte sie aber häufig unorthodox zusammen. Diese Formen übernahm er oft aus der italienischen Renaissance oder dem italienischen Barock, später auch aus der norddeutschen Renaissance. Zeitgenossen lobten Klarheit und Einfachheit seiner Bauten. Hoffmann selbst legte Wert auf die individuelle Gestaltung jedes einzelnen Baues und eine künstlerische und handwerkliche Durchdringung aller Details. Die Formensprache der architektonischen Moderne lehnte er ebenso ab wie deren industrielle Produktionsmethoden.
Julius Posener fasste sein Werk zusammen als „reifsten und reichsten Ausdruck der ‚offiziellen‘ Bestrebungen der Zeit. […] Hoffmann war kein Mann des L’art pour l’art. Die Schönheit seiner Schulen, Bäder, Krankenhäuser war Teil der sozialen Reform.“Reichardt, Schäche (Hrsg.): Ludwig Hoffmann in Berlin. S. 6. Wolfgang Schäche beschrieb ihn als bürgerlichen Mann des Deutschen Kaiserreichs. Er wollte durch seine Bauten das Kaiserreich sozial befrieden, nicht überwinden. In der Weimarer Republik geriet Hoffmann schnell in Konflikt mit den Architekten der Moderne und geriet kurz nach seinem Tod weitgehend in Vergessenheit. Kritiker warfen ihm Eklektizismus und Mittelmäßigkeit vor. Erst seit den späten 1970er Jahren wird er, ausgelöst durch Posener und Schäche, wieder stärker wahrgenommen.
Familie mini|Darmstadt 1866, Hoffmann verbrachte in der Stadt Kindheit und Jugend. Hoffmann wurde in Darmstadt als Sohn des nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Carl Johann Hoffmann und seiner Frau Mathilde geboren. Sein jüngerer Bruder Arthur (1855–1936) war Mediziner. Die Mutter starb im Kindbett, als Ludwig Hoffmann sechs Jahre alt war. Ein Jahr später heiratete der Vater erneut. Hoffmann hatte sechs Geschwister, größtenteils Stiefgeschwister.Volker Viergutz: Das hätten wir in der Brüderstraße uns auch nicht träumen lassen – Anmerkungen zur Freundschaft von Ludwig Hoffmann und Alfred Messel. In: Jürgen Wetzel (Hrsg.): Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2001. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2001, S. 76. Seine Stiefmutter bereitete Hoffmann zufolge „uns eine Jugendzeit, wie ich sie jedem Kind wünsche.“Hans J. Reichardt: Gang durch die Ausstellung. In: Reichardt, Schäche (Hrsg.): Ludwig Hoffmann in Berlin. S. 46. Ludwigs Vater Carl Johann arbeitete hauptberuflich als Rechtsanwalt und war neben seinem Mandat im Reichstag zeitweise auch Abgeordneter im hessischen Landtag sowie Präsident der zweiten Kammer des Landtags. Hoffmann beschrieb seine Kindheit und Jugend als Aufwachsen in bürgerlicher Geborgenheit. Im Haus herrschte trotz Wohlhabenheit ein einfacher, bescheidener Lebensstil. Hoffmann merkte später an, dass seine Eltern und Großeltern ihm mitgegeben hatten, sich für die Gesellschaft nützlich zu machen. Seine Stiefmutter starb 1874 bei der Geburt ihres vierten Kindes. Der Vater starb acht Wochen später an einem Herzschlag.
Ludwig Hoffmanns Großvater Emil Hoffmann stammte aus einfachen Verhältnissen und kam als Unternehmer zu Vermögen. Damit unterstützte er unter anderem die Befreiungskriege gegen Napoleon und ebenso den griechischen Freiheitskampf. Emil Hoffmann war zeitweise Mitglied der zweiten Kammer der hessischen Landstände, bis ihn die hessische Landesregierung aus dieser Kammer entfernen ließ.
Jugend und Ausbildung mini|hochkant|Treppenhaus der Bauakademie (1911), an der Hoffmann studierte Hoffmann freundete sich in seiner Kindheit mit dem Nachbarsjungen Alfred Messel an. Beide gingen zusammen in die Schmitzsche Schule und später auf das Ludwig-Georgs-Gymnasium. Während es Messel früh klar war, dass er Künstler werden wollte, schien Hoffmann länger unentschieden. Er sprach in seiner Jugend noch von möglichen Karrieren in der Rechtswissenschaft oder als Chemiker. Schließlich entschied er sich doch zusammen mit Messel, nach dem Abitur 1870 und seiner Zeit als Einjährig-Freiwilliger im Militärdienst eine Architektenausbildung zu durchlaufen.Volker Viergutz: Das hätten wir in der Brüderstraße uns auch nicht träumen lassen – Anmerkungen zur Freundschaft von Ludwig Hoffmann und Alfred Messel. In: Jürgen Wetzel (Hrsg.): Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2001. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2001, S. 75. Hoffmann erhielt seine Ausbildung gemeinsam mit seinem Jugendfreund Alfred Messel ab 1874 an der Berliner Bauakademie. Hoffmann nannte später Friedrich Adler, Richard Lucae, Julius Raschdorff und Johann Heinrich Strack als wichtige Einflusspartner dort. Bei Strack legte er sein Examen ab.Wolfgang Schäche: Ludwig Hoffmann zwischen Historismus und Moderne. In: Reichardt, Schäche (Hrsg.): Ludwig Hoffmann in Berlin. S. 9. Hoffmann und Messel waren beide im Akademischen Verein Motiv aktiv.Der Schwarze Ring. Mitgliederverzeichnis. Darmstadt 1930, S. 32. Während der gesamten Studienzeit wohnten sie zusammen und arbeiteten auch an den meisten Projekten gemeinsam.Volker Viergutz: Das hätten wir in der Brüderstraße uns auch nicht träumen lassen – Anmerkungen zur Freundschaft von Ludwig Hoffmann und Alfred Messel. In: Jürgen Wetzel (Hrsg.): Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2001. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2001, S. 77.
Zur Ausbildung gehörte ein Jahr praktischer Ausbildung als „Baueleve“, die Messel und Hoffmann in Kassel verbrachten. Dort verbrachten sie fast die gesamte Zeit damit, Abschriften anzufertigen. Eine Tätigkeit, die beiden weder Freude machte, noch ihnen sonderlich lehrreich erschien. 1879 bestand Hoffmann im dritten Versuch das erste Staatsexamen an der Bauakademie. Nachdem Messel 1881 den Schinkel-Wettbewerb des Berliner Architektenvereins gewonnen hatte, nahm Hoffmann 1882 zusammen mit Bernhard Sehring ebenfalls am Schinkel-Wettbewerb teil und gewann ihn auch mit einem Entwurf für die Berliner Museumsinsel.Verzeichnis der preisgekrönten Wettbewerbsentwürfe um den Schinkelpreis. (PDF; 1,5 MB) In: Wochenschrift des Architekten-Vereins zu Berlin, 6. Jahrgang 1911, Nr. 10 (vom 11. März 1911), S. 54, abgerufen am 11. Januar 2020. Messel unternahm mit dem Gewinn zu Bildungszwecken eine Italienreise, die Hoffmann kurze Zeit später mit dem Gewinn des Wettbewerbs ebenso absolvierte.
Während bis in die 1890er Jahre Hoffmanns und Messels berufliche und private Laufbahnen gleich verliefen, trennten sie sich danach beruflich. Die getrennte Teilnahme am Schinkel-Wettbewerb war der erste Punkt, an dem beide eigene Wege gingen. Während Messel seitdem allein arbeitete, holte Hoffmann sich weiterhin Partner wie Peter Dybwad und entschied sich schließlich für eine Laufbahn im Staatsdienst. Messel wurde nach einem kurzen Intermezzo in der Wissenschaft zu einem der ersten erfolgreichen Privat-Architekten.Volker Viergutz: Das hätten wir in der Brüderstraße uns auch nicht träumen lassen – Anmerkungen zur Freundschaft von Ludwig Hoffmann und Alfred Messel. In: Jürgen Wetzel (Hrsg.): Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2001. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2001, S. 80.
Privat blieben die beiden eng verbunden. So wohnten sie zur Jahrhundertwende im selben Berliner Haus. In diesem Haus lernte Hoffmann auch seine spätere Frau Maria Weißbach kennen, die er 1895 heiratete.
Erste praktische Erfahrungen Zum Erwerb des zweiten Staatsexamens musste Hoffmann der damaligen Studienordnung entsprechend vier Jahre praktisch arbeiten. Er trat 1879 in das Büro Franz Schwechten in Berlin ein und wurde hier Regierungsbauführer. In dieser Position war er mit den technischen Arbeiten bei der Bauausführung der Kriegsakademie in der Dorotheenstraße beschäftigt. Am 21. Februar 1884 bestand Hoffmann das zweite Staatsexamen, das ihn zum Regierungsbaumeister qualifizierte. Seine eigenständige Karriere begann in den 1880er Jahren mit dem Gewinn des Wettbewerbs für das Reichsgerichtsgebäude in Leipzig gemeinsam mit Peter Dybwad. Sieben Jahre dauerten die Arbeiten an diesem Bau.
Reichsgericht Vorarbeiten mini|Wettbewerbsentwurf mit dem Hoffmann/Dybwad den ersten Preis gewannen (Die Gartenlaube 1885) Hoffmann belegte beim Schinkelwettbewerb 1882 den zweiten Platz mit seinem Entwurf zur Bebauung der Berliner Museumsinsel. Die Jury lobte insbesondere die Klarheit der Ausführung. Zum Preis gehörte ein Stipendium für eine Italienreise. Hoffmann reiste zusammen mit Peter Dybwad über Frankreich und die Schweiz nach Neapel, Pompeji, Rom, Florenz, Siena und Genua. Auf ihrer Rückreise legten Hoffmann und Dybwad in München drei Monate Pause ein, in denen sie sich am Wettbewerb für das neu zu bauende Reichsgericht in Leipzig beteiligten. Waren Hoffmanns frühe Studienarbeiten noch stark vom Klassizismus in der Nachfolge Schinkels geprägt, wie er an der Berliner Bauakademie vorherrschte, nutzte er für den Entwurf des Reichsgerichts einen anderen Entwurf. Nachdem wenig vorher Paul Wallot mit seinem Plan des Reichstagsbaus, der sich an die italienische Spätrenaissance anlehnte, den Wettbewerb gewonnen hatte, griff nun auch Hoffmann auf deren Formenrepertoire zurück.Wolfgang Schäche: Ludwig Hoffmann zwischen Historismus und Moderne. In: Reichardt, Schäche (Hrsg.): Ludwig Hoffmann in Berlin S. 13. Auf der weiteren Reise erfuhren die beiden am 15. Mai 1885 in Ferrara, dass sie zu ihrer großen Überraschung „in Anerkennung der von den Verfassern erzielten Einfachheit und Klarheit“ Gewinner des ersten Preises im Wettbewerb zum Bau des Reichsgerichts geworden waren.
Realisierung und Anerkennung mini|Reichsgerichtsgebäude(Die Gartenlaube 1895) Hoffmann war 35 Jahre alt, hatte noch keinen einzigen Bau in leitender Funktion fertiggestellt und war nun mit dem Bau eines der wichtigsten Bauten des deutschen Kaiserreichs betraut. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Aufgaben konnte er hier vergleichsweise frei wirken. Das preußische Ministerium der öffentlichen Arbeiten, für das Hoffmann zu dieser Zeit formal tätig war, hatte seine Arbeiten eingeschränkt und Hoffmann starre Vorgaben gegeben. Nun war er für das Reichsjustizamt des Deutschen Reichs tätig, das ihm mehr Freiheiten zubilligte.