Die Tribune de Genève (bis 1971 und 1990–1992 La Tribune de Genève) ist eine französischsprachige Tageszeitung aus Genf in der Schweiz. Gegründet wurde sie am 1. Februar 1879 von James T. Bates, einem US-amerikanischen Geschäftsmann und Börsenmakler und früheren hohen Offizier der Unionsarmee im Amerikanischen Bürgerkrieg. Die Zeitung wird von Tamedia Publications romandes publiziert. Sie hatte 2021 eine WEMF-beglaubigte Auflage von 33'564 (Vj. 36'028) verkauften bzw. 33'566 (Vj. 36'100) verbreiteten ExemplarenWEMF-Auflagebulletin 2021, S. 24 (PDF; 737 kB). und eine Reichweite von 105'000 (Vj. 106'000) Lesern.
Die Tribune de Genève gehörte ab 1991 zum Medienunternehmen Edipresse, dessen Schweizer Medienaktivitäten, gebündelt in der Presse Publications SR SA, 2010/2011 schrittweise vom Deutschschweizer Medienkonzern Tamedia übernommen wurden.Zusammenschluss Edipresse Schweiz und Tamedia bereits 2011. Tamedia, 8. April 2011 (Medienmitteilung).
Seit 1992, dem Jahr nach der Übernahme durch Edipresse, sind die Inhalte der Zeitung mit jenen der ebenfalls von Tamedia Publications romandes und früher von Edipresse publizierten 24 heures weitgehend identisch. Auf der Frontseite und im regionalen Teil unterscheiden sich die beiden Zeitungen.
In der Stadt Genf wird die Tribune de Genève auch «la Julie» genannt. Die Zeitung ist Mitglied im journalistischen Recherche-Netzwerk European Investigative Collaboration (EIC).
Geschichte Die erste Ausgabe der Tribune de Genève erschien am 1. Februar 1879 als Nachfolgezeitung der englischsprachigen Geneva Times. James T. Bates hatte 1876 die englischsprachige Tageszeitung Continental Herald & Swiss Times übernommen und sie in Continental Herald und Geneva Times aufgetrennt. Die Tribune wurde als Abendzeitung jeweils um 17 Uhr von Kolporteuren zum Preis von 5 Centimes (Rappen) verkauft. Sie war damit die erste französischsprachige Zeitung der Schweiz für einen «sou». Ein Jahresabonnement kostete 11, ab 1880 12 für die ersten und 18 CHF für die letzte Ausgabe des Tages, während der Preis für die Einzelnummer noch bis 1917 bei 5 Centimes blieb (in den Bahnhöfen 10 Centimes). Die Auflage betrug 3000 Exemplare und enthielt 4 Seiten.
Von der ersten Ausgabe an war das redaktionelle Credo: «Wir akzeptieren keinerlei Anweisungen, bestehen auf unserer Unabhängigkeit und werden unsere Meinungsäusserungsfreiheit gegenüber allen Seiten verteidigen.»Auf der Frontseite der ersten Ausgabe der Tribune de Genève vom 1. Februar 1879. Zu dieser Zeit gab es in Genf nur parteigebundene Zeitungen: Das Journal de Genève der Liberal-Konservativen, Le Genevois der Radikalen und Le Courrier de Genève der Katholiken. Die internationalen Nachrichten lasen die Genfer vor allem in französischen und die immer grösser werdende Ausländergemeinde in englischsprachigen Zeitungen.
Die Tribune verstand sich von Beginn an als liberale Forumszeitung, die den Föderalismus und eine starke Verankerung Genfs in der Schweizerischen Eidgenossenschaft propagierte – die ersten 11 Tage erschien die Tribune mit dem inoffiziellen Wahlspruch der Schweiz «Un pour tous, tous pour un» («Einer für alle, alle für einen») über dem Zeitungstitel. Zusammen mit der Parteiungebundenheit sollte es auch der unter der Konkurrenz liegende Preis der Tribune ermöglichen, anders als die Parteipresse das breite Publikum zu erreichen.
mini|Frontseite der ersten Ausgabe der Tribune de Genève vom 1. Februar 1879 Der erste Chefredaktor, Alfred Bouvier, ein französischstämmiger früherer Archivar des Kantons Genf, hatte vier Journalisten und einige Auslandkorrespondenten zur Verfügung. Die als weniger wichtig eingestuften Ressorts (Kunst, Musik, Theater) wurden Freischaffenden überlassen, deren Honorar darin bestand, abgedruckt zu werden.
Die Zeitung erschien zu Beginn einmal täglich um 17 Uhr, ab 1880 zweimal täglich (zusätzlich um 14 Uhr), 1883 dreimal (zusätzlich um 10 Uhr), ab 1884 viermal, ab 1886 fünfmal, wobei die fünfte Ausgabe der ursprünglichen Abendzeitung entsprach und die Leute am Kiosk in Genf «la cinquième» verlangten. Ab 1915, als etliche Mitarbeiter kriegsbedingt Militärdienst leisteten, musste die Anzahl der Ausgaben reduziert werden. 1918 ging man auf zwei Ausgaben zurück, eine Genfer Abend- und eine nationale Vormittagsausgabe,Christian Vellas: La «Tribune»: une tradition de neutralité politique et confessionnelle. In: Tribune de Genève. 1. Februar 1979, S. 19. bis 1990 nur noch eine Morgenzeitung erschien.
Die Zeitung entwickelte sich in den ersten Jahren rasch, neben den Auslandnachrichten vor allem dank den Börsenberichten von James T. Bates (die später von seinem Sohn Fred fortgeführt wurden) und der Rubrik «Chronique locale» (Vermischtes) von Emile Trachsel, der als erster eine solche Rubrik in den Genfer Zeitungen einführte (die später von Eugène Trollux fortgeführt wurde). 1894 betrug die Auflage bereits 30'000 Exemplare, die Tribune war damit hinter dem Tages-Anzeiger die zweitgrösste Zeitung der Schweiz. In der Zwischenkriegszeit erhöhte sich die Auflage auf 46'000 Exemplare gegenüber 26'000 für die Konkurrentin La Suisse.
Layout und Format der Zeitung wurden mehrmals geändert: Sie erschien zunächst in einem vierspaltigen kleinen Format von 30 × 45,4 cm, stellte 1883 auf 37,4 × 52,1 cm, dann auf 47,2 × 61,7 cm um und ging 1889 während gewisser Wochentage zur Riesengrösse von 52,8 × 71 cm über. Ein Jahr später ging sie auf 46 × 60 cm zurück, 1971 dann auf 33 × 49 cm. Heute (2014) erscheint die Zeitung im Berliner Format (31,5 × 47 cm), gemischt fünf- und sechsspaltig, in zwei Faszikeln. Ab 1881 war die Frontseite zunehmend mit Inseraten belegt worden, bis sie schliesslich 1899 nur noch aus Inseraten bestand. Edgar Junod, 1918–1938 Chefredaktor, verschob die Inserate 1922 mit Ausnahme weniger Millimeter über alle Spalten am Fusse der Seite wieder ins Innere der Zeitung.Bertrand Deleste: Le développement pris en trois quarts de siècle par la Tribune de Genève. In: Tribune de Genève. Spezialausgabe zum 75-Jahr-Jubiläum, 1. Februar 1954, S. XXII. Ab 1994 gab es auch diese Inserate auf der Frontseite nicht mehr.
mini|Karikatur zum 1889 eingeführten Riesenformat der Tribune de Genève 1920 verkaufte Fred Bates, der Sohn des 1914 verstorbenen James T. Bates und neue Eigentümer, entnervt vom Landesstreik von 1918 und von den Auseinandersetzungen mit Léon Nicole, Sozialist, später Kommunist, Mitglied des kantonalen und nationalen Parlaments, Genfer Regierungsmitglied und Miturheber der Unruhen von Genf 1932, sowie den Streiks der Typographen jedes Mal, wenn neue Maschinen eingeführt wurden,Gros, Weibel: Une tribune pour le quotidien. 1990, S. 12. die 1890 gegründete «Société anonyme pour la Tribune de Genève». In: Website der Publicitas. an eine mehrheitlich deutschschweizerische Gruppe, bestehend aus Jean Hegnauer, später Schwabe, und der Familie Vogt Schild sowie der Publicitas, die sich mit 20 % beteiligte und den Anteil 1942 auf 40 % erhöhte. Bates blieb der Zeitung als Verwaltungsratspräsident und Finanzberichterstatter verbunden.
1945 ging die Mehrheit der Tribune in den Besitz von Chapalay & Mottier S.A. über, ein von den zwei Genfer Bankiers Chapalay und Mottier gegründetes Unternehmen, das die auch für Genf unerlässlichen Adress- und Telefonverzeichnisse herstellte. 1954 übernahm die Tribune de Genève die Roto-Sadag S.A., eine Druckerei, die über die zwei Drucktechniken verfügte, die der Tribune fehlten, Tief- und Offsetdruck. Die Tribune beschäftigte nun, ohne Korrespondenten und Freie, 22 Journalisten (gegenüber 4 im Jahre 1900), in der Verwaltung einschliesslich Vertrieb 42 Mitarbeiter (12) und 210 in der Druckerei (40). Im Mai 1960 hatte die Zeitung fast 20'000 Abonnenten (traditionell sind die Kunden der Tribune mehrheitlich Abonnenten, 2012/2013 waren es 71,12 %).
1957 baute die Tribune die seit 1932 erscheinende Sport- und Informationsbeilage zu einer Sonntagszeitung aus, der Tribune Dimanche.Gros, Weibel: Une tribune pour le quotidien. 1990, S. 26. Sie wurde 1963 wieder eingestellt. 1964 bis 1965 folgte als Ersatz nochmals eine zweimonatliche Sportbeilage tribune sports. Danach wurde der Sport vollständig in die Zeitung integriert.
1971 gab die Druckerei der Tribune die seit 1941 betriebenen zwei Buchdruckrotationsmaschinen auf, zog in ein neues Gebäude und druckte am 30. August 1971 die erste im farbigen Offsetdruck hergestellte Tageszeitung der Schweiz. Das Format der Zeitung wurde massiv auf 33 × 49 cm verkleinert, das neue Logo mit dem emblematischen grossen «T» wurde eingeführt, das «La» verschwand aus dem Zeitungstitel. Die Auflage überstieg jetzt 70'000 Exemplare, die Ausgaben umfassten manchmal über 100 Seiten. Die Zeitung beschäftigte fast 350 Mitarbeiter. Der Preis für die Einzelnummer betrug nun 40 Rappen, das Jahresabonnement 65 CHF.
Am 11. Juli 1973 brach im dritten Untergeschoss Feuer aus, das die zwei Offsetrotationsdruckmaschinen beschädigte. Die Ausgabe erschien dank der Zusammenarbeit mit den Technikern der La Suisse trotzdem. 1975 erfolgte die Umstellung von Blei- auf Fotosatz. Im gleichen Jahr übernahm die Publicitas durch Übernahme des Aktienpakets von Schwabe die Mehrheit an der Société anonyme de la Tribune de Genève. Im Januar 1977 wurde der Verlag der Tribune de Genève, «Tribune-Editions», gegründet.
1988 kündigte die Tribune de Genève die 1939 mit La Suisse abgeschlossene Vereinbarung, die La Suisse als Morgen- und die Genfer Ausgabe der Tribune de Genève als Abendzeitung erscheinen zu lassen. Die Genfer Ausgabe wurde 1989 (wie die nationale Ausgabe schon bisher) zunächst zur Vormittags- und am 28. Mai 1990 zur Morgenzeitung.La «Tribune de Genève» change de look. In: L’Impartial. 26. Mai 1990, S. 4 (PDF; 608 kB). Der redaktionelle Teil wurde ausgebaut, ein neues Layout wurde eingeführt wie auch ein neues Logo: das grosse «T» entfiel, das «La» kam wieder hinzu, «de Genève» war nur noch ein Untertitel. Es wurde eine Grossauflage von über 310'000 Auflage gedruckt und in alle Genfer Haushalte verteilt. Die verkaufte Auflage fiel jedoch nun auf 60'000 Exemplare. Die Tribune kündigte harte Einsparungsmassnahmen an und führte in der Druckerei längere Arbeitszeiten ein, wonach die Drucker einen Monat lang streikten. Der Arbeitskonflikt verursachte hohe Kosten, weil während der 27 Tage des Streiks, des längsten der Genfer Pressegeschichte, mehrere Ausgaben nicht oder nur eingeschränkt erscheinen konnten. Die Verluste beliefen sich 1990 auf rund 5 Mio. CHF, 1991 auf rund 8 Mio. CHF. Die Direktion entschloss sich, zur Reduktion der Kosten einige Verkaufspunkte zu schliessen, was zu einer weiteren Abnahme der Auflage führte.Mettan: La Tribune de Genève. 1993, S. 5.
mini|Ein Reklameluftschiff der Zeitung bei Genf, 2006 Zu den bestehenden Problemen kam in Genf ein Einbruch der Anzeigenerlöse hinzu. Die Zeitung war damit reif für eine Übernahme. Zunächst wurde die Druckerei Roto-Sadag AG im Oktober 1990 in einem Management-Buy-out von drei Direktoren übernommen. Danach gründeten Edipresse und Publicitas Anfang 1991 eine gemeinsame Gesellschaft, «Presse Publications Suisse romande», an der Edipresse 75 und Publicitas 25 % hielt und in die die beiden Partner ihre Beteiligungen in der Westschweiz einbrachten (Edipresse Le Matin, 24 heures, 70 % an Le Nouveau Quotidien; Publicitas 94,7 % an der Tribune de Genève, 40 % am Druckzentrum Bussigny und kleinere Beteiligungen an den Druckzentren des Démocrate, Démocrate SA, und des Nouvelliste, Rhône-Media). Edipresse hatte schon seit Mitte der 1980er Jahre eine Annäherung an die Tribune de Genève verfolgt und hatte mit ihr zusammen die Beilagen Femina und Télé Top Matin sowie 1990 das Druckzentrum Bussigny gegründet, was der Tribune Gelegenheit gab, den Druckauftrag vom Druckzentrum Vernier, das dem Konkurrenten La Suisse gehörte, abzuziehen. Nach einer Beobachtungsphase wurde unter der Leitung des Direktors Publikationen von Edipresse, Marcel A. Pasche, ein Sanierungsplan erarbeitet.