Corvey (auch Corvei, Korvei, Korvey; mittellateinisch Corbeia nova) ist eine ehemalige reichsunmittelbare Benediktinerabtei direkt am Westufer der Weser auf dem Gebiet der heutigen Stadt Höxter, im Kreis Höxter in Nordrhein-Westfalen. Die UNESCO verlieh dem Westwerk der Stiftskirche sowie der Civitas Corvey im Juni 2014 den Status eines Weltkulturerbes.

Corvey war ein bedeutendes karolingisches Kloster und verfügte über eine der wertvollsten Bibliotheken des Landes. Die Abtei entwickelte sich im 9. und 10. Jahrhundert zu einem kulturellen, geistigen und wirtschaftlichen Zentrum im Gebiet der Sachsen. Nach einer Phase der Krise wurde Corvey im 11. Jahrhundert zu einem Reformkloster. Später baute es als „keyserliches und hochfürstliches Stift Corvey“ ein geschlossenes Territorium auf, verlor aber im Spätmittelalter an Bedeutung. Corvey gehörte als Fürstabtei in der Frühen Neuzeit zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis.

Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges waren existenzbedrohend. Ab dem späten 17. Jahrhundert erfolgte jedoch der Wiederaufbau der Kirche und der Klostergebäude im Stil des Barock. In der Folgezeit verlor die Abtei wieder an Bedeutung und Anziehungskraft. Im Jahr 1792 wurde das Kloster daher auf eigenes Bestreben von Papst Pius VI. in ein Fürstbistum umgewandelt. Bereits 1803 wurde die territoriale Selbständigkeit vom Reichsdeputationshauptschluss aufgehoben, das Bistum blieb aber bis 1825 bestehen. 1820 kam Corvey in den Besitz des Landgrafen Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg. Durch Erbgang gelangte Corvey an die heutigen Eigentümer, die Herzöge von Ratibor aus der Linie Hohenlohe-Schillingsfürst.

Bauhistorisch ist vor allem das karolingische Westwerk mit seinen Fresken aus dem 9. Jahrhundert von Bedeutung. Die ehemalige Abteikirche ist ein Denkmal barocker Ausstattungskunst. Auf dem Friedhof neben der Kirche liegt das Grab des Dichters der deutschen Nationalhymne, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Im Innern des Schlosses sind der Kaisersaal, die herzoglichen Salons und die Fürstliche Bibliothek mit zirka 74.000 Bänden zu besichtigen.

Lage mini|Lage des Gebäudeensembles „Corvey“ (in Rot dargestellt) im Wesertal östlich der Altstadt von Höxter. Eingezeichnet sind auch die Reste von tom Roden, Nienkerken und der im Weserbogen gelegene Siedlungsschwerpunkt der ehemaligen Stadt Corvey. mini|Carl Büttger: Weg nach Kloster Corvey bei Höxter Corvey liegt am linken, westlichen Ufer der Oberweser auf der Unterterrasse der Weser. Das Tal bildet hier die heutige Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Nördlich bildet die Weser eine Schleife, das Wesertal ist hier breit und fruchtbar. Damit ist hier ein Übergang über die Weser mit einer Furt möglich, den auch der Westfälische Hellweg nutzte, um von Westen nach Osten über die Weser zu gelangen.

Östlich wird das Wesertal durch den Solling begrenzt, westlich durch das Oberwälder Land. Die Anlage von Corvey liegt auf dem Gebiet der Stadt Höxter und ist seit 1716 durch eine gerade Baumallee, die Corveyer Allee, verbunden.

Die Höxtersche Ortschaft Lüchtringen liegt nordöstlich von Corvey auf der östlichen Weserseite. Die nächste niedersächsische Stadt auf der östlichen Weserseite ist Holzminden.

Das Gebäudeensemble Corvey wird im Norden und Süden von landwirtschaftlich genutzten Flächen umgeben, die heute zum Besitz des Herzoglichen Hauses Ratibor gehören. In Sichtweite sind nordwestlich Grundmauern der ehemaligen Probstei tom Roden auszumachen, die vom Kloster Corvey aus besiedelt wurde und sich im 16. Jahrhundert auflöste. Im Süden weisen archäologische Funde auf dem Gelände des Corveyer Feldes (also der tief gelegenen Fläche im Weserbogen, die bei Hochwasser oft überschwemmt wird) auf die ehemalige Stadt Corvey hin. In der Nähe finden sich der Höxteraner Weserhafen sowie der Bahnhof Höxter an der Bahnstrecke Langeland–Kreiensen. Die nächstgelegenen Großstädte sind Paderborn, Bielefeld, Hannover, Göttingen und Kassel.

Geschichte Gründung Nach der Eroberung Sachsens wollte Karl der Große die Christianisierung in dem neu gewonnenen Gebiet durch die Gründung eines Reichsklosters festigen und fördern. Durch den Tod Karls verzögerte sich die Umsetzung der Pläne.Elisabeth Sudhoff: In: Nova Corbeia – die virtuelle Bibliothek Corvey. Abgerufen am 11. Juni 2012. Die Halbbrüder Adalhard, Abt von Corbie (Corbeia Aurea) an der Somme, und Wala, ein Vetter Karls des Großen, gründeten mit Zustimmung von Ludwig dem Frommen 815 oder 816 als Nova Corbeia (neues Corbie) das erste Kloster im Land der Sachsen in Hethis, zunächst als Propstei von Corbie. Dorther kamen die ersten Mönche.

Der Ort Hethis kann bis heute nicht genau lokalisiert werden. Laut der Darstellung von Paul Wigand befand sich Hethis in unmittelbarer Nähe des heutigen Ortes Neuhaus im Solling in Niedersachsen. Andere Quellen halten ein Gebiet nordöstlich von Neuhaus zwischen dem Dorf Silberborn und dem Nordwestende des östlich von Silberborn gelegenen Torfmoores oder einen Ort unweit der Externsteine für realistischer. Ein weiterer Ort, der auf Grund seiner Namensgeschichte von Birgit Meineke mit Hethis in Verbindung gebracht wird, ist das lippische Heiden.Birgit Meinecke: Die Ortsnamen des Kreises Lippe (= Westfälisches Ortsnamenbuch. Band 2). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2010, S. 208 f. ().Birgit Meineke: Von Heiden nach Corvey am Anfang des 9. Jahrhunderts? In: Hans C. Jacobs (Hrsg.): Historisches Jahrbuch Lage 2023. Mit einer Chronik der vergangenen zwei Jahre. Lage 2023, S. 87–112. Eindeutig jedoch ist überliefert, dass sich Hethis wegen seiner Unfruchtbarkeit als ungeeignet für das Klosterleben herausstellte. Die Mönche wussten nicht, wie sie an ausreichend Nahrung und Kleidung gelangen konnten und waren auf Hilfslieferungen aus dem Mutterkloster angewiesen. Trotz materieller Not erblühte in Nova Corbeia das Klosterleben. Die Klosterschule nahm ihren Betrieb auf, und die Klosterschüler beachteten und lebten getreulich und fromm die Klosterregel. Aber die Not wurde sehr groß, sodass sich die Mönche in drei Teile unter je einem Prior spalteten. Der Propst Adelbert begann in diesem Zusammenhang, über eine Ortsveränderung nachzudenken. Überraschend erreichte die Mönche die Nachricht, dass Adalhard der Ältere von Ludwig dem Frommen aus seiner Verbannung zurückgerufen wurde und seine Ämter wieder aufnehmen konnte. Er veranlasste eine große Hilfslieferung aus Corbie und bat den König um Genehmigung, sich nach einem geeigneteren Ort umschauen zu dürfen.H. Wiesemeyer: Die Gründung der Abtei Corvey im Lichte der Translatio Sancti Vici.

In diesem Zusammenhang verlegte der Konvent seinen Sitz an die Stelle des heutigen Schlosses Corvey. Das Kloster wurde an einem Übergang des Hellwegs über die Weser am Westufer errichtet und lag dadurch nur wenig östlich des Königshofs Huxori (später Höxter). Der Bischof von Paderborn weihte den Bauplatz und legte den Grundstein am 25. August 822.Mayke de Jong: Die Gründung Corveys im Spannungsfeld der Politik Ludwigs des Frommen. In: Holger Kempkens, Christiane Ruhmann (Hg.): Corvey und das Erbe der Antike (Ausstellungskatalog). Petersberg 2024, S. 167 ff. Im Zusammenhang mit der Übersiedlung erweiterten Mönche aus dem Kloster Fulda etwa zur Hälfte den Konvent.

Zwei Urkunden Kaiser Ludwigs des Frommen vom 27. Juli 823 bilden das Fundament für Corveys Status als Königskloster. Mit der Gründungs- oder Fundationsurkunde schenkte er dem Kloster das königliche Landgut (villa regia) Höxter und die sächsischen Besitztümer des Klosters Corbie, bestätigte die Schenkungen der sächsischen Gründer und verlieh Corvey das Recht der freien Abtswahl.Mayke de Jong: Die Gründung Corveys im Spannungsfeld der Politik Ludwigs des Frommen. In: Holger Kempkens, Christiane Ruhmann (Hg.): Corvey und das Erbe der Antike (Ausstellungskatalog). Petersberg 2024, S. 167 ff. (168). Zu dieser nur als Abschrift des 10. Jahrhunderts erhaltenen Urkunde s. a. Annika Pröbe, Beitrag II.01 Sogenannte Fundationsurkunde Ludwigs des Frommen, in: ebd., S. 174 f. Mit der zweiten Urkunde gewährte er Schutz und Immunität und entzog das Kloster damit wie in Franken üblich dem Einfluss des regionalen Adels.Mayke de Jong: Die Gründung Corveys im Spannungsfeld der Politik Ludwigs des Frommen. In: Holger Kempkens, Christiane Ruhmann (Hg.): Corvey und das Erbe der Antike (Ausstellungskatalog). Petersberg 2024, S. 167 ff. (68 f.); Mechthild Black-Veldtrup: Diplom Kaiser Ludwigs des Frommen für das Kloster Corvey. In: ebd., S. 178 f. Damit erlangte Corvey die Unabhängigkeit von Corbie. Es wurde aber noch bis 826 (oder bis 833Mayke de Jong: Die Gründung Corveys im Spannungsfeld der Politik Ludwigs des Frommen. In: Holger Kempkens, Christiane Ruhmann (Hg.): Corvey und das Erbe der Antike (Ausstellungskatalog). Petersberg 2024, S. 167 ff. (173)) in Personalunion mit dem Mutterkloster geleitet.

Welch enge Beziehungen zwischen Kloster und Königtum bereits in dieser Zeit bestanden, zeigt die Tatsache, dass Corvey zum unfreiwilligen Aufenthaltsort des in Ungnade gefallenen Hilduin von Saint-Denis wurde. Vor diesem Hintergrund vollzog sich 836 die Reliquientranslation des heiligen Vitus aus der Kathedrale von Saint-Denis bei Paris. Dadurch wurde Vitus zum Stammesheiligen der Sachsen. Später führte man auch das Vituspatrozinium der Bischofskirche in Prag auf Corvey zurück. Das den bedeutenden Heiligen Stephanus und Vitus geweihte Corvey wurde zum Ziel zahlreicher Pilger. Von der Übertragung der Reliquien berichtet eines der wichtigsten Werke aus der frühen Geschichte Corveys, die Translatio sancti Viti martyris.

Neben dem benachbarten Stift Herford wurde Corvey zu einem Zentrum der frühen Mission in Skandinavien. 823 entsandte das Mutterkloster Corbie Ansgar (später Bischof von Hamburg-Bremen) als Lehrer und Prediger nach Corvey. Über die Person Ansgars hatte Corvey Anteil an den ersten Missionierungsversuchen in Skandinavien.Joachim Wollasch: Benediktinisches Mönchtum in Westfalen von den Anfängen bis ins 12. Jahrhundert. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800–1800. Münster 1982, S. 19.

Corvey wich in einem Punkt von der Regula Benedicti ab, da es keine Mönche aus niederen Gesellschaftsschichten aufnahm. Die Brüder kamen durchweg aus dem hohen Adel Frankens und Sachsens.

Materielle Basis mini|Villikationen und Grundbesitz Corveys (nach Werner Rösener) mini|Das Kloster Corvey mit der Siedlung Corvey (um 1250)