Die Vojta-Therapie ist eine physiotherapeutische BehandlungsmethodeInformation des Deutschen Verbands für Physiotherapie e. V., abgerufen am 17. Oktober 2015. bei Störungen des zentralen Nervensystems und des Haltungs- und Bewegungsapparates. Sie wurde von dem tschechischen Neurologen und Kinderneurologen Václav Vojta in den 1960er Jahren entwickelt.
Grundsätze Während gesunde Menschen bei ihrer Alltagsorientierung auf sämtliche Bausteine der menschlichen Aufrichtung und Fortbewegung automatisch und unbewusst zugreifen können, stehen die angeborenen BewegungsmusterV. Vojta, E. Schweizer: Die Entdeckung der idealen Motorik: Die ideale Bewegungsentwicklung im ersten Lebensjahr; Kinesiologische und muskuläre Analyse der angeborenen Bewegungsmuster. München: Pflaum, R, 2008.Eibl-Eibesfeldt über angeborene Bewegungsweisen, abgerufen am 20. Oktober 2015. zum Greifen und Hantieren, Umdrehen und Aufstehen, Gehen und Laufen bei Schädigungen des Zentralen Nervensystems und des Haltungs- und Bewegungsapparates nur eingeschränkt zur Verfügung.
Mit der so genannten Reflexlokomotion (oder Reflexfortbewegung) hat Vojta eine Methode entwickelt, die elementare Bewegungsmuster auch bei Menschen mit geschädigtem Zentralnervensystem und Bewegungsapparat zumindest in Teilbereichen wieder zugänglich macht.
Im Begriff „Reflexlokomotion“ sind bereits die Grundzüge der Vojta-Therapie zusammengefasst: Unter Reflex versteht die Wissenschaft eine stets gleiche Reaktion auf einen bestimmten Reiz, die nicht bewusst gesteuert werden kann. Lokomotion bezeichnet allgemein die Fähigkeit der Fortbewegung.
Anwendungsgebiete Die Vojta-Therapie kann als Basistherapie im Bereich Physiotherapie bei praktisch jeder Bewegungsstörung und zahlreichen Erkrankungen eingesetzt werden. Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass die Therapie nach Vojta allein im Säuglings- und Kleinkindalter die gewünschten therapeutischen Erfolge erzielt. Das Zentralnervensystem ist im Säuglings- und Kindesalter im Vergleich zum Erwachsenenalter wesentlich formbarer. Doch auch in späteren Lebensjahren lassen sich noch gesunde Bewegungsmuster im Zentralnervensystem „bahnen“.
Die Vojta-Therapie setzt einzig eine neuromuskuläre Verbindung, also eine vorhandene „Leitung“ zwischen Nervenbahnen und Muskeln, voraus. Bei Krankheitsbildern, die nicht ursächlich behandelt werden können, wie z. B. Multiple Sklerose, kann mit der sogenannten Reflexlokomotion im Rahmen der Vojta-Therapie das jeweils vorhandene neurologische Potenzial ausgeschöpft werden.
Indikationen zur Vojta-Therapie sind: zentrale Koordinationsstörungen im SäuglingsalterV. Vojta: „2. Serie der symptomatischen Risikokinder – Analyse der Behandlungsresultate.“ In Die zerebralen Bewegungsstörungen im Säuglingsalter: Frühdiagnose und Frühtherapie. Stuttgart; New York: Thieme, 2004. S. 203–221W. Kiebzak et al.: „Assessment of Visual Perception in Adolescents with a History of Central Coordination Disorder in Early Life - 15-Year Follow-up Study.“ Archives of Medical Science: AMS 8, no. 5 (November 9, 2012), S. 879–885. doi:10.5114/aoms.2012.28638. Bewegungsstörungen als Folge von Hirnschädigungen (Zerebralparesen), abgerufen am 20. Oktober 2015 periphere Lähmungen der Arme und Beine (z. B. PlexusparesenJ. Bahm, C. Ocampo-Pavez: „Die Schulterkontraktur bei kindlicher Plexuslähmung – krankengymnastische und chirurgische Therapie.“ Krankengymnastik, Zeitschrift für Physiotherapeuten, no. 12 (2005)., Spina bifida) verschiedene Muskelerkrankungen Erkrankungen und Funktionseinschränkungen der Wirbelsäule, z. B. Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose)F.U. Niethard, F.U., R. Pauschert: „Ergebnisse der krankengymnastischen Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage bei idiopathischer Skoliose: Eine prospektive Analyse.“ In Prinzipien und Ergebnisse krankengymnastischer Methoden in der Skoliosebehandlung, Möglichkeiten zur Evaluation der Behandlungsergebnisse: 5 Tabellen. Stuttgart; Jena; New York: G. Fischer, 1994.C. Avalle, M.Duelund, K. Eder: „Erfolgreiche Behandlung der idiopathischen Skoliose bei Schulkindern durch Neurophysiotherapie nach Vojta (Successful treatment of idiopathic scoliosis in school children with Vojta’s neuro-physiotherapy)“ Fortschritte der Medizin 99, no. 35 (September 17, 1981), S. 1405–1408. orthopädisch relevante Schädigungen der Schulter und der Arme, der Hüfte und der Beine unterschiedlicher Ursache (Fehlstellungen, Schmerzen, Traumen, Fehlbelastungen u. a.)F.U. Niethard: „Krankengymnastische Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage bei orthopädischen Erkrankungen im Kindesalter (Teil 2).“ Sozialpädiatrie 9, no. 10 (1987), S. 707–712. Mitbehandlung von Fehlentwicklung der Hüfte (Hüftdysplasie/-luxation)F.U. Niethard: “Die Vorbehandlung der kongenitalen Hüftgelenksluxation mit krankengymnastischer Therapie auf neurophysiologischer Basis [Preliminary treatment of congenital hip dislocation using physical therapy based on neurophysiology].” Zeitschrift für Orthopädie und Unfallchirurgie 125, no. 01 (February 1987), S. 28–34. doi:10.1055/s-2008-1039672. Probleme der Atmungs-Studie Giannantonio et al. bei Frühgeborenen, abgerufen am 20. Oktober 2015., Schluck- und Kau-Funktionen Querschnittlähmung, abgerufen am 20. Oktober 2015. Multiple SkleroseSpezialklinik für Multiple Sklerose, abgerufen am 20. Oktober 2015., Schlaganfall und andere neurologische Störungen wie z. B. Schmerzzustände, residuale Paresen nach Bandscheibenvorfall, Ischialgien
Kontraindikationen
Die Vojta-Therapie darf nicht angewendet werden bei: akuten fieberhaften bzw. entzündlichen Erkrankungen speziellen Erkrankungen wie z. B. Glasknochenkrankheit bestimmten Herz- und Muskelerkrankungen Schwangerschaft
Durchführung Die Auslösung der Reflexlokomotion erfolgt überwiegend aus den drei Grundpositionen Bauch-, Rücken- und Seitenlage und aus zehn von Vojta beschrieben Auslösungszonen am Körper. Beim gesunden Neugeborenen ist die vollständige Aktivierung des Bewegungsmusters „Reflexkriechen“ aus einer einzigen Zone möglich. Bei älteren Kindern und Erwachsenen müssen mehrere Zonen für die Auslösung der Reflexlokomotion stimuliert werden.
In genau definierten Ausgangsstellungen übt der Vojta-Therapeut am Patienten einen gezielten Druck auf bestimmte Körperzonen aus. Dieser Reiz führt – unabhängig vom Willen des Patienten – bei Menschen jeden Alters zu zwei Bewegungskomplexen, in denen alle wesentlichen „Bausteine“ der menschlichen Fortbewegung und Aufrichtung enthalten sind: „Reflexkriechen“ und „Reflexumdrehen“.
Die im Einzelnen wissenschaftlich exakt beschriebenen BewegungsabläufeV. Vojta, A. Peters: Das Vojta-Prinzip: Muskelspiele in Reflexfortbewegung und motorischer Ontogenese. Berlin: Springer, 2007. der Reflexlokomotion sind jederzeit abrufbar. Durch Kombination und Variation der Auslösungszonen sowie durch kleinste Veränderungen der Druckrichtungen und Gelenkwinkel in der Ausgangsstellung und mit Widerständen gegen die Bewegungen der Extremitäten wird die Therapie dem individuellen Krankheitsbild und Behandlungsziel des Patienten angepasst.
Wirkungsweise Die Bewegungskomplexe der Reflexfortbewegung enthalten die für jede Fortbewegung elementaren Bestandteile: Automatische Steuerung des Gleichgewichtes bei Bewegungen („posturale Steuerung“) Aufrichtung des Körpers gegen die Schwerkraft zielgerichtete Greif- und Schrittbewegungen der Extremitäten.
Durch wiederholtes Auslösen dieser automatischen Körpersteuerungen und Bewegungen kommt es beim Patienten zu „Freischaltungen“ oder Neubahnungen innerhalb jener nervlichen Netzwerke zwischen Gehirn und Rückenmark, die funktionell blockiert sind. Der Zugang zu den bei spontanen Handlungen im Alltag benötigten und unbewusst eingesetzten Muskelfunktionen wird „freigeschaltet“, und die angeborenen Bewegungsmuster werden aktiviert.
Je nach Grunderkrankung kann durch die therapeutisch veranlasste „Bahnung“ von Haltungs- und Bewegungsfunktionen im Zentralnervensystem das verbesserte Bewegungsniveau bei nur wenigen, relativ kurzen Ausführungen oft den ganzen Tag über gehalten werden. Dadurch wird eine positive Veränderung der spontanen Haltung und Bewegung erreicht. So gewinnt der bewegungsgestörte Patient auch bessere Fähigkeiten zur Kontaktaufnahme, und Kommunikation und die Entwicklung zur Selbständigkeit und Unabhängigkeit werden gefördert.
Die Vojta-Methode wirkt auf die vorhandenen Nervenbahnen auf den unterschiedlichsten Körperebenen von der Skelettmuskulatur über die inneren Organe bis zu höheren Gehirnfunktionen und auf die Psyche des Patienten. Somit können mit der Vojta-Therapie neben der Körperhaltung und Fortbewegung auch vegetative Funktionen (Atmung, Durchblutung, Blasen- und Darmfunktion, Schlaf-Wachrhythmus), die Sensibilität und der Gesichts- und Mundbereich (Schlucken, Augenbewegungen, Sprache) aktiviert und beeinflusst werden.
Individuelles Therapieprogramm Die Vojta-Therapie wird vom behandelnden Arzt verordnet. Durchgeführt wird die Behandlung von einem in der Vojta-Therapie ausgebildeten und zertifizierten Physiotherapeuten. Dabei wird jeder Patient mit Schwerpunkt auf sein motorisches Hauptproblem, entsprechend seiner Grunderkrankung und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten und Grenzen individuell behandelt. Neben der Grunderkrankung bestimmen Übungsintensität, Frequenz und Genauigkeit die Wirksamkeit und damit den Erfolg der Behandlung. Nach der entsprechenden Verordnung durch den behandelnden Arzt erstellt der Vojta-Therapeut ein individuelles Programm und legt gemeinsam mit dem Patienten bzw. dessen Angehörigen die Therapieziele fest. Das Therapieprogramm, die Dosierung sowie gegebenenfalls Therapiepausen werden vom Vojta-Therapeuten in regelmäßigen Abständen der Entwicklung des Patienten angepasst.
Kontroverse Diskussion und Kritik Die häufigste Kritik an der Vojta-Therapie wird auf Grundlage des Schreiens bei Patienten im Säuglingsalter geführt. Viele Eltern gaben in einer Studie an, an ihre physischen und psychischen Belastungsgrenzen zu kommen, da sie ihre „intuitive Verhaltensbereitschaften zur Beruhigung und Beseitigung der Schreiursache“ unterdrücken mussten. Viele Mütter hatten zusätzlich die Sorge, das Kind könne ihnen die Behandlung übel nehmen und bleibenden seelischen Schaden erleiden.Huang-Tsung Kuo, Mechthild Papousek: Frühe Kommunikation zwischen Mutter und Kind unter den Anforderungen der Vojta-Therapie, Kindheit und Entwicklung 1, S. 101 (1992), Verhaltensmedizin.
Weitere Kritiker vermuten, dass „in einer Phase, in der körperliche Nähe und Liebe das Vertrauen und eine symbiotische Beziehung zwischen Eltern und ihren Babys festigen sollten, Eltern zu Aggressoren würden. Sie müssten ihre Kinder täglich mehrmals wiederkehrend auf eine Weise in Zwangspositionen bringen, die eine Babyseele nicht verstehen und nur als Misshandlung empfinden könne.“Monika Aly: „Mein Kind im ersten Lebensjahr. Frühgeboren, entwicklungsverzögert, behindert? Oder einfach anders? Antworten für Eltern.“ Berlin, Heidelberg, New York. Springer. 2002, 2. Auflage, S. 133.
Diese Diskussion wird sehr kontrovers geführt.
Eine Vergleichsstudie (Vojta-behandelte Säuglinge / altersgleiche gesunde Säuglinge)Huang-Tsung Kuo, Mechthild Papousek: Frühe Kommunikation zwischen Mutter und Kind unter den Anforderungen der Vojta-Therapie, Kindheit und Entwicklung 1, S. 97–106 (1992), Verhaltensmedizin. ergab, dass der zusätzliche mütterliche Einsatz bei der Vojta-Therapie nicht auf Kosten der Dauer des gemeinsamen entspannten Spielens ginge. In der Untergruppe der Säuglinge mit zentraler Koordinationsstörung (ZKS) zeigte sich, dass die behandelten Säuglinge außerhalb der Therapiezeit signifikant weniger unruhig wären als die unbehandelten Säuglinge.Huang-Tsung Kuo, Mechthild Papousek: Frühe Kommunikation zwischen Mutter und Kind unter den Anforderungen der Vojta-Therapie, Kindheit und Entwicklung 1, S. 101–102 (1992), Verhaltensmedizin.