mini|Philippe-Laurent Roland (1746–1816): Homer trägt seine Werke vor Als homerische Frage bezeichnet man in der klassischen Philologie im engeren Sinn die Frage, ob die Ilias und die Odyssee das Werk eines einzelnen Dichters oder mehrerer Dichter sind. Im weiteren Sinn geht es um die Frage nach der Entstehung dieser beiden Epen und damit genau genommen um mehrere Fragen: War Homer eine geschichtliche oder eine fingierte Person? Stammen die Epen von einem einzigen Autor oder von verschiedenen? Sind die Werke jeweils vom Autor ersonnen worden, oder gehen sie auf mündliche Überlieferung zurück und sind später niedergeschrieben worden? Entstanden die schriftlichen Werke jeweils „aus einem Guss“, oder haben sie erst nach und nach ihre endgültige Gestalt angenommen?

Heutiger Stand der Forschung Die heute akzeptierte Antwort auf die homerische Frage lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

Die Tradition des mündlichen Improvisierens von Dichtung in der festen Form von Hexametern (siehe Milman Parry) entstand ca. 1550 v. Chr. Der beliebte Sagenstoff der Troja-Geschichte existierte bereits 700 v. Chr. Homer, ein begabter Einzelgänger, nutzte die (seit ca. 800 v. Chr. existierende) Schrift zur Stoffstrukturierung und schuf so eine (oder bei Annahme einer Verfasseridentität zwei) individuell geformte Gestaltung(en) von Ausschnitten des vorhandenen Sagenstoffes: die Retardation der Eroberung Trojas in einer 51-Tage-Erzählung unter dem Schwerpunkt „Zorn des Achilleus“ = Ilias; die geglückte Heimkehr des Troja-Kämpfers Odysseus in einer 40-Tage-Erzählung = Odyssee.

Beide Epen wären so Produkte der Übergangszeit zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Beide Werke wurden unter Verwendung der Schrift konzipiert und festgehalten, aber bis zur abgeschlossenen Verschriftlichung der griechischen Überlieferung weiterhin mündlich durch Rhapsoden weiterverbreitet. Diese Hypothesen sind jedoch unvollständig belegt.

Die Datierung der mündlichen Dichtung auf 1550 v. Chr. beruht auf der ungesicherten Theorie einer indogermanischen epischen TraditionVgl. etwa Ivo Hajnal: Der epische Hexameter im Rahmen der Homer-Troia Debatte. In: Christoph Ulf (Hrsg.): Der neue Streit um Troia. Eine Bilanz. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50998-3, S. 217–231. (naturgemäß gibt es aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen). Gewisse Vokabeln, Wendungen und metrische Besonderheiten des Textes deuten auf ein wesentlich älteres Sprachstadium; dies lässt sich durch die Annahme einer indogermanischen dichterischen Tradition erklären.Cf. Martin L. West: The rise of the Greek epic. In: The Journal of Hellenic Studies. Bd. 108, 1988, S. 151–172, . In der indogermanischen Sprachwissenschaft hat Homer deswegen eine sehr große Bedeutung.

Die homerische Frage in der alten Philologie

Die Homer-Philologie der Antike erreichte im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. ihre Blütezeit. Die Bibliothek von Alexandria bildete das Zentrum der ersten Debatten. Die Homer-Erklärer Zenodotos von Ephesos, der eine Einteilung der Epen in 24 Bücher vorgenommen hatte, sein Schüler Aristophanes von Byzanz und Aristarchos von Samothrake führten philologische Diskussionen um die Authentizität von Einzelversen und Verspartien, was zur Streichung einiger Textpartien führte; jedoch zweifelte keiner von ihnen daran, dass beide Epen von einem Autor verfasst worden waren.

Die Verfasserschaft eines Autors wurde erstmals im 2. Jahrhundert v. Chr. von der radikalen Schule der Chorizonten (der „Zerteilenden“), der die Grammatiker Xenon und Hellanikos von Alexandria angehörten, abgelehnt und mit Aristarchos, der die gegensätzliche Meinung vertrat, zum Teil polemisch diskutiert. Später kam es zu einer kritischen Betrachtung der Ursprünglichkeit der Struktur der beiden Epen; eine Theorie besagte, der athenische Tyrann Peisistratos habe die Bücher Homers nach eigenem Ermessen geordnet.

Im 1. Jahrhundert n. Chr. diente die homerische Frage dem jüdischen Historiker Flavius Josephus als argumentative Waffe: In seiner Schrift Über die Ursprünglichkeit des Judentums an den alexandrinischen Grammatiker und Homer-Experten Apion formulierte er, die Griechen hätten viel später als die Juden lesen und schreiben gelernt, denn nicht einmal das älteste griechische Schriftdenkmal Homer habe „seine Dichtung, so sagt man, schriftlich hinterlassen, sondern aus dem Gedächtnis wiedergegeben, und deswegen enthalte sie so viele Ungereimtheiten“.Flavius Josephus: Contra Apionem I, 12

Danach ruhte die Homer-Philologie, bis sie um die Mitte des 14. Jahrhunderts durch Francesco Petrarca aufgegriffen wurde, der Homer dem Abendland bekannt machte.

Die neuzeitliche Problembehandlung ist von einem stärkeren geschichtlichen Sinn für die Dichtung Homers gekennzeichnet. Sie warf die Frage nach der genauen zeitlichen Einordnung Homers und den Bedingungen auf, denen seine Dichtung unterlag. Unter diesem Aspekt wurden die Diskussionen der Antike vor allem 1685 vom holländischen Historiker Johannes Perizonius wieder aufgegriffen. So lautete seine Theorie, Homer habe mündlich einzelne Lieder gedichtet, die später aufgeschrieben wurden und in Athen auf Veranlassung von Peisistratos zu Ilias und Odyssee zusammengefügt worden seien.

Als weniger seriös werden die 1715 veröffentlichten Theorien des François Hédelin angesehen, der die Existenz eines Menschen Homeros bestritt und die Epen als zusammengewürfelte Fragmente von „Tragödien und buntscheckigen Straßenliedern von Bettlern und Gauklern“ bezeichnete.Friedrich August Wolf: Prolegomena zu Homer. 1908, Kap. 26, Anm. 84

Die Forschung seit Friedrich August Wolf (1759–1824)

Diese dilettantischen Ausführungen brachten den Halleschen Professor Friedrich August Wolf beinahe davon ab, seine ähnliche Theorie, die er unter anderem auf die Bemerkung von Josephus stützte, Homer habe nichts Schriftliches hinterlassen, weiterzuentwickeln. Bestärkt durch andere renommierte Kritiker brachte er 1795 dennoch seine Prolegomena ad Homerum heraus, die die neuzeitliche Homer-Forschung einleiteten.

Analyse Friedrich August Wolf gab 1795 den ersten Band einer Gesamtausgabe der homerischen Epen heraus. In der lateinischen Vorrede bemühte er sich, die Überlieferung der Epentexte nachzuzeichnen. Dazu analysierte Wolf alle antiken und zeitgenössischen Homer-Debatten, systematisierte sie und bildete ein Hypothesengebäude aus bereits bekannten Einzelteilen der Entstehungstheorien, das methodisch und so neuartig war, dass seine Prolegomena als die Grundlegung der Philologie als Wissenschaft gelten.

Die Grundlage von Wolfs Theorie war die Schriftlosigkeit der frühen Jahrhunderte: Da Homer in einer Zeit gelebt habe, die noch keine Textfixierung durch Schrift, sondern nur mündliche Wiedergabe gekannt habe, könne er nur die Grundlinie (bzw. gewisse tragende Hauptteile) der Handlung erdacht haben.Friedrich August Wolf: Prolegomena zu Homer. 1908, Kap. 26: „Daraus scheint also notwendig zu folgen, dass die Gestalt so großer und kontinuierlich fortlaufender Werke von keinem Dichter im Geist entworfen und dann ausgearbeitet werden konnte ohne ein kunstgerechtes Hilfsmittel für das Gedächtnis.“ Rhapsoden hätten diese vorhandene Grundstruktur mündlich weitergegeben und das sich auch im Wortlaut ändernde Werk dabei ständig im Sinne des Grundplans verändert, bis Peisistratos es im 6. Jahrhundert v. Chr. in Athen durch Niederschrift habe fixieren und ein Ganzes machen lassen (die sog. Peisistratidische Redaktion der Epen). Wolf ging also davon aus, dass die Ilias und die Odyssee die gemeinsamen Schöpfungen vieler Dichter seien, und setzte den Anfangsstoß für die Entfaltung der homerischen Frage im engeren Sinne. Johann Wolfgang Goethe schildert uns die Wirkung dieser Hypothese zu jener Zeit in den Tag- und Jahresheften 1821 so: „Die gebildete Menschheit war im Tiefsten aufgeregt, und wenn sie schon die Gründe des höchst bedeutenden Gegners nicht zu entkräftigen vermochte, so konnte sie doch den alten Sinn und Trieb, sich hier nur eine Quelle zu denken, woher soviel Köstliches entsprungen, nicht ganz bei sich auslöschen.“ Hier zeigt sich Goethes Skepsis, während er in einem Brief an Wolf (26. Dezember 1796) dessen Thesen zugestimmt hatte. Eine satirische Stellungnahme Goethes begegnet in dem Xenion Der Wolfsche Homer: „Sieben Städte zankten sich drum, ihn geboren zu haben; / Nun, da der Wolf ihn zerriss, nehme sich jede ihr Stück.“

Wolfs Theorien, die inzwischen widerlegt sind (1871 wurde die Schriftlichkeit der frühen Griechen durch den Fund der Dipylon-Kanne von etwa 740 v. Chr. bewiesen), gaben der darauf folgenden analytischen Homerphilologie den Anstoß, die Ur-Epen, also die ursprünglichen Passagen, aus den uns überlieferten Texten durch sprachlich-stilistische und strukturell begründete Analyse herauszufiltern. So zerlegte der Philologe Karl Lachmann die Ilias in 10–14 Einzellieder; der Analytiker Adolf Kirchhoff meinte, in der Odyssee zwei ursprünglich selbstständige, von einem Bearbeiter „stümperhaft zusammengesetzte“ Gedichte zu erkennen.

Die Analyse, die zu dem Zeitpunkt bereits im ständigen Streit mit der Sichtweise eines einheitlichen Textes stand, erreichte 1916 mit Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff ihren Höhepunkt. Wilamowitz’ Hauptanliegen war es, die schichtweise vollzogene Zufügung von Textteilen zum originalen Kern zu rekonstruieren (er spricht von vier Bearbeitern) und somit die „Ur-Ilias“ aus dem uns vorliegenden Epos herauszulösen. In Homer sah er einen Dichter der Ilias, der um 750 v. Chr. mehrere bereits vorhandene Einzelgedichte aus dem Stoffkreis der Trojasage unter dem übergreifenden Gedanken vom Zorn des Achilles kompiliert hatte. Diese homerische „Ur-Ilias“ sei später in vier Bearbeitungsphasen durch verschiedene Dichter verändert worden. Wilamowitz stellt also die dichterische Einheit der Epen in die Mitte, nachdem sie früher wie bei Lachmann an den Schluss oder wie bei Wolf an den Beginn der Textentwicklung gesetzt worden war. Der Dichtername „Homer“ sei später auch auf die aus mehreren Urfassungen und Erweiterungen bestehende Odyssee übertragen worden. Diese These ist in dieser Konkretheit schwer nachzuweisen, jedoch lässt sich aufgrund sprachlicher, stilistischer und kultureller Überlegungen sagen, dass die Odyssee ungefähr eine oder gar zwei Generationen umfassende Zeitspanne (etwa 50 Jahre) später als die Ilias verfasst worden sein muss: Ihre Sprache zeigt jüngere Formen, leichteren Fluss, in ihr ist der Gebrauch von Gleichnissen gegenüber der Ilias stark eingeschränkt (im ungefähren Verhältnis 3,2:1); auch ist der Stil nicht mehr, wie in der Ilias, in mächtig-heroischen Sphären angesetzt, sondern in die Sphäre eines alltäglicheren Lebens gesenkt.

Fortgeführt wurde die Analyse ab 1947 von Willy Theiler und 1952 von Peter Von der Mühll, der von zwei verschieden alten Verfassern der Ilias ausgeht, von denen der ältere (Von der Mühll nennt hier Homer) die Ur-Fassung verfasst, der jüngere aber im 6. Jahrhundert v. Chr. das Vorhandene überarbeitet und erweitert habe.

Zur Fortwirkung des Ansatzes siehe Lönnrots Auffassung des finnischen Kalevala.

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