Der General (Originaltitel The General) ist eine 1926 gedrehte Stummfilm-Komödie von und mit Buster Keaton. Der Film spielt zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges und basiert auf dem historisch verbürgten Andrews-Überfall vom 12. April 1862. Der Lokomotivführer Johnnie Gray nimmt einsam die Verfolgung seiner von nordstaatlichen Spionen entführten Lokomotive General auf. Mit Hartnäckigkeit und Erfindungsreichtum gelingt es ihm, sowohl seine Maschine als auch die Gunst seines geliebten Mädchens Annabelle Lee zurückzuerobern.

Das Werk entstand am Höhepunkt von Keatons Ruhm und gilt als eine der teuersten Komödien der Stummfilmära. Der Misserfolg der Produktion bei Publikum und Kritikern brachte das Ende von Keatons künstlerischer Unabhängigkeit. Als Ende der 1950er Jahre seine mittlerweile vergessenen Stummfilme wiederentdeckt wurden, stand The General im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Seither zählt der Film innerhalb der Rezeption aufgrund seiner stringenten Dramaturgie und ambitionierten Bildgestaltung zu den bedeutendsten Komödien der Filmgeschichte.

Handlung Im Frühling 1861 lässt die Nachricht über die nahenden Unionstruppen im südstaatlichen Ort Marietta die Kriegshysterie ausbrechen. Um Gunst und Respekt seiner geliebten Annabelle Lee nicht zu verlieren, meldet sich der angesehene Lokomotivführer Johnnie Gray eifrig beim Rekrutierungsbüro. Aus für ihn unverständlichen Gründen wird er als Soldat abgelehnt; dass er als Lokomotivführer für den Süden als wertvoller erachtet wird, erfährt er ebenso wenig wie Annabelle. Sie will ihn erst in Uniform wiedersehen – eine für Johnnie unmögliche Aufgabe und somit das Ende der Beziehung.

Ein Jahr später entführen nordstaatliche Spione am Haltepunkt Big Shanty Johnnies geliebte Lokomotive General. Ohne Zögern nimmt Johnnie einsam die Verfolgung der entführten Dampflokomotive auf, erst zu Fuß, dann mit einer Draisine, schließlich mit einer weiteren Lokomotive. Er trotzt dabei allen Hindernissen, die ihm die Spione in den Weg legen. Diese wollen durch gezielte Zerstörungen auf dem Weg in den Norden das Kommunikations- und Bahnsystem der Konföderierten lahmlegen.

Die Verfolgungsjagd endet für Johnnie im Land der Feinde, wo er sich im Wald versteckt hält, ehe ihn der Hunger in das Hauptquartier der nordstaatlichen Generäle treibt. Dort gelingt es ihm, die feindlichen Pläne zu belauschen. Verblüfft sieht er auch seine Annabelle wieder: Sie befand sich zufällig im Güterwaggon des entführten Zuges und ist nun Gefangene der Unionstruppen. Getarnt als Unionssoldat gelingt es Johnnie, Annabelle zu befreien und mit ihr in den Wald zu flüchten.

Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, die geraubte General zurückzuentführen. Die Unionssoldaten nehmen mit einer weiteren Lok und einem Versorgungszug entschlossen die Verfolgung auf, um ihren Militärschlag wie geplant durchzuführen. Auf dem Weg in die Heimat variiert Johnnie erfolgreich sämtliche Tricks der Spione, um die Verfolger abzuschütteln. Einzig das technische Unverständnis Annabelles bringt beide immer wieder in kritische Situationen. Die strategisch wichtige Brücke am Rock River setzt er vorsorglich in Brand, ehe er beim Stützpunkt der Südstaatler ankommt, um die Soldaten vor den anrückenden Unionstruppen zu warnen.

Als die nordstaatliche Armee den Rock River überqueren will, bricht die vom Feuer beschädigte Brücke unter der Last der Lokomotive zusammen. Die vorgewarnten Konföderationstruppen eröffnen das Feuer. Die wilde Schlacht können die Südstaatler nicht zuletzt dank Johnnie für sich entscheiden. So wird der Lokomotivführer schließlich zum Leutnant ernannt und kann die begeisterte Annabelle küssend in die Arme schließen. Allerdings muss er gleichzeitig allen vorbeiflanierenden Soldaten salutieren.

Entstehungsgeschichte Storyentwicklung und Vorproduktion Bereits vor den Arbeiten an Der Killer von Alabama (Battling Butler) schlug Clyde Bruckman, Autor und Gagman Keatons, Williams Pittengers Buch The Great Locomotive Chase als möglichen Stoff für einen Film vor.Vgl. Kevin Brownlow, The D. W. Griffith of Comedy in Projections 4½, S. 293. William Pittenger schildert darin als einer der Beteiligten die wahre Geschichte des Andrews-Überfalls während des Amerikanischen Bürgerkriegs. Die Schwierigkeiten, einen historischen Vorfall in eine Komödie zu kleiden, war Keaton und seinem Team bewusst: weite Strecken des Films müssten zugunsten von Erklärungen auf Gags verzichten.Vgl. Keaton im Gespräch mit G. C. Pratt (1958), Buster Keaton: Interviews, S. 44f.

miniatur|Die General in einem Museum in Kennesaw, Georgia. Für den Film wurde eine Old Four Spot originalgetreu umgestaltet. miniatur|Keaton orientierte sich an Fotografien Mathew B. Bradys. Den hier abgebildeten Eisenbahn-Mörser Dictator ließ er für den Film rekonstruieren. Keaton, an glaubwürdigen Geschichten und insbesondere Maschinen interessiert, entschied sich dennoch für den Stoff. Dem geschilderten Ablauf der Verfolgungsjagd blieb er treu. Mit seinem Autorenteam änderte er allerdings den Blickwinkel des Buches: Nicht die nordstaatlichen Spione waren in seiner Geschichte die Helden, sondern der südstaatliche Lokomotivführer, der die Verfolgung seiner entführten Lok aufnimmt: „Man kann aus den Südstaatlern keine Gegenspieler machen. […] Das Publikum lehnt das ab. Die haben den Krieg ohnehin verloren.“Keaton im Gespräch mit Brownlow (1964), Buster Keaton: Interviews, S. 205f. Zudem verwarf Keaton die tatsächliche Auflösung des historischen Vorfalls. Die damaligen Spione gaben die entführte Lokomotive schließlich auf, wurden von südstaatlichen Soldaten aufgespürt und gefangen genommen, erschossen beziehungsweise erhängt. Für die abgerundete Dramaturgie fügte er stattdessen eine Liebesgeschichte und die dramatische Rückentführung der Lokomotive hinzu.

Obwohl wegen der historischen Umgebung und der großen Anzahl benötigter Statisten hohe Produktionskosten vorherzusehen waren, gab Keatons Produzent Joseph Schenck grünes Licht und gewährte Keaton wie üblich freie Hand: mit ihrer letzten Produktion Battling Butler hatten die Keaton-Studios ihren bis dahin größten finanziellen Erfolg verbuchen können. Erstmals sollte für United Artists produziert werden; Joseph Schenck war mittlerweile deren Vorsitzender.

Keaton nahm die neue Herausforderung, einen geschichtlich verbürgten Stoff zu erzählen, mit großem Ernst und Enthusiasmus an: „Macht es so authentisch, dass es weh tut“,„Make it so authentic it hurts“, zitiert in Brownlow und Gills Dokumentation Buster Keaton: A Hard Act to Follow, Teil 2, Thames Television 1987; auch zitiert als „It’s got to be so authentic it hurts“ in Kerr, The Silent Clowns, S. 247, mit Hinweis auf Rudi Blesh, Keaton. wird Keatons Aufforderung an seine Mitarbeiter, allen voran seinen langjährigen Produktionsdesigner Fred Gabourie, zitiert.

Bei der Suche nach geeigneten Drehorten entschied sich Keaton für die Gegend um Cottage Grove, Oregon, da die Originalschauplätze in Atlanta, Georgia und Chattanooga nicht seiner Vorstellung entsprachen. Neben der fotogeneren Landschaft konnte er dort auf die Oregon, Pacific and Eastern Railway zurückgreifen, eine 30 Kilometer lange Kleinbahn, die vorwiegend der Holzabfuhr diente.Kuhaupt, S. 72. Sie war technisch so zurückgeblieben und ungepflegt, wie Keaton es für seinen Film wollte.Vgl. Keaton im Gespräch mit Brownlow in Buster Keaton: Interviews, S. 179, bzw. Brownlow, Pioniere des Films, S. 565. Ende Mai 1926 traf der Produktionsstab und Keaton in Cottage Grove ein, um mit den Arbeiten am Set zu beginnen. Bei der Rekonstruktion der Stadt Marietta orientierte man sich so weit wie möglich an Pittengers Buch.Vgl. Kevin Brownlow, The D. W. Griffith of Comedy in Projections 4½, S. 295f. Die verwendeten Lokomotiven und Eisenbahnwagen wurden bis in Details auf „alt“ verkleidet und umgebaut, erhielten zum Beispiel statt der längst gebräuchlichen Klauenkupplung eine Link-and-pin-Kupplung.Kuhaupt, S. 74.

Das Produktionsteam hatte geplant, die erhaltene Original-General für die Dreharbeiten zu verwenden. Als bekannt wurde, dass Keaton aus dem historischen Vorfall eine Komödie machen wollte, protestierten einige Nachkommen der damaligen Entführer. Daraufhin zog die zuständige Bahngesellschaft ihr Angebot zur Zusammenarbeit zurück.Vgl. Kevin Brownlow, The D. W. Griffith of Comedy in Projections 4½, S. 294f. Doch konnten drei alte Lokomotiven mit Holzfeuerung angekauft und ohne Schwierigkeiten auf Maschinen aus der Bürgerkriegszeit umgestaltet werden.Vgl. Keaton im Gespräch mit Brownlow in Buster Keaton: Interviews, S. 179, sowie A Hard Act to Follow, Teil 2. Auch die Waggons wurden auf vorhandenen Fahrwerken originalgetreu aufgebaut. Als auffälligstes Requisit gilt eine Kanone auf Schienen, die als Nachbau im Film zum Einsatz kommt. „Wir fürchteten, dass die Leute sagen: ‚Die haben die nur für diesen Gag erfunden.‘ Aber es ist eine authentische Reproduktion einer Schienen-Kanone, die im Bürgerkrieg gebaut wurde. Wir fanden sie in mehr als einem Buch.“Keaton im Gespräch mit G. C. Pratt in Buster Keaton: Interviews, S. 44f, sowie A Hard Act to Follow, Teil 2.

Dreharbeiten und Nachproduktion Am 8. Juni 1926 begannen die Dreharbeiten.Vgl. Kevin Brownlow, The D. W. Griffith of Comedy in Projections 4½, S. 297. Gedreht wurde auf 35 mm mit meist drei Kameras, manchmal vier, wobei eine Einstellung – von Ausnahmen abgesehen – stets mit zwei Kameras gefilmt wurde: Aus dem Material der zweiten Kamera wurde das Auslands-Negativ gefertigt, von dem aus in Europa sämtliche Kopien für den Kontinent gezogen wurden. Wie üblich wurde ohne vorgefertigtes Drehbuch gearbeitet; die bewusst einfach gehaltene Story war allen Produktionsmitgliedern klar. Der Drehplan für den nächsten Tag und mögliche Gags wurden meist abends im engen Kreis besprochen. Auch während der Dreharbeiten war Keaton offen für Improvisationen.Vgl. Kevin Brownlow, The D. W. Griffith of Comedy in Projections 4½, S. 301f.

Regie führte Buster Keaton, auch wenn Clyde Bruckman im Titel als Koregisseur genannt wird: Keaton machte es sich zur Gewohnheit, Namen anderer Mitarbeiter beliebig im Vorspann zu platzieren. Proben ließ er gerne mitfilmen. Nicht selten wurden diese ersten Aufnahmen im fertigen Film verwendet. Ein Beispiel dafür ist die Szene, in der Johnnie (Buster Keaton) und Annabelle (Marion Mack) am Wasserturm Speisewasser nachfüllen wollen und Marion Mack überrascht von dem gewaltigen Wasserstrahl erfasst wird: Sie erzählte später, dass ihre Irritation, wie sie im Film zu sehen ist, nicht gespielt war; Keaton hatte sie nicht eingeweiht.Vgl. A Hard Act to Follow, Teil 2, etwa 00:11:30. Auch sonst habe sie keine genauen Regieanweisungen erhalten: „Ich inszenierte mich praktisch selbst. […] Wenn man nicht weiß, wie man spielt, ist man dort fehl am Platz.“„As far as directing me, I sort of directed myself. […] If you don’t know, how to act, then you shouldn’t be there.“ Zitiert von Brownlow in Projections 4½, S. 301.

Am Set kam es zu einigen Unfällen. Ein Mitarbeiter zog sich durch die Explosion einer Platzpatrone Verbrennungen im Gesicht zu.Vgl. Kevin Brownlow, The D. W. Griffith of Comedy in Projections 4½, S. 302. Ein anderer klagte auf 2900 US-Dollar Schmerzensgeld, weil einer der ungesicherten Waggons seinen Fuß überrollte.Vgl. Kevin Brownlow, The D. W. Griffith of Comedy in Projections 4½, S. 304. Keaton selbst verlor nach einer lauten Detonation für einige Minuten das Bewusstsein.