mini|Wesentliche Bestandteile eines Arguments: Prämissen, Konklusion, Schluss Ein Argument (Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch von ) wird typischerweise dazu verwendet, etwas zu begründen oder jemanden zu überzeugen. In Sprachwissenschaft und Philosophie versteht man unter einem Argument eine Abfolge von Aussagen, die aus einer Konklusion und möglicherweise mehreren Prämissen besteht, wobei die Konklusion diejenige Aussage ist, die durch die Prämissen begründet (man sagt auch: gestützt) werden soll.Bayer 2007: S. 85ff. Umgangssprachlich werden unter einem Argument dagegen oft allein die Prämissen verstanden, die zur Begründung der Konklusion dienen.„Ein Argument ist ein Versuch, Beweise zugunsten einer Ansicht zu liefern.“ - „[An argument is] an attempt to provide evidence in favour of some point of view.“ Groake 2017.

Mehrere aufeinander bezogene (z. B. aufeinander aufbauende) Argumente bilden eine Argumentation.Brun, Hirsch Hadorn 2009: S. 198. Wer Argumente aufstellt und diese schriftlich oder mündlich vorbringt, argumentiert. In einer Erörterung werden Argumente geprüft und gegeneinander abgewogen.

Die Argumentationstheorie ist die Wissenschaft vom Argumentieren. Sie weist enge Bezüge sowohl zur Logik auf, die die objektive Gültigkeit von Argumentformen untersucht, als auch zur Rhetorik, die sich damit befasst, wie Argumente überzeugend vorgebracht und formuliert werden können.S. Essler, Martínez 1991: S. 19.

Grundlegende Eigenschaften von Argumenten Argumente bestehen aus Prämissen und einer Konklusion, wobei die Prämissen typischerweise die Konklusion begründen sollen. Argumente dienen häufig dazu, jemanden zu überzeugen. Dementsprechend gibt es verschiedene Gesichtspunkte, unter denen man ein Argument betrachten kann:Siehe auch Brun, Hirsch Hadorn 2009: S. 203.

Status der Prämissen. Z. B.: Sind die Prämissen wahr? Sind sie ihrerseits gut begründet?Vgl. z. B. Bayer 2007: S. 86 f. Status der Konklusion. Z. B.: Ist die Konklusion wahr? Ist die Konklusion überhaupt strittig? Handelt es sich um eine normative oder um eine deskriptive Aussage? Steht die Konklusion im Widerspruch zu anderen Überzeugungen?Vgl. z. B. Bayer 2007: S. 190 f. Verhältnis von Prämissen und Konklusion. Z. B.: Begründen die Prämissen die Konklusion überhaupt? Angenommen die Prämissen sind wahr, ist dann zwingend die Konklusion wahr, oder ist die Konklusion dann zumindest wahrscheinlicher?Vgl. z. B. Bayer 2007: S. 88 f.

Diese ersten drei Gesichtspunkte bestimmen die „rationale Stärke“ eines Arguments. Wie sich an den ersten beiden Gesichtspunkten erkennen lässt, kann die rationale Stärke eines Arguments von Kontext zu Kontext eine andere sein. Von dieser rationalen Stärke des Arguments sind zum Beispiel zu unterscheiden:Vgl. Feldman 2014: S. 22 f.

Tatsächliche Überzeugungskraft („rhetorische Kraft“). Z. B.: Wird eine bestimmte Person aufgrund dieses Arguments tatsächlich von der Konklusion überzeugt oder in ihrer Überzeugung gefestigt? Ist das Argument hinreichend verständlich und interessant, um überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden? Literarische Qualität. Z. B.: Werden die Aussagen des Arguments in einer Weise formuliert und wird der Gedankengang der Begründung in einer Weise entfaltet, die unter ästhetischen Gesichtspunkten als wertvoll gelten kann?

Grundlegende Eigenschaften, die ein Argument im Hinblick auf seine rationale Stärke besitzen kann, sind: deduktive Gültigkeit, induktive Stärke, Relevanz, Stichhaltigkeit, Zirkularität.

Deduktive Gültigkeit

In einem deduktiv gültigen (auch: deduktiv korrekten) Argument garantiert die Wahrheit der Prämissen die Wahrheit der Konklusion. Das bedeutet: Es ist unmöglich, dass alle Prämissen wahr sind und die Konklusion falsch ist.Vgl. Salmon 1983: S. 5ff.; Bayer 2007: S. 101; Brun, Hirsch Hadorn 2009: S. 237; Pfister 2013: S. 23. Allerdings bezeichnen einige Autoren deduktiv gültige Argumente auch als "schlüssig", so etwa Tetens 2004: S. 24; Detel 2011: S. 48. Stärker als bei deduktiv gültigen Argumenten kann die Begründungsbeziehung zwischen Prämissen und Konklusion nicht sein. Deduktiv gültige Argumente sind außerdem monoton, d. h. sie bleiben unter Hinzufügung beliebiger weiterer Prämissen gültig, und sind nicht ampliativ, d. h. die Konklusion geht nicht über den Gehalt der Prämissen hinaus.

Deduktiv gültige Argumente können ganz unterschiedliche Inhalte haben, siehe Beispiele 1–4.

Beispiel 1: Entstehung des Nördlinger Ries Beispiel 2: Ein Argument für Nudging Beispiel 3: Das handlungstheoretische Argument für den Materialismus Beispiel 4: Eine wirtschaftsliberale Argumentation gegen Ausgabenpolitik

Induktive Stärke

In sog. induktiv starken oder nicht-deduktiv korrekten Argumenten besteht eine geeignete Begründungsbeziehung zwischen Prämissen und Konklusion, allerdings ist die Stützungsrelation schwächer als in deduktiv gültigen Argumenten:Salmon 1983: S. 63ff.; Bayer 2007: S. 125; Brun, Hirsch Hadorn 2009: S. 237; Pfister 2013: S. 27 Die Wahrheit der Prämissen garantiert hier nicht die Wahrheit der Konklusion, stattdessen wird die Konklusion durch die Prämissen – so die Standardformel – plausibler oder wahrscheinlicher gemacht.S. Nimtz, Jordan 2017: S. 139. Je nachdem, wie stark die Konklusion gestützt wird, spricht man von induktiv schwächeren und stärkeren Argumenten.Salmon 1983: S. 35f. Induktiv starke Argumente sind nicht monoton: Wenn man eine Prämisse hinzufügt, kann aus einem induktiv starken ein induktiv schwaches Argument werden.Brun, Hirsch Hadorn 2009: S. 277f. Zudem sind induktiv starke Argumente in der Regel ampliativ, d. h. die Konklusion behauptet mehr, als bereits mit den Prämissen ausgesagt wird.

Beispiele für induktiv starke Argumente:

Beispiel 5: Friedliche Demokratien (enumerative Induktion)

Beispiel 6: Medikamentenversuch (statistischer Test)

Beispiel 7: Arzturteil (Argument aus der Expertise)

Fügt man dem Argument in Beispiel 7 als weitere Prämisse hinzu, dass mein Arzt unter Drogen steht und dass sein Stellvertreter mich krankgeschrieben hat, so wird daraus ein induktiv schwaches Argument. Dies illustriert die Nicht-Monotonie induktiv starker Argumente.

Relevanz

Viele Argumente enthalten Prämissen, die irrelevant sind, weil sie entfernt werden können, ohne dass das Argument deduktiv ungültig wird oder an induktiver Stärke einbüßt.Vgl. Bayer 2007: S. 86; Feldman 2014: S. 181 ff.

Beispiel 8: Verbot von Killerspielen

Das Argument in Beispiel 8 ist deduktiv gültig; die Prämisse (2) ist allerdings in diesem Argument nicht relevant, denn Konklusion (4) folgt bereits zwingend aus (1) und (3). Stichhaltigkeit

Die Eigenschaften der deduktiven Gültigkeit und der induktiven Stärke charakterisieren einzig das Verhältnis zwischen Prämissen und Konklusion. Sie sagen nichts darüber aus, ob die Prämissen wahr oder falsch sind. Ein induktiv starkes oder deduktiv gültiges Argument, das außerdem noch die Eigenschaft besitzt, dass alle seine Prämissen wahr sind, nennt man stichhaltig.Pfister 2013: S. 26.

Nach allem, was wir heute über das Nördlinger Ries wissen, ist das Argument in Beispiel 1 nicht nur deduktiv gültig, sondern auch stichhaltig.

Das folgende Argument (Beispiel 9) besitzt indes falsche Prämissen:

Beispiel 9: Paris

Es ist deduktiv gültig, aber nicht stichhaltig. Dass ein deduktiv gültiges Argument falsche Prämissen besitzt, bedeutet nicht zwangsläufig, dass seine Konklusion falsch ist (wie das Beispiel zeigt).

Form von Argumenten Argumente lassen sich gemäß ihrer Form charakterisieren und klassifizieren. Betrachten Sie hierfür die Argumente in Beispiel 10 und 11:

Beispiel 10: Dostojewskis Diktum

Beispiel 11: Waffeninspektoren

So besitzen etwa die Argumente in Beispiel 10 und 11 die gleiche Form, insofern ihnen beiden ein und dasselbe Schema (s. Beispiel 12) zugrunde liegt.

Beispiel 12: Variante Modus tollensDurch Einsetzen von Aussagen (d. h. ganzen Sätzen, die wahr oder falsch sein können) für die Platzhalter “p” und “q” lässt sich aus dem Schema in Beispiel 12 sowohl das Argument in Beispiel 10 als auch das Argument in Beispiel 11 gewinnen.

Ein und demselben Argument können unterschiedliche Schemata zugrunde liegen.

Die logische Form von Argumenten wird durch Schemata beschrieben, in denen neben Platzhaltern einzig sog. logische Formwörter – Ausdrücke wie “und”, “nicht”, “alle”, “genau dann, wenn” u. a. – vorkommen (wie in dem Schema in Beispiel 12). Wichtige weitere Schemata sind etwa Modus ponens, disjunktiver Syllogismus, und Kettenschluss. Die logische Form von Argumenten ist für die Argumentanalyse besonders aufschlussreich, da sich mit ihr ggf. nachweisen lässt, dass ein Argument tatsächlich deduktiv gültig ist.Vgl. Bayer 2007: S. 101ff.; Brun 2003. Anhand der logischen Form von Argumenten lassen sich auch typische Arten von Fehlschlüssen unterscheiden.Vgl. Bayer 2007: S. 106.

Zur Systematisierung und Klassifizierung von Argumenten werden neben den logischen Schlussformen noch weitere Argumentationsmuster unterschieden, in denen auch inhaltliche Ausdrücke verwendet werden (vgl. etwa Schemata in Beispiel 13 und 14).S. Alexy 1983; Kienpointner 1992; Walton, Reed, Macagno 2008

Beispiel 13: Schluss auf die beste Erklärung

Beispiel 14: Argument aus dem Zeugnis anderer

Argumente nach den Mustern in Beispiel 13 und 14 – wie etwa Beispiel 15 und 16 – sind in der Regel nicht deduktiv gültig.

Beispiel 15: Das Aussterben der Dinosaurier

Beispiel 16: Ärztliche Diagnose

Diskurszusammenhänge sind teils durch besondere Argumentationsmuster gekennzeichnet: abduktive Argumente sind beispielsweise für das wissenschaftliche Argumentieren charakteristisch, transzendentale Argumente für das philosophische Argumentieren, oder Dammbruch-Argumente für politische Diskurse.

Argumente analysieren

Wenn wir miteinander oder mit uns selbst argumentieren, führen wir Argumente so gut wie niemals vollständig aus: Prämissen werden oft nur angedeutet, häufig auch stillschweigend vorausgesetzt; die Konklusion ergibt sich vielmals nur aus dem Kontext.

Prämissen eines Arguments, die nicht ausdrücklich angeführt werden, nennt man implizite Prämissen. Argumente mit impliziten Prämissen heißen Enthymeme.Brun, Hirsch Hadorn 2009: S. 224 ff.

Die Argumentanalyse zielt darauf ab, all die impliziten, d. h. nicht-genannten Bestandteile eines Arguments transparent und so einer kritischen Bewertung zugänglich zu machen. Die Argumentanalyse ist im Kern eine hermeneutische Methode: Mit ihr wird ein Text oder eine Rede unter dem Gesichtspunkt des Begründens systematisch interpretiert.Vgl. Betz 2010: Kap. 9. Bei der Analyse und Rekonstruktion von Argumenten gibt es einen Interpretationsspielraum.

Ein zentraler Leitgedanke der Argumentanalyse ist das Prinzip der wohlwollenden Interpretation. Es fordert, den bestehenden Interpretationsspielraum so zu nutzen, dass eine Begründung als ein möglichst starkes und möglichst überzeugendes Argument rekonstruiert wird.S. Scholz 2000; Bowell, Kemp 2014: S. 56 ff.

Argumente darstellen

Als Standarddarstellung von Argumenten hat sich etabliert, zunächst die einzelnen Prämissen und schlussendlich die Konklusion (markiert durch einen Schlussstrich oder ein anderes Schlussfolgerungssymbol) aufzulisten (siehe Darstellung der Beispielargumente).

Argumentationen, in denen bereits erschlossene Konklusionen in anderen Teilargumenten als Prämissen verwendet werden und somit als Zwischenkonklusionen fungieren, lassen sich ebenfalls in Listenform darstellen, wobei es hilfreich ist, die Abhängigkeiten der Zwischenkonklusionen anzugeben (s. etwa Argumentation in Beispiel 4).

mini|Inferenzdiagramm eines wirtschaftsliberalen Arguments, erstellt mit argdown.org.

Der interne Aufbau einer Argumentation kann durch sog. Inferenzdiagramme visualisiert werden (s. die Darstellung von Beispiel 4 in der Abbildung rechts).