mini|Hans Ulrich Wehler (2014) mini|Das Grab von Hans-Ulrich Wehler auf dem Friedhof Kirchdornberg in Bielefeld Hans-Ulrich Wehler (* 11. September 1931 in Freudenberg; † 5. Juli 2014 in Bielefeld) war ein deutscher Historiker und Hochschullehrer, 1970 bis 1971 als ordentlicher Professor an der TU Berlin, ab 1971 als Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld. Er war maßgeblich daran beteiligt, die deutsche Geschichtswissenschaft an der Sozialgeschichte und Modernisierungstheorie auszurichten. Seine fünfbändige Deutsche Gesellschaftsgeschichte zählt zu den Standardwerken der deutschen Geschichtsschreibung für die Zeit von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1990 und er gilt als einer der einflussreichsten deutschen Historiker seiner Zeit.

Leben Hans-Ulrich Wehler wurde als ältestes von vier Kindern des Kaufmanns Theodor Wehler und dessen Ehefrau Elisabeth Wehler, geborene Siebel, in Freudenberg (Kreis Siegen) geboren. Beide Eltern entstammten calvinistischen Hugenottenfamilien mit holländischen Wurzeln.„Eine lebhafte Kampfsituation“. Ein Gespräch mit Manfred Hettling und Cornelius Torp. München 2006, S. 14. 1933 zogen die Eltern nach Gummersbach, wo Wehler seit 1938 die Städtische Volksschule und ab 1942 das Gymnasium Moltkestraße besuchte, an dem er – verzögert durch die Kriegseinwirkungen – im März 1952 das Abitur ablegte. Zeitlebens war er mit dem zwei Jahre älteren Jürgen Habermas bekannt, mit dem er in der Hitlerjugend zusammentrafAndreas Zielcke: NS-Vorwürfe gegen Habermas – Verleumdung wider besseres Wissen. In: Süddeutsche Zeitung, 27. Oktober 2006. und dasselbe Gymnasium besuchte. Nach dem Abitur studierte Wehler ab dem Sommersemester 1952 Geschichte, Soziologie, Ökonomie und Amerikanistik an der Universität zu Köln. Von 1952 bis 1953 studierte er als Austauschstudent mit einem Fulbright-Stipendium an der Ohio University in Athens/Ohio (USA) und im Wintersemester 1953/54 an der Universität Bonn, ehe er im Sommer 1954 nach Köln zurückkehrte und bis 1958 weiterstudierte. Dort wurde er im Juli 1960 bei Theodor Schieder mit der Arbeit Sozialdemokratie und Nationalstaat (1840–1914) promoviertGoldenes Doktorjubiläum von Hans-Ulrich Wehler bei der Universität zu Köln (2010). und war anschließend Schieders Assistent am Historischen Seminar in Köln, wo er später von Erich Angermann (1927–1992) in die anglo-amerikanische Abteilung des Historischen Seminars übernommen wurde.

Im Jahr 1958 heirateten der evangelische Hans-Ulrich Wehler und Renate Pflitsch. Der Ehe entstammen drei Söhne.Paul Nolte: Hans-Ulrich Wehler. Historiker und Zeitgenosse. München 2015, S. 167. Der Unternehmensberater Gerhard Kienbaum war ein Vetter Wehlers.Vgl. Hans-Ulrich Wehler: «Ich hab knüppeln gelernt». In: Weltwoche, 17. September 2008 (Interview). (Markus, Fabian und Dominik).Wehler, Hans-Ulrich. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1314.

Hochschullehrer Seine erste Habilitationsschrift Aufstieg des amerikanischen Imperialismus 1865–1900 aus dem Jahr 1964 wurde von der Fakultät der Universität Köln als „nicht hinreichende historische Leistung“ abgelehnt.Sven Felix Kellerhoff: Der Historiker als Bahnbrecher der Moderne. In: Die Welt, 7. Juli 2014, abgerufen am 3. Oktober 2016. Auch seine zweite Arbeit Bismarck und der Imperialismus (1967) stieß in der Habilitationskommission auf starken Widerstand. Nach einem Kolloquium über Clausewitz und die Entwicklung vom absoluten zum totalen Krieg wurde die Habilitation schließlich 1968 in einer knappen Abstimmung der Fakultät angenommen. Der ganze Fall ist anhand der Quellen und Gutachten detailliert rekonstruiert worden.Philipp Stelzel: Rethinking modern German history: Critical social history as a transatlantic enterprise, 1945–1989. s. n., Chapel Hill NC 2010, (Chapel Hill NC, University of North Carolina, Dissertation, 2010; Digitalisat). Bis 1970 blieb Wehler als Privatdozent in Köln, bevor er 1970 Professor für amerikanische Geschichte an der Freien Universität Berlin wurde. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 war er Professor für Allgemeine Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Bielefeld. Er lehrte außerdem als Gastprofessor in Harvard, Princeton, Stanford, Yale und Bern. Zu Wehlers akademischen Schülern gehören u. a. Hanna Schissler, Rudolf Boch, Hans-Walter Schmuhl, Manfred Hettling, Frank-Michael Kuhlemann, Paul Nolte, Christina von Hodenberg, Olaf Blaschke, Svenja Goltermann, Till van Rahden, Stefan-Ludwig Hoffmann, Sven Oliver Müller, Christian Geulen und Cornelius Torp.

Werk und wissenschaftliches Wirken An der Reformuniversität Bielefeld gehörte Wehler zu den Begründern der so genannten Bielefelder Schule, die sich als Vertreterin der Historischen Sozialwissenschaft mit ihrem universellen methodischen Anspruch für die Geschichtswissenschaft verstand. Ziel war es, die bislang hauptsächlich ereignisgeschichtliche Historiographie gegenüber den Sozialwissenschaften (Soziologie, Wirtschaftswissenschaften), aber auch der PsychoanalyseZu Wehlers durchaus nicht unproblematischem Verhältnis zur Psychoanalyse vgl. hingegen Martin Klüners: Das Unbewusste in Individuum und Gesellschaft. Zur Anwendbarkeit psychoanalytischer Kategorien in der Geschichtswissenschaft. In: Psyche 70 (7) (2016), S. 644–673. zu öffnen. Als Publikations- und Diskussionsorgan wurde 1975 die Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft von Wehler wesentlich mitgegründet. In den folgenden Jahrzehnten bis zu seiner Emeritierung blieb er die prägende Kraft der Zeitschrift.

In den ersten Bielefelder Jahren war Wehler stark theorie- und strukturgeschichtlich orientiert. Damit einher ging sein Postulat, die Politikgeschichte müsse sich als Teildisziplin der neuen Historischen Sozialwissenschaft verstehen und in Richtung der von ihr aufgeworfenen Fragestellungen öffnen; diese Ablehnung der klassischen Politikgeschichte führte zu Kontroversen mit Historikern wie Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand.Dazu Andreas Hillgruber: Politische Geschichte in moderner Sicht. In: Historische Zeitschrift 216 (3), 1973, S. 529–552; Hans-Ulrich Wehler: Moderne Politikgeschichte oder „Große Politik der Kabinette“?. In: Geschichte und Gesellschaft. 1975, 1 (2/3), S. 344–369; Klaus Hildebrand: Geschichte oder „Gesellschaftsgeschichte“? Die Notwendigkeit einer politischen Geschichtsschreibung von den internationalen Beziehungen. In: Historische Zeitschrift. 223 (2), 1976, S. 328–357. Siehe zu den Standpunkten und zur Einordnung dieser Debatte um eine „moderne Politikgeschichte“: Eckart Conze: „Moderne Politikgeschichte“. Aporien einer Kontroverse. In: Guido Müller (Hrsg.): Deutschland und der Westen. Internationale Beziehungen im 20. Jahrhundert. Festschrift für Klaus Schwabe zum 65. Geburtstag. Stuttgart 1998, S. 19–30; Michael Gal: Internationale Politikgeschichte. Alte und neue Wege. In: ders.: Internationale Politikgeschichte. Konzeption – Grundlagen – Aspekte. Dresden/München (2. Aufl.) 2021, ISBN 978-3-95908-446-8, S. 61–121. Auch Thomas Nipperdey gehörte zu Wehlers schärfsten Kritikern.Thomas Nipperdey: Wehlers „Kaiserreich“. Eine kritische Auseinandersetzung. In: Geschichte und Gesellschaft 1 (1975), S. 539–560; Horst Möller: Zum historiographischen Werk Thomas Nipperdeys. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 40 (1992), S. 469–482, hier S. 478 und 482 (als PDF-Datei online, abgerufen am 6. Mai 2016). Strukturen und Prozesse erschienen bei Wehler wichtiger als die Entscheidungen von Personen. Dieser Ansatz war in weiten Teilen der Geschichtswissenschaft stark umstritten. In den 1980er Jahren setzte sich diese Perspektive auf die Historie als Paradigma durch, woraufhin jüngere Historiker, etwa aus dem Umfeld der Alltagsgeschichte und neuen Kulturgeschichte, Wehler und seine Schule als „Bielefelder Orthodoxie“ anzugreifen begannen.Kritisch zur Sozial- und Gesellschaftsgeschichte der 1970/80er Jahre etwa: Hans Medick: „Missionare im Ruderboot“? Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte. In: Jürgen Kocka: Sozialgeschichte und Kulturanthropologie (= Geschichte und Gesellschaft. Bd. 10, Nr. 3). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1984, S. 295–319, . In theoretischer Hinsicht stützte sich Wehler in erster Linie auf die Arbeiten von Max Weber. Dabei übernahm er nicht dessen Ergebnisse, sondern in erster Linie die Art der Fragestellung und Grundkonzepte. So ging auch Wehler davon aus, dass sich die Moderne auf einen Prozess der Rationalisierung, Bürokratisierung und Individualisierung gründe, den es in der Geschichte zu lokalisieren gelte.

Das Konzept fand Niederschlag in zahlreichen kleineren und größeren Arbeiten. In der Fachwelt hat das Buch Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918 von 1973 für erhebliche Aufmerksamkeit gesorgt. In diesem setzte Wehler seinen strukturgeschichtlichen Ansatz erstmals konsequent um. Neben der Hervorhebung sozioökonomischer Prozesse spielte dabei die Sonderwegsthese eine erhebliche Rolle. Obwohl sie mittlerweile in wichtigen Details als widerlegt gilt, hat sie einen internationalen Forschungsboom zum Deutschen Kaiserreich ausgelöst und das Geschichtsbewusstsein in Deutschland nachhaltig geprägt.