Hermann Gradl d.J. (* 15. Februar 1883 in Marktheidenfeld; † 15. Februar 1964 in Nürnberg) war ein deutscher Maler, Zeichner und Illustrator sowie Hochschullehrer.

Leben und Wirken Gradl war der zweite Sohn von Jakob Gradl und dessen Ehefrau Theresia (geborene Tritschler). Er ist der Neffe des gleichnamigen Hermann Gradl d.Ä. Sein Vater war Jurist und zu dieser Zeit Bezirksamtmann (entspricht der heutigen Funktion eines Landrats) des damals selbständigen Landkreises Marktheidenfeld (heute Teil des Landkreises Main-Spessart). Seine Eltern besaßen eine Dienstwohnung im Bezirksamt in der Mitteltorstraße 47. Der frühe Tod der Mutter im Jahr 1891 veranlasste den Vater, seine Söhne in die Obhut seiner Schwester nach Dillingen a. d. Donau zu geben. Gradl besuchte dort das Gymnasium, das er allerdings mit dem „Einjährigen“ wieder verließ.

Kunstgewerbeausbildung in München Unterstützt durch seine Vettern Hermann Gradl der Ältere und Max Joseph Gradl, die bereits als erfolgreiche Jugendstilkünstler tätig waren, konnte er bei seinem Vater eine künstlerische Ausbildung durchsetzen. 1899 wurde er Schüler der Städtischen Gewerbeschule in München.

1901 wechselte er an die Münchner Kunstgewerbeschule, wo er in der Klasse für Weberei unter Professor Theodor Spieß aufgenommen wurde und 1905 schließlich zu dessen Meisterschülern zählte. Schon zu dieser Zeit verspürte Gradl seinen Hang zur Malerei. In der Neuen Pinakothek studierte er die Meister des 19. Jahrhunderts, insbesondere die altdeutschen und holländischen, und erprobte sich in der Fertigung von Kopien. Außerdem war er als künstlerischer Berater der Kunsttöpferei Johann Lipp in Mering bei Augsburg tätig. In Zusammenarbeit mit seinen Vettern arbeitete Gradl als Gebrauchsgrafiker und entwarf Exlibris, Buchschmuck, Wein- und Speisekarten, Gestaltungen von Textilien und Keramik sowie für Haus- und Wohnungseinrichtungen.

Lehrer an der Kunstgewerbeschule Nürnberg Im Sommer 1907 nahm Gradl ein Angebot der Königlichen Kunstgewerbeschule Nürnberg (heutige Akademie der Bildenden Künste Nürnberg) an und wurde zum Lehrer für Weberei, Keramik und Kinderspielzeug berufen. Im Jahr darauf zog er nach Nürnberg und heiratete. Am 20. November 1909 bekamen er und seine Frau Mary einen Sohn. Sein Werkstattnachbar in der Kunstgewerbeschule war Rudolf Schiestl.

Landschaftsmaler Gradl bildete sich neben seinem Lehrberuf autodidaktisch in der Malerei weiter und gewann 1909 einen künstlerischen Wettbewerb der Stadt Nürnberg. Ab diesem Zeitpunkt arbeitete er als Landschaftsmaler. Die Städtische Galerie Nürnberg kaufte ein erstes Ölgemälde Am Täubleinshof, das Gradl in einer Ausstellung fränkischer Künstler im neuen Kunsthaus gezeigt hatte. Mit seinen ersten Werken nahm er 1913/14 erfolgreich an einer Ausstellung im Münchner Glaspalast teil. Als Nürnberger Künstler 1918 ihre Werke in Leipzig ausstellten, konnte Gradl alle seine 12 dort gezeigten Gemälde innerhalb einer Stunde verkaufen.

Buchveröffentlichungen und Illustrationen 1920 erschien bei Velhagen & Klasing ein Sonderheft von Heinrich Bingold über Gradl. Der gleiche Autor veröffentlichte im Hädecke-Verlag, Stuttgart, die Monographie Hermann Gradl, ein neuer deutscher Malerromantiker. Ein Jahr später wurde er im Allgemeinen Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart erwähnt. Gradl illustrierte eine Trilogie Wilhelm Raabes, das Märchenbuch Deutscher Dichter und 1924 Joseph Victor von Scheffels Ekkehard. Die bebilderten Werke Die Ahnen, Soll und Haben sowie Die verlorene Handschrift von Gustav Freytag erschienen 1926, und 1927 erschien das Kinderbuch Der verschlafene Sonntag von Jella Lepmann mit seinen Zeichnungen.

1924 erschien ebenfalls im Hädecke-Verlag ein Buch mit dem Titel Deutsche Landschaften von Hermann Gradl, herausgegeben von Hermann Uhde-Bernays. Für die Kunsttöpferei Lipp in Mering fertigte Gradl in den Jahren 1925 bis 1930 weiterhin Entwürfe. Bekannt wurden insbesondere seine Weihnachtsteller.

Im Zeitraum von 1924 bis 1927 entstanden über 200 Ölstudien und Zeichnungen vom Rhein, den Gradl als passionierter Autofahrer von der Quelle bis zur Mündung bereiste. 50 im Atelier ausgeführte Gemälde nach den Erträgnissen seiner Motivsuche wurden in der Kölner Dom-Galerie und in anderen Orten am Rhein ausgestellt. Die Herausgabe eines Kunstbandes scheiterte jedoch ebenso wie eine geplante Illustration der Werke von Gottfried Keller, für die schon 80 Zeichnungen vorlagen, an den wirtschaftlichen Verhältnissen im Gefolge der Weltwirtschaftskrise von 1929.

Professor für kunstgewerbliches Zeichnen 1926 war Gradl zum ordentlichen Professor für kunstgewerbliches Zeichnen von Gewebe, Tapeten und Intarsien befördert worden.

1933 unternahm er eine Mittelmeerreise. Ein weiteres Buch mit Arbeiten aus der Zeit von 1927 bis 1933 erschien 1936 unter dem Titel Der schöne deutsche Süden und mit einem Text von Ludwig Ankenbrand, wiederum im Hädecke-Verlag.

Im Nationalsozialismus Mit seinen romantischen Landschaftsbildern lief Gradl nicht Gefahr den zwischenzeitlich geltenden Anschauungen der nationalsozialistischen Kunstpolitik zu widersprechen, so dass er im Gegensatz zu vielen Malern moderner Stilrichtungen, deren Werke als „entartet“ abqualifiziert wurden, keinen Einschränkungen unterlag. Sein Malstil und seine Werke erlebten sogar erst jetzt den großen Durchbruch, da sie genau dem im nationalsozialistischen Deutschen Reich propagierten Kunststil entsprachen, der sich am Naturalismus des 19. Jahrhunderts orientierte und funktionalistisch der weltanschaulichen Vermittlung dienstbar gemacht wurde. Die Moderne wurde ebenso vehement wie in der Architektur nicht nur abgelehnt, sondern inquisitorisch aus dem öffentlichen Kunstleben verbannt. Die Stellung Gradls im Nazi-Kunstbetrieb drückt sich auch darin aus, dass er einer der wenigen Künstler war, die von 1937 bis 1944 auf allen Großen Deutsche Kunstausstellung vertreten waren. Von seinen dort ausgestellten 34 Bildern erwarb Hitler elf, Hermann Göring fünf und Hermann Esser eines.

1934 trat Gradl dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) mit der Mitglieds-Nr. 291047 bei.

Der „beste Landschafter“ Bei einem seiner zahlreichen Aufenthalte in Nürnberg fielen Adolf Hitler im Jahr 1937 mehrere Gemälde von Gradl im Atelier des Architekten Franz Ruff auf und weckten sein näheres Interesse. Ruff hatte die Bauleitung für die Kongresshalle Nürnberg auf dem Reichsparteitagsgelände inne und war der Patensohn Gradls. Hitler war sofort von den Bildern eingenommen und äußerte: Den daraufhin erfolgten Besuch in Gradls Atelier schildert dieser in seiner AutobiographieAutobiographie Ich erzähle aus meinem Leben. Unveröffentlichtes Manuskript. wie folgt:

Hitler wählte acht von Gradls Werken für die Ausstellung im Haus der Deutschen Kunst in München aus.

In einem Brief vom 19. Oktober 1937 an den Nürnberger Oberbürgermeister Willy Liebel äußerte sich Gradl über den Besuch Hitlers in seinem Atelier:

Nach der öffentlichen Anerkennung durch Hitler konnte Gradl mit Genugtuung feststellen:

Für den so geadelten Gradl interessierte sich jetzt eine neue Käuferschicht aus der nationalsozialistischen Führungsriege, so dass er Bilder an Spitzenfunktionäre wie Speer und GoebbelsAutobiographie. In: Roos: Hitler lieben. Roman einer Krankheit. Tübingen 1998, S. 23. verkaufen konnte. Seine bisherigen Jahreseinkünfte neben seinem Gehalt verdoppelten sich gegenüber den Vorjahren.

In einem Schreiben vom 1. August 1946 an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kunst erklärte Gradl das gestiegene Nachfrageinteresse:

Professor für Landschaftsmalerei Auf Geheiß Hitlers übernahm Gradl 1938 an der Staatsschule für angewandte Kunst in Nürnberg nun eine Klasse für Landschaftsmalerei. Gradl:

Ausstattungsmaler für die Neue Reichskanzlei Obwohl als Landschafter bislang nur im Klein- und Mittelformat hervorgetreten, erhielt er von Hitler den Auftrag, sechs Monumentalgemälde für den Speisesaal der Neuen Reichskanzlei in Berlin zu fertigen. Hitler, der Gradl nicht nur als bedeutendsten deutschen Landschafter bezeichnete, sondern auch zu den „zwölf unverzichtbaren Künstlern des Dritten Reiches“ zählte, lud diesen zu seinem 50. Geburtstag nach Berlin ein. Am 23. Mai 1939 erhielt er für die bestellten Bilder, die den riesigen 48 m langen, 10,50 m breiten und 5 m hohen Speisesaal zieren sollten, eine Abschlagszahlung von 70.000 Reichsmark. Die Gemälde sollten mit den Bezeichnungen Hochgebirge, Bächlein, Seenlandschaft, Flaches Land und Flusslandschaft die „typischen Erscheinungsformen des deutschen Landes in seinen Bindungen aus Natur und Kultur, aus seinen verschiedenartigen Formationen als Land der deutschen Heimat“ repräsentieren.Eberhard Lutze: Sinnbilder deutschen Landes. In: Die Kunst im Deutschen Reich. 3, 1939, S. 218. Als die Landschaftsbilder schließlich am 10. Mai 1941 vom Staat erworben wurden, erhielt Gradl den Rest seines Honorars von insgesamt 120.000 Reichsmark.Verzeichnis der auf Veranlassung des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt für die Reichskanzlei erworbenen Bilder, Bundesarchiv Koblenz R43II/1062b. In: Angela Schönberger: Die neue Reichskanzlei von Albert Speer …. S. 194 ff. Ob die Bilder tatsächlich alle gefertigt wurden und wo sie ggf. geblieben sind, ist nicht bekannt.Nach Günther, S. 67, wurden in den vier mittleren Sitznischen des Speisesaals, der übrigens nicht für repräsentative Zwecke vorgesehen war, die Gemälde Seelandschaft, Flusslandschaft, Mittelgebirge und Hochgebirge angebracht. Photographien sind nicht bekannt.In dem Bericht über eine „Ausstellung der lebenden fränkischen Künstler“ der „Akademie der bildenden Künste“ in Nürnberg 1940, wird allerdings der Ausstellungsbeitrag des neuen Akademiedirektors Gradl wie folgt beschrieben: „Seinem Schaffen ist der Hauptraum gewidmet. Die großen Gemälde Professor Hermann Gradls, die zur Ausschmückung der Reichskanzlei geschaffen wurden, bilden den Mittelpunkt der ganzen Ausstellung. Die Werke sind durch die Ausstellung im Hause der Deutschen Kunst bereits vielen Volksgenossen bekannt.“ (Dr. Hans Ludwig Zankl in Kunst dem Volk, Monatsschrift für bildende und darstellende Kunst, Architektur und Kunsthandwerk, 11. Jahrgang, Folge 5, Mai 1940, S. 50) Hitler selbst hatte ebenfalls ein Ölgemälde mit dem Titel Mainlandschaft für 23.000 Reichsmark angekauft.Verzeichnis der im Reichskanzlei-Erweiterungsbau zur Verwendung gelangten Gemälde, Graphiken und Plastiken, soweit sie aus den Führerankäufen aus dem Haus der Deutschen Kunst stammen, Bundesarchiv Koblenz R43II/1054b. In: Angela Schönberger: Die neue Reichskanzlei von Albert Speer …. S. 187 ff.

Direktor der Akademie der Bildenden Künste In Nürnberg bezog Gradl 1939 ein eigenes Haus mit Atelier in der Teutonenstraße 45 am Pulversee, entworfen von Fritz Mayer.Matthias Donath Nürnberg 1933–1945. Stadt der Reichsparteitage. Petersberg 2010, ISBN 978-3-86568-488-2, S. 133–134. Im selben Jahr wurde er zum Direktor der Staatsschule ernannt. Angeblich geschah dies ganz gegen seinen Willen:

Am 31. Mai 1940 wurde die Staatsschule in die „Akademie der Bildenden Künste in der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg“ umgewandelt.

Parteiein- und Kirchenaustritt Zum 1. Januar 1941 war Gradl in die NSDAP eingetreten (Mitgliedsnummer 7.848.329).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/11611389 Nach dem Krieg gab Gradl an, Nürnbergs Oberbürgermeister Liebel habe ihm dies als den ausdrücklichen Wunsch Hitlers nahegelegt. Im gleichen Jahr verstarb seine Frau, die er als seinen „besten Kameraden“ bezeichnete. Ein Jahr später trat er aus der katholischen Kirche aus.

Ehrenbürgerwürden und Wertschätzung