Die südamerikanischen Unabhängigkeitskriege fanden in der Zeit zwischen 1809 und 1825 statt und richteten sich gegen die Kolonialmacht Spanien, aber auch gegen die Kreolen, die weiterhin zu Spanien standen. Daher sind die Unabhängigkeitskriege sowohl Kolonialkriege, als auch Bürgerkriege zwischen königstreuen und aufständischen Südamerikanern. Die südamerikanischen Kolonien Spaniens waren damals in drei Vizekönigreiche (Vizekönigreich Neugranada, Vizekönigreich Peru und Vizekönigreich Río de la Plata) gegliedert. Die Unabhängigkeitskriege endeten mit der Erlangung der Unabhängigkeit beinahe aller Staaten Südamerikas, nämlich Argentinien, Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Paraguay, Peru, Uruguay und Venezuela. 1822 erlangte die portugiesische Kolonie Brasilien als neu entstandenes souveränes Kaiserreich eine zwar friedliche, aber dennoch nur scheinbare Unabhängigkeit, die von Peter I. forciert wurde, der dafür auf den portugiesischen Thron verzichtete. Nach 1825 blieben auf dem südamerikanischen Festland nur Britisch-Guayana, Niederländisch-Guayana und Französisch-Guayana als europäische Kolonien bestehen.
Ursachen mini|Francisco de Miranda Die ersten militärischen Bestrebungen zur Erlangung der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien wurden im heutigen Venezuela um das Jahr 1806 gesetzt. Der venezolanische Revolutionär Francisco de Miranda landete in Coro mit einer US-gestützten Expedition, scheiterte aber am mangelnden Rückhalt in der Bevölkerung. Die kreolischen Eliten wollten zwar einerseits eine Ausweitung des Freihandels, um die Gewinne ihrer Plantagenprodukte zu steigern, sie fürchteten jedoch umso mehr, dass ein Sturz der spanischen Herrschaft auch ihre Machtstellung zerstören würde. Vor allem die jüngsten Vorgänge in der französischen Kolonie Saint-Domingue bestärkten sie darin. Dort war es im Jahr 1803 zu einer massiven Sklavenrevolution gekommen, als deren Resultat 1804 der unabhängige Staat Haiti ausgerufen wurde. Dieser Sklavenaufstand diente einerseits als Inspiration für die anderen Sklaven Amerikas, andererseits jedoch umso mehr als mahnendes Beispiel für die Kakaoplantagenbesitzer und die amerikanischen Sklavenhalter. Die Zerrissenheit der kreolischen Elite spiegelt die Tatsache wider, dass sie einerseits das spanische Vizekönigreich Neugranada unterstützten, aber andererseits die Unabhängigkeitsbestrebungen auch nicht aktiv bekämpften. So organisierten die Kreolen 1810 auch revolutionäre Regierungen, die soziale und ökonomische Reformen versprachen und im Folgejahr den offenen Bruch mit Spanien proklamierten.
Den entscheidenden Schub bekamen die Unabhängigkeitsbestrebungen, als Spanien während der Napoleonischen Kriege 1808–1814 von seinen Kolonien abgeschnitten war. Die Kolonien wurden in dieser Zeit von verschiedenen Juntas wegen der französischen Besatzung in Südamerika nach dem Vorbild des Regentschaftsrats von Cádiz regiert. Diese provisorischen Regierungen schworen zunächst zwar dem spanischen Bourbonenkönig im Exil Ferdinand VII. die Treue, operierten aber faktisch unabhängig von Spanien. Treibende Kräfte hinter den Unabhängigkeitsbestrebungen waren vor allem die beiden Venezolaner Simón Bolívar und Antonio José de Sucre im Norden Südamerikas sowie der Argentinier José de San Martín und der Chilene Bernardo O’Higgins im Süden. Bis 1814, als er in spanische Gefangenschaft geriet, war jedoch der Neu-Granadiner Antonio Nariño das Maß der Dinge. Bolívar kannte dessen Bedeutung und gab ihm nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft, auch im Bewusstsein, dass dessen Zeit vorüber war, 1821 die Leitung des Kongresses, der gerade von Angostura (heute Ciudad Bolívar) nach Cúcuta umgezogen war.
Historischer Ablauf Die ersten Unabhängigkeitserklärungen mini|Simón Bolívar Als erstes Land erklärte Ecuador am 10. August 1809 seine Unabhängigkeit von Spanien (siehe Erste Unabhängigkeit von Ecuador), noch im selben Jahr folgte Bolivien. Beide Staaten wurden jedoch bald wieder von der Kolonialarmee zurückerobert. Am 19. April 1810 stürzte ein kreolischer Kongress den spanischen Gouverneur in Venezuela und erklärte schließlich am 5. Juli 1811 die Unabhängigkeit Venezuelas. Am 20. Juli 1810 kam es in Bogotá zum Umsturz und kurze Zeit später wurde die Unabhängigkeit Kolumbiens ausgerufen. Allerdings nicht auf nationaler Ebene, sondern provinzweise und sogar von einzelnen Orten. Diese Uneinheitlichkeit stärkte die Spanier und führte zur Konfrontation innerhalb der Patrioten (siehe Die Erste Republik Kolumbien). Außerdem hätte ein einiges Kolumbien nachhaltig in die Kämpfe zugunsten der Patrioten der Nachbarländer eingreifen können.
Zeitgleich fanden auch die ersten revolutionären Ereignisse im Süden Südamerikas statt. Am 13. Mai 1810 kam es in Argentinien zur Mairevolution und zum Sturz des spanischen Vizekönigs Baltasar Hidalgo de Cisneros und zur Bildung der ersten Junta (25. Mai). Diese erklärte zwar öffentlich ihre Treue zum spanischen König, setzte jedoch genau gegenteilige Taten. So wurden unverzüglich zwei militärische Expeditionen ausgeschickt, um der spanischen Krone weitere Teile ihrer Kolonien zu entreißen. Die erste Expedition machte sich auf den Weg ins Vizekönigreich Peru, wurde jedoch nach einem anfänglichen Sieg bei der Schlacht von Suipacha schließlich in der Schlacht von Huaqui entscheidend besiegt (siehe Expeditionen zur Befreiung Oberperus). Das Ziel der zweiten Expedition war Paraguay, auch hier kam es nach einem anfänglichen (zumindest von der argentinischen Junta proklamierten) Sieg bei Campichuelo zu schweren Niederlagen gegen die Royalisten bei Paraguarí und Tacuarí. Die zweite Expedition war jedoch nur militärisch ein Fehlschlag, denn kurz darauf am 15. Mai 1811 erklärte auch Paraguay seine Unabhängigkeit.
Kurz nach dem argentinischen Beispiel folgte Chile, wo am 18. September 1810 eine Junta die Macht übernahm. Nach anfänglichen Streitigkeiten und einer royalistischen Gegenrevolution unter Tomás de Figueroa, schaffte es José Miguel Carrera, die Regierung zu einen und 1812 eine Verfassung mit liberalem Charakter zu erlassen.
Royalistische Gegenangriffe Die ersten royalistischen Gegenangriffe erfolgten ohne die Unterstützung der Kolonialmacht, da Spanien zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Lage war, militärische Hilfe zu leisten. Dennoch waren einige Gegenangriffe zunächst erfolgreich, da die revolutionären Truppen meist noch unerfahren und wenig diszipliniert waren.
Zum ersten ernsthaften Rückschlag für die südamerikanischen Unabhängigkeitsbestrebungen kam es in Venezuela. Der Unabhängigkeitserklärung Venezuelas waren nämlich nicht alle Provinzen gefolgt, so hatten unter anderem Coro, Maracaibo und Guayana ihre Gefolgschaft verweigert und organisierten einen royalistischen Gegenangriff. Die königliche Armee unter Domingo de Monteverde besiegte die revolutionäre venezolanische Armee unter Francisco de Miranda nach einem über Monate währenden und nicht immer souverän geführten Feldzug und zwang diesen am 12. Juli 1812 zur Kapitulation bei La Victoria. Simón Bolívar, der während der Ersten Republik nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, musste, wie viele andere, daraufhin nach Neu-Granada fliehen, konnte jedoch bereits im Folgejahr wieder nach Venezuela zurückkehren. Am 6. August 1813 eroberte Bolívar Caracas nach einem gewagten Feldzug, der nur deswegen erfolgreich verlief, weil Santiago Mariño gleichzeitig Ostvenezuela befreite. Die daraufhin ausgerufene Zweite Republik war nur von kurzer Dauer, da beide Befreier zu lange brauchten, um vereint gegen die Spanier vorzugehen. Die venezolanischen Royalisten unter José Tomás Boves verstärkten ihre Armee mit angeworbenen Lanzenreitern, die als Rinderhirten in den Llanos gearbeitet hatten und schafften es nach mehreren vergeblichen Versuchen, Bolívar und Mariño am 15. Juni 1814 entscheidend zu besiegen. Am 16. Juli fiel Caracas und die Patrioten verloren in der Folge fast alle Gefechte. Während einige Unbeugsame auch in den folgenden Jahren in Venezuela weiterkämpften, floh Bolívar wieder nach Neugranada (siehe Unabhängigkeitskriege in Venezuela).
mini|Mariano Osorio In Chile hatten die Spanier militärisch Widerstand geleistet, aber keine der beiden Seiten konnte einen entscheidenden Sieg davontragen. Durch die Kämpfe waren schließlich beide Seiten so erschöpft, dass sie am 14. Mai 1814 den Vertrag von Lircay unterschrieben. In dem Vertrag erklärte sich Gaínza bereit, die Provinz von Concepción aufzugeben; im Gegenzug erklärte Bernardo O’Higgins dem spanischen König seine Loyalität. Beide Seiten hatten jedoch nicht vor, den Vertrag zu erfüllen, sondern nutzten ihn lediglich als Atempause. Vizekönig José Fernando Abascal y Sousa war jedoch so erbost über den Vertrag, der ohne sein Wissen ausgehandelt wurde, dass er den Oberbefehlshaber der Königstreuen Gabino Gaínza absetzte und Verstärkung unter dem energischeren Mariano Osorio nach Chile schickte. Die Spanier landeten in Concepción, wo sie sogar mit Applaus empfangen wurden, und begannen danach ihren Marsch auf die Hauptstadt Santiago. Dieser scheiterte jedoch. Die Expeditionsstreitkräfte nahmen die Stadt Chillán ein, während sich die republikanischen Anführer O’Higgins und Carrera nicht einigen konnten, wo sie den Angriff am besten abwehren sollten. So kam es, dass O’Higgins zwischen dem 1. und 2. Oktober 1814 in der Schlacht von Rancagua ohne Verstärkung blieb, beide besiegt wurden und nach Mendoza fliehen mussten. Kurze Zeit später konnte Osorio Santiago einnehmen. Chile blieb noch bis 1817 unter kolonialer Verwaltung.
Auch in Argentinien kam es Mitte 1812 zu einer Invasion royalistischer Truppen unter General Juan Pío de Tristán y Moscoso. Da die argentinischen Streitkräfte unter General Manuel Belgrano nicht nur 2:1 unterlegen, sondern auch deutlich schlechter ausgerüstet waren, entschied sich Belgrano für eine Taktik der verbrannten Erde. So zwang er im August 1812 die Bewohner der Provinz Jujuy zu einem Exodus (in Argentinien als der Jujuy-Exodus bekannt). Alle zurückgebliebenen Besitztümer wurden verbrannt und Leute, die sich verweigerten, wurden hingerichtet. Der Exodus dauerte vom 23. bis zum 29. August, und die Vertriebenen legten ca. 250 km südwärts bis in die Provinz Tucumán zurück. Belgranos Taktik war erfolgreich und so konnte er seine Streitkräfte zu Siegen bei Salta und Tucumán führen, so dass sich schließlich der Großteil der royalistischen Truppen inklusive Tristán ergeben mussten. Als Belgrano jedoch versuchte, im Gegenzug nach Oberperu vorzustoßen, wurde er in den Schlachten von Vilcapugio und Ayohuma besiegt. Obwohl die Expedition nach Peru erfolglos geblieben war, hatte sie doch eine folgenschwere Auswirkung. Die argentinische Junta ernannte nämlich während dieser Kampagne José de San Martín zum Oberstleutnant und beauftragte ihn mit der Bildung einer professionellen Kavallerieeinheit (Granaderos).
Am 31. Januar 1813 landete eine spanische Armeeeinheit – von Montevideo kommend – bei San Lorenzo in der Provinz Santa Fe. Die Granaderos besiegten diese Einheiten in der Schlacht von San Lorenzo, woraufhin San Martín zum General ernannt wurde. Die argentinische Junta hatte sich auch dazu entschlossen, eine eigene kleine Flotte aufzustellen. Diese Flotte unter dem Kommando von William Brown schaffte es am 14. Mai 1814, eine spanische Flotte vor Montevideo zu besiegen und teilweise zu kapern. Damit waren die argentinischen Küsten gesichert und William Brown wurde als Anerkennung zum Admiral befördert.
1814 wurde José de San Martín für kurze Zeit zum neuen Kommandanten der Nordarmee ernannt. Hier entwickelte er eine neue Strategie, um das Vizekönigreich Peru anzugreifen. Anstatt wie bisher zu versuchen, über das heutige Bolivien vorzudringen, erkannte er, dass es besser wäre, zuerst die spanische Herrschaft über Chile zu beenden.
Die entscheidende Phase