mini|Dom-Kathedrale in Riga

Die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands (lettisch: Latvijas Evaņģēliski luteriskā baznīca, kurz LELB) ist die von der Anzahl ihrer Mitglieder her bedeutendste religiöse Gemeinschaft in Lettland.

Verbreitung Über die Mitgliederzahl der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands gibt es unterschiedliche Angaben. Die Kirche selbst gibt auf ihrer Website die Zahl der aktiven Mitglieder mit 43.000 an, die Gesamtzahl der Lutheraner in Lettland mit 700.000.LELB misija - būt Kristus klātbūtnes vietai sabiedrībā auf der Website der ELKL, abgerufen am 3. September 2018. Auf der Website des Ökumenischen Rates der Kirchen ist nur von 39.000 Mitgliedern die Rede,Eintrag auf der Website des Ökumenischen Rates der Kirchen, abgerufen am 3. September 2018. auf der des Lutherischen Weltbundes von 250.000. auf der Website des Lutherischen Weltbundes, abgerufen am 3. September 2018. Der Kommunikationsausschuss lutherischer Minderheitskirchen gab für 2008 540.000 Lutheraner an, davon 40.000 aktive Mitglieder.Zahlen und Fakten, archivierte Fassung auf www.archive.org, abgerufen am 3. September 2018. Das Forschungsinstitut Glaube in der 2. Welt gibt an, dass die lettische lutherische Kirche von 2004 bis 2007 24.500 neue Mitglieder gewonnen habe (11.133 Austritte in derselben Zeit) und damit in drei Jahren um 6 % auf 250.000 Mitglieder angewachsen sei. Somit sei sie eine der wenigen lutherischen Kirchen in Europa, die im 21. Jahrhundert wachse.ideaSpektrum 24. November 2007

Organisation Oberstes Entscheidungsgremium der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands ist die aus Geistlichen und Laien zusammengesetzte Synode, die alle drei Jahre zusammentritt. Die Kirche wird von einem Erzbischof geleitet, seit 2025 Rinalds Grants. 2006 hat die Synode beschlossen, neben dem Erzbistum Riga die Bistümer Daugavpils und Liepāja zu schaffen. Am 13. Oktober 2007 wurden die an der Synode im Juni 2007 gewählten Bischöfe Einārs Alpe und Pāvils Brūvers geweiht.Bilder von der Bischofsweihe Seit der Emeritierung von Brūvers im Jahr 2016 amtiert Hanss Martins Jensons als Bischof von Liepāja.Biskapi auf der Website der ELKL, abgerufen am 3. September 2018. In der neuen Organisation umfasst die Erzdiözese von Riga sieben Propsteien um Riga und Vidzeme, die Diözese von Liepāja sechs Propsteien in den Regionen Kurzeme und Zemgale im Westen Lettlands und die Diözese von Daugavpils drei Propsteien in den Regionen Latgale und Sēlija im Süden.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche von Lettland besteht aus 288 Gemeinden. Für 2008 wurden 145 Pastoren und 50 nicht-ordinierte Evangelisten angegeben. Die Lettische Kirche lehnt sich an die Pfarrerdienstordnung der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) an, zu der sie eine vertraglich geregelte Partnerschaft unterhält.

Geschichte Von der Reformation bis zum Ende der russischen Herrschaft Die erste lutherische Gemeinde wurde bereits 1523 in Riga gegründet.Peter Hauptmann: Art. Baltikum. II. Das Christentum in Baltikum. In: TRE, Bd. 5, S. 145–159, hier S. 148. 1554 wurde in ganz Livland das freie Bekenntnis zur evangelischen Konfession zugestanden. 1558 bekannte sich der livländische Landtag geschlossen zur Reformation.Rochus Johannes Bensch: Neuere baltische Kirchenrechtsgeschichte. Der kirchenverfassungsrechtliche Rahmen des eigenständigen deutschen Kirchenwesens in Lettland und Estland (1919–1939) und die Kirchenverfassungen der Deutschen Ev.-Luth. Kirche Lettlands nach 1991. Bautz, Nordhausen 2004, ISBN 3-88309-157-X, S. 9. Die lutherische Kirche war jedoch vorerst weitgehend eine Kirche der herrschenden deutschsprachigen Minderheit.Madis Maasing: Die Reformationsversuche im Erzbistum Riga in den 1540er und 1560er Jahren. In: Radosław Biskup, Johannes Götz, Andrzej Radzimiński (Hrsg.): Die Kirche im mittelalterlichen Livland. Wydawnictwo Naukowe Uniwersytetu Mikołaja Kopernika, Toruń 2019, S. 245–272.

Zur Zeit der schwedischen Herrschaft war die lutherische Orthodoxie für die lutherische Kirche in Livland maßgeblich.Tiina-Erika Friedenthal: In Estland und Livland herausgegebene pietistische Bibeln – Vorreden und Leseanweisungen. In: Beata Paškevica (Hrsg.): Piētisms Baltijas vēsturē. Pētnieciskas aktualitātes un detaļpētījumi (17.–20. gs.) (= Latvijas Nacionālā Bbliotēka, Zinātniskie raksti, Band 13). Latvijas Nacionālā Bbliotēka, Riga 2024, S. 28–63, hier S. 45. Nach der Eingliederung Livlands in das Russische Kaiserreich durch den Frieden von Nystad (1721) wurde in Livland der Pietismus zur prägenden geistlichen Strömung.Peter Hauptmann: Art. Baltikum. II. Das Christentum in Baltikum. In: TRE, Bd. 5, S. 145–159, hier S. 151. Das Compendium oder kurzer Begriff der ganzen christlichen Lehre 34 Artikeln. Nebst einer Summarischen Vorstellung der Göttlichen Ordnung des Heyls, in Frage und Antwort von Johann Anastasius Freylinghausen, dem Schwiegersohn August Hermann Franckes, wurde ins Lettische übersetzt. Zu einer Erweckung (und nach manchen Quellen sogar zur eigentlichen Christianisierung) der lettischsprachigen Bevölkerung kam es im 18. Jahrhundert durch die Mission der Herrnhuter Brüdergemeine.Paul Neustupny: Die Wirksamkeit der Herrnhuter Brüdergemeine in Estland und Lettland. Vortrag bei der V. internationalen Konferenz Moravian 16.–18.10.2009 in Suchdol nad Odrou/Zauchtel (PDF)

Die evangelische Kirche in den Ostseegouvernements war dem Generalkonsistorium für das Russische Kaiserreich mit Sitz in St. Petersburg unterstellt.Rochus Johannes Bensch: Neuere baltische Kirchenrechtsgeschichte. Der kirchenverfassungsrechtliche Rahmen des eigenständigen deutschen Kirchenwesens in Lettland und Estland (1919–1939) und die Kirchenverfassungen der Deutschen Ev.-Luth. Kirche Lettlands nach 1991. Bautz, Nordhausen 2004, S. 13. Für das Gebiet des heutigen Lettland waren das Rigasche Konsistorium, das Livländische Konsistorium und das Kurländische Konsistorium zuständig.Rochus Johannes Bensch: Neuere baltische Kirchenrechtsgeschichte. Der kirchenverfassungsrechtliche Rahmen des eigenständigen deutschen Kirchenwesens in Lettland und Estland (1919–1939) und die Kirchenverfassungen der Deutschen Ev.-Luth. Kirche Lettlands nach 1991. Bautz, Nordhausen 2004, S. 14. Den Präsidenten des Livländisches Konsistoriums bestimmte die Livländische Ritterschaft, den des Kurländischen Konsistoriums die Kurländische Ritterschaft.Kristine Wohlfart: Der Rigaer Letten Verein und die lettische Nationalbewegung von 1868 bis 1905. Verlag des Herder-Institutes, Marburg 2006, ISBN 3-87969-330-7, S. 24. Nur wenige Pfarrer wurden von ihren Gemeinden gewählt, die meisten wurden gemäß dem Patronatsrecht von einzelnen Rittergutsbesitzern oder von den Ritterschaften eingesetzt. Ihre rechtliche Stellung war privilegiert, sie waren von persönlichen Abgaben und Diensten befreit.Wilhelm Lenz: Zur Verfassungs- und Sozialgeschichte der baltischen evangelisch-lutherischen Kirche 1710–1914. In: Reinhard Wittram (Hrsg.): Baltische Kirchengeschichte. Beiträge zur Geschichte der Missionierung und der Reformation, der evangelisch-lutherischen Landeskirchen und des Volkskirchentums in den baltischen Landen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1956, S. 110–129, hier S. 120. Ihren Lebensunterhalt erwirtschafteten sie aus den Pastoratswidmen und aus anderen Gütern im kirchlichen Besitz, die sie wie Gutsherren führten.Kristine Wohlfart: Der Rigaer Letten Verein und die lettische Nationalbewegung von 1868 bis 1905. Verlag des Herder-Institutes, Marburg 2006, S. 25.

Die Geistlichkeit der lutherischen Kirche blieb weitgehend deutsch geprägt. Die kirchliche Amtssprache in den Ostseegouvernements war – gemäß den russischen Kirchengesetzen – Deutsch.Rochus Johannes Bensch: Neuere baltische Kirchenrechtsgeschichte. Der kirchenverfassungsrechtliche Rahmen des eigenständigen deutschen Kirchenwesens in Lettland und Estland (1919–1939) und die Kirchenverfassungen der Deutschen Ev.-Luth. Kirche Lettlands nach 1991. Bautz, Nordhausen 2004, S. 15. Als Generalsuperintendenten von Livland amtierten ausschließlich Deutschbalten. Der deutschbaltische Pfarrer Oskar Schabert zählt unter den evangelischen Geistlichen, die 1905/1906 und während der bolschewistischen Herrschaft getötet wurden, zahlreiche Deutschbalten, aber nur sieben Letten auf.Björn Mensing: Baltische Märtyrer und Konfessoren. In: Björn Mensing, Heinrich Rathke (Hrsg.): Widerstehen, 2002.

In der Republik Lettland Mit der Gründung des lettischen Staates wurden die 194 lettischen Gemeinden und die 20 rein deutschsprachigen Gemeinden zu einer einzigen lutherischen Kirche vereinigt. 1922 wurden vom schwedischen Bischof Nathan Söderblom der von der Synode gewählte Kārlis Irbe zum Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche konsekriert und gleichzeitig Peter Harald Poelchau zum Bischof der deutschen Gemeinden. Durch die von der lettischen Regierung durchgeführte Agrarreform verloren die Kirchengemeinden einen großen Teil ihres Grundbesitzes, und die Kommunen wurden von obligatorischen Abgaben an die Kirchengemeinden befreit. Der Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche erhielt das Nutzungsrecht für den Dom zu Riga. An der neu gegründeten Lettischen Universität wurde eine theologische Fakultät geschaffen, in der bis 1934 über 100 Pfarrer ausgebildet wurden. Bischof Irbe gründete das von der liberalen theologischen Fakultät unabhängige konservative Herder-Institut, das auf die Ausbildung für den Kirchendienst ausgerichtet war. Dieses Seminar blieb im Untergrund auch während der sowjetischen Herrschaft aktiv.Latvia Revived: Interview des Touchstone Magazine mit Erzbischof Jānis Vanags

1932 entschied sich die Kirche für ein einziges Oberhaupt, und Teodors Grīnbergs wurde zum Erzbischof der evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands gewählt.

Zweiter Weltkrieg Durch den Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche schwer beeinträchtigt. 1944 mussten Erzbischof Grīnbergs und die Kirchenverwaltung auf Druck des deutschen Sicherheitsdiensts das Land verlassen, etwa sechzig Prozent der evangelischen Pastoren flohen vor der Roten Armee. Grīnbergs baute die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands im Exil auf, die immer noch ihre meisten Gemeinden in Nordamerika, Westeuropa und Australien hat. Die Kirchenleitung in Lettland übernahm Propst Kārlis Irbe (1885–1966).

Während der zweiten sowjetischen Besetzung Lettlands Bald nach Beginn der sowjetischen Herrschaft wurden Irbe und andere aktive Geistliche deportiert, so dass die Kirche etwa 80 % ihrer Geistlichen verlor. 1954 erzwang die Sowjetunion eine Änderung der Kirchenverfassung, Erzbischof Grīnbergs wurde zur Abdankung gezwungen und Gustavs Tūrs zum Erzbischof gewählt. Um 1967 zählte die Lettische Evangelisch-Lutherische Kirche 400.000 bis 450.000 Mitglieder mit ca. 90 Pastoren.Walter Graßmann: Geschichte der evangelisch-lutherischen Rußlanddeutschen in der Sowjetunion, der GUS und in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (PDF; 9,6 MB) Das Leben der Kirche war auf das Abhalten von Sonntagsgottesdiensten in den Kirchen beschränkt.

Unter der Perestroika kam es wieder zu einer radikalen Veränderung in der Haltung der Menschen zur Kirche. Religion, Bibel und Christentum wurden auch in den Medien wieder zum Thema, und die Zahl der Gottesdienstbesucher stieg anfänglich stark an. Die lutherische Kirche hatte jedoch viel zu wenige Geistliche, die noch dazu nicht für diese neuen Erwartungen an die Kirche ausgebildet waren. Dazu kam, wie bei praktisch allen Kirchen des früheren Ostblocks, die innere Spaltung zwischen den während der Zeit des Kommunismus entstandenen Flügeln der „Märtyrer“ und der „Kollaborateure“. Auf der Synode 1989 ersetzte Kārlis Gailitis den bisherigen Erzbischof Eriks Mesters, und das gesamte Konsistorium wurde ausgewechselt, was der Kirche einen von der Vergangenheit unbelasteten Neuanfang ermöglichte.

Seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit 1990