mini|Restauriertes Porträt einer 21-jährigen Person, datiert auf das Jahr 1585, mit lateinischer Inschrift AETATIS SVAE 21 („in seinem 21. Jahr“) und einem lateinischen Motto Quod me Nutrit me Destruit („Was mich ernährt, zerstört mich“), das mit einer gewissen Plausibilität Christopher Marlowe 1585 darstellen dürfte. Es wurde 1953 in beschädigtem Zustand bei Renovierungsarbeiten in der Masters Lodge des Corpus Christi College, Cambridge (England), entdeckt.
Die Marlowe-Theorie geht davon aus, dass das im Mai 1593 wegen Anschuldigungen des Hochverrats („Treason“) mit der Todesstrafe bedrohte Dramatikergenie Christopher Marlowe gezwungen war, seinen Tod vorzutäuschen, seine Identität und seine Namen dauerhaft aufzugeben, in der Anonymität und inneren Verbannung/Exil weiter zu leben und fortan unter zahlreichen Pseudonymen, einschließlich William Shakespeare, zu schreiben und zu veröffentlichen. Das Pseudonym Shakespeare wurde demzufolge 1593 erwählt, da sich ein realer Strohmann William Shakspere aus Stratford gegen Honorierung in London bereitgefunden habe, Marlowe zur Erhöhung seiner bedrohten Sicherheit „leibhaftig“ zu maskieren.
Grundannahmen der Theorie These 1
Erste Grundannahme (These 1) der Theorie ist der Zweifel,doubtaboutwill.org dass William Shakespeare aus Stratford mit dem Dichter und Werkeverfasser William Shakespeare identisch gewesen sein kann (siehe dazu Shakespeare Urheberschaftsdebatte).
These 2
Zweite Grundannahme (These 2) der Theorie ist, dass Christopher Marlowe am 30. Mai 1593 nicht zu Tode kam, sondern sein zum vermeintlichen Zeitpunkt mit der Todesstrafe bedrohtes Leben durch einen vorgetäuschten Tod (30. Mai 1593) samt Identitäts- und Namenswechsel und Hilfestellung der Krone (Lord Burleigh, William Cecil) gerettet wurde., auf prestel.co.uk
These 3 Die dritte aus These 2 ableitbare Annahme (These 3) besteht darin, dass Marlowe nach dauerhafter Aufgabe von Identität und Namenissuu.com unter einer schwer fassbaren Anzahl von Decknamen, Initialen bzw. Pseudonymen (einschließlich William Shakespeare) viele Dekaden literarisch aktiv war.der-wahre-shakespeare.com Der weitaus größte Teil der bis heute bestehenden Unplausibilitäten der Autorschaftsdebatte soll mit diesen Thesen beseitigt werden.
Geschichte der Marlowe-Theorie 1819/20 wurde in zwei anonymen Veröffentlichungen im Monthly Review die Theorie vorgeschlagen, dass Christopher Marlowe ein Pseudonym („nom de guerre“) für Shakespeare war. Der anonyme Autor wurde später als ein gewisser William Taylor aus Norwich identifiziert.W.Taylor, Monthly Review, August 1819, v89, 361–62 und September 1820, v93, 61–63.N&Q, 220-222, 1994. 1895 vermutete Wilbur Gleason Zeigler, dass Shakespeares Werke von Marlowe stammen müssten.Wilbur Gleason Zeigler: It Was Marlowe: A Story of the Secret of Three Centuries. 1895 (Digitalisat) 1920 schrieb Henry Watterson in der New York Times (18. Juli) über seine Überzeugung, dass Marlowe Shakespeare gewesen sein müsse. 1923 schlug Archie Webster in einem Essay, auf prestel.co.uk insbesondere aufgrund einer eingehenden Analyse der Sonette vor, dass Marlowe der wahre Autor der Shakespeare’schen Werke sein müsse. Webster hatte zu dieser Zeit noch keine Kenntnis von Hotsons bahnbrechender Entdeckung des Todeshergangs Marlowes. Erst 1925 entdeckte Leslie Hotson in den britischen Staatsarchiven den in lateinischer Schrift verfassten Bericht (Coroners Report) des William Danby von 1593, der die seit Jahrhunderten tradierte Todesursache Marlowes („Wirtshausschlägerei“ …killed in a drunken fight etc.) revidierte. 1952 war es Roderick L. Eagle,R. L. Eagle: The mystery of Marlowe’s death. Notes & Queries 1952. der die Todesumstände Marlowes zum Anlass nahm, über einen vorgetäuschten Tod zu spekulieren. 1955 publizierte Calvin Hoffman die wohl einflussreichste Monographie über die Marlowe-Theorie. Eine wesentliche Argumentation bestand in der vergleichenden Textanalyse und Darstellung von Textparallelismen zwischen Christopher Marlowe und William Shakespeare. 1994 entwickelte die Wissenschaftlerin A. D. Wraight in ihren Büchern In Search of Christopher Marlowe (zusammen mit Virginia Stern) und The Story that the Sonnets Tell insbesondere anhand einer Sonett-Analyse die Marlowe-Theorie weiter. Seit dieser Zeit haben sich verschiedene Autoren mit der Marlowe-Theorie auseinandergesetzt. 2001 produzierte Michael Rubbo, ein australischer Dokumentarfilmer, einen Fernsehfilm,muchadoaboutsomething.com Much Ado About Something. in dem er die Pros und Kontras der Marlowe-Theorie darstellte. 2008 erschienen zwei neue Monografien über die Marlowe-Shakespeare-Theorie von Samuel L. Blumenfeld.Samuel L. Blumenfeld, The Marlowe-Shakespeare-Connection. 2008 und Daryl PinksenThe Marlowe Ghost, 2008. 2011 erschien in der Serie Terra X (ZDF) die Dokumentation Das Shakespeare-Rätsel (Atlantis Film, Regie Eike Schmitz), das die Marlowe-Theorie darstellt. 2011 entwickelte Bastian Conrad (prof.emeritus) TU München, klin. Neurowissenschaften, in einer (ersten deutschen) Marlowe Monografie 2011 auf 700 Seiten (5. Auflage 2016) die Multi-Pseudonymitäts-Theorie, die nachweist bzw. nachzuweisen sucht, dass das im Mai 1593 wegen Hochverrat, (Treason), Aufruhr (Rebellion) und Volksverhetzung (Sedition) mit der Todesstrafe unmittelbar bedrohte Dichter-/Dramatiker-Genie und Superstar des Londoner Theaters, nur mit Hilfe der Krone (William Cecil) und assistierter Todesvortäuschung gerettet werden konnte: Marlowe gab nach dieser Theorie dauerhaft seine Identität und seinen Namen auf, und lebte ab der 2. Jahreshälfte 1593 in einer inneren und äußeren Verbannung bzw. Exil und schrieb unter einer kaum fassbaren Zahl von Pseudonymen, Decknamen (einschließlich Shakespeare) bzw. anonymen (nicht identifizierbaren Initialen). Man muss zugleich berücksichtigen, dass Marlowe bereits vor seinem vermeintlichen Tod nie eines seiner Werke unter seinem Namen hatte drucken lassen: er dürfte sich früh der außergewöhnlichen Gefährdung seiner, jegliche Norm sprengenden, Persönlichkeit bewusst gewesen sein.Der wahre Shakespeare: Christopher Marlowe. Zur Lösung des Jahrhunderte alten Autorschaftsrätsels. 700 Seiten, 5. Auflage, 2016 Buch & Media, ISBN 978-3-95780-002-2 2020 erschien eine Monografie über stilometrische Unterschiede zwischen Marlowe und Shakespeare von Hartmut Ilsemann Phantom Marlowe: Paradigmenwechsel in Autorschaftsbestimmungen des englischen Renaissancedramas. Düren: Shaker, 2020. 2021 kam Pal Faklen, der Herausgeber von 'Grafologia' (Budapest) anhand von Vergleichen der Handschriften zwischen Shakespeare und Marlowe zu der Überzeugung, dass Marlowe mit dem 'wahren" Shakespeare identisch gewesen sein müsse.Pal Faklen: Marlowe's delayed resurrection or the key to the Shakespeare-enigma, Grafologia 2021Marlowe's delayed resurrection, auf academia.edu
Marlowes Tod Gegen die Theorie, dass Marlowes Tod vorgetäuscht wurde, wurde angeführt, dass sechzehn „Juroren“ bei der Leichenbeschau (Coroners Inquest) anwesend waren und dass ein Mangel an direkten Beweisen für ein Weiterleben von Marlowe, jenseits von 1593 bestehe. Zugleich argumentieren manche Shakespeare-Forscher, dass Stil der Werke und die Weltsicht Marlowes zu verschieden von der Shakespeares seien, sodass eine Evidenz mehr auf Shakespeare als Marlowe hinweise.
Die Untersuchung („The Inquest“) Entsprechend den Quellen über Marlowes Tod, entdeckt erst 1925 durch Leslie Hotson, starb Marlowe als Ergebnis einer Messerstichverletzung oberhalb des rechten Auges, die Marlowe von Ingram Frizer nach einem Abendessen am 30. Mai 1593 zugefügt wurde. Zusammen mit zwei anderen Männern, dem Kurier des Kronrates Robert PoleyEugénie de Kalb: Robert Poley’s Movements as a Messenger of the Court, 1588 to 1601. The Review of English Studies, 1933. und Nicholas Skeres, hatten sie den Tag zusammen im Hause der Witwe Eleanor Bull, der Cousine von Lord Burghley, verbracht. Zwei Tage später, am 1. Juni 1593, erfolgte die richterliche Untersuchung durch den Leichenbeschauer und Untersuchungsrichter von Königin Elisabeth I., den Coroner to The Queen’s Household William Danby. Die Untersuchungskommission (The Jury) kam zu dem Urteil, dass sich die Tötung im Wege der Selbstverteidigung ereignete. Der Leichnam von Christopher Marlowe, des famous gracer of tragedians, wie ihn Robert Greene nannte, wurde am 1. Juni 1593 in einem nicht markierten Grab im Kirchhofe von St. Nicholas, Deptford, begraben. Königin Elisabeth I. erteilte nur vier Wochen später dem Mörder Frizer absolute Begnadigung, ein bemerkenswert kurzes Zeitintervall nach einem Kapitalverbrechen, begangen innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone der Königin (within the verge).David Riggs: The World of Christopher Marlowe. Faber and Faber, 2004. S. 334.
Zu den zuletzt veröffentlichten Büchern bzw. Artikeln über Marlowes Tod scheint die Beobachtung bedeutsam, dass die meisten Autoren davon ausgehen, dass der Untersuchungsbericht („coroners report“) eine „Fabrikation“ war und die Zeugen wahrscheinlich nicht die Wahrheit sagten.Siehe Liste oberhalb der Notizen Downie und Kuriyama, sie gehen wahrscheinlich als einzige davon aus, dass der Bericht der Wahrheit entsprach. Anhänger der Marlowe-Theorie gehen einen Schritt weiter und argumentieren, dass, wenn Frizer, Poley und Skeres über die Ereignisse gelogen haben, könnten sie genauso gut über die Identität der Leiche selbst gelogen haben. Mit anderen Worten: Auch wenn sie behaupteten, es sei Marlowes Leichnam gewesen, waren sie, soweit bis heute bekannt, die Einzigen, die Marlowe (bzw. den Leichnam einer anderen Person, den die Jury zu untersuchen hatte) identifizieren konnten. Verschiedene Kommentatoren fanden Details des Tötungsaktes nicht überzeugend.So zitiert P. Honan in seinem Buch Christopher Marlowe, Poet & Spy (S. 352) forensische Gründe, die eine sofortige Tötung durch die besagte Wunde anzweifeln (instanter obeit). Es gebe keine Gründe, die Ehrenhaftigkeit der Jury bei Marlowes Todesuntersuchung (Coroners Inquest) anzuzweifeln, und daher waren die Zeugenaussagen offensichtlich plausibel genug, um die Jury zufriedenzustellen. Anstatt zu fragen „Warum wurde Marlowe getötet?“, wird bei der Marlowe-Theorie die Frage umformuliert: „Was war der Zweck des Treffens in Deptford?“
Hintergrund Es gibt keine Zweifel darüber, dass sich Christopher Marlowe zum Zeitpunkt seines Todes in tiefsten Schwierigkeiten, d. h. Todesbedrohung, in erster Linie wegen Hochverrats („Treason“ auf Grund der Verbreitung von Flugblättern - „Dutch Libels“) befand. Anschuldigungen, er habe andere zum Atheismus überredet, waren vor den Kronrat (Privy Council) gelangt, und er wurde sicher – ob wahr oder falsch – verdächtigt, ein atheistisches Buch für subversive Zwecke geschrieben zu haben.Siehe 'The Atheist Lecture' section in Peter Fareys Auf solche Verbrechen stand zu jener Zeit unerbittlich die Todesstrafe. Innerhalb der zwei vorausgehenden Monate waren mindestens drei Personen (Henry Barrowe und John Greenwood am 6. April 1593 sowie John Penry am 29. Mai 1593) für Verbrechen gehängt worden, die nicht schlimmer als die Anschuldigungen gegen Marlowe gewesen waren.
Die Zeugen
Zu Marlowes nahen Freunden gehörte Thomas Walsingham, der Sohn des Vetters des Geheimdienstchefs der Königin, Sir Francis Walsingham. Ein anderer Thomas hatte in dessen Nachrichten-Netzwerk von Agenten und Spionen gearbeitet.Charles Nicholl, The Reckoning (2002), S. 138–144.