mini|Menschen mit Asperger-Syndrom entwickeln oft Spezialinteressen; dieser Junge beschäftigt sich mit Molekülstrukturen.
Das Asperger-Syndrom (abgekürzt AS, auch Asperger-Autismus) ist eine nach dem Kinderarzt Hans Asperger benannte Variante des Autismus. Merkmale des Asperger-Syndroms sind Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Ebenfalls auffällig häufig sind Abweichungen bei der Wahrnehmung und Reizverarbeitung (dazu gehören unter anderem sensorische Über- und/oder Unterempfindlichkeiten sowie Schwierigkeiten bei der Reizfilterung). Beeinträchtigt ist häufig die Fähigkeit, nonverbale Kommunikationsformen (Gestik, Mimik, Blickkontakt) bei anderen Personen zu erkennen, diese auszuwerten (zu mentalisieren) oder sie selbst auszusenden. Das Kontakt- und Kommunikationsverhalten von Personen mit Asperger-Autismus kann dadurch merkwürdig und ungeschickt erscheinen. Da ihre Intelligenz in den meisten Fällen normal ausgeprägt ist, werden sie von ihrer Umwelt leicht als wunderlich wahrgenommen.
Das Asperger-Syndrom wurde in den 1920er Jahren erstmals beschrieben und 1994 als Diagnose sowohl in die Internationale Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) als auch das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) aufgenommen, wo es den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet war. Von anderen Subtypen des Autismus wurde das Asperger-Syndrom dadurch abgegrenzt, dass im Regelfall die Sprachentwicklung nicht betroffen war und keine Intelligenzminderung vorlag. Im DSM-5 (2013) und der ICD-11 (2022) wird nicht mehr zwischen Autismus-Subtypen unterschieden und damit auch die Diagnose Asperger-Syndrom aufgegeben. Stattdessen werden alle Erscheinungsformen des Autismus zur Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. Grund hierfür ist die Feststellung, dass bislang definierte Subtypen nicht klar voneinander abzugrenzen sind – und man stattdessen von einem fließenden Übergang zwischen verschiedenen individuellen Ausprägungen des Autismus ausgehen sollte, wobei das Spektrum-Konzept seit seiner Einführung kontrovers diskutiert wird und aus diagnostisch-therapeutischen und wissenschaftlichen Bedenken zunehmend in Kritik gerät.
Das Asperger-Syndrom kann mit Stärken verbunden sein, etwa in den Bereichen der objektiven, nicht emotionalen Wahrnehmung, der Selbstbeobachtung, der Aufmerksamkeit und der Gedächtnisleistung. Ob es als Krankheit oder als eine Normvariante der menschlichen Informationsverarbeitung eingestuft werden sollte, wurde von Wissenschaftlern und Ärzten sowie von Asperger-Autisten und ihren Angehörigen uneinheitlich beantwortet. Grundbedingung für die Diagnose eines Asperger-Syndroms war jedoch, dass es zu Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen kam (siehe Kriterium C im DSM). Medizinisch besaß es somit Krankheitswert und wurde daher als Entwicklungsstörung eingestuft.
Geschichte Das später so genannte Asperger-Syndrom ist in der Psychiatrie ab Mitte der 1920er Jahre beschrieben worden. Die ältesten wissenschaftlichen Publikationen stammen von der russischen Kinderpsychiaterin Grunja Sucharewa, die 1925 Fälle einer „schizoiden Persönlichkeitsstörung“ vorstellte und 1926 den Ausdruck „schizoide Psychopathie“ verwendete. Der österreichische Kinderarzt Hans Asperger bezeichnete es in seiner 1943 eingereichten Habilitationsschrift als „autistische Psychopathie“.
Aspergers Schrift erschien damals fast gleichzeitig mit Leo Kanners grundlegendem Aufsatz über den frühkindlichen Autismus (1943). Man nimmt an, dass die beiden Autoren zunächst keine Kenntnis von der Arbeit des jeweils anderen hatten.Christian Schanze (Hrsg.): Psychiatrische Diagnostik und Therapie bei Menschen mit Intelligenzminderung: ein Arbeits- und Praxisbuch für Ärzte, Psychologen, Heilerziehungspfleger und -pädagogen. 2. überarb. und erw. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-7945-2951-3, S. 259. Kanners in den USA veröffentlichte Arbeit fand sofort internationale Beachtung; der Aufsatz des Österreichers Asperger wurde damals – mitten im Zweiten Weltkrieg – außerhalb der deutschsprachigen wissenschaftlichen Gemeinschaft kaum bekannt. Auch ein 1962 von zwei niederländischen Autoren veröffentlichter Aufsatz, in dem eine Unterscheidung zwischen der „autistischen Psychopathie“ Aspergers und dem Kanner-Autismus versucht wurde, fand zunächst wenig Resonanz.D. van Krewelen, C. Kuipers: The psychopathology of autistic psychopathy. In: Acta paedopsychiatrica. Band 29, Januar 1962, S. 22–31. PMID 14459626. Die Arbeiten Sucharewas, die im Gegensatz zu Kanner und Asperger auch intensiv zum Erscheinungsbild bei Mädchen arbeitete, wurden erst Ende des 20. Jahrhunderts von der internationalen Forschung wieder aufgegriffen.
Von der internationalen Forschungsgemeinschaft wurden Aspergers Arbeiten erst nach 1981 beachtet, als die britische Psychiaterin Lorna Wing Aspergers Arbeit fortsetzte und das Syndrom, das bis dahin als Persönlichkeitsstörung galt, nach Hans Asperger benannte. Sie betrachtete das Asperger-Syndrom als mit dem frühkindlichen Autismus verwandt, aber klar unterscheidbar.
In den späten 1980er Jahren wurden dann von verschiedenen Seiten Diagnosekriterien formuliert,D. Tantam: Asperger’s syndrome. In: Journal of child psychology and psychiatry, and allied disciplines. Band 29, Nummer 3, Mai 1988, S. 245–255. PMID 3047159 (Review).I. C. Gillberg, C. Gillberg: Asperger syndrome–some epidemiological considerations: a research note. In: Journal of child psychology and psychiatry, and allied disciplines. Band 30, Nummer 4, Juli 1989, S. 631–638. PMID 2670981P. Szatmari, R. Bremner, J. Nagy: Asperger’s syndrome: a review of clinical features. In: Canadian journal of psychiatry. Revue canadienne de psychiatrie. Band 34, Nummer 6, August 1989, S. 554–560. PMID 2766209. die sich zum Teil erheblich voneinander unterschieden.M. Ghaziuddin, L. Y. Tsai, N. Ghaziuddin: Brief report: a comparison of the diagnostic criteria for Asperger syndrome. In: Journal of autism and developmental disorders. Band 22, Nummer 4, Dezember 1992, S. 643–649. PMID 1483981. 1994 wurde das Asperger-Syndrom in das medizinische Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen und 2022 gestrichen. Im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, war es von 1994 bis 2013 enthalten.Helmut Remschmidt: Das Asperger-Syndrom. Eine zu wenig bekannte Störung? (PDF) In: Deutsches Ärzteblatt 97, Heft 19, 12. Mai 2000.
In dieser Zeit wuchs das wissenschaftliche Interesse: Während im Zeitraum von Aspergers Erstbeschreibung 1944 bis 1994 insgesamt nur etwa 75 wissenschaftliche Veröffentlichungen erschienen, wurden zwischen 1994 und 2010 über 1800 Arbeiten publiziert.
Verwandte Bezeichnungen Im englischsprachigen Raum wurde beim frühkindlichen Autismus oft zwischen verschiedenen Formen unterschieden. Eine davon war der sogenannte hochfunktionale Autismus (HFA).Geprägt wurde der Ausdruck 1971 von einem US-amerikanischen Forscherteam: M. K. DeMyer, D. W. Churchill, W. Pontius, K. M. Gilkey: A comparison of five diagnostic systems for childhood schizophrenia and infantile autism. In: Journal of autism and childhood schizophrenia. Band 1, Nummer 2, 1971 Apr-Jun, S. 175–189. PMID 5172391. Reviewed in: M. K. DeMyer, J. N. Hingtgen, R. K. Jackson: Infantile autism reviewed: a decade of research. In: Schizophrenia bulletin. Band 7, Nummer 3, 1981, S. 388–451. PMID 6116276, (freier Volltext) (Review). Die Autoren einer Studie des Yale Child Study Center schlugen 1995 vor, zwischen hochfunktionalem Autismus und Asperger-Syndrom zu unterscheiden.Ami Klin et al. (1995): Validity and neuropsychological characterization of Asperger syndrome: convergence with nonverbal learning disabilities syndrome. In: Journal of child psychology and psychiatry, and allied disciplines. Band 36, Nummer 7, S. 1127–1140. PMID 8847376. Diese Unterscheidung wurde 2013 in einer Übersichtsarbeit von Autoren an der Universität Freiburg bekräftigt. Es sei wichtig, zwischen hoch- und niedrig-funktionellem Asperger-Syndrom einerseits sowie zwischen hoch- und niedrig-funktionellem frühkindlichem Autismus andererseits zu unterscheiden.L. Tebartz van Elst, M. Pick, M. Biscaldi, T. Fangmeier, A. Riedel: High-functioning autism spectrum disorder as a basic disorder in adult psychiatry and psychotherapy: psychopathological presentation, clinical relevance and therapeutic concepts. In: European archives of psychiatry and clinical neuroscience. Band 263 Suppl 2, November 2013, S. S189–S196, doi:10.1007/s00406-013-0459-3, PMID 24105433 (Review), PDF.
Zuvor hatte Lorna Wing 1991 vorgeschlagen, Autismus als übergangslose Gesamtheit (Kontinuum) unterschiedlich schwerer Störungen zu beschreiben, in dem HFA und Asperger-Syndrom milde Ausprägungsformen bilden. Mitunter sprechen Autoren heute daher von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS).Lorna Wing: The Relationship Between Asperger’s Syndrome and Kanner’s Autism. In: U. Frith (Hrsg.): Autism and Asperger Syndrome. Cambridge University Press, Cambridge 1991, S. 93–121.Zum Beispiel Brenda Smith Myles, Terry Cooper Swanson, Jeanne Holverstott, Megan Moore Duncan (Hrsg.): Autism Spectrum Disorders: A Handbook for Parents and Professionals. 2003; Chantal Sicile-Kira: Autism Spectrum Disorders: The Complete Guide to Understanding Autism, Asperger’s Syndrome, Pervasive Developmental Disorder, and Other ASDs, 2004.
Da das Autismus-Spektrum beim Asperger-Syndrom nicht endet, sondern sich weit in die Normalität hinein erstreckt – zum Beispiel bis in die „ganz normale“ Schüchternheit oder Eigenbrötelei – wurde für Erscheinungsbilder mit schwach ausgeprägten autistischen Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen der Begriff Broader Autism Phenotype (BAP) geprägt.E. Pisula, K. Ziegart-Sadowska: Broader Autism Phenotype in Siblings of Children with ASD–A Review. In: International journal of molecular sciences. Band 16, Nummer 6, 2015, S. 13217–13258, doi:10.3390/ijms160613217, PMID 26068453, (Review). Dem entspricht im Deutschen am ehesten die Bezeichnung „autistische Züge“.
Symptome Das Asperger-Syndrom ist gekennzeichnet durch Auffälligkeiten in der wechselseitigen sozialen Interaktion sowie sich wiederholende und ritualisierte Verhaltensmuster. Sprache, Intelligenz und Anpassungsfähigkeit entwickeln sich ohne merkliche Verzögerung. Bei der Sprache sind jedoch ungewöhnliche Intonationen oder als pedantisch oder formell wahrgenommene Ausdrucksweisen typisch. Weiterhin lässt sich oft eine motorische Ungeschicklichkeit beobachten.
Aufgrund der altersgemäß verlaufenden Entwicklung in den Bereichen Sprache, Intelligenz und Anpassungsfähigkeit wird das Asperger-Syndrom in der Regel erst nach dem dritten Lebensjahr bemerkbar oder Auffälligkeiten werden erst rückblickend als solche wahrgenommen.
Soziale Interaktion Ebenso wie andere autistische Kinder nehmen Kinder mit Asperger-Syndrom eher wenig und nur flüchtig mit anderen Blickkontakt auf. Im Alltag sind mangelndes Einfühlungsvermögen und Unverständnis für zwischenmenschliche Gefühle charakteristisch. Hans Asperger empfand die Emotionen seiner Probanden nicht als unterentwickelt, sondern eher als von andersartiger Qualität.
Die autistische Wissenschaftlerin und Erfinderin Temple Grandin äußerte sich so zu ihren Gefühlen: „Meine Emotionen sind einfacher als die der meisten anderen Menschen. Ich weiß nicht, was eine vielschichtige Emotion in einer zwischenmenschlichen Beziehung ist. Ich verstehe nur einfache Emotionen wie Wut, Furcht, Glück und Traurigkeit.“Temple Grandin: Ich bin die Anthropologin auf dem Mars: mein Leben als Autistin. Droemer Knaur, 1997, ISBN 3-426-77288-4, S. 110.