mini|Möglicherweise Lady Jane Grey Dudley (Künstler unbekannt) rahmenlos|rechts|Signatur Lady Jane Grey (* 1536/1537 in Bradgate in Leicestershire (Mittelengland); † 12. Februar 1554 im Tower in London) beanspruchte als Erbin des am 6. Juli 1553 verstorbenen König Eduard VI. vom 10. bis zum 19. Juli 1553Detlev Schwennicke: Europäische Stammtafeln. Neue Folge, Band 2: Die außerdeutschen Staaten, die regierenden Häuser der übrigen Staaten Europas. J. A. Stargardt, Marburg 1984, Tafel 87. den Titel einer Königin von England. Seither hat sie den Beinamen Neuntagekönigin oder Dreizehntagekönigin (je nach Thronfolgedatum; engl. The Nine Days’ Queen bzw. The Thirteen Days’ Queen). Sie unterlag jedoch Maria I., die von ihrem Vater König Heinrich VIII. testamentarisch als Erbin nach Eduard VI. vorgesehen war, und wurde enthauptet. Ihre Eltern waren Henry Grey, 1. Duke of Suffolk, und seine Ehefrau Frances Brandon, Tochter von Mary Tudor und Nichte von König Heinrich VIII.
Leben Kindheit Jane wurde auf dem Gebiet des heutigen Bradgate Park nahe Newtown Linford geboren. Ihr genaues Geburtsdatum ist unbekannt, nur das Jahr ist überliefert. Neuere Forschungen grenzen den Zeitraum ihrer Geburt auf die zweite Hälfte 1536 bis Juli 1537 ein. Sie war die älteste überlebende Tochter von Henry Grey, Marquess of Dorset, und seiner Frau Frances Brandon und hatte zwei jüngere Schwestern, Catherine und Mary. Ihre Großmutter mütterlicherseits war Mary Tudor, die jüngere Schwester von Heinrich VIII., deren Nachkommen in der Thronfolge direkt hinter den legitimen Kindern des Königs standen.
Mit zehn Jahren wurde Jane in den Haushalt der ehemaligen Königin Catherine Parr aufgenommen. Ein wesentlicher Grund dafür war das Versprechen von Catherine Parrs neuem Ehemann Thomas Seymour, dem Lord High Admiral, Jane mit seinem Neffen, dem jungen König Eduard VI., zu verheiraten. Ihr Vater Henry Grey sagte später aus, dass Thomas Seymour ihm einen Boten gesandt habe, der ihm ausrichtete, „wenn ich zustimmen würde, will er mir zusichern, dass der Admiral Möglichkeiten finden würde, für sie eine Ehe zu schließen, die mir wohl gefallen würde.“ Auf Greys Frage, mit welchem Kandidaten Seymour Jane verheiraten wollte, antwortete der Bote: „Mit dem König.“ Damals war es nicht unüblich, Kinder von edler Abkunft in adligen Haushalten erziehen zu lassen, und ein solches Heiratsversprechen mit Aussicht auf die Krone überzeugte schließlich auch Frances Brandon und Henry Grey.
Jane lebte nun gemeinsam mit ihrer Verwandten Elisabeth Tudor in Catherine Parrs Haushalt und erhielt dort für eine Frau ihrer Zeit eine ausgezeichnete Erziehung, die später durch ihre Eltern fortgesetzt wurde. Das Heim der ehemaligen Königin war ein Treffpunkt für den protestantischen Adel, und sie selbst war eng befreundet mit Katherine Willoughby, der verwitweten letzten Ehefrau von Janes Großvater Charles Brandon und Patronin der Reformation. Über Janes Beziehung zu der um drei Jahre älteren Elizabeth ist nicht viel überliefert, allerdings wurde Jane sowohl von John Foxe als auch von Roger Ascham für die intelligentere der beiden gehalten.
Als Catherine Parr nur ein Jahr später an Kindbettfieber starb, endete Janes Zeit in deren Haushalt. Sie nahm bei dem Begräbniszeremoniell die Hauptrolle ein, die des chief mourners. Es war das erste königliche Begräbnis nach protestantischem Ritus. Thomas Seymour, dessen Stern bereits im Sinken begriffen war, versuchte Frances Brandon und Henry Grey zu überzeugen, ihm weiterhin ihre Tochter zur Erziehung zu überlassen. Die beiden weigerten sich mit der Begründung, dass ein junges Mädchen auf keinen Fall in einem Haushalt bleiben könne, dem keine Frau vorstand. Möglicherweise spielte auch Thomas Seymours schlechter Ruf eine Rolle. Nur wenige Monate zuvor hatte er Elisabeth so offensichtlich nachgestellt, dass Catherine Parr gezwungen gewesen war, das junge Mädchen aus ihrem Haushalt zu entfernen. Frances Brandon und Henry Grey hatten daher, von allen politischen Unwägbarkeiten abgesehen, allen Grund, ihre Tochter zurück nach Hause zu holen, statt sie der Obhut eines solchen skandalbehafteten Mannes zu überlassen. Für eine kurze Weile setzte Seymour seinen Willen durch und sicherte sich erneut Janes Vormundschaft, allerdings wurde er wenig später wegen Verrats hingerichtet. Jane kehrte zurück ins Haus ihrer Eltern.
Verhältnis zu ihren Eltern Die Romantisierung Janes im viktorianischen Zeitalter als unschuldige Kindsbraut und Königin wider Willen brachte als Nebeneffekt die Dämonisierung ihrer Eltern mit sich. Gerade Frances wurde als grausame Rabenmutter dargestellt, die Jane misshandelte und sie in eine verhasste Ehe zwang, um sie auf den Thron zu hieven. Als Beweis für die Schlechtigkeit von Janes Eltern wird meistens das Gespräch zwischen dem Humanisten Roger Ascham und Jane Grey herangezogen, in dem Jane ihm erzählt:
Allerdings verlief in der damaligen Zeit Kindererziehung wesentlich anders als heutzutage. Schläge waren ein gesellschaftlich völlig akzeptiertes Mittel der Züchtigung, solange es ein gewisses Maß nicht überschritt. In dieser Hinsicht hielten sich die Eltern der Tudorzeit an das Bibelzitat: „Wer mit der Rute spart, verdirbt sein Kind.“ Jane wurde nicht anders erzogen oder gezüchtigt als andere Kinder ihrer Generation. Selbst der von ihr für seine Freundlichkeit in den höchsten Tönen gelobte Tutor John Aylmer stimmte mit ihren Eltern überein, dass Jane Disziplin erlernen musste, um ihr Temperament zu zügeln.
Jane mochte es ablehnen, in der Öffentlichkeit perfekte Manieren zeigen zu müssen, doch ihre Eltern hatten bereits erkannt, dass Jane zur Elite der neuen gebildeten, protestantischen Generation gehören würde, und taten ihr Möglichstes, ihre Tochter auf diese Rolle vorzubereiten. Die Aufzeichnung dieses Gesprächs fand zudem Jahre später statt, als es Ascham in erster Linie darum ging, zu erklären, dass Freundlichkeit des Lehrers entscheidend war für die Leistungen des Schülers. Ein Brief Aschams kurz nach dem Besuch bei Jane Grey ist voll des Lobes für sie und für ihre Eltern.
Hinzu kam, dass Jane alles andere als ein fügsames Kind war. Im Haus Catherine Parrs hatte sie mehr Freiheiten genossen als im Haushalt ihrer Eltern und war für ihre Gelehrigkeit und ihre Auffassungsgabe bewundert worden. Es hatte ihr ein neues Selbstwertgefühl gegeben und damit fiel es ihr schwer, sich wieder in die Rolle der gehorsamen Tochter zu finden. Gehorsam und Disziplin waren allerdings Tugenden, die in der Tudorzeit für ein junges Mädchen als unbedingt nötig erachtet wurden, insbesondere für eine Angehörige der königlichen Familie. Somit waren Kämpfe zwischen Eltern und Tochter vorhersehbar, insbesondere da Jane sich ihrem rebellischen Alter näherte.
Beide Eltern waren begeistert von den Fortschritten, die ihre Tochter machte und die bereits die Aufmerksamkeit ausländischer Gelehrter auf sich gelenkt hatten. Der Kaplan der Familie, James Haddon, erzählte dem Italiener Michelangelo Florio, dass Jane ihre Gläubigkeit von ihren Eltern geerbt hatte und ihrer Mutter sehr nahestand. Auch später, als Jane bereits bei den Eltern ihres Mannes Guildford Dudley lebte, stahl sie sich trotz des Verbots ihrer dominanten Schwiegermutter aus dem Haus, um Trost bei ihrer Mutter zu suchen.
Janes Lehrer und Vorbilder Von seinem Besuch in Janes Elternhaus 1550 berichtete Roger Ascham, dass er sie Platon im griechischen Original lesend vorfand. Ascham lobte in seinen Briefen ihre Beherrschung der griechischen Sprache; zusätzlich soll sie auch Französisch, Italienisch sowie Latein und Hebräisch beherrscht haben. Als Roger Ascham sie lesend fand, während ihre Familie im Park jagte, fragte er sie: „Wie, Madam, ist Euch solcher Zeitvertreib lieber, als in den Park zu gehen?“ Jane erwiderte: „Ich denke, all ihr Vergnügen ist lediglich ein Schatten zu dem Vergnügen, das ich in Platon finde. Ach, die lieben Menschen, sie haben niemals gespürt, was Vergnügen tatsächlich ist.“ Diese Einschätzung ihrer Eltern war allerdings nicht gerechtfertigt. Insbesondere ihr Vater war bekannt für seinen Wissensdurst und sein Interesse an Literatur und Sprachen. Genau wie Jane war er an Bildung und der protestantischen Religion interessiert und zeitgenössischen Berichten zufolge war Jane seine Lieblingstochter. Er hatte die Ausbildung John Aylmers, des späteren Bischofs von London, entscheidend gefördert und ihn als Lehrer für seine Tochter eingestellt.
mini|hochkant=0.7|Heinrich Bullinger, Korrespondent Jane Greys Bereits als Fünfzehnjährige korrespondierte Jane mit dem Reformator Heinrich Bullinger in Zürich. Dessen Schüler Johann Ulmer besuchte Jane im Frühjahr 1550 und Mai bis Juli 1551Agnes Strickland: Lives of the Tudor Princesses including Lady Jane Gray and her Sisters. Longmans, Green and Co., London 1868, S. 116–122 und 131 f.; James D. Taylor Jr.: Henry Grey (c. 1500–1554). A History in Documents. Algora, New York NY 2015, ISBN 978-1-62894-180-7, S. 42. und schrieb anschließend seinen Schweizer Freunden Briefe voller Bewunderung über ihren hohen Bildungsgrad.Vergl. auch Marita A. Panzer: Englands Königinnen. Von den Tudors zu den Windsors. Ungekürzte Taschenbuchausgabe. Piper, München 2003. Durch den Kontakt mit Bullinger schien Janes Verhalten im Laufe der Zeit deutlich bescheidener zu werden, denn ihr Vater schrieb ihm 1551, nur ein Jahr nach Janes vernichtendem Urteil:
Haddon, der Kaplan der Familie, unterstrich diese Aussage mit seinem eigenen Brief an Bullinger nur wenige Tage später: „Eure Anregungen ermutigen sie und gleichzeitig misst sie ihnen angemessenes Gewicht zu, entweder weil sie von einem Fremden kommen oder von solch einer bedeutenden Persönlichkeit.“
Jane und der Katholizismus Ein Thema, bei dem Janes Temperament besonders heftig zutage trat, war Religion. Ihre Eltern waren Protestanten und mit protestantischen Vorreitern wie Katherine Willoughby, Frances’ junger Stiefmutter, befreundet. Im Haushalt Catherine Parrs war Jane stark protestantisch beeinflusst worden und ihr Schulmeister John Aylmer ließ keine Gelegenheit aus, die Korruption und Eitelkeit des katholischen Glaubens zu geißeln. Zudem behauptete ein elisabethanischer Jesuit, dass die wegen Ketzerei verurteilte Protestantin Anne Askew Kontakt zu Frances und den Greys gehabt hatte, möglicherweise über Katherine Willoughby.
In diesem protestantisch geprägten Umfeld entwickelte Jane einen sehr starken Glauben und eine unbeirrbare religiöse Überzeugung. Nach dem Tod ihrer jungen Onkel Henry und Charles, ungefähr so alt wie sie selbst, war Jane die große Hoffnung für Protestanten ihrer Generation. Ihre junge Stiefgroßmutter Katherine Willoughby hatte sich nach dem Tod ihrer Söhne für lange Zeit aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und Jane wurde allmählich als eine der führenden protestantischen Damen in England betrachtet. Michelangelo Florio, der in London einer Kirche für religiöse Exilanten als Pastor diente, betrachtete Jane Grey als Patronin der neuen Religion und sie stand in regem Briefwechsel mit führenden Protestanten Europas.
mini|hochkant|Maria Tudor, katholische Cousine von Janes Mutter