Carl Joseph Gauß (* 29. Oktober 1875 auf Rittergut Lohne bei Isernhagen, Hannover (Land und Provinz); † 11. Februar 1957 in Bad Kissingen, Unterfranken) war ein deutscher Gynäkologe, Geburtshelfer und Hochschullehrer.

Herkunft und Studium Carl Joseph Gauß war der Sohn des Landwirts Carl August Gauß (1849–1927), von 1874 bis 1883 Gutsherr auf Lohne, und der Anna Ebmeier (1850–1900). Sein Urgroßvater war der Mathematiker Carl Friedrich Gauß (1777–1855).

Gauß studierte Medizin in Tübingen, Erlangen, Kiel, Würzburg und schließlich in München, wo er 1898 promovierte und 1899 sein Staatsexamen ablegte. Seit 1895 war er Mitglied des Corps Saxonia Kiel.Kösener Corpslisten 1960, 77/117

Nach Ableistung seines Militärdienstes war Gauß in seinen beruflichen Anfangsjahren Schiffsarzt auf einem Dampfer des Norddeutschen Lloyd.

In Freiburg, Göttingen und Berlin erwarb er seine Qualifikation als Gynäkologe und Facharzt für Geburtshilfe. Im Jahr 1909 habilitierte sich Gauß in Freiburg, wo er 1912 auch zum außerordentlichen Professor ernannt wurde und die Bestrahlungstechnik von Eierstöcken mit Röntgenstrahlen ausbaute. 1909 beschrieb Gauß den „Röntgenkater“,Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 58. genannt auch Strahlenkater.www.de.wiktionary.org.

Im Ersten Weltkrieg wurde er an der Westfront eingesetzt und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse sowie dem „Orden vom Zähringer Löwen“ ausgezeichnet.

Am 6. Februar 1919 heiratete Gauß in Düsseldorf Emilie Auguste Magdalene Bingel (* 24. Januar 1886 in Castrop-Rauxel), die Tochter des Rudolph Bingel und der Mathilde Hohendahl. In die nur standesamtlich geschlossene Ehe brachte seine Frau einen Sohn und eine Tochter mit. Die Ehe blieb kinderlos.

Professor in Freiburg und Würzburg 1921 wurde Gauß zum Leiter der Gynäkologischen Abteilung des Diakonissenkrankenhauses in Freiburg bestellt. Bis 1922 war Gauß Professor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 1923 folgte er einem Ruf als ordentlicher Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe an die Julius-Maximilians-Universität Würzburg und übernahm als Direktor die dortige Frauenklinik und Hebammenschule.

Verdienste erwarb sich Gauß vor allem um die Einführung des Dämmerschlafes in der Geburtshilfe (als Scopolamindämmerschlaf) und bei der Entwicklung des mit Acetylen bzw. Ethin (Narcylen) betriebenen Dräger-Narcylen-Narkoseapparates 1925 zusammen mit dem Heidelberger Pharmakologen Hermann Wieland, der 1922 die Grundlage zur „Azetylenarkose“ schuf.Vgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 60 und 66. Die abnorm starke Beweglichkeit der Gebärmutter im Isthmus (innerer Muttermund) wurde als Schwangerschaftszeichen nach ihm benannt.

Zusammen mit Hermann Wieland, dem Narkosespezialisten Ernst von der Porten und Behrend Behrens war er ab 1928Carl Joseph Gauß, Hermann Wieland, Ernst von der Porten: Der Schmerz. Band 1, Würzburg 1928. federführender Mitherausgeber der Fachzeitschrift Der Schmerz, wofür allen gemeinsam im Jahr 1928 von der amerikanischen Anästhesiegesellschaft die „Scroll of Recognition“ verliehen wurde. Der Schmerz erschien bis 1942, wurde in der Würzburger Universitätsdruckerei Stürtz verlegt und war die erste deutschsprachige anästhesiologische Fachzeitschrift.Herbert Baar: Zur Entwicklung der Anaesthesiologie an der Universität Würzburg. In: Peter Baumgart (Hrsg.): Vierhundert Jahre Universität Würzburg. Eine Festschrift. Degener & Co. (Gerhard Gessner), Neustadt an der Aisch 1982 (= Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Würzburg. Band 6), ISBN 3-7686-9062-8, S. 951–956; hier: S. 953 f.

Die Deutsche Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie ernannte Gauß zu ihrem Ehrenmitglied. Bei der Paracelsusgesellschaft war er Ehrenpräsident.

Schon zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn in Freiburg widmete sich Gauß schwerpunktmäßig der Strahlenheilkunde. So setzte er die Strahlentherapie zur Behandlung maligner und benigner Tumoren ein.

Eine wissenschaftliche Abhandlung über die „Strahlenmenolyse bei der Unfruchtbarmachung der Frau“, die 1935 in der Münchener Medizinischen Wochenschrift (Heft 13, Seite 488 ff.) erschien, führte Gauß unbeabsichtigt in die Diskussion um die sich immer konkreter entwickelnden rassenpolitischen Vorstellungen der nationalsozialistischen Machthaber.

Zu Gauß’ Doktoranden gehörte mit der 1936 vorgelegten Arbeit Untersuchungen über das Rassenbecken an 450 Frauen der Universitäts-Frauenklinik Würzburg Kurt Brost, ein Mitarbeiter des Rassenhygienikers Ludwig Schmidt.Ute Felbor: Rassenbiologie und Vererbungswissenschaft in der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg 1937–1945. Königshausen & Neumann, Würzburg 1995 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Beiheft 3; zugleich Dissertation Würzburg 1995), ISBN 3-88479-932-0, S. 67.

In der Zeit des Nationalsozialismus Der sich als „gottgläubig“ bezeichnende und bis zum Tod seiner Eltern in der evangelischen Kirche verbliebene Gauß teilte mit der Mehrheit seiner Generation und seines Standes eine patriotische und nationalkonservative Gesinnung. So bekannte er sich zum Programm der DNVP, der er bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 seine Stimme gab, jedoch nicht als Mitglied angehörte. Mitglied war Gauß im „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“, im späteren „Reichskolonialbund“ sowie der „Akademie zur Wissenschaftlichen Erforschung und Pflege des Deutschtums“ in München. Kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme trat er als „Märzgefallener“ zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.135.230).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/10410530 Die Mitgliedschaft in weiteren Parteiorganisationen wie dem NSKK, NSFK, NSV, NS-Ärztebund, NS-Lehrerbund, NS-Altherrenbund und NS-Reichskriegerbund folgte.

Neubau der Universitäts-Frauenklinik Würzburg In seine Zeit als Klinikdirektor fiel, nach Jahren beengter Unterbringungsmöglichkeiten in der Würzburger Klinikstraße 6, der von ihm vorangetriebene Neubau der Universitäts-FrauenklinikCarl Joseph Gauß: Vom Freihaus zur Frauenklinik. Kurzer Abriß einer Geschichte der Würzburger Frauenklinik und Hebammenschule. In: Max Buchner (Hrsg.): Aus der Vergangenheit der Universität Würzburg. Festschrift zum 350jährigen Bestehen der Universität Würzburg. Springer, Berlin (und Stürtz, Würzburg) 1932, S. 239–254. in den Jahren 1932 bis 1934 im unmittelbaren Anschluss an das Luitpoldkrankenhaus im Stadtteil Grombühl. Zur Durchsetzung des Neubaus ließ er auch seine Studenten demonstrieren.Richard Kraemer: Würzburger Mediziner vor 50 Jahren. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 5, 1987, S. 165–172, hier: S. 167. Gauß beschäftigte sich intensiv mit der von Oberregierungsbaurat August Lommel vom Universitätsbauamt entworfenen Planung nicht nur mit der medizintechnischen, sondern auch der künstlerischen Ausstattung des für 280 Patientinnen ausgelegten Neubaus. Die in der Presse als „modernste Frauenklinik Deutschlands“ bezeichnete Einrichtung, wurde mit Kunst am Bau bzw. einer künstlerischen Ausstattung versehen, die maßgeblich von Gauß bestimmt wurde. In den Krankenzimmern wurden Gemälde einheimischer Künstler angebracht, die Treppenaufgänge und Flure mit Fresken und Plastiken geschmückt. Die Plastik des Nobelpreisträgers Wilhelm Conrad Röntgen stiftete Gauß selbst. Das künstlerische Gesamtprogramm von Baugestaltung und Ausstattung entsprach in Form und Darstellungsweise dezent aber unübersehbar dem neuen Zeitgeist. Gauß förderte sicherlich nach Kräften diese Ausrichtung nach dem Kunstverständnis des neuen Regimes. Die Bezeichnungen der Krankenzimmer mit den Namen deutscher Städte, die nach Ende des Ersten Weltkrieges dem Reich genommen wurden, haben ebenso eine politische Bedeutung wie die auf Veranlassung Gauß’ im Eingangsbereich aufgestellte Hitler-Büste (In den ersten drei Tagen nach der Einweihung des Neubaus der Frauenklinik hatte jedes dort geborene Kind eine Hitler-Bronzebüste erhaltenPeter Weidisch: Würzburg im »Dritten Reich«. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 196–289 und 1271–1290; hier: S. 249.).

Verwicklung in die nationalsozialistische Rassenpolitik Die rassenpolitischen bzw. -hygienischen Maßnahmen des NS-Staates zielten auf die Förderung einer möglichst großen „rassisch hochwertigen“ Nachkommenschaft. Positiv dienten hierzu Ehestandsdarlehen, Verbesserung der gesundheitlichen und hygienischen Verhältnisse, gesellschaftliche Aufwertung der Mutterschaft, insbesondere von Müttern mit vielen Kindern. Auf der Negativseite sollte „minderwertiger Nachwuchs“ verhindert oder beseitigt werden. Ein erster Schritt stellte das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 dar, nach dem Personen mit bestimmten Erbkrankheiten auch gegen ihren Willen sterilisiert werden konnten. Bei betroffenen Frauen wurde zudem ein Jahr später auch die Abtreibung bis zum 6. Monat für zulässig erklärt.

Die zuständigen Erbgesundheitsgerichte stützten sich bei ihrer Entscheidung in erster Linie auf die Gutachten der Rassenpolitischen Ämter der NSDAP. Leiter des Rassepolitischen Amtes in Würzburg von Oktober 1934 bis Mai 1936 und Beisitzer im Erbgesundheitsgericht Würzburg war Werner Heyde, ab 1939 der erste ärztliche Leiter des nationalsozialistischen Behindertenmordprogramms Aktion T4.

Die angeordneten Zwangssterilisationen wurden im Einzugsbereich von Würzburg an der dortigen, von Gauß geleiteten Universitäts-Frauenklinik durchgeführt. Am 14. Juli 1934 wurde erstmals eine junge Frau mit der Diagnose Schizophrenie zwangsweise sterilisiert. Bis 1945 erfolgten insgesamt 994 sogenannte „amtliche Sterilisationen“, wie die Zwangssterilisationen offiziell genannt wurden, an Mädchen und Frauen im Alter von 13 bis 47 Jahren. Dabei kam es in den Jahren 1935/36 zu vier Todesfällen.

Aufgrund der Anordnung des Reichsgesundheitsführers Leonardo Conti vom 11. März 1943, konnten Ostarbeiterinnen „auf eigenen Wunsch“ einen Schwangerschaftsabbruch beantragen. Die Lage der Zwangsarbeiter in Deutschland, vor allem der Frauen aus den östlichen Besatzungsgebieten, schloss allerdings in den meisten Fällen eine freiwillige Entscheidung hierfür aus. So wurden an der Würzburger Frauenklinik 148 Schwangerschaftsabbrüche im 3. bis 7. Schwangerschaftsmonat in den Jahren 1943 bis 1945 durchgeführt. Die Eingriffe wurden in der Regel als Kaiserschnitte vorgenommen und die Frauen mit einer von Gauß für Wöchnerinnen entwickelten Methode sterilisiert.