Die Spandauer Straße ist eine Straße im Berliner Ortsteil Mitte des gleichnamigen Bezirks und gehört zu den ältesten Verkehrswegen der Hauptstadt. Ihr Name geht auf den heutigen Bezirk Spandau im Westen der Stadt zurück, wohin sie schon im Mittelalter führte, und nach dem dann auch die Spandauer Vorstadt und das ehemalige Spandauer Tor benannt wurden, beide in nächster Umgebung der Straße. Entlang der Spandauer Straße befinden sich einige historische und moderne Bauten und Denkmäler.
Lage mini|links|Übersichtskarte der Spandauer Straße
Die etwa 700 Meter lange Straße durchquert die Berliner Altstadt in Nordwest-Südost-Richtung. Sie ist in gesamter Länge vierstreifig und lässt sich anhand der Bebauung in drei etwa gleich lange Abschnitte unterteilen.
Der Westteil der Straße führt zunächst vom Garnisonkirchplatz zur Karl-Liebknecht-Straße und wird hier von mehreren Straßenbahnlinien in mittiger Trassenlage befahren. Diese entstand beim Wiederanschluss des Alexanderplatzes an das Berliner Straßenbahnnetz. Während die Nordseite wie die benachbarte Karl-Liebknecht-Straße mehrgeschossige Wohn- und Ladenzeilen prägen, befinden sich auf der Südseite Gebäude in berlintypischer Blockbebauung.
Die Karl-Liebknecht-Straße ist ein Teilbereich der auf gemeinsamer Trasse verlaufenden Bundesstraßen B 2 und B 5, sodass die Spandauer Straße hier diesen wichtigen Verkehrsweg kreuzt. Die Straßenbahn zweigt nach links auf die Karl-Liebknecht-Straße ab und führt weiter zum Alexanderplatz.
Der sich anschließende mittlere Abschnitt bis zur Rathausstraße durchschneidet die begrünte Freifläche zwischen Alexanderplatz und der Spree und weist keine Randbebauung auf. Die Freifläche in Richtung Alexanderplatz (Park am Fernsehturm) entstand in den 1950er Jahren nach Räumung der Kriegsruinen am Neuen Markt im Marienviertel und wurde in den 1960er Jahren grundlegend umgestaltet. Das zwischen der Spandauer Straße und der Spree befindliche Marx-Engels-Forum erhielt in den 1980er Jahren seine heutige Form, vorher befand sich dort das Heilige-Geist-Viertel.
Der letzte Abschnitt zwischen der Rathausstraße und dem Molkenmarkt wird vom Roten Rathaus auf der Nordseite sowie vom Nikolaiviertel auf der Südseite begrenzt. Der ursprüngliche Straßenverlauf reichte bis in die 1960er Jahre zum Molkenmarkt. Mit dessen Umbau wurde der einstige längliche Platz in eine Kreuzung umgewandelt. Hauptanliegen dieses Umbaus war, die Fernstraße 1 – die heutige Bundesstraße 1, deren alter Verlauf ab Alexanderplatz über die Rathaus- und Spandauer Straße zum Mühlendamm führte – umzulegen, um den Individualverkehr nicht mehr direkt über den Alexanderplatz zu leiten, sondern an dem Platz vorbeizuführen. Der Mühlendamm bildet seitdem eine Achse mit der nördlich angrenzenden Grunerstraße, die Spandauer Straße geht dagegen nach dem Molkenmarkt in die Stralauer Straße über.
Geschichte mini|Spandauer Straße, nach einer Aquarell-Skizze von 1690 mini|Blick durch die Spandauer Straße auf das Heilig-Geist-Spital, den Pulverturm und das dahinter liegende Spandauer Tor um 1700. Leopold Ludwig Müller, um 1800
Ursprung der Straße Die Entstehungszeit der Spandauer Straße ist etwa deckungsgleich mit der Gründung Berlins im frühen 13. Jahrhundert. Bereits im Jahre 1380 wurde sie (Am Spandauer Thore) „verbreitert“ und „gepflastert“.Das alte Berlin Nr. 13. Verlag von F. Albert Schwartz. Sie gehörte zu den vornehmsten Straßen Berlins mit einigen der wichtigsten Institutionen wie dem Berliner Rathaus oder dem Heilig-Geist-Spital.
In mittelalterlichen Städten waren üblicherweise die Ausfallstraße und ihr Stadttor namensgleich; für Berlin waren dies unter anderem die Stralauer Straße mit dem Stralauer Tor und die Georgenstraße (heute: Rathausstraße) mit dem Georgentor. Die Spandauer Straße war zwar ein durchgehender Straßenzug, jedoch besaß jeder Abschnitt einen anderen Namen, in Höhe des Berliner Rathauses sogar jede Straßenseite. Erst mit dem Ausbau Berlins zur Festung wurden die einzelnen Straßen als Spandauer Straße zusammengefasst. Da das Spandauer Tor nach Nordosten verschoben werden musste, endete die Straße am Festungsgraben. Über eine neu angelegte Verbindungsstraße wurden beide miteinander verknüpft. An der Kreuzung dieser neuen Verbindungsstraße wurde der Garnisonkirchplatz zusammen mit der gleichnamigen Kirche angelegt. Im Einzelnen bildeten die folgenden Straßen den Ursprung der heutigen Spandauer Straße:
Am Spandauer Thore (zwischen Spandauer Tor und Neuem Markt) Am Kohlenmarkte (zwischen Neuem Markt und Rathaus) Neben dem Rathaus (auf Höhe des Rathauses, Straßenseite vom Rathaus) Gegen dem Rathaus (auf Höhe des Rathauses, gegenüberliegende Straßenseite vom Rathaus) Middelstraße (zwischen Rathaus und Molkenmarkt)
In der darauffolgenden Zeit verlor die Straße ihre ursprüngliche Bedeutung (Weg nach Spandau) und entwickelte sich zu einer Spange zwischen dem Molkenmarkt, der Georgenstraße (ab 1701: Königsstraße) und später dem Ausläufer des Boulevards Unter den Linden.
Ursprüngliche Straßenführung und Nummerierung Das Spandauer Tor befand sich zwischen den Häusern 1 und 81 und wurde im Jahr 1718 niedergebrochen.Berlin, historisch und topographisch dargestellt. S. 69, 1848 Bei Aufräumungsarbeiten in dem vernachlässigten Pulverturm (Haus 81) ist dieser Turm am 12. August 1720 explodiert, wodurch die Garnisonkirche sowie umliegende Häuser zertrümmert und das Heilig-Geist-Spital sehr beschädigt wurde.Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam. 1786. Band I, S. 11.
Mitte des 19. Jahrhunderts sind dem Berliner Adressbuch folgende Details der Straßenführung zu entnehmen: die Spandauerstrasse begann auf der Südseite mit der Parzelle Nummer 1 an der Spandauer Brücke, auf die offenbar auch die Neue Friedrichstraße zuführte. Danach querte sie die Heilige Geistgasse, die Brauhausgasse (zwischen Nummer 13 und 14), die Kleine Poststrasse, gefolgt vom Postgebäude (Nummer 19–22), querte die Königstrasse, die Probststrasse und erreichte bei der Nummer 44 den Molkenmarkt. Die Nummerierung war in Hufeisenform festgelegt worden. So folgten auf der Nordseite zurück die Reetzengasse, die Nagelgasse, die Königstrasse, die Bischofsgasse, die Papenstrasse und die Heidereutergasse bis zur Neuen Friedrichstraße mit der Parzelle Nummer 81.
Im 20. Jahrhundert wurde die Hausnummernzählung zweimal geändert: zunächst 1913 und ein weiteres Mal nach 1945. Gemäß dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg folgt sie seit der letzten Änderung dem System der Orientierungsnummerierung. Sie zählt vom Hackeschen Markt ab der Nummer 1 bis Nummer 29 am Molkenmarkt (ungerade). In gleicher Richtung verlaufen dann die Nummern 2–24 (gerade).Spandauer Straße. (PDF) Amt für Statistik, Stand Juni 2013, S. 22
Zerstörung und Wiederaufbau zur Verkehrsspange mini|links|Stadtmodell mit Marienviertel und Heilige-Geist-Viertel um 1880, oben das Rote Rathaus, rechts daneben die Spandauer Straße, rechts im Bild das Berliner Schloss mini|Blick vom Molkenmarkt in die Spandauer Straße, 1902 mini|Straßenbahnzug auf der Linie 72 in der Spandauer Straße, 1965 Im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte sich die Straße zu einem Nadelöhr für den aufkommenden öffentlichen Personenverkehr, allen voran die Straßenbahn. Seit 1883 existierte eine Pferdebahnstrecke auf der gesamten Länge der Straße. Dabei wurde der Ostteil zwischen Königsstraße (ab 1951: Rathausstraße) und Molkenmarkt wesentlich stärker befahren, da dieser die damals kürzeste Verbindung zwischen dem Zentrum um den Alexanderplatz und dem „Neuen Westen“ am Zoologischen Garten darstellte. 1913 verkehrten auf dem Ostabschnitt pro Stunde und Richtung 206 Wagen, auf dem Westabschnitt dagegen lediglich 58.Holger Orb, Tilo Schütz: Straßenbahn für ganz Berlin. Geschichte – Konzeption – Städtebau. Jaron Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-89773-024-3, S. 17.
Die dichte Bebauung inmitten von Alt-Berlin blieb über Jahre erhalten, die Bauten wurden dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst. Erst mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen änderte sich die Bebauung drastisch. Mit Ausnahme der Heilig-Geist-Kapelle und dem Roten Rathaus wurden fast alle Gebäude der Straße zerstört. Während an diesen beiden Bauten sowie später an der Ruine der Nikolaikirche die Schäden beseitigt wurden, sprengte man die übrigen Ruinen. Die so entstandene Freifläche zwischen der Liebknechtstraße (Verlängerung des Boulevards Unter den Linden, ab 1969: Karl-Liebknecht-Straße) und der Rathausstraße besteht bis heute und ist markant für das Zentrum Ost-Berlins. Die Straßenbahnstrecke aus dem Jahre 1883 wurde ebenfalls nicht wieder in Betrieb genommen.
Mit dem Ausbau zur „Hauptstadt der DDR“ erfolgten in dem Gebiet um den Alexanderplatz bis hin zur Spreeinsel umfangreiche Änderungen, die auch die Spandauer Straße betrafen. Ausgehend von der Littenstraße entstanden an der Ecke Karl-Liebknecht-Straße auf der Südseite das Palasthotel sowie auf der Nordseite eine kombinierte Geschäfts- und Wohnzeile, die sich bis zur Stadtbahn hinzog. An der Ecke Karl-Liebknecht-Straße eröffnete auf der Nordseite die Fischgaststätte Gastmahl des Meeres mit dem 178,55 m² großen Betonglaskunstwerk Menschen und Meer von Hans Vent, Dieter Gantz und Rolf Lindemann. Im weiteren Verlauf folgten das Marx-Engels-Forum auf der Süd- sowie der vom ehemaligen Schloßplatz versetzte Neptunbrunnen auf der Nordseite. Den Abschluss bildeten das Nikolaiviertel, dessen Wiederaufbau zum 750. Stadtjubiläum im Jahr 1987 fertiggestellt wurde, und das Rote Rathaus. Der Molkenmarkt als Endpunkt der Straße wurde ebenfalls umgestaltet, wobei die ursprüngliche Platzform verlorenging. Heute befindet sich dort eine für den Massenverkehr ausgebaute Kreuzung. Die Spandauer Straße wurde dort auf vier bis sechs Fahrstreifen ausgebaut.
Der westliche Abschnitt der Straße zwischen Garnisonkirchplatz und Karl-Liebknecht-Straße wurde 1998 umgebaut, um Platz für eine neue Straßenbahntrasse über den Alexanderplatz – kurz Alex I genannt – zu schaffen. Der weitere Umbau der Straße soll in den kommenden Jahren zusammen mit dem Molkenmarkt erfolgen, der dann seine ursprüngliche Form wieder erhalten soll. Hier soll zudem die Trasse für eine weitere Straßenbahnstrecke freigehalten werden.Planwerk Innenstadt: Vertiefungsbereich Molkenmarkt. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
In den nachfolgenden Abschnitten genannte Hausnummern beziehen sich auf die aktuell gültige Nummerierung der Gebäude, mit Ausnahme des Blankenfelde-Hauses.
Entlang der Straße
Vom Hackeschen Markt bis zur Karl-Liebknecht-Straße
Heilig-Geist-Spital und Handelshochschule mini|Handelshochschule mit der integrierten Heilig-Geist-Kapelle (unten links)
Das Heilig-Geist-Spital an der Spandauer Straße 1 war eines von insgesamt drei Spitälern in der Doppelstadt Berlin-Kölln. Es entstand wohl bei der ersten Erweiterung Berlins. Die Ersterwähnung erfolgte in einem Gildebrief der Bäcker im Jahr 1272. Neben dem eigentlichen Spital gehörten eine Kapelle, ein Rüsthof („Zeughaus, weil darin allerley Rüstungen, und zum Kriege gehörige Geräthschaften aufbehalten werden“), ein Wursthof und ab dem Jahr 1600 ein Brauhaus zu dem Komplex. Die Säkularisierung führte zur Umnutzung als Armenhaus, 1825 wurde es abgerissen. Ein Neubau eines Spitals an dieser Stelle stand dann nur wenige Jahre. Die Kapelle, bis 1835 unter Leitung von Carl Ferdinand Langhans renoviert, wurde anschließend wiedereröffnet. Ein nördlich anschließendes Gebäude wurde 1905 als Handelshochschule eröffnet. Die Kapelle bildet seitdem quasi den Südflügel des Gebäudes, sie diente nach Eröffnung der Hochschule als Mensa. Diese Funktion wurde nach 1945 beibehalten, als der Komplex an die neugegründete Humboldt-Universität überging. Die Kapelle wurde ab den 1990er Jahren renoviert, auch das Hochschulgebäude ist erhalten.
Spandauer Straße 2