hochkant=2|mini|Römische und angelsächsische Siedlungsareale in Southampton, 1.–11. Jahrhundert n. Chr.

Clausentum war eine römische Hafenstadt auf dem Gebiet des heutigen Southampton, eine Stadt im County Hampshire, Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland.

Clausentum wurde wohl kurz nach der römischen Invasion Britanniens im Jahr 43 n. Chr. nahe der Küste, am Ufer des Itchen gegründet und avancierte wegen seiner Nähe zur Atrebatenstadt Venta Belgarum, zum wichtigsten Seehafen in dieser Region. Ausgrabungen haben die Reste eines Badehauses, von Lagerhäusern, Straßen und Verteidigungsanlagen zu Tage gefördert. Ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. war es vielleicht auch Bestandteil des Limes Britannicus im Abschnitt der britischen „Sachsenküste“. Nachdem sich die römische Verwaltung und Armee wieder aus Britannien zurückgezogen hatten scheint es zu Anfang des 5. Jahrhunderts vom Großteil seiner Bewohner aufgegeben worden zu sein, danach wurden seine Verteidigungsanlagen im 9. und 10. Jahrhundert von der Bevölkerung der angelsächsischen Hafenstadt Hamwic als Fliehburg genutzt. Die Reste der römischen Befestigungen waren noch bis ins frühe 20. Jahrhundert sichtbar. Die Inkongruenz der im Itinerarium Antonini angegebenen Distanzen zu den Nachbarstädten hat einige Gelehrte dazu veranlasst, die Identifizierung von Clausentum mit Bitterne kritisch zu hinterfragen, aber es wird zwischenzeitlich in Fachkreisen mehrheitlich akzeptiert, dass die Römerstadt sich tatsächlich dort befunden hat. Die Erforschung der Nachfolgerin von Clausentum, Hamwic, hat dazu beigetragen, die angelsächsische Ära nicht nur als „dunkles Zeitalter“, sondern auch als eine Periode des Wiederauflebens der Städte nach dem Ende der Römerzeit zu betrachten.

Name und Lage mini|Satellitenaufnahme der Isle of Wight und dem Southampton Water mini|Gedenktafel einer Römerstraße bei Southampton

Clausentum wird nur in einer der wichtigsten antiken Quellen für Ortsnamen erwähnt, im Itinerarium Antonini, das um 320 n. Chr. zusammengestellt wurde.Southampton Archaeology Unit, Report 1035, Archaeological desk-based assessment of Bitterne Manor Park, Southampton. Southampton City Council, PR Cottrell BA 2011, S. 7. Der römische Name ist lateinischen Ursprungs, er leitet sich wohl vom Verb claudo ab, was wörtlich „umschließen“ oder „umwehrter Ort“ bedeutet. Es wird weiters angenommen, dass sich der Name Bitterne aus den altenglischen Bezeichnungen für Flussbiegung (byht) und Haus (aern) zusammensetzt.

In Southampton treffen zwei Flüsse aufeinander, der Test und der Itchen. Der antike Hafen (portus) lag am Southampton Water, ein rund 15 Kilometer langer, schmaler Fjord an der Südküste der römischen Provinz Britannien und gleichzeitig der Mündungstrichter der beiden Flüsse in den Ärmelkanal. Er reicht vom Solent nördlich der Isle of Wight bis zur heutigen Stadt Southampton. An dem von Salzwiesen gesäumten westlichen Ufer liegt der New Forest. Die Reste der römischen Hafenstadt befinden sich im Vorort Bitterne (auf dem Areal eines öffentlichen Parks), auf einer Landzunge (Bitterne Manor) an einer nach NO ausgreifenden Flussschleife des Itchen. Diese befindet sich nordöstlich der Northam Bridge auf einer, hauptsächlich aus Kiesablagerungen bestehenden Flussterrasse. Das antike Stadtareal wird im Westen durch das Anwesen Bitterne Manor House, im Norden durch den Fluss, im Osten durch Wohnhäuser, ein unbebautes Grundstück, das Clausentum House und im Süden durch die Bitterne Road West begrenzt. Der nördliche Teil des Parkgeländes fällt etwas zum Flussufer ab, der südwestliche Teil ist nahezu eben. Auch im südöstlichen Teil, dem Bereich des römischen inneren Wehrgrabens, senkt sich das Gelände leicht gegen Osten ab. Dadurch war Clausentum an drei Seiten durch den Fluss vor Angriffen geschützt. In der Spätantike zählte Clausentum und sein Umland zur Provinz Britannia prima.

Straßenverbindungen Die Römerstraße von Noviomagus Regnorum (Chichester) über Portus Adurni (Portchester Castle) und eine mögliche Route von Venta Belgarum (Winchester) enden in Bitterne. Im Itinerarium Antonini wird Clausentum als Ausgangspunkt der Route von Noviomagus Regnorum nach Londinium genannt. Im Itinerarium, Iter VII (= Weg/Route) wird die Entfernung von Clausentum nach Chichester mit 20 römischen Meilen angegeben.Adrian Rance: Southampton. An Illustrated History. Milestone 1986. S. 19. Die Entfernung von Chichester nach Bitterne beträgt aber rund 30 römische Meilen (45 km). Ein Abschreibfehler (Iter XX statt Iter XXX) oder eine Angabe in gallischen Leugen wird daher für die Identifikation des Fundplatzes in Bitterne mit Clausentum in Betracht gezogen.Southampton Archaeology Unit, Report 1035, Archaeological desk-based assessment of Bitterne Manor Park, Southampton. Southampton City Council, PR Cottrell BA 2011, S. 3ff. Der Eintrag kann aber ebenso mit einer möglichen römischen Siedlung in Wickham (Hampshire) in Verbindung gebracht werden, deren Lage auch ungefähr den in der o.a. Route angegebenen Entfernungen entspricht. Ein Eintrag in der Ravenna Cosmographia aus dem 7. Jahrhundert, wurde ebenfalls mit Bitterne gleichgesetzt. Dort erscheint die Station Clauimo zwischen den Einträgen für Durocendum (Chew Stoke) und dem ansonsten noch nicht lokalisierten Morionio.Rav. Cosm. Nr. 29

Forschungsgeschichte In den letzten 250 Jahren wurden in Bitterne zahlreiche Ausgrabungen durchgeführt sowie Baustellenbeobachtungen und -berichte erstellt und dabei auch Zufallsfunde gemacht. Beschrieben werden diverse Mauerreste, die teilweise noch oberirdisch sichtbar sind, und andere Strukturen entlang dieser Mauer hinter dem inneren Graben. Die Quellen liefern jedoch manchmal widersprüchliche Informationen über deren Standorte.Speed 1770 und Englefield 1800.

1610 berichtete der Antiquar William Camden, dass er Southampton als Standort des römischen Clausentum identifiziert, und in Bitterne „...alte zerfallene Mauern und Gräben einer alten Burg...“ gesehen haben will.Anm.: Laut einem Artikel in der Old Hampshire Gazetteer. 1770 spricht sich auch der Historiker Dr. John Speed dafür aus, dass Clausentum auf der Bitterne Manor Landzunge gestanden haben muss. 1779–1801 wurden erste Aufzeichnungen über die damals noch vorhandenen Überreste angefertigt, als die Northam Bridge und quer über das Areal eine Straße erbaut bzw. angelegt werden.J. Speed: History and Antiquity of Southampton. Circa 1770. Im Jahr 1792 beging der Antiquar Reverend Richard Warner das von Camden beschriebene Areal und fand einen Graben, sowie einen Erdwall vor, außerdem sammelte er einige Römische Münzen ein.Rev. R. Warner: Attempt to Ascertain the Situation of the Ancient Clausentum. 1792. 1804–1805 folgten weitere Funde während der Arbeiten zur Gewinnung von Ton für die Ziegelproduktion und Baumaßnahmen auf dem Gelände des Gutshofes.Maitland-Muller 1946, S. 67. In weiterer Folge wurde dafür auch der innere Graben eingeebnet. Henry Englefield schrieb, dass dabei Fundamente „...der gesamten alten Ostmauer...“ zusammen mit denen der Türme, freigelegt wurden.H. Englefield: Account of Antiquities discovered at Clausentum, etc. in A walk through Southampton, Baker and Fletcher, Southampton 1805, S. 107. Die Mauer konnte auch bei archäologischen Ausgrabungen in den Jahren 1936/1938 untersucht werden.Southampton Archaeology Unit, Report 1035, Archaeological desk-based assessment of Bitterne Manor Park, Southampton. Southampton City Council, PR Cottrell BA 2011, S. 16. Viele Antiquare und Archäologen machten seit dem 18. Jahrhundert auch diverse Entdeckungen rund um das angelsächsische Hamwic.

Die Infrastruktur von Bitterne wurde ab 1900 umfassend ausgebaut, wobei weitere Reste der Römerstadt ans Tageslicht kamen. Die ersten wissenschaftlich begleiteten Ausgrabungen wurden 1935–1937 auf dem Areal zwischen der Bitterne Manor und Steuart Road von Waterman und Maitland-Muller durchgeführt, bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges fortgesetzt, dann unterbrochen und 1946 wieder aufgenommen. Überreste einer Römerstraße von der Bitterne Manor nach Wickham, wurden ebenfalls gefunden.Sotonpedia: Clausentum (abgerufen am 18. November 2022).

Eine weitere Rettungsgrabung wurde 1954 von P.W. Gathercole vor der Landentwicklung in der Steward Road durchgeführt.Clausentum, Artikel in der Old Hampshire Gazetteer, abgerufen am 14. November 2022. Die letzte veröffentlichte Zusammenfassung der archäologischen Befunde erschien Ende der 1950er Jahre und wurde von Molly Cotton zusammengestellt.Cotton 1958, S. 1–144 Sie konnte 11 Bauphasen unterscheiden, von denen 10 römisch waren. Teile der spätrömischen Mauer scheinen bis ins 20. Jahrhundert noch sichtbar gewesen zu sein. Der einzige Abschnitt, der heute noch oberirdisch erhalten ist, befindet sich an der Nordseite der Landzunge, auf dem Grundstück des Bitterne House, gleich neben dem Park. Zu den sichtbaren Überresten von Clausentum zählen auch die konservierten Fundamente des Badehauses die heute aber stark von Vegetation überwuchert sind.

2003 wurde im Bitterne Park Manor eine geophysikalische Untersuchung zur Erprobung einer integrierten geophysikalischen Vermessungsstrategie im städtischen Kontext durchgeführt. Es bot auch die Möglichkeit, einige Studenten des Department of Geophysical Sciences der University of Southampton auszubilden. Der Bericht spezifiziert die geophysikalische Untersuchungsmethodik zusammen mit der archäologischen Interpretation und Diskussion der Ergebnisse. Die Untersuchung war bei der Lokalisierung einer Reihe archäologischer Merkmale erfolgreich, die mit der römischen Festung und Siedlung in Verbindung stehen. Im Jahr 2010 wurde die Bitterne Manor, der südliche Teil von St. Denys am Westufer zusammen mit dem daran angrenzenden Fluss zum archäologischen Kerngebiet erklärt. Die meisten Erkenntnisse über Hamwic wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gewonnen. Die Ausgrabungen unter der Leitung von Peter Addyman und David Hill fanden zwischen 1968 und 1971 und später in den 80er Jahren statt und führten zu einem erhöhten wissenschaftlichen und öffentlichen Interesse an Hamwics Vergangenheit.

Fundspektrum mini|Altar der Ancasta (SeaCity Museum)

Aus der Siedlungsperiode des 1. Jahrhunderts kamen ein paar Müllgruben, ein Holzgebäude, eine (vermutete) hölzerne Kaianlage und 1918 zwei Bleiskulpturen aus vespasianischer Zeit ans Tageslicht.Anm.: Sie stellten Schweine dar und trugen die Inschrift IMP VESPASIAN.Historic England Research Records: Clausentum (abgerufen am 17. November 2022). Auch zahlreiche Münzfunde (2. - 4. Jahrhundert) zeugen von einer jahrhundertelangen römischen Besiedlung. In Bitterne fanden sich weiters einige Inschriften, darunter Meilensteine und ein kleiner Weihealtar, gestiftet von Geminus, Sohn des Manius, für eine ansonsten unbekannte Gottheit namens Ancasta.RIB 97

Es wird angenommen, dass sie dem keltischen Pantheon angehörte. Wohl ein lokaler Kult, der den Fluss Itchen personifizierte.Nicole Jufer, Thierry Luginbühl: Les dieux gaulois : répertoire des noms de divinités celtiques connus par l'épigraphie, les textes antiques et la toponymie. Paris: Editions Errance 2001. ISBN 2-87772-200-7. S. 21. Der Altar wurde im inneren Graben gefunden. Er war in Zweitverwendung als Spolie in den Fundamenten eines halbkreisförmigen Turms oder eines Strebepfeilers eingebaut worden und befindet sich heute in der Sammlung des SeaCity Museum.Southampton Archaeology Unit, Report 1035, Archaeological desk-based assessment of Bitterne Manor Park, Southampton. Southampton City Council, PR Cottrell BA 2011, S. 18. Eine Bronzestatue des Herkules mit keltischen Stilelementen, eine tönerne Venusstatuette und eine ithyphallische Bleifigur, alle wahrscheinlich aus Bitterne, befinden sich heute in der Sammlung des SeaCity Museums.Historic England Research Records: Clausentum (abgerufen am 17. November 2022).