„Abtei im Eichwald“, auch Mönchsbegräbnis im Eichenhain, ist ein zwischen 1809 und 1810 entstandenes Gemälde von Caspar David Friedrich. Das Bild in Öl auf Leinwand im Format 110,4 × 171 cm befindet sich in der Alten Nationalgalerie in Berlin und ist dort zusammen mit dem Mönch am Meer als Bildpaar zu sehen. Die beiden Bilder wurden erstmals auf der Berliner Akademieausstellung von 1810 gezeigt und vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. erworben. Die Reputation des Ankaufs brachte dem Maler den Durchbruch zum Ruhm.Werner Hofmann: Caspar David Friedrich. Naturwirklichkeit und Kunstwahrheit. C.H. Beck, München 2000, ISBN 3-406-46475-0, S. 53 Die Abtei im Eichwald bezeichnete Carl Gustav Carus 1825 als „vielleicht das tiefsinnigste poetische Kunstwerk aller neuen Landschaftsmalerei“.Carl Gustav Carus: Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten. Gustav Kiepenheuer Verlag, 2 Bände, Weimar 1965/66, S. 230. Seit 2016 wird das Werk nach eingehenden Restaurierungsmaßnahmen neu präsentiert. Der Mönch ist zurück. Die Restaurierung von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ und „Abtei im Eichwald“ smb.museum

Bildbeschreibung Das Gemälde zeigt einen Klosterfriedhof im Winter, angedeutet durch eine große Anzahl von Grabkreuzen. In der Mitte des Bildes erhebt sich die Ruine eines gotischen Chores mit den Resten eines Fenstermaßwerkes, gerahmt von laublosen Eichen mit abgeschlagenen Ästen. Eine Prozession von Mönchen schreitet an einem ausgehobenen Grab vorbei in Richtung des offenen Ruinenportales mit einem eingebauten Kreuz. Vorweg wird ein Sarg getragen. Die Tiefe des Raumes hinter dem Tor ist nur zu erahnen. Im Hintergrund erhebt sich eine schmutzig braune Nebelwand, darüber ein erleuchteter Abendhimmel mit dem zunehmenden Mond. Beim genauen Hinsehen entdeckt der Betrachter oben im Maßwerk der Ruine ein Vögelchen.

Blick auf den Bilduntergrund Von Bedeutung bei der Abtei im Eichwald sind auch Einzelheiten der Unterzeichnung, die bei Normallicht unter den verbräunten und opaken Firnisschichten nicht zu erkennen sind, mittels Infrarot-Reflektografie jedoch offenbar werden.Birgit Verwiebe: Caspar David Friedrich – Der Watzmann. SMB DuMont, Köln 2004, S. 104 Am Kreuz des Ruinenportals ist der Körper Christi in einer deutlich knabenhaften Ausführung zu sehen. Das Portal eröffnet das Innere einer Kirche mit einem Altar und brennenden Kerzen auf zwei Leuchtern. Auf der rechten Altarseite erkennt man die Umrisse einer menschlichen Gestalt. Die Mönche der Prozession sind sehr detailliert gezeichnet, einige tragen Kruzifixe in der Hand. Das Habit der Mönche besteht aus einem hellen knöchellangen Gewand sowie einem bis in Hüfthöhe reichenden Essay mit zurückgeschlagener Kapuze. Das gotische Maßwerk im Chor erscheint als eine filigrane grafische Konstruktion, in der vor dem erleuchteten Abendhimmel das kleinste Detail sichtbar wird.

Struktur und Ästhetik mini|Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald (Ausschnitt) Im Unterschied zum Pendant Der Mönch am Meer, das sich jedem ästhetischen System absichtsvoll verweigert, ist hier die ästhetische Ordnung vollkommen.Werner Busch: Caspar David Friedrich. Ästhetik und Religion. Verlag C. H. Beck, München 2003, S. 77 Das Bild ist achsensymmetrisch aufgebaut. Die Senkrechte der Mittelachse führt exakt durch den Scheitel des Fensters in der Ruine. Die Chorwand im Zentrum wird von jeweils vier Eichen flankiert. Die Stämme der beiden großen Eichen rechts und links befinden sich auf den beiden senkrechten Linien des Goldenen Schnitts. Die untere waagerechte Linie des Goldenen Schnitts markiert an den Bildrändern die schwebende Trennlinie der Lichtschichtung, die im sanften Bogen einer gestreckten Hyperbel nach unten nachgibt, gespiegelt in der Bodenform. Die beiden Baumgruppen und die Ruine bilden den Dreitakt-Rhythmus eines Triptychons.Werner Hofmann: Caspar David Friedrich. Naturwirklichkeit und Kunstwahrheit. C.H. Beck, München 2000, ISBN 3-406-46475-0, S. 61

Malweise Das Bild auf einer feinen, vorgrundierten Leinwand ist mit einer sehr detaillierten, mit dem Lineal nachgezogenen Unterzeichnung gefertigt.Birgit Verwiebe: Caspar David Friedrich – Der Watzmann. SMB DuMont, Köln 2004, S. 105 Die Linien der Architektur sind mit braunrotem dünnem Pinselauftrag akzentuiert. Der Auftrag der Ölfarben erfolgte mit mehreren feinen Schichten, die von oben nach unten dünner werden und das Unterzeichnungsgerüst mit dem Lokalton anfärben.

Bilddeutung Das Bild spielt auf den Tod an und zeigt eine feierliche „Totenlandschaft“Theodor Körner's Sämtliche Werke in einem Band, Leipzig o. J., Reclam-Verlag, S. 96. Die Lichtmotive stehen dafür, vom Tod zum ewigen Leben zu kommen. Der trüben Aussicht des Mönchs am Meer steht hier das Glücksversprechen des Abendlichts gegenüber, meint Hilmar Frank.Hilmar Frank: Aussichten ins Unermessliche. Perspektivität und Sinnoffenheit bei Caspar David Friedrich. Akademie Verlag, Berlin 2004, S. 82 Aus der verschollenen Sepia von 1804 mit dem Titel Mein Begräbnis zieht Helmut Börsch-Supan den Schluss, Friedrich als der Mönch am Meer inszeniere hier seine eigene Beerdigung. Durch den Hinweis des Malers auf eine protestantische Haltung könnte die Kirchenruine die vergangene Institution Kirche des Mittelalters meinen. Die Eichen werden meist als Symbole der untergegangenen heidnisch-germanischen Götterwelt gedeutet.Jens Christian Jensen: Caspar David Friedrich. Leben und Werk. DuMont Verlag, Köln 1999, S. 89 Hilmar Frank sieht diese klaren Absichten des Malers nicht. Friedrich, der sich über die Darstellung des Themas nach eigenem Bekunden unentschlossen zeigte, habe sich aus dem Glaubensproblem in den experimentierenden Malprozess gerettet.Hilmar Frank: Aussichten ins Unermessliche. Perspektivität und Sinnoffenheit bei Caspar David Friedrich. Akademie Verlag, Berlin 2004, S. 84 Die wenig beachteten Details wie das Vögelchen im Maßwerk und der Jesus am Kreuz in Knabengestalt sind in der Standard-Interpretation kaum unterzubringen.

Boris von Brauchitsch sieht in der Szene keine Grabtragung, sondern eine Exhumierung. Der Sarg wird von einem auffallend großen Erdloch, das untypisch für eine Beisetzung ist und sich auf einem lange ungenutzten Friedhof befindet, von den Mönchen in die Kirchenruine gebracht. Brauchitsch interpretiert die Abtei als rückwärtsgewandte (katholische) Form der Religiosität, die ihre Toten ausgräbt, um sie als Reliquien auf ihren Altären anzubeten, während das Pendant-Gemälde, der Mönch, eine „zukunftsgerichtete Spiritualität“ zeige, „die nur der Gewalten der Natur bedarf, um jederzeit und an jedem Ort unter freiem Himel ihren Gottesdienst zelebrieren zu können“.Boris von Brauchitsch: Caspar David Friedrich, Insel Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-458-68323-0, S. 90–91

Der Titel des Bildes lässt sich für eine Interpretation nicht verwerten. Bei der Einlieferung des Bildpaares zur Akademieausstellung hatten die beiden Landschaften noch keinen Titel, der Katalog vermerkte Zwei Landschaften in Öl.

Eigene Deutung mini|links|Caspar David Friedrich: Selbstporträt, 1810, Kupferstichkabinett Berlin Von Friedrich ist zur Abtei im Eichwald ein Text überliefert, der sich als Abschrift eines Briefes des Malers unter den hinterlassenen Papieren der Amalie von Beulwitz befand. Der originale Text stammt wahrscheinlich aus einem Brief vom Februar 1809 an Johannes Schulze.

In Friedrichs Äußerungen bei Betrachtung einer Sammlung von Gemälden von größtenteils noch lebenden und unlängst verstorbenen Künstlern befindet sich ein Textfragment, das der Abtei im Eichwald zugeordnet werden kann.

Der Standort mini|links|Caspar David Friedrich: Das Kreuz an der Ostsee, um 1806/07 mini|Klosterruine Eldena mini|Blick auf den Hügel der ehemaligen Brodaer Klosteranlage Der Architekturkörper des Bildes nimmt mit einigen Veränderungen die Ansicht der Westfassade der Ruine Eldena auf. Es ist aber Konsens in der Forschung, dass das Gemälde keinen Bezug zu dem Greifswalder Klosterareal bietet, sondern vom Maler als „Material“ für eine Allegorie verwendet wird. Als Indizien dafür werden u. a. die von Friedrich im Habit der Prämonstratenser genau dargestellten Mönche (in der Infrarot-Reflektografie zu sehen) genannt. Als Argument für diese These ist auch angeführt, dass Friedrich das bereits 1807 gezeigte Kreuz an der OstseeChristina Grummt: Caspar David Friedrich. Die Zeichnungen. Das gesamte Werk. 2 Bde., München 2011, S. 477 zusammen mit dem Mönch am Meer und der Abtei im Eichwald in der Berliner Ausstellung präsentierte. Die Sepia würde in diesem Zusammenhang von einer Anhöhe über dem Nordstrand den Blick auf den Standort des einstigen Klosters Broda am Tollensesee erkennen lassen.

Vorstufen Die Bildinszenierung von Grab und Ruine hat bei Friedrich einen langen motivischen Vorlauf. Der Maler arbeitete sich an das Sujet der Abtei im Eichwald über mehrere Vorstufen heran, wobei die Bilderzählung variiert. Der früheste Bezug zum Thema ist in dem Sepiablatt Ruine Eldena mit Begräbnis von 1802 gegeben. Hier rahmt die Ruine einen beleuchteten Friedhofshügel mit Kruzifix, vor dem ein Mensch kniend betet.Christina Grummt: Caspar David Friedrich. Die Zeichnungen. Das gesamte Werk. 2 Bde., München 2011, S. 343 Zum Tageszeiten-, Jahreszeiten- und Lebenszyklus von 1803 zählt die Sepia Winter – Nacht – Alter und Tod, die einen Greis am offenen Grab sitzend vor der Ruine zeigt.Christina Grummt: Caspar David Friedrich. Die Zeichnungen. Das gesamte Werk. 2 Bde., München 2011, S. 368 Auf den Zyklus bezieht sich Helmut Börsch-Supan, wenn er das Bildpaar Abtei und Mönch dem Kreis der Bilder mit Lebensalterthematik zuordnet. Auf der Dresdner Kunstausstellung von 1804 zeigte Friedrich eine große Sepia mit dem Titel Mein Begräbnis.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 278 Vor der Ruine Eldena ist neben einem offenen Grab ein Grabkreuz mit der Inschrift Hier ruht in Gott C. D. Friedrich zu sehen. Um das Grab haben sich Trauernde versammelt. Ein Priester deutet auf einen von mehreren Schmetterlingen, die die Seele des Malers und seiner verstorbenen Verwandten symbolisieren sollen.Anonym: Erinnerungen aus der Dresdner Kunstausstellung vom Jahr 1804. Journal des Luxus und der Moden 19, 1804, S. 239 f. Der Tageszeiten-, Jahreszeiten- und Lebenszyklus von 1807 ist verschollen. Das dazugehörige Winterbild beschreibt Gotthilf Heinrich von Schubert in seinen Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft.

Als unmittelbare Vorstufe zur Abtei gilt das 1931 im Münchner Glaspalast verbrannte Gemälde Der Winter von 1808. Formal gesehen ist hier die Ruine des Abtei-Bildes von der Seite aufgenommen und drei der Eichen sind bereits platziert. Möglicherweise löst sich ein nicht bewältigtes Darstellungsproblem des Winters in zwei Bildern auf, im Mönch am Meer und in der Abtei im Eichwald.

Die Eichen mini|links|Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald (Ausschnitt) Die Eichen des Bildes gehen auf genaue Studien zurück, die Friedrich überwiegend bei einem Aufenthalt in Neubrandenburg 1809 fertigte. Diese Eichen wurden von den Einwohnern gepflanzt, wenn sie das Stadtrecht erwarben. Friedrich kannte die Familienbäume seiner Vorfahren und hat diese möglicherweise ins Bild geholt.

Tragödie der Landschaft mini|Pierre-Jean David d’Angers