Die Siebel Fh 104 „Hallore“ war ein ziviles Reiseflugzeug des Flugzeugherstellers Flugzeugwerk Halle (später Siebel Flugzeugwerke).
Geschichte mini|Siebel Fh 104 Im August 1935 schrieb das Reichsluftfahrtministerium die Entwicklung eines fünfsitzigen Reiseflugzeugs mit zwei Hirth HM508-Motoren aus. An der Ausschreibung beteiligten sich die Gothaer Waggonfabrik mit der Gotha Go 146 und die Ago Flugzeugwerke in Oschersleben mit der Ago Ao 192 sowie der Leichtflugzeugbau Klemm in Böblingen mit der Klemm Kl 104. Im Klemm-Konstruktionsbüro in Böblingen entstand unter Friedrich Fecher im Herbst 1935 der erste Entwurf der Klemm Kl 104. Bis Dezember 1935 wurde in Böblingen eine Attrappe fertiggestellt.
Der Bau eines Prototypen verzögerte sich Anfang 1936 durch die Verlagerung des Klemm-Konstruktionsbüros von Böblingen in das neue Klemm Flugzeugwerk Halle. Im Flugzeugwerk Halle führte Fecher die Entwicklungsarbeiten unter der Bezeichnung FwH Fh 104 weiter. Der Erstflug des Prototyps Fh 104-V1, D-IEHR mit Wolfgang Ziese verzögerte sich in Halle-Mötzlich bis zum 25. Februar 1937. Zwei weitere Prototypen folgten bis Mai 1937. Im Juni/Juli 1937 fanden die Vergleichstests mit den Konkurrenzmustern statt, aus denen die FwH Fh104 als Sieger hervorging. Im August 1937 wurde die Musterfreigabe für die FwH Fh 104 durch das RLM erteilt.Fliegerrevue Juni 2010, S. 72–74, Junkers und Siebel. Auf dem Salone Internazionale Aeronautico in Mailand präsentierte das Flugzeugwerk Halle die FwH Fh 104 im Oktober 1937 der internationalen Öffentlichkeit.
Nach Übernahme des Flugzeugwerk Halle durch Friedrich Siebel lief die Fertigung einer Vorserie von zehn Siebel Fh 104 (WNr. 873-882) für das Reichsluftfahrtministerium im März 1938 im Siebel Flugzeugwerk Halle an. Mit den Vorserienmaschinen absolvierten die Siebel Flugzeugwerke 1938/39 zahlreiche Demonstrationsflüge, die die Eignung des Flugzeugs im schnellen Kurier- und Reiseverkehr bewiesen. Bereits 1938 übernahm das Reichsluftfahrtministerium mehrere Siebel Fh 104 als Reiseflugzeuge. Ab Mai 1939 kamen die ersten Serienflugzeuge Siebel Fh104-A0 zur Kundenauslieferung. Die Vermarktung der Siebel Fh 104 erfolgte unter der Bezeichnung „Hallore“.
Anfang 1940 entstand eine leistungsstärkere Siebel Fh 104-A1 mit dem 280 PS starken Hirth HM 508D-Motor, die ab Sommer 1940 für die Luftwaffe in Serie gebaut wurde. Eine Siebel Fh 104-C mit einem 240 PS Argus As 10C Motor und Metalltragflächen wurde nicht mehr realisiert. Neben drei Prototypen und zehn Vorserienflugzeugen entstanden bis 1942 weitere 14 Siebel Fh 104-A0 und bis zu 37 Siebel Fh 104-A1. Im September 1944 standen noch 23 Siebel Fh 104, u. a. bei den Flugzeugüberführungsgeschwadern im Einsatz. Nach dem Krieg wurden zwei Siebel Fh 104 von der tschechischen Luftwaffe übernommen. Sie blieben als letzte Maschinen bis 1955 im Einsatz.
Hanns Klemm zog 1938 den Entwurf der in konventioneller Rahmenbauweise ausgelegten Siebel Fh 104 zu Vergleichstests mit der in Schalenbauweise ausgelegten Klemm Kl 152 heran. Der Entwurf der Klemm Kl 152 erfolgte in Böblingen durch Carl Bucher in Anlehnung an die frühere Klemm Kl 104, war allerdings etwa 25 % verkleinert und mit einem kleineren Hirth HM 506-Motor ausgerüstet. Die Klemm-Entwicklung der Kl 152 wurde schließlich zugunsten der einmotorigen Klemm Kl 151 aufgegeben.
Konstruktion Das Flugzeug war ein freitragender Tiefdecker in Gemischtbauweise (Metallrumpf und Tragflächen aus Holz) mit einziehbarem Spornradfahrwerk. Der Pilot und die maximal vier Passagiere saßen in einer geschlossenen Kabine. Auch das anschließende Leitwerk war in Ganzmetall ausgeführt, wobei Ruder aus einem Duralumingerüst bestanden, die stoffbespannt waren. Der zweiteilige Flügel mit zwei Holmen war in konventioneller Holzbauweise mit Sperrholzbeplankung entstanden und wurde über ein zentrales Rumpfmittelstück montiert. Die ausgeglichenen Querruder und Landeklappen bestanden aus einem stoffbespannten Duralumingerippe und wurden ebenfalls hydraulisch betätigt. Im Flügel waren zwei 150 Liter große Kraftstoffbehälter untergebracht. Das hydraulisch einziehbare Gabel-Fahrwerk war unter der Motorgondel angeordnet. Später wurde die Fahrwerksgabel durch eine Einbein-Federstrebe ersetzt. Das Spornrad war drehbar und verfügte über Schraubenfederbeine mit einer Öldämpfung. Die Bremsen wurden hydraulisch betätigt. Als Antrieb kamen zwei luftgekühlte, hängend verbaute 240 PS starke Hirth HM508C Achtzylinder-Motore zum Einsatz, die einen zweiblättrigen Propeller antrieben.
Einsatz und Rekordflüge Die ab 1937 in Serie gebaute Maschine wurde eines der beliebtesten zweimotorigen Reiseflugzeuge, das auch von Größen des damaligen Regimes wie den Generälen Udet oder Kesselring verwendet wurde. Des Weiteren wurden mit dem Flugzeug diverse Flugwettbewerbe wie beispielsweise ein 24-Stunden-Europarundflug vom 2. bis zum 3. September 1938 über zwölf Länder und 6200 km, durchgeführt von Wolfgang Ziese, sowie die internationalen Luftrennen in Frankfurt am Main 1938 und 1939 erfolgreich absolviert. Beim internationalen Italien-Rundflug im Juli 1938 siegte Christian Dietrich mit der einzigen teilnehmenden Fh 104 vor den fünf Messerschmitt Taifun der deutschen Mannschaft. Im gleichen Monat gewann Ernst Udet mit einer Fh 104 beim I. Internationalen Luftrennen des NSFK in Frankfurt/Main einen Sonderpreis für das schnellste Flugzeug. Ein Etappen-Langstreckenflug nach Kapstadt über rund 40.000 km wurde vom 16. Januar bis 17. März 1939 durchgeführt. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs verhinderte allerdings eine umfassendere zivile Nutzung und sämtliche Fh 104 wurden im Folgenden der Luftwaffe überstellt.Hans-Dieter Track: Die Siebel-Story. In: Fliegerrevue X, PPV Medien, Bergkirchen 2021, , S. 24. Bis zum Produktionsende im März 1941 wurden etwa 50 Maschinen gebaut. Beate Uhse entkam am 22. April 1945 vom Flugplatz Gatow (Berlin-Spandau) startend am Steuer einer Siebel Fh 104 aus Berlin, wo die Schlacht um Berlin tobte.
Versionen
FwH Fh 104: drei Prototypen mit zwei 240 PS Hirth HM 508C.von 1937 Siebel Fh 104: zehn Vorserienflugzeuge mit Hirth HM 508-H1 und verstärktem Tragflügel und Fahrwerk Siebel Fh 104-A0: Serienflugzeug ab 1939 Siebel Fh 104-A1: Serienflugzeug mit 280 PS Hirth HM 508-D ab 1940 Siebel Fh 104-C: projektierte Variante mit 240 PS Argus As 10C und Metallflügel
Technische Daten Kenngröße Daten Besatzung 1–2 Passagiere 3–4 Länge 9,5 m Spannweite 12,0 m Höhe 2,64 m Flügelfläche 22,3 m² Flügelstreckung 6,5 Leermasse 1510 kg max. Startmasse 2350 kg Höchstgeschwindigkeit 350 km/h Reisegeschwindigkeit 335 km/h Dienstgipfelhöhe 6600 m Reichweite 920 km Motorisierung 2 × Hirth HM 508 mit je 209 kW (284 PS) Steigrate 6,0 m/s
Siehe auch Liste von Flugzeugtypen
Literatur Paul Zöller: Siebel- und SIAT-Flugzeuge. Band I, 2025, ISBN 978-3-8192-7401-5.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Ziviler Flugzeugtyp Kategorie:Zweimotoriges Flugzeug mit Kolbenmotoren Kategorie:Erstflug 1937