Ein Krebscluster ist ein Cluster, d. h. eine überdurchschnittliche Häufung von Krebserkrankungen in einer Personengruppe, geografischen Region oder in einem Zeitraum.What is a cancer cluster? Center for Disease Control and Prevention, abgerufen am 23. November 2007 Ob ein Cluster zufällig, durch statistische Streuung entstanden ist oder ob er durch eine noch unbekannte Ursache hervorgerufen wurde, ist Forschungsaufgabe von Statistikern und oft Gegenstand der öffentlichen Diskussion.

Im Gegensatz zu der Darstellung in populären Filmen wie Erin Brockovich und A Civil Action sind Situationen, in denen chemische oder radioaktive Umweltverschmutzungen in der Allgemeinbevölkerung Krebscluster verursacht haben, in Wirklichkeit selten. Weitaus die meisten wissenschaftlich nachgewiesenen Ursache-Wirkungs-Beziehungen bei Krebshäufungen betreffen stattdessen berufliche Belastungen von Arbeitern, schädliche Verhaltensweisen (wie Tabakrauchen) oder karzinogene Medikamente. Umweltschäden konnten fast nur nach massiven Katastrophen mit gehäuften Krebserkrankungen der umliegenden Bevölkerung assoziiert werden, etwa nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, der Katastrophe von Bhopal oder dem Sevesounglück. Ein Gegenbeispiel, bei dem der von den Betroffenen selbst beobachtete Cluster von Leukämie bei Kindern letztlich zur Aufdeckung der zugrunde liegenden Industrieemission geführt hat, war 1972 der Leukämiecluster von Woburn (Massachusetts).

Die systematische Suche nach Krebsclustern ist erst mit der Einführung von nationalen epidemiologischen Krebsregistern möglich geworden. In den USA fällt sie in den Aufgabenbereich der Centers for Disease Control and Prevention;B. S. Kingsley, K. L. Schmeichel, C. H. Rubin: An update on cancer cluster activities at the Centers for Disease Control and Prevention. In: Environmental Health Perspectives (2007), Band 115, Ausgabe 1, S. 165–171. PMID 17366838; . in Deutschland werten vor allem das Robert Koch-Institut und die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland die (noch immer unvollständigen) Registerdaten auf nationaler Ebene aus.Ein interaktiver „Atlas“ der Krebsinzidenz und -mortalität in Deutschland ist unter gekid.de verfügbar. Zufällige Beobachtungen von Krebshäufungen sollten an diese Stellen gemeldet werden, um sie auf statistische Signifikanz prüfen zu lassen und ggf. eine Ursachensuche einzuleiten. Wissenschaftliche Untersuchungen an Krebsclustern sind schwierig, teuer, und bleiben oft ohne klares Ergebnis.

In der Öffentlichkeit sichtbare Expositionsquellen (Chemikalien und Industrieanlagen) werden initial oft als Auslöser verdächtigt, stellen sich letztendlich aber nur selten als solcher heraus.M. Goodman, J. S. Naiman, D. Goodman, J. S. LaKind: Cancer clusters in the USA: what do the last twenty years of state and federal investigations tell us? In: Critical Reviews in Toxicology (2012), Band 42, Ausgabe 6, S. 474–490. doi:10.3109/10408444.2012.675315. PMID 22519802; . Der Cluster kann vorgetäuscht sein (vgl. Zielscheibenfehler, Clustering-Illusion), oder er wird durch eine andere als die offensichtliche Noxe verursacht. Krebs ist eine multifaktorielle Erkrankungs- und Todesursache mit bekannter Abhängigkeit von genetischen und die Lebensweise betreffenden Faktoren; auch Infektionen können ein regional und zeitlich auffälliges Verbreitungsmuster aufweisen.

Historische Krebscluster Historische Krebscluster sind oft durch die behandelnden Ärzte entdeckt worden. So beispielsweise Hodenkrebs bei Schornsteinfegern im 18. Jahrhundert durch Percivall Pott;W. Hiddemann und C. Bartram (Hrsg.): Onkologie. 2 Bände, Ausgabe 2, Verlag Springer, 2009, ISBN 3-540-79724-6 Osteosarkome bei den Zifferblattmalerinnen in Uhrenfabriken („Radium Girls“) in den 1920er Jahren durch den New Yorker Zahnarzt Theodor Blum; Hautkrebs bei Bauern 1712 durch Bernardino Ramazzini; Blasenkrebs bei Arbeitern, die in der Farbstoffindustrie bestimmten aromatischen Aminen ausgesetzt waren, durch den deutschen Arbeitsmediziner Mengellsdorf 1947, Leukämien und maligne Lymphome bei Chemiearbeitern, die im Kontakt mit Benzol waren, 1963 durch den russischen Arbeitsmediziner E. Tareeff.Cancer cluster National Cancer Institute, abgerufen am 23. November 2007.

Krebscluster im Umkreis von kerntechnischen Anlagen Mehrfach wurden Häufungen von Leukämie-Erkrankungen im Umkreis von kerntechnischen Anlagen beschrieben. Berüchtigt ist die britische Wiederaufarbeitungsanlage Windscale, wo sich 1957 der weltweit erste schwere Atomunfall ereignete (Windscale-Brand), bei dem freigesetzte Radionuklide teilweise sogar in Irland nachweisbar waren. Hunderte weitere, mehr oder weniger gravierenden Zwischenfälle sind in Sellafield seither bekannt geworden. 1984 stellte man fest, dass die Zahl der Leukämieerkrankungen in der Umgebung des Atomkomplexes um etwa das Zehnfache über dem Landesdurchschnitt liegt.M. J. Gardner, Winter PD. Cancer in Cumberland during 1959–78 with reference to cancer in young people around Windscale. Lancet 1984;1:216–17. 1997 fanden britische Forscher Plutonium in den Zähnen von Kindern und Jugendlichen.Leukemia Clusters Near La Hague and Sellafield. IEER (englisch)

Viele Studien haben mögliche Ursachen für Cluster bei Sellafield und anderen Nuklearanlagen untersucht. Im Fokus stand zunächst die Strahlung, die mit den Aktivitäten der Anlagen in Verbindung gebracht wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass die Strahlendosen aus geplanten Freisetzungen zu gering waren, um die beobachteten Fälle von Leukämie bei Kindern zu erklären. Auch die unabsichtlichen Freisetzungen aus der Sellafield-Anlage werden als unwahrscheinliche Ursache angesehen. Verschiedene Mechanismen im Zusammenhang mit Strahlung wurden analysiert und ausgeschlossen. Obwohl keine eindeutige Erklärung für das Leukämie-Cluster in Sellafield gefunden wurde, wird als eine plausible Hypothese angesehen, dass in neu zusammengesetzten Gemeinschaften Infektionen auf anfällige Personen übertragen werden und in seltenen Fällen Leukämie auslösen können.

Über den sogenannten Leukämiecluster Elbmarsch wird in Deutschland seit 1991 intensiv debattiert. Im Gemeindegebiet Elbmarsch (Niedersachsen) und des benachbarten Geesthachts (Schleswig-Holstein), nahe dem Kernkraftwerk Krümmel, waren in den Jahren ab 1986 19 Kinder an Leukämie erkrankt, vier von ihnen gestorben. Auf Initiative eines örtlichen Kinderarztes bildete sich eine Bürgerinitiative, die Nachforschungen erzwang. In der Folge führte das Deutsche Kinderkrebsregister (Mainz) eine bundesweite Langzeiterhebung kindlicher Krebserkrankungen (KiKK-Studie) durch. Diese Studie und darauf bezugnehmend die Strahlenschutzkommission kamen 2008 zu dem Ergebnis, eine erhöhte radioaktive Belastung des Gebietes sei nicht nachweisbar und der Cluster sei zwar real, aber nicht erklärbar.M. Wagner: Und ewig rätselt die Elbmarsch. FAZ.net vom 4. September 2010E. Richter-Kuhlmann: Kinderkrebs und Atomkraft: Keine Erklärung für erhöhte Krebsraten. Dtsch Arztebl 2008; 105(43): A-2258 / B-1931 / C-1879

Liste bekannter Krebscluster NordamerikaZeitraumErkrankungOrtAnzahlUrsacheQuellen 1917–1927 Osteosarkom New Jersey, Connecticut, Illinois 86 Radium 1938–1971 Adenokarzinom Vereinigte Staaten 750 Diethylstilbestrol 1963–1999 Lungenkrebs, Mesotheliom Libby (Montana) 56 Tremolit 1967–1973 Leber-Angiosarkom (Hämangiosarkom) Louisville (Kentucky) 4 Vinylchlorid-Monomer 1968–1995 Leukämie, Lymphom Camp Lejeune, North Carolina 13 Trichlorethen1,2-DichlorethenTetrachlorethenMethylenchloridVinylchlorid 1973–1982 Hirntumor, Krebs des Zentralnervensystems Cooke County (Texas) 16–29 Unbekannt 1979–1996 Hirntumor, Krebs des Zentralnervensystems Toms River (New Jersey) 90+ Styrol-Acrylnitril-Trimer 1981–1986 Leukämie Woburn (Massachusetts) 21 Chloroform Tetrachlorethen Trichlorethen 1,2-Dichlorethen Arsen 1982–1984 Hodenkrebs Fulton County (New York) 3 Dimethylformamid (DMF)2-Ethoxyethanol2-Ethoxyethylacetat2-Butoxyethanol 1987–1999 Hirntumor, Leukämie, Lymphom Wilmington (Massachusetts) 20 UnbekanntDimethylnitrosamin (NDMA) 1997–2002 Leukämie, Rhabdomyosarkom Fallon (Nevada) 17 UnbekanntWolframArsenChlorpyrifosDDEBenzol in Flugzeugstreibstoff 1996–2006 Leukämie, Hirntumor, Lymphom Clyde (Ohio)35, meist Kinder Unbekannt 1953–2010 zahlreiche Krebsarten Shannon (Quebec) 400 Trichlorethen EuropaZeitraumErkrankungOrtAnzahlUrsacheQuellen 1968–1995 Leukämie Seascale, Sellafield, England 9 UnsicherStudien zeigen eine Korrelation mit Strahlenexposition des Vaters vor der Zeugung an 1978–1993 Leukämie La Hague, Normandie, Frankreich 27 Unbekannt(spekuliert: Tritium) 1980er Leukämie, Hirntumor Melton, East Riding of Yorkshire, England 13 Unbewiesene Verbindung zum Capper-Pass-Hüttenwerk in Melton; Polonium 210, Blei, Arsen und weiteren MetallemissionenA Review of radioactivity in and around the Capper Pass smelter, Melton Works, North Humberside, a report prepared for the East Yorkshire Health Authority, February 1990 MS Baxter, BW East et al. Scottish Universities Research and Reactor Centre, 1990Radioactivity Zitat: "We cannot, in any way, attribute excess cancers to the practices at, or discharges from, the plant. All we can say in summary is that there is far too little information on which to form a sound judgment". Hansard, House of Commons, 19. Juli 1990, vol. 176/cc.1283Quellen:

Capper Pass: RTZ "inferno" closes down. 26. April 1991, World Information Service on Energy Childhood memories of Capper Pass tinged with sadness as toll spirals on. 6. Juni 2001, Johnston PublishingDictionary Of Civil Engineering. John S. Scott (Hrsg.), Chapman and Hall, 4. Ausgabe 1992. 1990–2003 Leukämie Samtgemeinde Elbmarsch, Niedersachsen und Krümmel bzw. Geesthacht, Schleswig-Holstein in Deutschland 16 Unbekannt IndienZeitraumErkrankungOrtAnzahlUrsacheQuellen mittlere 1980er Hautveränderungen, Arsenikose Westbengalen, Indien UnbekanntArsen

Literatur

Einzelnachweise Anmerkungen:

Quellen zur Tabelle: See also:

Sonstige Quellen

Kategorie:Onkologie Kategorie:Epidemiologie