Japan besitzt in der Nachkriegszeit ein pluralistisches Mehrparteiensystem mit einer dominanten Partei, der seit ihrer Gründung 1955 mit bisher nur zwei Unterbrechungen (1993–94 und 2009–12) dauerregierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP).
In den 1990ern wurde das Parteiensystem umgewälzt, als einerseits viele LDP-Mitglieder die Partei verließen und neue Parteien gründeten und andererseits die bis dahin noch größte Oppositionspartei, die Sozialistische Partei Japans (SPJ), weiter an Boden verlor und dann während einer (anfangs noch Großen) Koalition mit der LDP zur Kleinpartei schrumpfte. Nach zahlreichen Parteiumbildungen wurde die Demokratische Partei zum Sammelbecken der Opposition. 2009 gelang es ihr schließlich, die Unterhausmehrheit und die Regierungsführung zu übernehmen, sie verlor aber rasch an Popularität und schon 2010 die Oberhausmehrheit. 2012 wurde sie in einem Erdrutsch wieder abgewählt. Schon während und nach ihrer Regierungszeit verließen zahlreiche Abgeordnete die Partei, später folgten Parteispaltungen und -vereinigungen.
Die größte Oppositionspartei ist (Stand: April 2023) die Konstitutionell-Demokratische Partei (KDP), die inzwischen einen erheblichen Teil der ehemaligen Demokraten vereinigt. Weitere während des Zerfalls der Demokratischen Partei und ihrer Nachfolger entstandene Oppositionsparteien sind die im September 2020 durch den Zusammenschluss der Mehrheit der Mitglieder mit der KDP auf eine Rumpfpartei reduzierte Demokratische Volkspartei (DVP) und die nationalkonservativ-regionalistische Nippon Ishin no Kai, in der ehemalige Demokraten und Liberaldemokraten versammelt sind. Daneben existieren drei einigermaßen kontinuierlich existierende Parteien, zwei größere, die Kommunistische Partei Japans (KPJ), die durchgehend in Opposition war, und die Kōmeitō, der politische Arm der buddhistischen Organisation Sōka Gakkai, der seit 1999 zur Regierungskoalition der LDP gehört, sowie die inzwischen sehr kleine Sozialdemokratische Partei (SDP), der Nachfolger der SPJ. Seit 2019 im Nationalparlament vertretene Parteien mit gesetzlichem Parteistatus sind die linke Reiwa Shinsengumi von Tarō Yamamoto und die vielfach umbenannte und 2023/2024 zersplitterte [Anti-]NHK-Partei, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Japans, die NHK, in bestehender Form ablehnt. Bei der Wahl 2022 zog die rechtspopulistische Sanseitō („Partizipationspartei“) mit gesetzlichem Parteinstatus ins Parlament ein, bei der Wahl 2024 die Nippon Hoshutō („Konservative Partei Japans“).
Geschichte vor 1945 Meiji-Zeit Nach der Meiji-Restauration begannen sich die ersten politischen Parteien aus der „Bewegung für Freiheit und Volksrechte“ in Opposition zur sogenannten „Meiji-Oligarchie“ zu formieren. Die älteste politische Partei Japans war die Öffentliche Gesellschaft von Patrioten (aikoku kōtō), die 1874 gegründet wurde. Kurze Zeit später wurde 1881 die Liberale Partei (jiyūtō) gegründet. Mit der Einrichtung des Reichstags war eine Hauptforderung der Bewegung erfüllt. Die entstandenen Gruppierungen waren die Keimzelle für die Parteien im Parlament. Am 1. Juli 1890 fanden die ersten Wahlen zum Unterhaus statt, die zugleich die ersten Wahlen in einem asiatischen Land waren.
Die Parteien hatten anfangs wenig Einfluss auf die Regierung, und Konflikte insbesondere über den Haushalt führten zu mehreren Auflösungen des Unterhauses, aber auch zu Regierungswechseln durch Rücktritte. Itō Hirobumi, selbst einer der bedeutendsten Vertreter der „Meiji-Oligarchie“ und von 1892 bis 1896 zum zweiten Mal Premierminister, erkannte bald die Notwendigkeit einer die Regierung stützenden Partei im Parlament, fand aber anfangs keine Unterstützung bei der Liberalen Partei (ursprünglich: „Konstitutionell-Liberale Partei“), die rund ein Drittel der Sitze im Unterhaus hielt und zusammen mit der Rikken Kaishintō („Konstitutionelle Fortschrittspartei“) gegen die Militärausgaben der Regierung opponierte. Erst nach dem Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg von 1894/95 fand er Verbündete in der Liberalen Partei. Im Jahr 1900 begründete er mit Beamten und der Kenseitō, die aus der Liberalen Partei und Teilen der Fortschrittspartei hervorgegangen war, das Rikken Seiyūkai. Die Partei wurde auf Jahrzehnte die dominierende Partei im Unterhaus.
Taishō-Zeit Der Einfluss der Parteien im japanischen Parlament war eher gering, da die Zustimmung des Parlaments nur auf wenige Bereiche, z. B. die Verabschiedung des Haushalts, beschränkt war und die Regierung außerparlamentarisch durch die herrschenden Oligarchen bestimmt wurde. Erst nach dem Taishō Seihen von 1913 entwickelte sich unter öffentlichem Druck eine stärker an das Parlament gebundene Regierungsform, die sogenannte „Taishō-Demokratie“. In dieser Zeit wurden die Regierungen erstmals mit den Führern der im Parlament vertretenen Parteien besetzt, um die Kooperation des Parlaments mit der Regierung zu stärken. 1925 wurden die bereits mehrfach gelockerten Zensusbeschränkungen des Wahlrechts aufgehoben und das allgemeine Wahlrecht für Männer über 25 eingeführt.
Die einflussreichsten Parteien der „Taishō-Demokratie“ waren das Rikken Seiyūkai, das Kenseikai (später: Rikken Minseitō) und das Rikken Dōshikai – alle drei bürgerliche Parteien. Neben die Meiji-Oligarchien und das Militär traten zunehmend die großen Industriekonglomerate (Zaibatsu) im Ringen um politischen Einfluss.
Zugleich begann sich nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution die politische Linke in Gewerkschaften und Verbänden zu formieren – anfangs jedoch ohne Repräsentation im Parlament. 1926 entstand die Arbeiter- und Bauernpartei (rōdō-nōmin-tō), der eine Reihe weiterer Neugründungen und Abspaltungen folgten. Erst 1932 entstand mit der Shakai Taishūtō („Sozialistische Massenpartei“) eine relativ gemäßigte Partei, die nennenswerte Erfolge bei Wahlen erzielen konnte. Radikalere Gruppierungen wie die 1922 gegründete Kommunistische Partei Japans, die sich gegen das Kaisertum und den Kapitalismus wandten, wurden vom Staat durch Sondergesetze, Verhaftungswellen und Razzien verfolgt und erreichten keine breite gesellschaftliche Basis.
Zeit des Militarismus Der wachsende Einfluss des Militärs auf die Regierung nach dem Beginn der Großen Depression und dem Einmarsch in der Mandschurei 1931 reduzierte den Einfluss der Parteien wieder, die Opposition wurde gleich- oder ausgeschaltet. Insbesondere nach dem Angriff auf China 1937 verschärfte sich das innenpolitische Klima.
Rechtsgerichtete Geheimbünde und nationalistische Militärzirkel destabilisierten die Parteienkabinette durch Anschläge und Pläne für einen Staatsstreich. Nach dem Putschversuch am 15. Mai 1932 begann mit dem Kabinett von Saitō Makoto die Zeit der „Kabinette der nationalen Einheit“ (, kyokoku itchi naikaku), die das Ende der Parteienherrschaft markierten. Die bürgerlichen Parteien Seiyūkai und Minseitō reagierten auf den Machtverlust, indem sie selbst eine aggressivere Außenpolitik forderten und zu Kompromissen mit dem Militär bereit waren; das Seiyūkai nahm allerdings nach der Bildung des Kabinetts Okada 1934 für einige Zeit eine Oppositionshaltung ein, verlor aber 1936 die Unterhausmehrheit. Die „Sozialistische Massenpartei“, die zwar gegen Japans Austritt aus dem Völkerbund gewesen war und den Einfluss des Militärs bekämpfte, wandte sich ebenfalls nicht entschieden gegen die Expansion auf dem Festland; sie konnte bei den letzten Vorkriegswahlen im April 1937 mit 36 von 466 Sitzen ihr bestes Wahlergebnis erzielen.
Nach dem Ausbruch des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges 1937 unterstützten viele Parteipolitiker die Aggression auf dem Festland. Gesetze zur von Teilen der Regierung verfolgten Errichtung eines „nationalen Verteidigungsstaates“ und einer „neuen politischen Ordnung“ – kurz der Unterordnung von Politik und Wirtschaft unter militärische Belange – wurden nun mit Zustimmung der Parteien verabschiedet, darunter 1938 das Kokka-sōdōin-hō, das „nationale Mobilmachungsgesetz“, das der Regierung weitgehende Eingriffe in die Privatwirtschaft erlaubte. Die Regierung wurde durch Sondervollmachten und neue Behörden wie das Kikakuin schrittweise zentralisiert und der Kontrolle durch das Parlament teilweise entzogen. Im Oktober 1940 bedeutete die Schaffung des Taisei Yokusankai („Bund zur Förderung der Kaiserherrschaft“) und einer Einheitsfraktion im Parlament das formale Ende der politischen Parteien, die sich – einschließlich der Sozialisten, inzwischen mehrheitlich eine nationalistisch-sozialistische Partei – selbst auflösten.
Das Taisei Yokusankai erreichte aber nicht das ursprüngliche Ziel, die alten politischen Strukturen vollständig zu verdrängen. Und bei der Shūgiin-Wahl 1942, der einzigen Wahl während des Krieges, verhinderten schon der Wahlkampf und der Nominierungsprozess unter Ägide des Innenministeriums und einer Kommission unter Abe Nobuyuki, dass die etablierten Politiker der ehemaligen Parteien wie von Premierminister Tōjō beabsichtigt durch „progressive“ oder „reformistische“ (kakushin), d. h. loyale, militaristische, Kandidaten ersetzt würden.Gordon M. Berger: Politics and mobilization in Japan, 1931–1945. in: Peter Duus (Hrsg.): The Cambridge History of Japan, vol. 6: The Twentieth Century. Cambridge University Press, 1991. S. 150 f. Und die Wähler gaben darüber hinaus 85 Kandidaten ohne Yokusan-Nominierung ein Mandat.
Nach der Kapitulation Japans unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und dem Kriegseintritt der Sowjetunion begann unter Regie des Supreme Commander for the Allied Powers (SCAP), den amerikanischen Besatzungsbehörden, der Aufbau einer demokratischen politischen Ordnung, die formal in der Verfassung von 1947 festgeschrieben wurde. Bereits 1945 formierten sich neue Parteien, die zum Teil personell an die Parteien der Vorkriegszeit anknüpften.
Amerikanische Besatzung und Nachkriegszeit Während der alliierten Besatzung Japans wurden mit der Formierung neuer Parteien und zwei Reformen des Wahlrechts 1945 und 1947 die Grundlagen der Parteienlandschaft der Nachkriegszeit gelegt. Nach einer Phase von Koalitionsregierungen und mehreren Parteiumbildungen mündete dies 1955 in das sogenannte „55er-System“, das von der Liberaldemokratischen Partei (LDP) als bürgerliche Regierungspartei und der Sozialistischen Partei Japans (SPJ) als größte Oppositionspartei bestimmt wurde. Dieses System erodierte ab den 1960er Jahren vor allem auf Seiten der SPJ, blieb aber in seiner Grundstruktur bis Anfang der 1990er Jahre erhalten.
In einem „Boom neuer Parteien“ formierten sich ab 1992 immer neue Parteien, die 1993 zum Machtverlust der LDP und danach zum endgültigen Bedeutungsverlust der SPJ als Sammelbecken der Opposition führten. Nach zahlreichen Umbildungen stabilisierte sich die Parteienlandschaft vorübergehend in den 2000er Jahren: Die LDP kehrte 1994 in die Regierung zurück, war aber auf eine Koalition mit kleineren Partnern angewiesen; und die Demokratische Partei übernahm 1998 die Rolle als größte Oppositionspartei. Nach der Unterhauswahl 2009 konnte sie zwar die Regierung übernehmen, musste sie aber nach der Wahl 2012 wieder an die LDP abgeben und ist schließlich in mehrere Teile zerbrochen.
Die konservativen Parteien bis zur Gründung der LDP Hauptartikel: Hoshu Gōdō
Die bedeutendste der 1945 gegründeten Parteien war die Liberale Partei, der auch Yoshida Shigeru, der bestimmende Politiker der Nachkriegszeit auf japanischer Seite angehörte. Sie knüpfte an das Rikken Seiyūkai der Vorkriegszeit an. Daneben entstand die liberaler ausgerichtete „Fortschrittspartei Japans“ (Nihon Shimpotō) in Anknüpfung an die Rikken Minseitō. Aus ihr gingen die Demokratische Partei, die Kaishintō („Fortschrittspartei“) und schließlich die Demokratische Partei Japans hervor. Die größte einer Reihe weiterer bürgerlicher Parteien war die 1947 entstandene Kokumin Kyōdōtō („Volks-Kooperationspartei“), die später in der Kaishintō aufging, und eine zentristische Ausrichtung hatte.