Der Ausdruck Demut kommt von (Hauptwörter: theomuati, deomuati, deohmuati, diumuoti, deumoti, tiemoti, deumuti, diemoti mit den Bedeutungen Demut und Erniedrigung; Adjektiv: demütig, untertan, ‚dienstwillig‘; also eigentlich ‚Gesinnung eines Dienenden‘, ‚Gemüt eines Dieners‘ oder kurz ‚Dienersinn‘Konrad Duden: Orthographisches Wörterbuch. 4. Auflage, 3. Abdruck, Bibliographisches Institut, Leipzig / Wien 1895, S. 66.).Rudolf Schützeichel: Althochdeutsches Wörterbuch. 5. Auflage. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1995, ISBN 3-484-10637-9, S. 112. Die Bestandteile des Wortes lassen sich weiter herunterbrechen in die beiden Wörter „dienen“ (dionōn; dio = Knecht) und „Mut“ (muot; auch: Sinn, Seele, Geist, Gemüt, Kraft des Denkens, Empfindens, WollensGerhard Wahrig: Deutsches Wörterbuch. Gütersloh 1970, Spalte 2500.).Duden: Der Duden in zehn Bänden, Band 7 (Etymologie), Das Herkunftswörterbuch, Bibliographisches Institut, Mannheim / Wien / Zürich 1963, ISBN 3-411-00907-1, S. 103 f.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2011, ISBN 978-3-11-022364-4, S. 189. Im Mittelhochdeutschen bedeuteten die Feminina diemüete, diemuot, dêmuot Demut, Herablassung, Milde und Bescheidenheit.Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. Auflage. neubearbeitet von Ulrich Pretzel. Salomon Hirzel Verlag, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1992, ISBN 3-7776-0493-3, S. 30. Die Demütigung war im Althochdeutschen die Dienstunwilligkeit;Der Sprach-Brockhaus. Deutsches Bildwörterbuch für jedermann, Eberhard Brockhaus Verlag, Wiesbaden 1949, S. 115. heute spricht man von Humiliation oder vom Gang nach Canossa.DBG Fremdwörterlexikon. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin / Darmstadt / Wien 1965, S. 45.

Im christlichen Kontext bezeichnet Demut die Haltung des Geschöpfes zum Schöpfer analog dem Verhältnis vom Knecht zum Herrn, allgemeiner die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit (Gottheit, sittliches Ideal, erhabenes Vorbild) hervorgehen kann“.Georgi Schischkoff: Demut. In: Philosophisches Wörterbuch. 22. Auflage. 1991, ISBN 3-520-01322-3. Nach: Nicolai Hartmann: Ethik. 3. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 476: „Demut ist das Bewußtsein unendlichen Zurückbleibens, bei dem aller Vergleich versagt. Sie mißt das eigene Sein an der Vollkommenheit, so wie sie diese versteht, als Gottheit, als sittliches Ideal oder als erhabenes Vorbild.“ In der Lutherbibel diente der Begriff zur Übersetzung des biblischen Ausdrucks () bzw. dessen lateinischer Übersetzung .

mini|Humilitas (Demut), Personifizierung auf Portal San Giovanni, Florenz

Begriffserklärung Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt. Ähnliche Begriffe sind Selbstverleugnung und Servilität. Allgemein wurde die Demut definiert als Liebe zum Dienen, Selbsterniedrigung, tiefe Bescheidenheit, Unterwürfigkeit,Gerhard Wahrig: Deutsches Wörterbuch. Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh / Berlin / München / Wien 1972, ISBN 3-570-06588-X, Spalte 868. ErgebenheitHans Witte: Schülerbildungswerk. 3. Auflage. Verlag Hans Witte, Freiburg im Breisgau 1965, S. 183. und Humilität. Fremdwörter für das Verb demütigen sind abaissieren und mortifizieren und für das Adjektiv demütigend humiliant sowie kaudinisch.DBG Fremdwörterlexikon. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin / Darmstadt / Wien 1965, S. 45.

Zu unterscheiden ist die Demut als innere Haltung und der äußere Ausdruck von Demut, die demütige äußere Erscheinung. Im Idealfall stimmen beide überein. Wer sich demütig gibt, muss deshalb jedoch nicht demütig sein. Und umgekehrt kann derjenige, der hochmütig erscheint, einen echten Stolz und eine damit verbundene innere Demut haben.Vergleiche dazu Nicolai Hartmann: Ethik. 3. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 476 f. Wer seine (vorgebliche) Demut zur Schau stellt, ist stolz, nicht demütig. Die Demut besteht dann nur zum Schein.

Die „unechte Demut“ ist entweder eine solche Demut nur zum Schein oder in einem anderen Sinn: die „falsche Demut, Selbsterniedrigung, sklavischer Sinn“.Nicolai Hartmann: Ethik. 3. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 476. Was man als falsche Demut ansieht, hängt von der Weltanschauung ab. So wird generell Demut eines Menschen vor einem anderen Menschen als „falsche Demut“ angesehen.Nicolai Hartmann: Ethik. 3. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 1949, S. 476. Der Ausdruck Kriechertum (im Sinne von Selbsterniedrigung gegenüber Menschen) bezeichnet die falsche Demut gegenüber bestimmten Menschen oder auch eine entsprechende Grundhaltung.

Ein Herr-Knecht-Verhältnis ist allerdings nur dann eines mit Unterdrückung und/oder Kriechertum, wenn sich die (falsche) Demut auf ein dualistisch betrachtetes Verhältnis bezieht, bei dem Herr und Knecht als um die potenzielle absolute Souveränität Streitende angesehen werden (und wo der momentane Herr den unterdrückenden, autoritär egoistischen, absolutistischen Part innehat). Im Gegensatz dazu steht z. B. diejenige Variante, wo der Knecht (zumindest teilweise) als eine Teilmenge des größeren Ganzen, genannt Herr, definiert wird, oder diejenige, wo der Knecht und der Herr eine definitorisch unzertrennliche Einheit (wie beispielsweise Kind und Vater/Mutter) bilden, deren Verhältnis im ursprünglich-heilen Normalfall auf Vertrauen und Wohlwollen/Liebe basiert.

Zu unterscheiden ist so auch zwischen Demut und Demütigung als öffentlicher Erniedrigung oder Beschämung, die der Starke dem Schwachen zufügt. Der im besten Sinne Demütige kann sich vom Mangel an Demut, dem Hochmut, gedemütigt finden; ebenso jedoch kann solche Demütigung als Waffe gegen den Hochmut gewendet werden.

Demut als Tugend und als Fehlhaltung in Religion und Philosophie Die Demut bei den Griechen und Römern Der Gedanke der Demut (gr. ταπεινότες = tapeinótes; lat. = humilitas) im Sinne des heutigen stark vom Christentum geprägten Verständnisses war der gesamten außerbiblischen bzw. -jüdischen oder -christlichen Antike und ihrer Ethik fremd.Rehrl, Stefan (1961). Das Problem der Demut in der profan-griechischen Literatur im Verhältnis zu Septuaginta und Neuem Testament. In: Aevum christianum. Salzburger Beiträge zur Religions- und Geistesgeschichte des Abendlandes. Münster: Aschendorff, S. 24–26. Im Kanon der vier Primärtugenden Hochsinn, Weisheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit fehlte Demut explizit. Als Martin Luther auch das Neue Testament ab 1522 in der sogenannten Lutherbibel aus dem Altgriechischen ins Frühneuhochdeutsche übersetzte, drückte er ταπεινοφροσύνη (tapeinophrosýnḗ = eine niedrige Gesinnung haben) mit „Demut“ aus. Der lateinische Begriff „humilitas“ (engl.: humility) für Demut verweist etymologisch auf humus (= Boden). In dieser Metapher steckt deutlich die Vorstellung, die wir in der deutschen Umgangssprache mit der Redewendung „auf dem Boden bleiben“ ausdrücken: Nicht hochmütig und ätherisch abheben, sondern chthonisch vorhandene Grenzen anerkennen. Damit kommt der lateinische Begriff humilitas (= Demut) dem heutigen Verständnis von Demut (als Grenzen anerkennen) näher als das altgriechische ταπεινότες (= tapeinótes), was im moralischen Sinne „niedrig“ bedeutet.

Statt „Demut“ stand in der hellenistischen Ethik etwa bei Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik das Persönlichkeitsmerkmal der Sanftmut (πραότης = praótḗs) gemeinsam mit der Tugend des Hochsinns (μεγαλοψυχία = megalopsychía) an zentraler Stelle. Der Hochsinn, verstanden als Gelassenheit, Großmut oder Großherzigkeit, dem angemessenen Denken und Handeln, zwischen den Lastern der Kleinherzigkeit und der Aufgeblasenheit oszillierend, galt Aristoteles als kaum zu erreichende menschliche Tugend. Der Hochsinnige liebe alles Große, Wahre und Schöne und unternähme nichts Kleines oder Gemeines. Die rechte Mitte einhaltend sei er sich seiner eigenen Würde bewusst und nicht von äußeren Gütern oder Einflüssen abhängig, sondern nur von seiner eigenen Tugend. Die Sanftmut war für Aristoteles gleichbedeutend mit einer klugen Selbstbeherrschung, entstanden aus der rechten Mitte der Emotionen Zornlosigkeit und Jähzorn. Wenn heute tapeinótes (Demut) mit Sanftmut (praótēs) übersetzt wird, kann der Eindruck entstehen, als hätte Demut bereits einen hohen Stellenwert in der hellenistischen Ethik eingenommen. Sanftmut (πραότης = praótēs) und Demut (ταπεινότες = tapeinótes) sind jedoch nicht deckungsgleich.

Nur an sehr wenigen Stellen finden wir in der antiken Profan-Literatur den Begriff tapeinós (ταπεινός = niedrig) positiv konnotiert.Thiessen, Jacob (2015). Demut als christliche Lebensweise. Eine Studie zu den Paulusbriefen in ihrem hellenistischen und biblischen Kontext. In: European Journal of Theology, 24:1, S. 5–18. Die Demut als eine geistige Haltung gegenüber dem Göttlichen wurde nicht mit dem Begriff der sozial verstandenen Sanftmut (praótes) erfasst. Die Beziehung zu den Göttern wurde eher mit Begriffen der Ehrfurcht belegt, etwa mit δέος (déos), ευλάβεια (eulábeia) oder auch mit σεβασμός (sebasmós = Respekt, Ehrerbietung). Und die Tapeinótes (Demut) galt in ihrer „heidnisch“ sozialpolitischen Ausrichtung in den antiken Profantexten eher für die sozial Niedriggestellten und kam als Tapeinophrosýnḗ (demütige Haltung) erst über von Luther herangezogene frühchristliche Bibeltexte in der deutschen Sprache als „Demut“ in Umlauf.Leng, Hermann-Otto (2015). Die Dimensionen der Demut. Baden-Baden: Deutscher Wissenschafts-Verlag, S. 3. Wenn im Altgriechischen die Beziehung zum Göttlichen mit tapeinós (ταπεινός = niedrig) oder tapeinótēs (ταπεινότης = Demut) bezeichnet würde, wäre die spirituelle Komponente profaniert und damit nicht deckungsgleich mit dem christlichen oder heutigen Verständnis von Demut als einer ehrfurchtsvollen Selbstbescheidung des Menschen gegenüber Gott oder dem Schicksal, aber auch den Menschen.

Erst das Christentum entwickelte eine Vorstellung von Demut als Tugend, die in der Nachfolge Jesu eine spirituelle Unterwerfung unter Gottes Willen und eine daraus abgeleitete Unterordnung auch gegenüber den Mitmenschen verlangte. „Die frühchristliche Ausprägung der Demut war eine Absetz- und Gegenbewegung zum altgriechischen Demutsverständnis als einer Tapeinophrosýnḗ für die sozial Niedriggestellten“.Leng, Hermann-Otto (2015). Die Dimensionen der Demut. Baden-Baden: Deutscher Wissenschafts-Verlag, S. 5. Speziell die Unterwerfungsbereitschaft der frühen Christen ließ sie bereits um 200 n. Chr. „zum Gespött der Leute werden“.Thiessen, Jacob (2015). Demut als christliche Lebensweise. Eine Studie zu den Paulusbriefen in ihrem hellenistischen und biblischen Kontext. In: European Journal of Theology, 24:1, S. 5–18.

Die Demut als (jüdische und christliche) religiöse Grundhaltung Demut bedeutet das Anerkennen der Allmacht Gottes. Demut beschreibt demnach die innere Einstellung eines Menschen zu Gott. Die Ethik des Alten Testaments fordert Demut als Ausdruck der grundsätzlichen Abhängigkeit des Menschen von Gott; im Neuen Testament und im Christentum orientiert sich die Demut am Vorbild Jesu.Die Zeit: Das Lexikon in 20 Bänden. Zeitverlag, 3. Band, Hamburg 2005, ISBN 3-411-17563-X, S. 302 f.Lingen Lexikon in 20 Bänden. 3. Band, Helmut Lingen Verlag, Wiesbaden 1976/1977, S. 267 f.

Die Demut spielt im jüdischen und christlichen Denken eine besondere Rolle. Im Alten wie im Neuen Testament ist Demut eine wesentliche Eigenschaft des wahren Gläubigen –, desjenigen, der mit Gott im Reinen ist. Die Wurzel des verwendeten hebräischen Wortes enthält die Bedeutungen von „sich beugen“ oder „sich herabbeugen“. Demut wird im Alten Testament dem Hochmut entgegengesetzt .