Die Geschichte der Psychoanalyse begann Ende des 19. Jahrhunderts mit den Arbeiten Sigmund Freuds.J. Breuer und S. Freud: Studien über Hysterie. Leipzig und Wien 1895. Die Psychoanalyse wurde als Methode der modernen Psychotherapie entwickelt, deren Wurzeln bis ins 18. Jahrhundert, etwa zu Franz Anton Mesmer, zurückreichen (→ Geschichte der Psychiatrie; Geschichte der Psychotherapie).Henri F. Ellenberger: Die Entdeckung des Unbewussten. Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung. Diogenes, Zürich 2005. Sofern Psychoanalyse Religionskritik und Kulturkritik übte, stand sie zudem in der Tradition der Aufklärung.
Wer schreibt die Geschichte der Psychoanalyse?
Freud selbst meinte, dass der beste Weg zum Verständnis der Psychoanalyse das Studium ihrer Geschichte sei. Seinen ersten diesbezüglichen Text Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung schrieb er 1914, also nach dem Bruch mit Alfred Adler und C. G. Jung, mit apologetischem Interesse. In dieser Tradition der apologetischen Darstellung steht auch noch die große Freud-Biographie von Ernest Jones, die in den 1950er Jahren erschien.Ernest Jones: The life and work of Sigmund Freud. 3 Bände, 1. Auflage, Hogarth, London 1953–1957. Deutsch: Das Leben und Werk von Sigmund Freud. 3 Bände, 3. Auflage, Huber, Bern 1982: Band 1: Die Entwicklung zur Persönlichkeit und die großen Entdeckungen 1856–1900. ISBN 3-456-81193-4. Band 2: Jahre der Reife 1901–1919. ISBN 3-456-81194-2. Band 3: Die letzte Phase 1919–1939. ISBN 3-456-81195-0. Die Biographie ist eine der bevorzugten Formen der Psychoanalyse-Geschichtsschreibung geblieben, vgl. z. B. die großen Biographien zu Melanie Klein (von Phyllis Grosskurth) und Anna Freud (von Elisabeth Young-Bruehl). Ebenfalls in den 1950er Jahren führte Kurt Eissler, einer der Gründer der „Sigmund Freud Archives“ in New York (1951) zahlreiche Interviews mit Veteranen der „psychoanalytischen Bewegung“, wie die damalige Selbstbezeichnung war, die jedoch nicht veröffentlicht wurden. Eisslers restriktive Veröffentlichungspolitik, insbesondere in Bezug auf die Briefe Freuds, gab zu zahlreichen Spekulationen Anlass.Neben frühen Abhandlungen Freuds enthielt eine zensierte Ausgabe der Briefe Freuds an Wilhelm Fließ der Band: Sigmund Freud: Aus den Anfängen der Psychoanalyse. Briefe an Wilhelm Fliess. Abhandlungen und Notizen aus den Jahren 1887–1902. Hrsg. von Marie Bonaparte, Anna Freud und Ernst Kris, Imago, London 1950. Erst 1986 (in englischer Übersetzung bereits 1985) erschien eine ungekürzte Ausgabe dieser Briefe: Sigmund Freud: Briefe an Wilhelm Fliess. 1887–1904. Hrsg. von Jeffrey Moussaieff Masson, Bearb. der deutschen Fassung von Michael Schröter, S. Fischer, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-10-022802-2. Zu den Spekulationen vgl. Yosef Hayin Yerushalmi: Serie Z: eine Archiv-Phantasie. In: Psyche 50, 1996, S. 1086–1102.
Seit den 1960er Jahren entwickelte sich eine von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung unabhängige Geschichtsschreibung, zu deren Vertretern Paul Roazen, Henri Ellenberger, Peter Gay, Michael Molnar, Elisabeth Roudinesco, Frank Sulloway, Alexander Etkind und Carl E. Schorske gehörten. Auch der Psychoanalyse eng verbundene Autoren wie Helmut Dahmer und Regine Lockot bemühten sich spätestens seit den 1970er Jahren um eine kritischere Sicht.
In methodischer Hinsicht ging die Psychoanalyse-Geschichtsschreibung über das Nacherzählen des Lebens der Pioniere und ihrer Theorien hinaus, indem sie Institutionalisierungsprozesse untersuchte und die Verstrickung der Psychoanalyse in soziale und politische Prozesse genauer analysierte.Vgl. zuletzt das ehrgeizige Werk von Eli Zaretsky: Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. Zsolnay, Wien 2006, ISBN 3-552-05372-7, (PDF), in dem er eine Art Gesamtdeutung versucht.
Psychoanalyse zu Lebzeiten Freuds 1883–1910: Anfänge
1883 erzählte Josef Breuer Sigmund Freud, der damals Neurologe war, wie er Anna O., eine seiner Patientinnen, die an Symptomen der Hysterie litt, behandelt hatte. Diese Patientin erzählte einfach ihre Geschichte, über ihre Halluzinationen, Sehstörungen, Paralysen usw. Nach einer solchen Behandlung ließen ihre Beschwerden Breuer zufolge nach, bevor die Symptome ganz verschwunden seien, so dass Anna O. die Behandlung „talking cure“ nannte.
1885 begab sich der frischgebackene Dozent für Neuropathologie Freud mit einem Reisestipendium nach Paris, um bei Charcot zu lernen. Charcots Einfluss erwies sich als entscheidend für Freuds Wendung zur Psychopathologie.Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud. Bd. 1, Bern 1982, S. 222. Vgl. auch Freuds Reisebericht: Sigmund Freud: Bericht über meine mit Universitäts-Jubiläums-Reisestipendium unternommene Studienreise nach Paris und Berlin. In: ders.: Selbstdarstellung. Schriften zur Geschichte der Psychoanalyse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1973, S. 127–138.
1886 eröffnete Freud seine Praxis in Wien. Seit 1887 benutzte er regelmäßig die Hypnose. Im selben Jahr begegnete er dem Nasenarzt Wilhelm Fließ, mit dem er einen umfangreichen Briefwechsel führte, der jedoch erst 1985 unzensiert herausgegeben wurde.Sigmund Freud: Briefe an Wilhelm Fliess. 1887–1904. Hrsg. von Jeffrey Moussaieff Masson, Bearb. der deutschen Fassung von Michael Schröter, S. Fischer, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-10-022802-2.
1889 arbeitete Freud mit einer neuen Patientin nach der kathartischen Methode Josef Breuers.
1893 erschien Breuers und Freuds Vorläufige Mitteilung. Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Freud zweifelte nicht mehr an der sexuellen Ätiologie der Hysterie.
1894 tauchten die Termini Abwehr-Neuropsychosen und Libido in Freuds Schriften auf.
1895 veröffentlichten Breuer und Freud ihre Studien über Hysterie. Dieses Jahr wird daher häufig als „Geburtsjahr der Psychoanalyse“ bezeichnet. Die Entstehung der Psychoanalyse kann als das „Ineinandergreifen dreier gleich bedeutsamer Prozesse“ begriffen werden:
Aus dieser Perspektive erscheint die Psychoanalyse als Revolution im Verhältnis von Arzt und Patient. Freud-kritischere Autoren betonen dagegen, dass auch in der Psychoanalyse ein Machtgefälle zwischen Analytiker(in) und Analysand(in) gegeben sei.
1896 verwendet Freud in seinem Aufsatz Zur Ätiologie der Hysterie erstmals den Begriff „Psychoanalyse“; im selben Jahr hält er hierzu einen Vortrag im Wiener Verein für Psychiatrie und Neurologie, in welchem er seine „Verführungstheorie“ darlegt, laut der in der Pathogenese der Hysterie tatsächlicher sexueller Missbrauch eine entscheidende Rolle spielt. Freud ersetzte die Verführungstheorie bald danach durch sein Konzept des Ödipuskonflikts.
1899 erschien Freuds Traumdeutung, vordatiert auf das Jahr 1900.Sigmund Freud: Die Traumdeutung von Dr. Sigm. Freud. F. Deuticke, Leipzig/Wien 1900.
1900 behandelte Freud Ida Bauer, deren Krankengeschichte er 1905 unter dem Titel Bruchstücke einer Hysterie-Analyse in einer Fachzeitschrift veröffentlichte („Dora“).
1901 erschienen Freuds Beiträge Zur Psychopathologie des Alltagslebens.1904 folgte die Veröffentlichung in Buchform: Sigmund Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube u. Irrtum. S. Karger, Berlin 1904.
1902 wurde Freud zum außerordentlichen Professor ernannt. Die psychologische Mittwochsgesellschaft, ein enger Kreis von ersten Anhängern, der sich in Freuds Wartezimmer traf, entstand. Aus ihr ging 1908 die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervor.
1904 begann Carl Gustav Jung die Psychoanalyse Sabina Spielreins. Jung gehörte zu einem Kreis von Ärzten, die sich am Burghölzli in Zürich mit der Psychoanalyse beschäftigen. Im selben Jahr endete die briefliche Beziehung Freuds zu Wilhelm Fließ.
1905 erschienen Der Witz und seine Beziehung zum UnbewußtenSigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. F. Deuticke, Leipzig/Wien 1905. und die Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.Sigmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. F. Deuticke, Leipzig/Wien 1905.
1907 begann Freud die Analyse des Patienten, der als Rattenmann bekannt wurde.Vgl. Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose . In: Sigmund Freud: Freud-Studienausgabe. Hrsg. von Alexander Mitscherlich. Bd. 7: Zwang, Paranoia und Perversion. S. Fischer, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-10-822707-6, S. 31–103.
1908 fand am 27. April in Salzburg der erste internationale psychoanalytische Kongress statt. Sándor Ferenczi, C. G. Jung, Karl Abraham, Otto Gross und andere nahmen teil. Freud veröffentlichte noch kurz zuvor, im März, seine Schrift Die ‚kulturelle‘ Sexualmoral und die moderne Nervosität,Sigmund Freud: Die ‚kulturelle‘ Sexualmoral und die moderne Nervosität. In: Sexual-Probleme (Mutterschutz, N.F.), Band 4, Nr. 3 (März 1908), S. 107–129; später div. Drucke. in der er zu kulturphilosophischen Schlussfolgerungen aus der Psychoanalyse, wie sie damals Ferenczi und Gross ziehen wollten, Stellung bezog.Vgl. Kap. 4 von Bernd A. Laska: Otto Gross zwischen Max Stirner und Wilhelm Reich. In: Raimund Dehmlow/Gottfried Heuer (Hrsg.): Bohème, Psychoanalyse & Revolution. Marburg 2003, S. 125–162
Im September 1909 reisten Freud, Ferenczi und Jung in die Vereinigten Staaten, wo Freud an der Clark University Vorlesungen hielt und die Ehrendoktorwürde entgegennahm. Zu seinen Hörern zählten William James, Franz Boas, James Jackson Putnam und Emma Goldmann.
1910–1914: Beginnende Institutionalisierung und frühe Spaltungen
1910 wurde, einer Idee FerenczisVgl. Sándor Ferenczi: (1910); in: ders.: Bausteine der Psychoanalyse, Band III, S. 275–289; dazu: Michael Ermann: (PDF; 962 kB). In: Elke Metzner, Martin Schimkus (Hrsg.): Die Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung durch Freud und Jung. Psychosozial-Verlag, Giessen 2011, S. 75–90 folgend, die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV, bzw. International Psychoanalytical Association, IPA) gegründet. Jung wurde u. a. deswegen Präsident, weil Freud angesichts des verbreiteten Antisemitismus fürchtete, die Psychoanalyse könnte zu sehr mit dem Judentum identifiziert werden. Freuds Vorschlag, Jung zum Präsidenten auf Lebenszeit zu wählen, wurde jedoch abgelehnt. Freuds gewissermaßen dynastische Vorstellung von Kontinuität spielte später noch eine große Rolle für die Bedeutung Anna Freuds in der IPV. – Freud begann mit der Analyse des „Wolfsmanns“.Freuds Krankengeschichte Aus der Geschichte einer infantilen Neurose (verfasst 1914) wurde zuerst 1918 veröffentlicht. Vgl. Sigmund Freud, Studienausgabe. 10 Bände. S. Fischer, Frankfurt am Main 1969, Band 8, S. 125 ff. Sie ist zusammen mit anderen Texten, die den weiteren Lebensweg des „Wolfsmanns“ dokumentieren, auch abgedruckt in: Der Wolfsmann vom Wolfsmann. Sigmund Freuds berühmtester Fall. Erinnerungen. Berichte und Diagnosen. Hrsg. von Muriel Gardiner, Aktualisierte Ausgabe, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1982.
1911 verließ Alfred Adler die IPV, 1912 folgte ihm Wilhelm Stekel. 1911 wurde in den USA die New York Psychoanalytic Society gegründet. Freud misstraute dem Erfolg der Psychoanalyse in den USA und befürchtete eine Indienstnahme der Psychoanalyse als „Dienstmagd der Psychiatrie“. Freuds Neffe Edward Bernays wendete psychoanalytische Einsichten mit großem Erfolg in den Public Relations an. – Freud publizierte 1911 aufgrund der Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken von Daniel Paul Schreber Psychoanalytische Bemerkungen zu einem autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia Paranoides). Im Allgemeinen vermied es Freud jedoch, Psychotiker zu behandeln. Zu den Pionieren der psychoanalytischen Psychosentherapie zählen u. a. Victor Tausk, Paul Federn und Frieda Fromm-Reichmann.