Yakuza rahmenlos|zentriert|215pxMitglieder einer Yakuza-Organisation –Sanja Matsuri, Tokio 2007 Japanische Bezeichnung Kana Hepburn Alternative Bezeichnung Kanji Kana Hepburn Amtliche Bezeichnung Kanji Kana Hepburn Eigenbezeichnung Kanji Kana Hepburn Kana Hepburn rahmenlos|zentriert|215pxYakuza geschrieben in Katakana
Yakuza (, ), auch als Gokudō (, deutsch wörtlich „extremer Weg“, sinngemäß „das Dō der Extreme“) von offiziellen Stellen Bōryokudan (, deutsch wörtlich „gewalttätige Gruppe[n]“) genannt, Eigenbezeichnung Ninkyō Dantai (, , deutsch wörtlich „ritterliche Organisation“) ist der Oberbegriff für japanische kriminelle Organisationen, deren Geschichte einige Jahrhunderte zurückreicht. Sie werden in verschiedene rivalisierende kumi (, deutsch Banden, Gruppen) eingeteilt und die ausländische Presse bezeichnet sie manchmal auch zusammenfassend als „japanische Mafia“.
Etymologie Die Bezeichnung Ya-Ku-Za ist die dialektale Aussprache der Zahlenkombination „8-9-3“, welche im Kartenspiel Oicho-Kabu als wertlos gilt. Es wird mit dem Kartensatz Kabufuda gespielt, das dem Black Jack ähnelt. So gesehen betrachten sich die Yakuza mit einem gewissen Stolz als die „Wertlosen“ der Gesellschaft.
Organisation Vor dem Erlass der Anti-Yakuza-Gesetze Die Yakuza folgen einer strengen Hierarchie, sprechen einen eigenen Berufsjargon und verwenden unterschiedliche Kodizes in Form von Hausordnungen. Sie sind auf nahezu allen japanischen Inseln und im Ausland tätig. Traditionell sind sie in Thailand und Südkorea vertreten. Als bevorzugte Bastion im westlichen Ausland gelten Hawaii und auf dem US-amerikanischen Festland San Francisco. Besonders nach 1990 waren auch Yakuza-Aktivitäten in New York und Australien zu beobachten. Als Stützpunkte in Europa gelten Amsterdam und Paris.
Seit 1993 ist in Japan das sichtbare Bekenntnis zu einem kumi strafbar, was die modernen Yakuza in einigen Teilen des Landes immer mehr zur Arbeit im Untergrund zwingt. Trotzdem sind einige Gruppen und Banden unter nur sehr oberflächlichen Tarnungen immer noch mit Adressen und Telefonnummern in den Telefonbüchern Osakas und Tokios verzeichnet. Auch wenn sich in den letzten Jahren die vormals enge Beziehung zur Polizei und ihr allgemeines gesellschaftliches Ansehen verschlechtert haben, bilden die Yakuza nach wie vor eine einflussreiche Gemeinschaft innerhalb der japanischen Gesellschaft und haben ihre Bedeutung vor allem im Banken- und Immobiliengeschäft erhalten können.
Die patriarchalische Führungsfigur in einem Yakuza-Netzwerk ist der Oyabun (jap. Vater) oder Kumichō (jap. Bandenchef). Er entspricht in etwa dem „Paten“ im Mafia-Milieu. Einem Oyabun gegenüber ist sein Untergebener zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Unter Yakuza gilt ein Oyabun auch als „einer, der über den Wolken lebt“, eine Metapher, die von westlichen Experten als Synonym für Unantastbarkeit interpretiert wird. Als niederes Glied innerhalb der Hierarchie gelten die Kobun, die Söhne. Dieses Prinzip wird über viele Stufen verschachtelt. Yakuza pflegen ein aufwendiges Aufnahmeritual, bei dem traditionelle Kleidung getragen wird und der zukünftige Kobun seinem Oyabun Treue und Loyalität bis in den Tod zu schwören hat. Die Notwendigkeit drakonischer Strafen gegen Geschäfte außerhalb der Strukturen und das damit verbundene Nicht-Abführen der Erlöse als „Mitgliedsbeiträge“ zeigt, dass die Bindungswirkung des Senioritätsprinzips nachlässt. Innerhalb der Organisationen kommt es häufig zu Konkurrenz und Machtkämpfen einzelner Machtzentren auf gleicher Stufe um die Gunst der übergeordneten Ebene.
Die Mitgliederschaft der Yakuza ist schwer einzuschätzen. Nach einer vielfach verbreiteten Aussage eines Offiziers der Public Security Intelligence Agency von 2009 seien die Mitglieder zu rund 60 Prozent Burakumin, Nachkommen der „Unreinen“ in der feudalen Epoche Japans. Etwa 30 % stammten demnach aus der koreanischen Minderheit und 10 % gehörten zu sonstigen Bevölkerungsgruppen.Kosuke Takahashi: Capital punishment – Japan's yakuza vie for control of Tokyo. Jane’s Intelligence Review, Dezember 2009, S. 40–43. Diese Angaben werden bezweifelt und dienen dem politischen Ziel, die Kriminalität Außenseitern und Ausländern zuzuschieben.Dolf-Alexander Neuhaus: Right Wing Organizations, Organized Crime, and the State in Japan – Historical Discourses and Developments. In: Stephan Blancke (Hrsg.): East Asian Intelligence and Organised Crime. Dr. Köster 2015, ISBN 978-3-89574-888-2, S. 117–132, 117. Beobachter stellen vielmehr fest, dass die Yakuza zwar in der Nachkriegszeit aus den unteren Schichten und Außenseitern bestand, seit den späteren Jahrzehnten aber Aussteiger der Mehrheitsgesellschaft die Mitgliedschaft bestimmen.Andrew Rankin: Recent Trends in Organized Crime in Japan: Yakuza vs the Police, & Foreign Crime Gangs ~ Part 2. In: Japan Focus – The Asian Pacific Journal. Band 10, Ausgabe 7, Nummer 1, 11. Februar 2012 (englisch).
Rund die Hälfte der Yakuza gelten als jun-kōseiin (, dt. „Mitgliedsanwärter“), die außerhalb der Organisation leben und regulären Geschäften nachgehen, aber bei Bedarf von Fall zu Fall rekrutiert werden können.Will Blathwayt: Yakuza bared – The changing face of Japanese organised crime. Jane’s Intelligence Review, April 2008, S. 36–41.
Nach der Verschärfung der gesetzlichen Strafverfolgung Der Yakuza-Experte und ehemalige Autor der japanischen Tageszeitung Yomiuri Shinbun, Jake Adelstein, ist der Ansicht, dass den zahlreichen neuen Gesetzen, die Schutzgelderpressung und andere Aktivitäten der Yakuza illegal machten, ein Stimmungswandel vorausging. Noch 2009 hatte die Yamaguchi-gumi um die 40.000 Mitglieder und zeigte sich regelmäßig öffentlich in den von ihr kontrollierten Gebieten. Das ungenierte Auftreten auf Sportevents und in der Öffentlichkeit wurde zunehmend als Tabubruch und Provokation empfunden und die entsprechenden Restriktionen sorgten dafür, dass die vormals geduldete Yakuza sich neue Geschäftsfelder erschließen musste.
Die Mitgliedszahlen der Yakuza-gumis fallen seit den Gesetzen gegen Bankgeschäfte der kriminellen Gruppen aus dem Jahr 2011 rapide. Der Höchststand wurde 1963 registriert mit 184.100 Personen. Dann setzte über rund drei Jahrzehnte ein langsamer Rückgang ein. Von 1990 bis etwa 2010 wurde die Gesamtzahl der Yakuza stabil mit über 80.000 Menschen angegeben, bevor die staatliche Verfolgung einsetzte. 2013 wurde die Zahl nur noch auf 63.000 geschätzt, eine der kleineren Gruppen Kyūshū Seidō-kai löste sich 2013 unter dem Druck auf. 2015 fiel die Gesamtzahl aller Yakuza-Gumi erstmals unter 50.000. 2017 zählte die Nationale Polizeibehörde nach einer etwas anderen statistischen Erfassungsmethode nur noch unter 20.000 Vollmitglieder.
Mehr als 2000 Mitglieder hatten Stand 2016: die Yamaguchi-gumi (5200 Mitglieder), die Sumiyoshi-kai (3100), die 2015 von der Yamaguchi-gumi abgespaltene Kobe Yamaguchi-gumi (2600) und die Inagawa-kai (2500). Darüber hinaus sind 18 weitere Gruppen registriert.
Auch abgesehen von der polizeilichen Verfolgung haben die Gruppen Nachwuchsprobleme, da in der alternden japanischen Gesellschaft mit behüteten Jugendlichen kaum mehr Interesse junger Leute an den Yakuza-Strukturen und den harschen Bedingungen für Neueinsteiger auf den untersten Ebenen besteht. Der Dokumentarfilm Young Yakuza aus dem Jahr 2007 begleitete einen 20-Jährigen bei seinem Eintritt in die Yakuza.
Geschichte mini|Suzuki Kinsen, ca. 1900: Ein Yakuza mit einem Drachentattoo rennt, um seinem Kameraden zu helfen, der gegen die Polizei kämpft.
Die Yakuza berufen sich auf eine Abstammung von den Glücksspielsyndikaten (, bakuto) der Edo-Periode (etwa 1600 bis 1868). Die damaligen Yakuza bestanden fast ausnahmslos aus Menschen von „niederer Geburt“, also Angehörigen der Stände der Bauern und Handwerker, hauptsächlich jedoch der Kaufleute. Hatte man als solcher sein Land oder Geschäft durch Glücksspiel, Naturkatastrophen oder plündernde Rōnin verloren oder kam als Flüchtling vor Unruhen oder Strafverfolgung mittellos in eine neue Stadt, blieb einem nicht viel anderes übrig, als bei der Yakuza anzufragen. Diese gab einem dann eine Unterkunft und Arbeit; nicht selten zogen allein Geborgenheit innerhalb der Familienstruktur sowie Abenteuerlust und Hoffnung auf Respekt und Anerkennung unter der ländlichen Bevölkerung auch Freiwillige in die Dienste der Yakuza. Alle Polizeikräfte dagegen kamen damals aus dem Stand der Samurai, die durch die so genannte pax Tokugawa keine kriegerische Beschäftigung mehr hatten und sich auf den Schutz der öffentlichen Sicherheit konzentrierten. So entstand oft ein spannungsgeladenes Verhältnis zwischen den beiden Parteien, und die Yakuza wurden oft von den bushi als Möchtegern-Samurai ohne Ehrung des Bushidō herablassend behandelt. Trotzdem war ein Interessenkonflikt nicht unvermeidbar, und die Radikalität der verschiedenen kumi unterschied sich von Ort zu Ort stark, so gab es auch in wenigen Fällen Kooperation zwischen den beiden Gruppierungen, wenn es um Gemeindepolitik und um Anliegen der Bürger ging. Die Yakuza leitet daraus ein Robin-Hood-Image ab.
Relevanten Einfluss auf die japanische Gesellschaft erlangte die Yakuza erst wieder in den Zeiten der Unruhe am Anfang der Shōwa-Zeit ab 1926 und bis zum Zweiten Weltkrieg sowie insbesondere nach der japanischen Niederlage ab 1945. Zu dieser Zeit entstanden die Strukturen der modernen Yakuza. Sie organisierte den Schmuggel und Schwarzhandel und schuf extra-legale Methoden zur Durchsetzung legaler und illegaler Ansprüche, als die staatliche Justiz und Polizei die legalen Strukturen nicht mehr aufrechterhalten konnte. Nach dem Ende der Besatzungszeit und der Anerkennung Japans als souveräner Staat 1952 im Friedensvertrag von San Francisco folgte der Wiederaufbau der Wirtschaft und der staatlichen Strukturen. Die Yakuza reagierte auf den Wandel mit dem Aufbau eigener wirtschaftlicher Aktivitäten, insbesondere im Glücksspiel und der Bauwirtschaft. Die verschiedenen Banden konkurrierten und gerieten in Konflikte, die als blutige Bandenkriege um Einflussgebiete geführt wurden. Mitte der 1960er-Jahre führte die Gewalt erstmals zu Verfolgungsdruck des Staates, der wiederum die Konzentration der Macht in den bis heute vorherrschenden drei Gruppen Yamaguchi-gumi, Sumiyoshi-kai und Inagawa-kai beschleunigte.
Die Rezession der 1970er-Jahre und die folgende Blasenökonomie der 1980er-Jahre nutzte die Yakuza zum Einstieg in die Finanzbranche. Schutzgelderpressung börsennotierter Aktiengesellschaften unter dem Druck langdauernder und kostspieliger Einsprüche und Klagen von Kleinaktionären gegen Rechnungsabschlüsse und Geschäftsmethoden wurden ebenso zum Mittel der organisierten Kriminalität, wie die aufkommende Containerschifffahrt den Schmuggel beflügelte. Ebenfalls in die 1980er-Jahre fiel ein Generationswechsel in allen großen Syndikaten, insbesondere in der Yamaguchi-gumi wurde dieser bis Ende des Jahrzehnts blutig ausgetragen und führte zu erhöhtem Druck von Polizei, Politik und Öffentlichkeit auf die Gruppen.
Bis zum Inkrafttreten des Bōryokudan-Gesetzes im März 1992 waren die verschiedenen Banden großteils in legalen Strukturen organisiert. Mit dem Gesetz wurden alle als „gewalttätig“ bezeichneten Gruppen unter Druck gesetzt. Mitgliedschaft wurde nicht illegal, aber die sichtbare Betätigung wurde mit drastischen Strafen belegt. Die Yakuza-Organisationen gingen in den Untergrund. Dies und der wirtschaftliche Abschwung Japans in den 1990er-Jahren schädigte den Einfluss und die Einnahmen, worauf die Banden ihre Methoden wiederum anpassen mussten.