Das Verhältnis des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889 – 1976) zum Nationalsozialismus (auch: Fall Heidegger) ist mit dem Beginn der 1930er Jahre nachweisbar und wurde bereits Mitte 1933 auch außerhalb der wissenschaftlichen Disziplinen zum Gegenstand der internationalen Kritik.
In der Forschung herrscht Einigkeit darüber, dass sich Martin Heidegger im „Dritten Reich“ mit Begeisterung für das engagierte, was er die „nationalsozialistische Revolution“ nannte. 1930 begann er, den Völkischen Beobachter zu lesen. 1932 wählte er die NSDAP. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wollte er an der Umgestaltung der Gesellschaft mitwirken, besonders durch die Einführung des Führerprinzips an den Universitäten. Am 21. April 1933 wurde er von seinen Kollegen zum Rektor der Universität Freiburg gewählt und trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei, die seinen Beitritt öffentlich feierte und der er bis zum Ende der NS-Herrschaft angehörte.
Bei allen Bekenntnissen Heideggers zum Nationalsozialismus war sein Verhalten ambivalent. So bemühte er sich als Rektor in mehreren Fällen, das Schicksal jüdischer Hochschulangehöriger im Rahmen des Möglichen zu lindern. Andererseits denunzierte er einen jüdischen und einen nicht-jüdischen Kollegen. In politischen Reden, viele davon vor Studenten gehalten, huldigte er Adolf Hitler, der für ihn damals nahezu messianische Züge bekam. Anlässlich der Kundgebung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) am 11. November 1933 in Leipzig hielt er vor tausenden von Zuhörern eine der konstituierenden Reden zum Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler. Am 1. Dezember 1933 trat Heidegger auch dem NSLB bei. 1934 legte er sein Amt als Rektor vorzeitig nieder, trat aber weiter für Hitler und den Nationalsozialismus ein, insbesondere mit der im Völkischen Beobachter veröffentlichten Erklärung der Deutschen Wissenschaftler hinter Adolf Hitler und durch seine Mitgliedschaft in dem von Hans Frank gegründeten Ausschuss für Rechtsphilosophie, in dem er mindestens bis 1936 tätig war. Heideggers „Ernüchterung“ bezüglich der Nationalsozialisten fand 1938 eine erste zeitgenössisch dokumentierte Resonanz – vom exilierten Bruno Altmann. Trotz der konstatierten Ernüchterung hielt Heidegger weiterhin Vorlesungen und verfasste Schriften, die in der Kontroverse nach 1945 relevant wurden. Einige dieser Texte gehören zu dem Bestand, der gemäß seinem Willen erst als Nachlass in der Gesamtausgabe sukzessive veröffentlicht wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde bis zu seiner Emeritierung 1951 ein Lehrverbot über Heidegger verhängt. Die wenigen Stellungnahmen, die es von ihm nach dem Bereinigungsverfahren zur NS-Zeit gab, bestimmte er zur postumen Publikation.
Die Heidegger-Forschung konzentriert sich heute zunehmend auf die Frage, ob und inwiefern sich die nationalsozialistische Ideologie auch in seinen philosophischen Gedanken nachweisen lässt. Dabei wird seit dem Beginn der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte im Jahr 2014 vorzugsweise der Aspekt des Antisemitismus erörtert. Die These einer Teilhabe an den NS-Verbrechen wurde 2017 und 2018 international in der Debatte über Martin Heidegger und Fake News diskutiert.
mini|Martin Heidegger (1960) mini|Personalbogen (1935)
Haltung vor 1933 Verhältnis zur Weimarer Demokratie Heideggers Ruf nach „neuen Menschen“ und Führern Im Jahr, in dem der Erste Weltkrieg begann, öffnete sich Heidegger mit der Abkehr vom „transzendentalen Ich“ seines Lehrers Edmund Husserl zugunsten eines weniger abstrakten und erfahrungsreicheren „historischen Ich“ endgültig dem „faktischen Leben“ als dem „philosophischen Ausgangspunkt“. Mit dieser Absage an den transzendentalen Aspekt der Phänomenologie und der Hinwendung zur bloßen Existenz nahm Heidegger auch Positionen ein, die den „Ideen von 1914“ entsprachen und sich beispielsweise in Max Schelers Genius des Krieges (1915) mit der Definition des Krieges als der Möglichkeit zur Offenbarung der wahren Substanz ausdrückten.Richard Wolin: : Der gefährliche Augenblick. In: August H. Leugers-Scherzberg, Lucia Scherzberg (Hrsg.): Genderaspekte in der Aufarbeitung der Vergangenheit, Saarbrücken, 2014, S. 55–82, hier: S. 66; Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit. (1994) 8. Aufl. Fischer, Frankfurt 2001, S. 75.
Noch im Dienst der zivilen Verwaltung des Deutschen Heeres und für Post und Wetterbeobachtung zuständig, beklagt sich Heidegger am 6. Oktober 1918 brieflich bei seiner Frau über die „ganze Ziellosigkeit u. Hohlheit und Wertefremdheit“, die das staatliche Leben beherrschten. In der sich abzeichnenden Niederlage des Krieges mündete seine Unzufriedenheit mit den politisch und militärisch Verantwortlichen in einer Forderung, die das Neue mit dem Ursprünglichen und dem Geist verband:
x300px|mini|Hilferuf nach dem Krieg, Poster, 1918
Diese Bemerkungen in persönlichen Briefen gehören zu den frühesten Zeugnissen, die in der „Heidegger-Debatte“ zum Gegenstand der Kritik wurden. Heidegger stempele hier „die Massen, die deren Größenwahn mit ihrem Blut bezahlt haben, als unkreativ ab“ (Anton Fischer).Anton M. Fischer: Martin Heidegger – Der gottlose Priester: Psychogramm eines Denkers. Rüffer & Rub, Zürich 2008, S. 88. Zum Begriff der Führer heißt es, er habe nicht an politische, sondern an „geistige“ Führer gedacht (Holger Zaborowski). Denn der Führer-Gedanke war schon vor der Gründung der NSDAP (1920) sehr verbreitet – nicht nur in politischen KontextenHolger Zaborowski: „Eine Frage von Irre und Schuld?“. Martin Heidegger und der Nationalsozialismus. Fischer, Frankfurt 2010, S. 143f. u. 284f., sondern auch bei Dichtern und Philosophen wie Stefan George, Georg Simmel, Hermann von Keyserling oder Hans Blüher, einem der zentralen Ideologen der Jugendbewegung, deren charismatisch ausgerichtete „Führer“-Idee zur Hochkonjunktur dieses Gedankens bei Heidegger und anderen beitrug.Jörg Appelhans: Martin Heideggers ungeschriebene Poetologie. Niemeyer, Tübingen 2002, S. 37.
Ganzheitliches Konzept zur Erneuerung der Universität
Heidegger sah auch die Universität in der Krise.Holger Zaborowski: „eine Frage von Irre und Schuld?“. Martin Heidegger und der Nationalsozialismus, Fischer, Frankfurt 2010, 134-159 Schon 1918 stellte er in einem Brief an seine Geliebte Elisabeth Blochmann fest: „Diese einfache und ruhige Linie geistigen Seins u. Lebens ist unseren Universitäten verloren gegangen – wer das einmal ‚gesehen‘ hat, den wundert nicht die innere Hilflosigkeit der akademischen Jugend, der sieht aber auch in programmatischen Reformvorschlägen u. Theorien über das ‚Wesen der Universität‘ nur dieselbe schwächliche Verwirrung. Geistiges Leben kann nur vorgelebt u. gestaltet werden.“Brief vom 15. Juni 1918, in: Joachim W. Storck (Hrsg.): Martin Heidegger/Elisabeth Blochmann. Briefwechsel. 1918–1969, Deutsche Schillerges. 2. Auflage 1990, zitiert nach: Reinhard Mehring: Heideggers Überlieferungsgeschick. Eine dionysische Selbstinszenierung, Königshausen & Neumann, Würzburg 1992, 31. Vgl. Joachim W. Storck (Hrsg.): Martin Heidegger/Elisabeth Blochmann. Briefwechsel. 1918–1969, Deutsche Schillergesellschaft, 1989, S. 7. Die Idee einer Erneuerung der Universität nach dem Vorbild der Platonischen Akademie und der mittelalterlichen KlösterHerman Philipse: Heidegger’s Philosophy of Being: A Critical Interpretation., Princeton University Press, 1998, 437. bewegte Heidegger fortlaufend bis in die RektoratszeitGA 56/57 (Zur Bestimmung der Philosophie, Kriegsnotsemester 1919), 3-6: Vorbetrachtung. Wissenschaft und Universitätsreform: „Die vielberedete Universitätsreform ist gänzlich mißleitet und eine totale Verkennung aller echten Revolutionierung des Geistes, wenn sie sich jetzt ausweitet in Aufrufen, Protestversammlungen, Programmen, Orden und Bünden: geistwidrige Mittel im Dienste ephemerer Zwecke“ (S. 4); GA 56/57 (Zur Bestimmung der Philosophie, Anhang I, SS 1919), 205-214: Nachschrift von Oskar Becker: Über das Wesen der Universität und des akademischen Studiums; GA 63 (Ontologie, Vorlesung SS 1923),33: „Die Lage der Wissenschaften und der Universität ist fragwürdig geworden. Was geschieht? Nichts. Man schreibt Broschüren über die Krisis der Wissenschaften, über den Beruf der Wissenschaft. Einer sagt es dem anderen, man sage, wie man höre, mit den Wissenschaften sei es aus. Es gibt heute schon eine Literatur über die Frage, wie es sein müßte. Sonst geschieht nichts.“; GA 28 (Der deutsche Idealismus, SS 1929) 347-361: Einführung in das akademische Studium; GA 16 (Reden und andere Zeugnisse, 14./15. August 1934), 285-307: Die Deutsche Universität; GA 16 (Reden und andere Zeugnisse, Anhang 3, Vortrag 30. Juni 1933), 761-763: Die Universität im Deutschen Reich (s. u.). Dabei ging es ihm um die Wiederherstellung des Lebenszusammenhangs zwischen Theorie und Praxis,Der „Bankrott“ der Wissenschaft kann nur dadurch beseitigt werden, „daß die verschüttete Idee selbst wieder ans Licht gebracht und Wissenschaft wieder wird eine Lebensform, nicht ein Handwerk und Geschäft.“, Martin Heidegger: Grundprobleme der Phänomenologie, WS 1919/20, GA 58, 20 wozu eine persönliche Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden an der Universität nötig seiHolger Zaborowski: „Eine Frage von Irre und Schuld?“. Martin Heidegger und der Nationalsozialismus. Fischer, Frankfurt 2010, 149 – 150: „Lebensbezüge aber erneuern sich nur im Rückgang in die echten Ursprünge des Geistes, sie bedürfen als historische Phänomene der Ruhe und Sicherheit genetischen Sichverfestigens, mit anderen Worten: der inneren Wahrhaftigkeit wertvollen, sich aufbauenden Lebens.“Martin Heidegger: Frühe Freiburger Vorlesungen GA 56/57 (Die Idee der Philosophie und das Weltanschauungsproblem, Kriegsnotsemester 1919), 5 Für Heidegger muss die Philosophie das akademische Leben in allen Fächern ganzheitlich bestimmen, im Sinn des „Habitus eines persönlichen Daseins“. Diese noch lebensphilosophisch geprägte Beschreibung seines Ideals beinhaltet auch ein „vorbildliches Vorleben“Martin Heidegger: Frühe Freiburger Vorlesungen GA 56/57 (Die Idee der Philosophie und das Weltanschauungsproblem, Kriegsnotsemester 1919), 5 durch die Lehrenden.
Auf einer Geburtstagsfeier für Edmund Husserl fand er 1920 in Karl Jaspers einen Partner, dem das Thema auch am Herzen lag und der ähnliche Gedanken hegte.Karl Jaspers: Die Idee der Universität, Berlin 1923, neugefasste Ausgaben unter gleichem Titel von 1946 und 1961 Auf die anlässlich einer gemeinsamen einwöchigen Klausur im Hause Jaspers von Heidegger angestrebte „Kampfgemeinschaft“ reagierte Jaspers jedoch zurückhaltend.Karl Jaspers: Notizen zu Heidegger, hrsg. von Hans Saner, Pieper, München 1978, Nr. 59: „Was mich wurmt: daß wir nicht Bundesgenossen in der Öffentlichkeit geworden sind, wozu 1921 eine Möglichkeit schien – […] Da dies nicht geschehen ist – […] aber die Weise des Versagens kann auf beiden Seiten verschiedene Motive haben – ist die Beziehung belastet mit dieser ausgebliebenen Möglichkeit.“ „Beide kritisieren zwar die moderne 'Vermassung'; Jaspers tut dies aber aus liberaler, Heidegger aus nationalistischer Sicht.“Reinhard Mehring: Heideggers „große Politik“. Mohr Siebeck, Tübingen 2016, 71
Doxographie zur „Kampfgemeinschaft“ mit Jaspers
Freundschaft mit den Brüdern Jünger