Aktion Reinhardt (auch als Einsatz Reinhardt bezeichnet; daneben findet sich die Schreibweise Reinhard) war der Tarnname für die systematische Ermordung aller Juden und Roma des Generalgouvernements im deutsch besetzten Polen während des Zweiten Weltkrieges. Im Zuge der „Aktion Reinhardt“ wurden zwischen März 1942 und Oktober 1943 etwa 1,6 bis 1,8 Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma aus den fünf Distrikten des Generalgouvernements (Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Galizien) in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka ermordet.

Die „Aktion Reinhardt“ stellt den Höhepunkt der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber den Juden dar. In den Lagern der „Aktion Reinhardt“ wurden zusammengerechnet mehr Menschen ermordet als im KZ Auschwitz. Es gab keine Selektionen; die Lager waren als Todesfabriken organisiert.

Der Tarnname der Aktion steht im Zusammenhang mit dem Vornamen des SS-Obergruppenführers und NS-Polizeigenerals Reinhard Heydrich, auf den am 27. Mai 1942 ein tödliches Attentat verübt worden war.Ernst Klee: Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens. S. Fischer, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-10-039303-1, S. 374 zu Stw. „Aktion Reinhard“.

Vorgeschichte Wann der Befehl, Juden und andere Volksgruppen Europas zu ermorden, gegeben wurde, lässt sich nicht feststellen, da außer einem Schreiben Hermann Görings an Reinhard Heydrich kein schriftliches Zeugnis der höchsten Regierungskreise bekannt ist. Es ist nicht sicher, ob Adolf Hitler jemals in schriftlicher Form einen Befehl zur Ermordung der Juden gab. Die SS-Einsatzgruppen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und Polizeibataillone begannen schon kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, die männlichen Juden im Alter zwischen 17 und 45 Jahren in den neu eroberten Gebieten zu ermorden. Ab Ende August 1941 lässt sich belegen, dass mobile Tötungseinheiten auch zu einem Massenmord an Frauen und Kindern übergingen; das Massaker von Kamenez-Podolsk gilt dabei als wesentlicher Schritt zum Holocaust.Johannes Hürter: Hitlers Heerführer, 2007, S. 573; Klaus-Michael Mallmann: Der qualitative Sprung. 2001, S. 239; G. H. Bennett: Exploring the World. 2011, S. 6.

Wannseekonferenz Um die Ermordung der Juden systematisch zu organisieren, wurde von Reinhard Heydrich für den 20. Januar 1942 die Wannseekonferenz einberufen. An der Konferenz nahmen 15 hochrangige Vertreter aller an der so genannten „Endlösung“ beteiligten Institutionen teil. Josef Bühler, der Stellvertreter von Hans Frank, sprach offen aus, dass das Generalgouvernement es begrüßen würde, wenn mit der „Endlösung“ dieser Frage im Generalgouvernement begonnen würde, weil einmal hier das Transportproblem keine übergeordnete Rolle spiele und arbeitsmäßige Gründe den Lauf dieser Aktion nicht behindern würden. Juden müssten so schnell wie möglich aus dem Gebiet des Generalgouvernements entfernt werden, weil gerade hier der Jude als Seuchenträger eine eminente Gefahr bedeute. Von den in Frage kommenden etwa zweieinhalb Millionen Juden sei überdies die Mehrzahl arbeitsunfähig.

Das Ergebnis dieser Konferenz bedeutete, dass man sich innerhalb der Führungsebene über die Form der Abschiebung der Juden Europas nach Osten und deren dortige systematische Ermordung geeinigt hatte.

Es ging dabei um die Aufteilung der einzelnen Schritte zu diesem Ziel zwischen staatlichen und Parteistellen. Heydrich wurde am 27. Mai 1942 bei einem Attentat in Prag schwer verletzt und starb acht Tage später. Er konnte also nicht mehr selbst die Gesamtleitung an dem Völkermord an den europäischen Juden fortführen, die er mit dieser Konferenz an sich gezogen hatte.

Auftragserteilung durch Himmler Mit der Durchführung der Aktion beauftragte Heinrich Himmler den Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik. Globocnik war 1939 zum SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin in Polen ernannt worden. In ihm sah Himmler einen, der „wie kein zweiter für die Kolonisation des Ostens geschaffen“ sei, wie er in einem Brief an seinen Schwager Richard Wendler am 4. August 1943 schrieb, als es um die Ablösung Globocniks und seine Versetzung ging. Am 21. Juli 1941 hatte Himmler alles von Globocnik bereits im Distrikt Lublin Geschaffene und weiter Geplante „Programm Heinrich“ genannt. Hier tat er sich durch eine besonders grausame Besatzungspolitik hervor. In diesem Wirkungsbereich und als Teil von „Programm Heinrich“ fand auch die „Aktion Reinhardt“ statt.

Die Frage, ob sich die in den Quellen oft gebrauchte Schreibweise „Aktion Reinhardt“ auf den Staatssekretär Fritz Reinhardt bezieht, gilt mittlerweile als entschieden: Die Bezeichnung geht tatsächlich auf den Vornamen Heydrichs zurück,Günter Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-99-2, S. röm. 17. der in zeitgenössischen Quellen und sogar von Himmler selbstRichard Breitmann/Shlomo Aronson: Eine unbekannte Himmler-Rede vom Januar 1943. In: VfZ 38 (1990), 2. Heft, S. 340. statt „Reinhard“ fälschlich „Reinhardt“ geschrieben wurde.

Problematische Datierung Wann Odilo Globocnik, der Leiter der „Aktion Reinhardt“, von Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS (RFSS), den Befehl zur Ermordung der Juden bekam, lässt sich nur indirekt erschließen. Adolf Eichmann sagte in Jerusalem aus, dass ihm Reinhard Heydrich zwei bis drei Monate nach dem Überfall auf die Sowjetunion sagte:

In Lublin sei Eichmann zu einem Lager geführt worden, wo ihm Christian Wirth die Einrichtungen zur Vergasung der Juden erklärt habe. Wirth war erster Kommandant des Todeslagers Belzec und später Inspekteur aller Lager der „Aktion Reinhardt“. Vorher war er am „Euthanasie“-Programm, der Aktion T4, beteiligt. Somit könnte Globocnik bereits im Sommer 1941 von Himmler mit der Ermordung der Juden betraut worden sein.

Dafür spricht auch, dass Wirth schon im Spätsommer 1941 in den Raum Lublin versetzt worden war. Ihm folgten einige Wochen danach weitere im Moment „unbeschäftigte Mordexperten“ des im August von Hitler unterbrochenen „Euthanasie“-Programms. Als die Experten eingetroffen waren, begann im November der Bau des ersten Lagers in Belzec. Dazwischen lagen zwei Monate. Zu Beginn wusste man nicht genau, wie man die Ermordung der Juden technisch und organisatorisch durchführen sollte. Die Erfahrungen aus dem „Euthanasie“-Programm ließen sich nur bedingt verwenden, da der Umfang der „Aktion Reinhardt“ um ein Vielfaches größer war.

In der Literatur wird das Datum des Auftrags an Globocnik oft mit Juli 1941 angegeben. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass Himmler nach Rücksprache mit Hitler im Herbst 1941 den Befehl gab, im Generalgouvernement alle Juden zu ermorden, soweit sie nicht als Zwangsarbeiter eingesetzt werden konnten.Barbara Schwindt: Das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek. Würzburg 2005, ISBN 3-8260-3123-7, S. 72. Datum zwischen 1. und 17. Oktober 1941 laut Bogdan Musial: Ursprünge der ‚Aktion Reinhardt‘ – Planung des Massenmordes an den Juden im Generalgouvernement. S. 70. In: Bogdan Musial (Hrsg.): ‚Aktion Reinhardt‘. Der Völkermord an den Juden im Generalgouvernement 1941–1944. Osnabrück 2004, ISBN 3-929759-83-7.

Ziele Die Aktion zielte auf eine möglichst vollständige Ermordung der Juden aus dem Generalgouvernement.

Der „Wirtschaftliche Teil der Aktion Reinhardt“ umfasste nach den AngabenDokument 4024-PS in: IMT: Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher …. fotomech. Nachdruck. München 1989, ISBN 3-7735-2525-7, Bd. 34, S. 72. ihres Leiters Odilo Globocnik vier Bereiche: die Aussiedlung selbst die Verwertung der Arbeitskraft die Sachverwertung die Einbringung verborgener Werte und Immobilien.

Durchführung mini|Ghettos und Konzentrationslager in Polen

Drei zusätzliche Vernichtungslager Die Ermordung der Juden erfolgte in drei Lagern. Das Vernichtungslager Belzec (ab März 1942 in Betrieb) und das Vernichtungslager Sobibor (ab Mai 1942 in Betrieb) lagen im Distrikt Lublin, das Vernichtungslager Treblinka (ab Juli 1942 in Betrieb) lag im Distrikt Warschau. Die Lager lagen in dünn besiedelten Gebieten in der Nähe von Eisenbahnlinien. Sie waren in ihren Ausmaßen eher klein, zwischen 300 und 400 Meter breit, 400 bis 500 Meter lang.

Die Lager machten einen eher provisorischen Eindruck. Jedes Lager war anfangs mit drei Gaskammern ausgestattet. Im Vernichtungslager Belzec wurde anfangs mit Kohlenmonoxid aus Stahlflaschen getötet. Dieses Gas wurde wohl deshalb gewählt, weil das Personal während der „Euthanasie“-Aktion damit Erfahrungen gesammelt hatte. Allerdings war die Beschaffung schwierig. Daher wurde das todbringende Gas später von Verbrennungsmotoren erzeugt.zu den Motoren siehe Achim Trunk: Die todbringenden Gase. In: Günter Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-99-2, S. 35–37 sowie Dieter Pohl: Massentötungen durch Giftgas im Rahmen der ‚Aktion T4‘. ebendort, S. 191–192. Die Kapazität der Gaskammern genügte den Anforderungen nicht, so dass sehr bald Vergrößerungen durchgeführt wurden.

In jedem Lager waren 20 bis 30 Mann deutsches Personal als Kader tätig. Zur Bewachung waren 100 bis 120 Mann sogenannter Trawniki-Männer je Lager zugeteilt. Heute sind die Vernichtungslager Gedenkstätten.

Personal Für die Ermordung von etwa 1,6 bis 1,8 Millionen Juden und etwa 50.000 Roma während der Aktion Reinhardt brauchten die Nationalsozialisten wenig Personal. Die erste Mannschaft bestand aus dem „Einsatzstab Reinhardt“ in Lublin unter der Leitung von Hermann Höfle, nämlich 153 SS-Männern und Polizisten, weiteren 205 Männern aus anderen Einheiten sowie 92 deutschen Experten aus dem „Euthanasie“-Programm.Patricis Heberer: Eine Kontinuität der Tötungsoperationen. T4-Täter und die ‚Aktion T4‘. In: Bogdan Musial (Hrsg.): ‚Aktion Reinhardt‘. Der Völkermord an den Juden im Generalgouvernement 1941–1944. Osnabrück 2004, ISBN 3-929759-83-7, S. 294. Die bekanntesten sind Christian Wirth, Franz Stangl, Irmfried Eberl, Franz Reichleitner, Gottlieb Hering und Kurt Hubert Franz. Dazu kamen rund 1000 ukrainische und litauische „Freiwillige“, sogenannte Trawnikis. In Trawniki befand sich das Ausbildungslager.

Nach neueren Forschungen sind im Laufe der „Aktion Reinhardt“ 121 Männer,Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka. Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-268-4, S. 401–415. die zuvor im Rahmen der „Aktion T4“ das „Euthanasie“-Programm durchgeführt hatten, in die Vernichtungslager versetzt worden. Zum Aufbau des Lagers Sobibor wurden Baufachleute der „Aktion T4“ angefordert. Alle wurden weiterhin von Berlin aus betreut. Führende Funktionäre der Organisation T4 bzw. der Organisation „Kanzlei des Führers“ kamen zu Inspektionen. Gesuche um Beurlaubung oder Abberufung richteten die ehemaligen T4-Mitarbeiter an ihre alte Dienststelle in Berlin. Wöchentlich einmal lieferte ein Kurier von T4 aus Berlin Zusatzlöhnung und Post zur Dienststelle Wirths und in die Lager.

Diese Männer erhielten ihren Sold von ihrer alten Dienststelle, unterstanden jedoch Globocniks direktem Befehl. Sie wurden zu Mitgliedern der SS ernannt, mit SS-Diensträngen ausgestattet und mussten im Büro von Hermann Höfle eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben. Franz Stangl, Kommandant von Sobibor und Treblinka, erklärte, er habe sich entscheiden können, ob er nach Lublin gehen wolle. Da er nach seinen Angaben keine Ahnung hatte, was ihn erwarten würde, habe er zugestimmt.

Lagerleitung