Biblis ist eine Gemeinde im Hessischen Ried im südhessischen Landkreis Bergstraße. Überregionale Bekanntheit hat sie aufgrund des hier befindlichen Kernkraftwerkes Biblis erlangt.
Geografie Geografische Lage Biblis befindet sich in der Oberrheinischen Tiefebene westlich des Odenwalds, zwischen Darmstadt im Norden und Mannheim im Süden, bzw. nördlich von Bürstadt. Biblis liegt direkt nördlich vom Unterlauf der Weschnitz, die nur wenige Kilometer nordwestlich der Gemeinde in den Rhein mündet.
Nachbargemeinden Biblis grenzt im Norden an die Gemeinde Groß-Rohrheim, im Osten an die Gemeinde Einhausen, im Süden an die Städte Bürstadt und Lampertheim sowie im Westen an die kreisfreie Stadt Worms (Rheinland-Pfalz).
Gemeindegliederung Biblis besteht aus den drei Ortsteilen Biblis, Nordheim und Wattenheim.
Geschichte Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert Anfänge Der erste namentlich bekannte Volksstamm, der sich in der Region um Biblis niederließ, waren die Kelten. Um 40 n. Chr. begannen die Römer mit der militärischen Besetzung rechtsrheinischer Gebiete. Um 260 überrannten die Alemannen den römischen Limes, drängten die Römer über den Rhein zurück und besiedelten das Gebiet. Am Bahnhof von Biblis wurden Reste einer römischen Siedlung und nahe der Weschnitzmündung in den Rhein ein schon durch die Römer genutzter Naturhafen gefunden. An gleicher Stelle entstand die spätere Burg Stein. Nach 500 wurden die Alemannen durch die Franken verdrängt, die die Region besiedelten, was durch fränkische Reihengräber bei Biblis, Wattenheim und Klein-Rohrheim belegt wird.
Im Jahr 764 war die Gründung des Klosters Lorsch, das in den folgenden Jahrhunderten die Region entscheidend prägte. Am 20. Januar 773 schenkte Karl der Große die Stadt Heppenheim nebst dem zugehörigen Bezirk, der ausgedehnten Mark Heppenheim, die einen Verwaltungsbezirk des Frankenreichs bezeichnete, der zum Reichskloster erhobenen Abtei Lorsch. Von hier wurde die Urbarmachung und Besiedlung des Gebietes betrieben. Gefördert durch viele weitere Schenkungen gehörte das Kloster im 9.–12. Jahrhundert zu den größten und mächtigsten Benediktinerabteien Deutschlands.
Der Ort Biblis wurde im Jahre 836 unter dem Namen Bibifloz erstmals im Lorscher Codex, einem Besitzverzeichnis des Klosters, urkundlich erwähnt, als Biblis zusammen mit Wattenheim und Zullestein dem Kloster Lorsch überlassen wurde. Im Jahre 1232 unterstellte Kaiser Friedrich II. die Reichsabtei Lorsch dem Erzbistum Mainz und seinem Bischof Siegfried III. von Eppstein zur Reform. Die Benediktiner widersetzten sich der angeordneten Reform und mussten deshalb die Abtei verlassen. Sie wurden durch Zisterzienser aus dem Kloster Eberbach und diese 1248 durch Prämonstratenser aus dem Kloster Allerheiligen ersetzt. Von diesem Zeitpunkt an wurde das Kloster als Propstei weitergeführt. Durch die Freiheiten des Reichsklosters waren die Klostervögte Verwalter und Gerichtsherren innerhalb des Klosterbesitzes. Dieses Amt kam um 1165 in den Besitz der Pfalzgrafen. Aus dieser Konstellation entwickelten sich schwere Auseinandersetzungen zwischen dem Erzbistum Mainz und der Kurpfalz als Inhaber der Vogtei. Diese Streitigkeiten konnten erst Anfang des 14. Jahrhunderts durch einen Vertrag beigelegt werden, in dem die Besitzungen des Klosters zwischen Kurmainz und Kurpfalz aufgeteilt und die Vogteirechte der Pfalzgrafen bestätigt wurden.
1267 wird erstmals ein Burggraf auf der Starkenburg (über Heppenheim) genannt, der später auch das Amt Starkenburg verwaltete und in dessen Bezirk Biblis lag. Die Gerichtsbarkeit wurde von der Zent Heppenheim ausgeübt, deren oberster Richter ebenfalls der Burggraf war. Die erste Erwähnung des Kellners in Heppenheim erfolgte 1322. Er hatte seinen Sitz im Amtshof von Heppenheim und war der höchste Finanz- und Justizbeamte nach dem Burggrafen. Die Hohe Gerichtsbarkeit über den Ort wurde durch die „Zent Heppenheim“ ausgeübt. Die Niedere Gerichtsbarkeit lang noch nachweislich bis 1592 beim Schultheißen und lokalen Schöffen.
Im 14. Jahrhundert sind als Grundbesitzer mehrere lokale Adlige und Ritter überliefert, und in Biblis befand sich eine Burg, von der heute keine Reste mehr vorhanden sind. So bekannte 1313 „Slaberhus von Rüdesheim“, das Dorf vom Mainzer Erzbischof als Lehen erhalten zu haben. 1370 verpfändete Konrad von Rüdesheim den Ort mit Zustimmung des Mainzer Erzbischofs Gerlach dem Kämmerer von Worms. Um 1400 erhielten die Schliederer von Lachen die Burg Biblis mit Zubehör vom Mainzer Erzbischof zu Lehen. Im Jahre 1418 verpfändete dieser das Dorf an Konrad von Bickenbach und löste das Pfand im gleichen Jahr wieder ein.
Pfälzer Pfandschaft und Reformation Im 15. Jahrhundert wurde die Stellung des Klosters Lorsch weiter geschwächt, und im Zuge dieser Entwicklung übergab 1436 Erzbischof Dietrich von Mainz die Pfarrei Biblis mit allem Zubehör dem Liebfrauenstift zu Mainz. Im Verlauf der für Kurmainz verhängnisvollen Mainzer Stiftsfehde wurde das Amt Starkenburg an Kurpfalz wiedereinlöslich verpfändet und blieb anschließend für 160 Jahre pfälzisch. Pfalzgraf Friedrich I. hatte sich für seine Unterstützung von Erzbischof Diether – im durch die Kurfürsten am 19. November 1461 geschlossenen „Weinheimer Bund“ – das „Amt Starkenburg“ verpfänden lassen, wobei Kurmainz das Recht erhielt, das Pfand für 100.000 Pfund wieder einzulösen.
In den Anfängen der Reformation sympathisierten die pfälzischen Herrscher offen mit dem lutherischen Glauben, aber erst unter Ottheinrich, Kurfürst von 1556 bis 1559, erfolgte der offizielle Übergang zur lutherischen Lehre. Danach wechselten seine Nachfolger und gezwungenermaßen auch die Bevölkerung mehrfach zwischen der lutherischen, reformierten und calvinistischen Religion. Als Folge der Reformation hob die Kurpfalz 1564 das Kloster Lorsch auf. Die bestehenden Rechte wie Zehnten, Grundzinsen, Gülten und Gefälle des Klosters wurden fortan durch die „Oberschaffnerei Lorsch“ wahrgenommen und verwaltet. Auch für Biblis bedeutet das eine bewegte Zeit. Etwa um 1555 begann der erste lutherische Pfarrer seine Tätigkeit in Biblis. Ab 1562 muss dieser sich nach der neuen reformierten Kirchenordnung richten, und 1563 wurde der Heidelberger Katechismus eingeführt. Von 1571 bis 1577 hatte Biblis einen reformierten Pfarrer und von 1577 bis 1584 wieder einen lutherischen, bevor ab 1583 unter Friedrich IV. wieder die reformierte Lehre einführt wurde.
Die Urkunden aus der Pfälzer Zeit belegen für Biblis des Weiteren: Im Jahr 1535 ließ der Pfälzer Kurfürst Ludwig V. den Landgraben anlegen und eine Bachordnung aufstellen. Ebenso wurde die neue Weschnitz auf seine Weisung angelegt. Die Gemeinde Biblis errichtete 1590 neben dem Backhaus ein Schulhaus und sorgte für dessen Erhaltung. Für das Jahr 1606 ist die erstmalige Nennung des heutigen Namens „Biblis“ bezeugt. Im selben Jahr verkaufte das Liebfrauenstift zu Mainz seinen Anteil am Bibliser „Zehenden“ an die Kurpfalz. 1608 wurde in Biblis eine stattlichere Kirche errichtet. Im Jahr 1610 brach im Ort die „Rote Ruh“ aus und forderte 25 Tote.
Aus dem Jahr 1566 findet sich im Starkenburger Kompotenzbuch der Vermerk, dass sich in Biblis 119 Herdstätten befinden und die Stiftsherren Kloster „Zu unserer lieben Frau“ in Mainz einen Teil des Zehnten von Biblis beziehen, während der anderen Teil an die Kurpfalz geht. Im Jahr 1570 überließ das Kloster seinen Anteil dem Pfälzer Kurfürsten Friedrich III.
Dreißigjähriger Krieg Im Jahr 1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus, in dessen Verlauf Biblis mehrfach verwüstet und die Bewohner durch die Pest stark dezimiert wurden. Für das Kloster Lorsch bedeutete die Schließung der Propstei 1619 das endgültige Aus. 1623 eroberten spanische Truppen für die katholische Kriegspartei die Region und Biblis und stellen so die Kurmainzer Herrschaft wieder her. Bereits 1621 hatten sie die Starkenburg eingenommen und als Operationsbasis für die weitere Eroberung genutzt. Dabei wurden die Orte Nordheim Biblis und Wattenheim gebrandschatzt, und das von den Spaniern besetzte Kloster Lorsch brannte ab. Im selben Jahr wurde die Burg Stein von den Spaniern eingenommen und die pfälzischen Truppen wurden bei Bürstadt besiegt. Vom 26. Oktober 1623 wird berichtet, dass 124 Einwohner von Lorsch, 26 Einwohner von Klein-Hausen, 66 Einwohner von Bürstadt und 81 Einwohner von Biblis dem Erzbischof von Mainz huldigten, der unter dem militärischen Schutz der von Tilly geführten Truppen stand. Damit begann die Rekatholisierung des Gebietes, die ab 1624 von Jesuiten aus Aschaffenburg vorangetrieben wurde. Der Mainzer Erzbischof gab 1625 den Calvinisten den Befehl, den katholischen Glauben bis spätestens Ostern 1626 anzunehmen oder das Land zu verlassen. Im Jahr 1626 galt die Gegenreformation im Amt Starkenburg und damit auch in Biblis als abgeschlossen.
Der Schrecken dieses Krieges war aber für die Bibliser noch lange nicht vorbei. Die für die evangelische Seite kämpfenden schwedischen Truppen drangen 1631 bis an die Bergstraße vor und brachten den Calvinismus zurück. Am 6. und 7. Dezember überquerten sie unter König Gustav Adolf bei Erfelden den Rhein, und die Stadt Gernsheim wurde für eine Kontribution von 300 Reichstalern übergeben. Die Burg Stein wurde von der lothringisch-spanischen Besatzung in Brand gesetzt, und die Schweden konnten nur noch eine Ruine übernehmen. In den Jahren 1632 und 1633 wütete in Biblis die Pest, und das Sterbebuch vermerkte allein für das Jahr 1632 120 Tote. Im Jahr 1634 geriet die Bibliser Kirche in Brand und wurde weitgehend zerstört. Nach der Niederlage der Evangelischen bei Nördlingen am 6. September 1634 zogen sich 1635 die schwedischen Truppen von der Bergstraße zurück, und die zweite katholische Restauration begann. Letztlich veranlasste der katholische Sieg bei Nördlingen Frankreich, an der Seite der nun geschwächten Schweden in den Dreißigjährigen Krieg einzugreifen. Mit dem Schwedisch-Französischen Krieg begann ab 1635 das blutigste Kapitel des Dreißigjährigen Krieges.
Aus der Region um Biblis berichten die Chronisten aus jener Zeit: »Pest und Hunger wüten im Land und dezimieren die Bevölkerung, sodass die Dörfer öfters völlig leer stehen. Aus Haußen erhalten wir von 1642 die Nachricht, dass kaiserliche Truppen viermal in Haußen einfielen und einen Schaden von 26 Gulden anrichteten.« Ebenso schrieben die Chronisten im selben Jahr: „Die Pfarrhäuser in Biblis, Bürstadt und Lorsch sind verbrannt und verfallen“. In den Jahren 1644 und 1645 wurde die Stadt Gernsheim erst von französischen und dann von bayerischen Truppen eingenommen. 1646 war Biblis unbewohnt, und 1647 kamen die Franzosen unter Generalmarschall Turenne als Sieger nach Gernsheim und forderten die Zerstörung der Festungswerke.
Rückgabe an Kurmainz Mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges durch den Westfälischen Frieden 1648 wurde die Rückgabe des verpfändeten Oberamtes Starkenburg an Kurmainz festgeschrieben, und mit dem Bergsträßer Rezess von 1650 legten die beiden Kurfürsten die verbliebenen konfessionellen und territorialen Streitigkeiten bei, und die Rekatholisierung der Orte des Amtes Starkenburg wurde abgeschlossen. Somit kam auch Biblis endgültig wieder unter Kurmainzer Herrschaft, die bis zur Auflösung von Kurmainz 1803 andauerte. Für diese Kurmainzer Zeit sind eine Reihe von Ereignissen in Biblis belegt: 1653 wurde wieder ein katholischer Pfarrer eingesetzt, und der „Regensburger Rezess“ regelte Streitigkeiten zwischen Kurmainz und Kurpfalz um die Herrenwiesen zwischen Biblis und Klein-Hausen. In den Jahren 1658 bis 1660 wurden in Biblis ein neues Pfarrhaus erbaut, eine Glocke beschafft, die schwer beschädigte Kirche wieder hergerichtet und durch einen neuen, dem Heiligen Bartholomäus geweihten Hochaltar ergänzt. Im Jahr 1666 brach in Biblis erneut die Pest aus, und 29 Personen starben daran.