Karl Ernst Adolf Anderssen (* 6. Juli 1818 in Breslau, Provinz Schlesien; † 13. März 1879 ebenda (Verstorben am Donnerstag vor dem 16. März, d. h. am 13. März 1879.)) war ein deutscher Schachspieler und -komponist.Manfred van Fondern: Lexikon für Schachfreunde. Verlag C. J. Bucher, Luzern/Frankfurt am Main 1980, S. 15–16.André Schulz: 200 Jahre Adolf Anderssen In: de.chessbase.com. 13. Juli 2018, abgerufen am 17. August 2025. Er gilt als einer der stärksten Schachspieler des 19. Jahrhunderts weltweit.

Leben Anderssen wurde als Sohn des Breslauer Kaufmanns August Heinrich Anderssen und der Elisabeth Caroline geborene Schenck geboren. In der Haupt- und Pfarrkirche St. Elisabeth in Breslau wurde er am 19. Juli 1818 getauft. Mindestens in den Jahren 1820 bis 1822 führte August Heinrich Anderssen laut den Schlesischen Instantien-Notizen eine Schnitt- und Modewarenhandlung. Er gab sie vermutlich vor 1824 auf, da er dann nicht mehr dort aufgeführt wird. Bei Anderssens Aufnahme in das Elisabet-Gymnasium am 30. September 1830 wurde sein Vater August Heinrich als Privatlehrer bezeichnet. Sein Entlassungszeugnis vom 22. Mai 1838 führt den Vater wiederum als Buchhalter.H. Seger: Zur Lebensgeschichte Anderssens. In: Deutsche Schachzeitung, Dezember 1922. S. 265–267.

Obwohl Anderssen das Schachspiel schon mit neun Jahren in seinem Elternhaus von seinem Vater erlernte, dauerte es lange Zeit, bis sich sein Talent völlig entfaltet hatte. Insbesondere während seiner Gymnasial- und Studienzeit (er studierte Mathematik und Philosophie) in Breslau konnte er sich kaum mit anspruchsvollen Gegnern messen. In dieser Zeit verfasste er 60 Schachprobleme, die 1842 unter dem Titel Aufgaben für Schachspieler in Breslau veröffentlicht wurden.

Im Jahre 1851 entsandte ihn die Berliner Schachgesellschaft zum internationalen Turnier anlässlich der Weltausstellung nach London, das er zum allgemeinen Erstaunen der Schachwelt gewinnen konnte. Eine außerhalb des Turniers gespielte Partie gegen Lionel Kieseritzky ist bis in die heutige Zeit als Unsterbliche Partie bekannt. Zu einem Wettkampf mit dem die Schachszene beherrschenden britischen Meister Howard Staunton kam es in der Folge nicht. Im Jahr darauf spielte er in Berlin eine weitere berühmte Partie: Gegen Jean Dufresne gewann er die Immergrüne Partie.

Anderssen war kein Berufsschachspieler, sondern verdiente seinen Lebensunterhalt als Professor für Mathematik und deutsche Sprache am Friedrichs-Gymnasium in Breslau. Im Jahre 1853 wurde er dort zum „ordentlichen Lehrer“ ernannt. Nur während der Ferien nahm er an Schachturnieren teil. Während der Europareise des amerikanischen Meisters Paul Morphy 1858/59 kam es in Paris zu einem Wettkampf mit ihm, in dem Anderssen sich mit 2:7 bei zwei Remis geschlagen geben musste. Er beschönigte seine Niederlage nicht, sondern gab unumwunden zu, dass mit Morphy das größere Talent gesiegt habe.

Im Jahre 1862 gelang ihm die Wiederholung des Turniersieges in London von 1851. In diesem stark besetzten Turnier belegte der spätere Weltmeister Wilhelm Steinitz den sechsten Rang. Im Sommer 1866 kam es dann zu einem Wettkampf mit Steinitz, in dem Anderssen gegen den Jüngeren mit 6:8 unterlag. Es ist bezeichnend, dass keine der zwischen den Kontrahenten während ihres Schachlebens gespielten Partien unentschieden ausging. Die Gesamtbilanz ihrer Turnier- und Wettkampfpartien lautet 10:9 für Steinitz. Nach Anderssens Tod bezog sich Steinitz auf den genannten Sieg, um sich selbst zum Schachweltmeister zu deklarieren, was niemand bestritt.

Anlässlich eines TurniersDas Internationale Turnier Leipzig 1877 (MDSB-Kongress) auf TeleSchach (Kreuztabelle und sämtliche Partien) zur Feier von Anderssens 50-jährigem Schachjubiläum wurde am 18. Juli 1877 in Leipzig der Deutsche Schachbund gegründet.

Anderssen verstarb am 13. März 1879 gegen 21 Uhr nach einem Schlaganfall in seiner Heimatstadt Breslau und wurde dort auf dem Maria-Magdalenen-Friedhof beigesetzt. Durch Bombenangriffe während des Zweiten Weltkrieges wurde das Grab erheblich beschädigt. Daher veranlasste der polnische Schachverband am 15. April 1957 Anderssens Exhumierung. Die sterblichen Überreste wurden zur Ehrenallee des Friedhofs von Osobowice (Friedhof Oswitz) überführt.

Nach Adolf Anderssen ist auch eine Eröffnung benannt: die »Anderssen-Eröffnung« (1. a2–a3). Mit diesem ungewöhnlichen Zug gewann Anderssen gegen Paul Morphy, Louis Paulsen und andere.

Anderssens beste historische Elo-Zahl war 2744, die er 1870 erreichte. Zwischen 1861 und 1870 lag er mehrfach auf Platz 1 der Weltrangliste.

Schachkomposition

Lange Zeit vor Erscheinen seiner ersten Partien wurde Anderssens Name durch die Herausgabe seiner Aufgaben für Schachspieler und den damit verbundenen Nachdruck seiner darin enthaltenen Kompositionen in den Schachzeitungen des Auslandes bekannt. Er leitete – für damalige Zeiten noch ungewöhnlich – die Lösung seiner Aufgaben oft mit einem stillen Zuge ein. Er gehörte in der Zeit von 1842 bis 1852 zu den bedeutendsten Schachkomponisten.Eduard Mazel: Adolf Anderssen. In: Walter Fentze: Galerie der Problemmeister. Selbstverlag, Nürnberg 1983, S. 32–46 (Nachdruck einer in der Wiener Schachzeitung erschienenen Artikelserie). Von ihm sind etwa 80 Schachaufgaben bekannt.

In seinem Werk Problemschach (1955) ging Herbert Grasemann auf die Bedeutung Anderssens für die Schachkomposition ein, die er als nicht geringer als Anderssens Wettkampferfolge in Partien einschätzte. Laut Grasemann habe Anderssen in seinen Aufgaben den Inhalt der Aufgaben im Vergleich zu frühen Komponisten des 19. Jahrhunderts wie Julius Brede deutlich vertieft und als erster den stillen Schlüsselzug verwendet, während dieser zuvor niemals am Anfang eines Schachproblems gestanden habe. Somit habe Anderssen „das Tor zur modernen Epoche des Schachproblems aufgestoßen“. Zur nebenstehenden Komposition merkte Grasemann an: „Dem bereits den alten Arabern bekannten Schlußspiel ist etwas völlig Neuartiges vorangestellt: das ‚stille‘ Opfer der stärksten Figur gegen umwandlungsbereite Bauern.“Herbert Grasemann: Problemschach. Sportverlag Berlin, 1955, S. 13–15.

Liste der Turnier- und Wettkampfergebnisse + Turnier Ort Ergebnis/Punktezahl Rang 1848 Wettkampf gegen Daniel Harrwitz Breslau 4/8 (+4 =0 −4) Unentschieden 4-4 1851 Internationales Turnier anlässlich der Weltausstellung, Achtelfinalwettkampf gegen Lionel Kieseritzky London 2,5/3 (+2 =1 −0) Anderssen siegte mit 2,5-0,5 Internationales Turnier anlässlich der Weltausstellung, Viertelfinalwettkampf gegen Joszef Szén London 4/6 (+4 =0 −2) Anderssen siegte mit 4-2 Internationales Turnier anlässlich der Weltausstellung, Halbfinalwettkampf gegen Howard Staunton London 4/5 (+4 =0 −1) Anderssen siegte mit 4-1 Internationales Turnier anlässlich der Weltausstellung, Finalwettkampf gegen Marmaduke Wyvill London 4,5/7 (+4 =1 −2) Anderssen siegte mit 4,5-2,5 und galt damit als bester Meister in der Welt. Turnier des London Club London 7/7 (+7 =0 −0) 1. Platz 1857 1. Kongress der British Chess Association (BCA) Manchester 1/2 (+1 =0 −1) Anderssen schied in der 2. Runde gegen Johann Jacob Löwenthal aus. 1858 Wettkampf mit Paul Morphy Paris 3/11 (+2 =2 −7) Morphy gewann 8-3 und galt damit als weltbester Spieler. 1861 Wettkampf mit Ignatz von Kolisch London 5/9 (+4 =2 −3) Anderssen gewann 5-4 1862 Internationales Turnier anlässlich der Great London Exposition, zugleich der 5. Kongress der British Chess Association (BCA) London 11,5/13 (+11 =1 −1) 1. Platz Wettkampf mit Louis Paulsen London 4/8 (+3 =2 −3) Unentschieden 4-4 1864 Wettkampf mit Berthold Suhle Berlin 4/8 (+3 =2 −3) Unentschieden 4-4 1866 Wettkampf mit Wilhelm Steinitz London 6/14 (+6 =0 −8) Steinitz gewann 8-6 und galt fortan als weltbester Spieler. 1868 Wettkampf mit Johannes Hermann Zukertort Berlin 8,5/12 (+8 =1 −3) Anderssen gewann 8,5-3,5. 7. Kongress des westdeutschen Schachbundes Aachen 3,5/6 (+3 =1 −2) 2. Platz, Anderssen verlor den Stichkampf mit Max Lange 1869 2. Kongress des norddeutschen Schachbundes Hamburg 5,5/7 (+5 =1 −1) 1. Platz, Anderssen besiegte Louis Paulsen im Stichkampf 8. Kongress des westdeutschen Schachbundes Barmen 5/5 (+5 =0 −0) 1. Platz 1870 Internationales Turnier Baden-Baden 11/16 (+10 =2 −4) 1. Platz 1871 Wettkampf mit Johannes Hermann Zukertort Berlin 2/7 (+2 =0 −5) Zukertort gewann 5-2. 9. Kongress des westdeutschen Schachbundes Krefeld 5/7 (+5 =0 −2) 2. Platz, nach Stichkampf mit Louis Paulsen und Johannes Minckwitz 1. Kongress des mitteldeutschen Schachbundes Leipzig 5,5/6 (+5 =1 −0) 1. Platz, nach Stichkampf mit Samuel Mieses 1872 3. Kongress des norddeutschen Schachbundes Altona 3,5/4 (+3 =1 −0) 1. Platz 1873 Internationales Turnier anlässlich der Weltausstellung Wien 19/30 (+17 =4 −9) 3. Platz 1876 2. Kongress des mitteldeutschen Schachbundes Leipzig 5,5/7 (+5 =1 −1) 1. Platz, nach Stichkampf mit Carl Pitschel und Carl Theodor Göring Wettkampf mit Louis Paulsen Leipzig 4,5/10 (+4 =1 −5) Paulsen gewinnt mit 5,5-4,5 1877 Internationales Turnier, die sog. „Anderssen-Feier“ Leipzig 9,5/12 (+8 =3 −1) 2. Platz nach Stichkampf mit Johannes Hermann Zukertort Wettkampf mit Louis Paulsen Leipzig 3,5/9 (+3 =1 −5) Paulsen gewann mit 5,5-3,5 1878 Internationales Turnier anlässlich der Weltausstellung Paris 12,5/22 (+11 =3 −8) 6. Platz 12. Kongress des westdeutschen Schachbundes Frankfurt am Main 6/9 (+5 =2 −2) 3. Platz

Bekannte Partien Anderssen – Kieseritzky, London 1851, die „unsterbliche Partie“ Anderssen – Dufresne, Berlin 1852, die „immergrüne Partie“ Anderssen – Lange, Breslau 1859

Werke Aufgaben für Schachspieler, nebst ihren Lösungen. 1. Auflage. J. Urban Kern, Breslau 1842. hdl:2027/hvd.hn53ce 2., gänzlich umgearbeitete Auflage. J. Urban Kern, Breslau 1852; onb.ac.at

Literatur Heinrich Ollscher:

Hermann von Gottschall: Adolf Anderssen, der Altmeister deutscher Schachspielkunst. Leipzig 1912. Nachdruck: Edition Olms, Zürich 1980. ISBN 3-283-00042-5. Mario Ziegler: Das Schachturnier London 1851. St. Ingbert 2013, ISBN 978-3-944158-00-6, S. 55–63. Karl, Nr. 1/2018 (mit dem Themenschwerpunkt Anderssen & von der Lasa).

Weblinks

10 entscheidende Positionen aus seinen Spielen (englisch) Kompositionen von Adolf Anderssen auf dem PDB-Server

Einzelnachweise

Kategorie:Schachspieler Kategorie:Schachspieler (Deutschland) Kategorie:Schachkomponist Kategorie:Sachbuchautor (Schach) Kategorie:Schachspieler (Berliner Schachgesellschaft) Kategorie:Sportler (19. Jahrhundert) Kategorie:Sportler (Breslau) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1818 Kategorie:Gestorben 1879 Kategorie:Mann